19. Juni 2006
Die ewige Wiederkehr des Gleichen
Guantanamo und die Folgen bleiben ein Thema in den Blogs.
Wir “Bissige” sind bei dem Thema auch nicht unbedingt einer Meinung, aber ich kann dem, was vor laaaanger Zeit Kollege Boche dazu geschrieben hat, einiges Verständnis entgegenbringen. Wer nicht erwachsen genug ist, Zielkonflikte auszuhalten oder gar nur zur Kenntnis zu nehmen, sollte sich aus der Politik verabschieden.
Statler verweist nun auf einen Beitrag von Alan Posener, in dem dieser die Kritik an Guantanamo von einer anderen Seite beleuchtet: Offensichtlich ist auch in den Ländern, die sich gerne als erleuchtete Vorbilder in Sachen Menschenrechte gerieren, es mit der Rechtsstaatlichkeit nicht zum Besten bestellt. Heißt das also, man müsse an der “Gitmo”-Kritik Abstriche machen, um nicht unglaubwürdig zu werden? Jein. Zunächst mal würde ich bei allen erkennbaren Missständen in französischen Gefängnissen der Regierung der Grande Nation zugestehen, dass sie diese nicht beabsichtigt bzw. für geboten hält. Das ist bei der Behandlung der Gefangenen in Guantanamo etwas anders: Zwar dürfte auch die US-Regierung nicht unbedingt Misshandlungen befürworten (wobei ich bestimmte “Befragungstechniken” durchaus dazu zählen würde), aber sie hält Grund, Ausmaß, Dauer und Art der Gefangensetzung offenbar für richtig und nicht revisionsbedürftig. Andererseits muss sich natürlich jeder, der mit dem Finger nur auf die USA zeigen kann, fragen lassen, wie es denn um seine Motivation bestellt ist, wenn er Verletzungen der Menschenrechte von anderen Staaten ignoriert.
Der “Lösungsansatz” von Olaf Petersen scheint mir da auch nicht besonders hilfreich zu sein. Olaf meint, da man die besonders üblen Diktaturen und Menschenrechtsverletzer quasi als solche “abhaken und ablegen” könne, sei es sinnvoll, sich auf die Kritik an den Staaten zu konzentrieren, die demokratisch organisiert und den Menschenrechten gegenüber in der Regel sehr positiv eingestellt sind. Für mich klingt das zu sehr nach einer günstigen Ausrede für simplen Antiamerikanismus. Den Beweis, dass genau so kritisch auf andere westliche Staaten geblickt wird, bleiben die Befürworter dieser, so will ich sie mal nennen, Nabelschaudoktrin schuldig. Konsequenterweise müsste man von diesen auch eine besonders intensive Kritik an den Zuständen ihres jeweiligen Heimatlands und der mit diesem besonders eng verbundenen Staaten erwarten können.
Aber auch ganz generell scheint mir dieser Ansatz in Konsequenz ein Abschreiben der Menschen zu bedeuten, die unter menschenverachtenden Regimen leben müsssen. Ist ein Insasse in Guantanamo etwa mehr wert als ein politischer Gefangener in Nordkorea, China oder Iran? Nein, Menschenrechte sind natürlich unteilbar. Wer glaubwürdig für sie eintreten will, muss seine Stimme unabhängig von politischer Einstellung, geografischer Lage und Staatsform des Landes erheben.
Mir wird hier viel zu viel geheuchelt. Von mehreren Seiten.
Verfasst von Rayson um 19:24 Uhr in der Kategorie International, Politik (Trackback)