“Ich habe meine Zweifel, ob die Selbstkontrolle funktioniert”

meint Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann. Ich habe meine Zweifel, ob der Realitätssinn Uwe Schünemanns funktioniert.

Jedenfalls nach dem ich diesen Artikel von Jens Scholz im “Gamesblog” gelesen hatte: “Ich habe meine Zweifel, ob die Selbstkontrolle funktioniert”

Der Realitätssinn des Herrn Innenminister arbeitet nämlich etwa so: die Verbotsregelungen für “Killerspiele” müssen verschärft werden und die Zuständigkeiten dafür irgendwie geändert werden. Die wissenschaftliche Diskussion darüber, ob “Killerspiele” langfristige Auswirkungen auf das Verhalten von Jugendlichen haben, kann er nicht nachvollziehen. (Die ist auch überflüssig denn wer so was spielt, läuft irgendwann mal mit der Pumpgun Amok, das versteht sich von selbst - und wer das anders sieht, ist entweder spielsüchtig oder Mitglied der Killerspiele-Mafia. Jedenfalls kenne ich eine ältere Frau aus dem Waschhaus, die felsenfest davon überzeugt ist. Sie glaubt übrigens auch, dass die US-Regierung von Außerirdischen unterwandert ist. Letzteres glaubt Uwe Schünemann vermutlich nicht.)

Die Ansicht, dass die USK ihre Arbeit nicht tut, untermauert Schünemann quantitativ: Seiner Ansicht nach stuft das Kontrollgremium einfach nicht genügend Spiele als nicht für Jugendliche geeignet ein und macht sich damit unglaubwürdig. Die Selbstkontroll-Organisation habe bislang 3500 Spiele geprüft und dabei nur die Verbreitung von 23 untersagt.

Frappierende Logik. Das wäre so, als ob Lebensmittelprüfer bei 3500 Proben nur in 23 Fällen Pestizidrückstände entdeckt hätten, und man den Kontrolleure deshalb schlechte Arbeit vorwerfen würde - weil man ja weiß, dass “überall Pestizide drin sind”. Davon abgesehen stimmen noch nicht mal die Zahlen:

Die USK-Vorsitzende Christine Schulz nennt folgende Zahlen: Geprüft wurden mehr als 15.000 Spiele, davon haben 91 “keine Kennzeichnung” erhalten, letztes Jahr waren es 40.

Erschreckend. Es gibt offenbar gar nicht so viele “Killerspiele”. Da müssen doch dringend die Maßstäbe verschärft werden, damit auch genügend Spiele zum öffentlichkleitswirksamen Verbieten zusammenkommen. Außerdem wird es wirklich Zeit, diese brutalisierenden Wasser-Pump-Guns, verharmlosend “Soaker” genannt, unter das Kriegswaffenkontrollgesetz zu stellen.

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11 Kommentare zu ““Ich habe meine Zweifel, ob die Selbstkontrolle funktioniert””

  1. 22.06.2006 | 16:09

    Killerspiele sind ja noch harmlos. Was ist mit den ganzen Jugendlichen, die bei SimCity die Steuern senken oder knallhart die Kosten begrenzen. In was für einem Weltbild werden die denn durch solche Spiele erzogen? Mit der Pumpgun Leute umbringen…ok..passiert. Dann müssen sich eben wieder Politiker eine Weile hinstellen und die Moralverbotskeule schwingen.

    Aber was ist wenn Jugendliche durch ketzerische Simulationsspiele anfangen Steuersenkungen und Abgabenbegrenzungen zu fordern? Da würde alles zusammenbrechen…solche Jugendlichen würden wohl auch den ganzen Jugendschutz aufs Minimum reduzieren. Nein…solche Spiele gehören verboten. VERBOTEN!

  2. 22.06.2006 | 16:14

    Nun, dass jeder, der “Killerspiele” spielt, morgen mit Pumpgun, Machete oder Samurai-Schwert in die Innenstadt rennt, das ist natürlich eine trickreiche Verzerrung des eigentlichen Standpunkts der “Gegenseite”.

    Deren eigentliche Frage ist ja, ob diese Spiele nicht bei bestimmten Kindern und Jugendlichen, bei denen z.B. auch noch andere Faktoren zusammenkommen, gewalttätiges und asoziales Verhalten zu fördern in der Lage sind.

    Meine eigentliche Frage wäre die, ob eine Gesellschaft, in der sich Kinder und Jugendliche so die Zeit vertreiben (statt sich zu bewegen oder zu lesen), nicht allein schon deswegen ein Problem hat oder bekommt. Es könnte nämlich schlicht auch ein weiteres Zeichen des Versagens elterlicher Erziehung sein. Aber das wäre dann mit Verboten nicht in den Griff zu kriegen.

  3. 22.06.2006 | 16:23

    Der bewegt sich einfach im selben Paradigma wie die Verfechter “negativer Freiheit”, indem er “positive Unfreiheit” fordert. Das Verbot (oder auch der Zwang, der auf’s Verstoßen gegen dieses folgt) und die Freiheit von diesem hängen sogar im engeren Sinne analytisch zusammen.

    Die diskursive Produktion von Gefahren, vor denen Staat dann vermeindlich zu schützen habe (tolle Darstellung eben dieses Phänomens, übrigens!!!), ist ja selbst - noch eins drauf - sogar die Formulierung von etwas, vor dem dann eben zu schützen sei, daß Kinder in “Freiheit von” der Manipulation durch “Killerspiele” aufwachsen sollten.

    (… sorry, ich weiß, daß ich nerve, aber es ist tasächlich so, daß z.B. auch im Falle von Drogen Vertreter der positiven Freiheit User-Guides präferieren, aus den Prämissen der negativen Freiheit ggf. das Verbot folgt).

  4. 22.06.2006 | 16:34

    Es gibt Kritiker von Computerspielen, die durchaus die Frage stellen, ob solche Spiele möglicherweise bei bestimmten Kindern und Jugendlichen, bei denen z. B. auch noch andere Faktoren zusammenkommen, gewalttätiges und asoziales Verhalten fördern. Gegen diese polemisiere ich nicht, und vermutlich auch Jens nicht.
    Was mich an Uwe Schünemann stört, ist seine offensichtliche Ignoranz, die z. B. aus seinem fehlenden Verständnis für wissenschaftliche Studien zr Wirkung solcher Spiele hervorgeht. Für ihn ist offensichtlich von vornherein alles klar, einschließlich der Lösung: Verbieten! Und da “Härte” bei bestimmten Wählern ankommt, wirft er der an sich gut arbeitenden USK vor, nicht richtig zu funktionieren bzw. “zu weich” zu sein.

  5. 22.06.2006 | 16:47

    @Rayson: Du hast wohl Recht. Wichtig wäre es aber da eine stärkere Erziehungsleistung durch die Eltern/der Gesellschaft einzufördern (und teilweise auch zu ermöglichen). “Killerspiele” sind in meinen Augen in erster Linie ein Symptom.

    @MomoRules: Sind nicht die meisten politischen Fragen auf wenige, zentrale Grundfragen zurückzuführen?

  6. Boche
    22.06.2006 | 16:49

    Von Schünemann stammt ja auch das Telefonüberwachungsgesetz, dass ihm das Verfassungsgericht um die Ohren hauen musste. Kein Wunder also.

  7. 22.06.2006 | 16:56

    @Dirk Meister:

    “Sind nicht die meisten politischen Fragen auf wenige, zentrale Grundfragen zurückzuführen?”

    Nö, sehe ich nicht so, bin ja kein Liberaler ;-)

  8. 22.06.2006 | 17:12

    Killerspiele sind auch nur Konfliktsimulationen. Abstrakt gesehen sind das auch Schach, Risiko oder Boxen. Mit elterliche Fürsorge können Kinder auch “Killerspiele” auf dem Rechner haben ohne durchzudrehen.

    Ich denke auch, daß solche Spiele zusammen mit anderen Faktoren zu Gewalt führen können. Das rechtfertigt aber kein Verbot. Denn die anderen Faktoren (Demütigung, Perspektivlosigkeit, Hass, mangelnde Zuwendung, psychische Störungen etc) reichen oft aus Gewalt zu erzeugen. Jugendliche mit diesen Faktoren neigen auch einfach zu “Killerspielen” z.B. als Ventil.

    Fakt ist: Der Staat sollte nicht etwas verbieten, nur weil einige dadurch gewalttätig werden sollen, die Mehrheit aber damit umgehen kann. Alles andere ist bloßer Populismus.

    Killerspiele zu verbieten wäre ja so als ob man den Alkoholismus eindämmt indem man lediglich Spirituosen über 35% verbietet.

  9. googlehupf
    22.06.2006 | 17:54

    Der wissenschaftliche Grundkonsens bis dato ist: “Killerspiele” können (!) einer (von vielen anderen) Faktoren sein, die einen negativen Einfluss auf die Sozialisation eines Kindes/Jugendlichen nehmen können. Der Großteil der Studien die irgendwelche zwingenden Kausalitäten nachweisen wollen sind m.E. ziemlich schwach weil dort zumeist der Kontext in dem die Aggression stattfindet völlig von der Realität befreit ist (soll heißen, ein Kind kann sehr wohl von einem Spielekontext - zu dem auch häufig “Gewalt” gehört, siehe Cowboby & Indianer usw. - und einem realem Kontext unterscheiden. Wenn ein Kind nach Spielekonsum eine Puppe 1,2 nach mal häufiger knufft, heißt es nicht dass sich das 1:1 zu auf die Realität überträgt).
    Aus dem aktuellen Stand der Diskussion eine Verschärfung abzuleiten ist aus meinem liberalen Verstädnis heraus nicht zu rechtfertigen. Merke: Wir sprechen hier nicht von den bestehenden Altersbeschränkungen. Da kann man sich durchaus drüber unterhalten.

    Richtig fantastisch ist natürlich aus der geringen Menge der “nicht gekennzeichneten” Spiele ein Versagen der Kontrollinstanzen abzuleiten. Die Erklärung ist aber für jeden der sich ein wenig mit der Materie auskennt überaus schlicht: beim Mengenverhältnis von “Killerspielen” zu “Nicht-Killerspielen” führen letztere doch mit großem Abstand (wobei man fairerweise sagen muss dass erstere meist einen hohen Verbreitungsgrad haben).

  10. 22.06.2006 | 20:32

    Zuerst möchte ich noch einmal ganz dick unterstreichen, was Rayson gesagt hat: Exzessives Gewaltspiel könnte ein Zeichen des Versagens elterlicher Erziehung (hinzuzufügen wäre: ein Zeichen des Scheiterns der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern) sein.

    Ich denke, dass Gewaltspiele nicht einfach Konfliktsimulationen wie Schach, Boxen oder Fußball sind. Wenn man Jugendlichen oder jungen Erwachsenen mal einige Minuten über die Schulter schaut, dann muss man schon differenzieren:

    Ist da überhaupt eine Strategie erkennbar oder wird nur brutal draufgehauen? Welcher Grad an Gewalt ist zu beobachten? Welche Detailtiefe der Gewaltdarstellung ist zu erkennen? Das hat doch oftmals mit Sport so wenig zu tun, wie eine wilde Hooliganprügelei mit einer regulären Kampfsportart.

    Ich denke, dass im weitesten Sinne “sportliche” oder zum Denken anregende Spiele in Ordnung sind, solange sie den Kindern und Jugendlichen nicht zuviel Zeit wegnehmen. Das ist aber Privatsache!

    Eine noch weitergehende staatliche Kontrolle halte ich für sinnlos, weil sie nur durch massive Eingriffe in die Privatsphäre wirklich wirksam wäre. Was sich aber in den Kinderzimmern abspielt, ist Sache der Eltern und ihrer Kinder …

  11. googlehupf
    22.06.2006 | 21:55

    @stefanolix
    Der Großteil der verbreiteten “Gewaltspiele” bewegt sich visuell in einem Rahmen der

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