Keine Experimente

Auf die Westlinken kann man sich als Ex-DDR-Bürger sogar noch heute verlassen. Sie brauchen nur Rückschau zu betreiben und prompt offenbaren sie mehr von ihrem Geist, als ihnen lieb sein sollte.
Da wird der SED-Staat zum Experiment verklärt. Und das war er wohl letztlich auch. Zumindest für die, sich nach Bevormundung und Zwangsbeglückung sehnenden, Freunde der sozialistischen Utopie:
Ein Experiment. Mal gucken, was geht.

Dass dieses Experiment am lebenden Objekt durchgeführt wurde, stört sie, anders als bei Tierversuchen, nicht. Denn wichtig ist nicht das ob, sondern wer mit welcher Begründung einsperrt, foltert und mordet.

Aber was wunderts: Hat es sie gestört, dass die Grundlagen ihrer Experimentieranordnung von Putschisten wie Lenin und Massenmördern wie Stalin gelegt wurden?
Hat es sie gestört, mit Mao-Bibeln und -Sprüchen herumzulaufen, als dieser sein Volk massakrierte?

Es ist nur die SPONBlog-Kritik, die sich hier meldet.
Aber hinter der üblichen SPON-Niveaulosigkeit und Missachtung der DDR-Vergangenheit offenbart sich meines Erachtens eine west-linker Mainstream, der lieber mit Totalitarismus liebäugelt als ideologische Bahnen zu verlassen. Nicht ohne Grund hat in der heutigen SED schließlich zusammengefunden, was zusammengehört (wenn auch noch nicht alle den Mut Lafontaines haben, sich dazu zu bekennen).

Die DDR - ein Experiment? Endlich verstehe ich Helmut Kohls Wahlkampfparole aus dem Jahre 1990:
“Keine Experimente!” war die richtige Parole am falschen Ort.
Denn sie gehörte damals nicht auf den Marktplatz von Dresden oder Leipzig, sie gehörte den Möchtergern-Weltverbesserern westdeutscher Herkunft ins Gesicht geschlagen. Denjenigen, denen die Montagsdemonstranten keine Diktatur sondern eine Spielwiese kaputtgemacht hatten.

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SPON-Link gefunden beim antibürokratieteam

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14 Kommentare zu “Keine Experimente”

  1. 22.06.2006 | 15:26

    Ein Hinweis: Der Slogan “Keine Experimente” wurde erstmals von der CDU für Adenauer verwendet im Jahre 1957 (siehe http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/AdenauerKonrad/index.html)
    Scheinbar ist das ein urdeutscher und kein genuin linker Begriff.

  2. Boche
    22.06.2006 | 15:30

    Der Slogan “Keine Experimente” (mit Betonung der Verneinung) ist natürlich kein linker Begriff, im Gegenteil.

  3. 22.06.2006 | 16:20

    Genauer gesagt: er ist erzkonservativ. ;-)

    Ob die Sponern zu jener Sorte linker Naivlinge gehören(wahrscheinlich ohne Ost-Erfahrung und Ost-Verwandte) für die die DDR nichts ein interessantes “Experiment” war, wage ich zu bezweifeln. Wohlwollend könnte man das auch so sehen: die DDR, so stramm autoritär es auch immer in ihr zuging, war im direkten Vergleich zum mörderischen Nazi-Regime ein beinahe verträglicher Staat. (Weil selbst dunkelgrau gegen nazifinster hell aussieht.) Auch ich würde davor zurückschrecken, die DDR und die NS-Diktatur in einem Atemzug zu nennen.

    Allerdings: da bliebe immer noch andere Möglichkeit, etwa die, die Nazi-Diktatur als “mörderischen Totalitarismus” und die DDR als “autoritäres Regime” zu bezeichen. Geht in der Außenpoliotik ja auch.

  4. Boche
    22.06.2006 | 16:30

    Es gibt die saubere Definitionsmöglichkeit mit Hilfe des Begriffes “Diktatur“.

    Das begriffliche Herumhampeln, angeblich, um den Schattierungen und Abstufungen der Verwerflichkeit gerecht zu werden, ist in meinen Augen verdächtig.
    Weil es im Kontext des verlinkten SPON-Artikels ja auch völlig überflüssig ist und vielleicht doch eher für die Geisteshaltung steht, die ich meinte.

    die DDR, so stramm autoritär es auch immer in ihr zuging, war im direkten Vergleich zum mörderischen Nazi-Regime ein beinahe verträglicher Staat

    Es ist vielleicht nicht immer sinnvoll, zu vergleichen. Im “beinahe” steckt nämlich zu viel Relativierungspotential.

  5. 22.06.2006 | 16:54

    Da stimme ich Boche sogar mal zu - wenn schon vergleichen, dann richtig und anhand nachvollziehbarer Kriterien und nicht so blöd wie im SpOn-Artikel, und auch ohne die jeweilige “Singularität” der Systeme dabei dann mal eben so wegzurelativieren durch den Vergleich …

    “Autoritär” oder “Diktatur” trifft das DDR-System aber auch nicht ausreichend, wenn man das mal eben so raushaut. Es gab auch gravierende Unterschiede zum Kaisserreich (”autoritär”) oder zu Pinochet (”Diktatur”). Bei einem System wie der DDR “Experiment” zu schreiben ist definitiv eine verharmlosende Frechheit. Das war schon extrem widerlich und perfide, in welchen Mechanismen da Menschen geformt werden sollten.

    Was jetzt aber alles noch kein Grund ist, hier schon wieder “die Westlinken” zu konstruieren und sich an diesen zu reiben wie ‘ne Sau am Baum, sorry für das Bild, mehr soll’s nicht sein als ein solches … und es steckten ‘68 auch sehr viel mehr und vor allem auch sehr viel anderes als Mao-Bibeln in den Hemdtaschen, Posener zum Trotze.

    Bei aller Zustimmung dafür, daß Verklärungen der DDR-Historie immer neu angeprangert werden müssen, könnte ‘ne Beschäftigung mit der Historie West vielleicht auch mal nicht schaden … da schneiden die 68er nicht nur gut ab, aber auch nicht nur schlecht.

  6. Boche
    22.06.2006 | 17:08

    “Die Westlinke” - das ist sicher arg pauschalisierend. Und ich bin mir sicher (bzw. weiß es schon dank dir und anderen), dass es auch darin überzeugte Antitotalitäre gibt.

    Nichts desto trotz scheint mir mein Vorwurf nicht völlig konstruiert zu sein (auch, wenn ich ihn sicher nicht wissenschaftlich belegen kann).
    Was ich aber aus Gesprächen mit Linken (denn ich bewege mich seit meiner Übersiedlung ‘91 fast ausschließlich in Kreisen, die ich und die sich selbst solchermaßen bezeichnen würden) immer wieder aus der Grundmelodie des Gesagten heraushöre, ist dieser, meist leise, Klang der Relativierung. Der z.B. auch Phänomene wie die RAF betreffen kann.

  7. 22.06.2006 | 17:51

    Ich glaube, daß es immer ein Verständnis dafür gab, daß so etwas wie ein sozialistischer Staat überhaupt entstanden ist - nicht für seine konkrete Form. Sondern eben ein “daß”. Daß sich da aber Schreckliches aufbaute, war allerspätestens seit der Brecht-Aussage, daß sich die Regierung doch ein anderes Volk wählen solle, klar … von ein paar randständigen K-Gruppen abgesehen. Wir “81er” (schreibt ein anderer Blogger immer) waren (und sind) Basis-Demokraten.

    Dann stand man schaudernd vor den Grenzanlagen und empfand das Ganze, was bei rauskam, einfach nur schrecklich. Das wäre mal’n Thema für die Oral History, was Wessis empfanden, wenn sie über die Transitstrecke fuhren …

    Hand in Hand ging das damit, daß man dem real-existierenden, westlichen Staat sehr kritisch gegenüberstand, ebenso der NATO gegenüber. Ein periodisch erstarkender Antiamerikanismus war in der Tat immer präsent, was in seiner pauschalen Form wohl immer schon blöde war, da habe ich auch so meine Jugendsünden - kennt noch jemand das “Ich steh’ auf Amerika” von Fee? Fand ich toll. Ich war jung. Spezifische Kritik an konkreter US-Politik ist aber ja bis heute nix Böses.

    Es gab ja auch wenige Extremfälle, die damals mit der DDR kokettierten, aber “zu meiner Zeit” fanden (fast, eine kurzzeitige Freundin von mir ist zu FDJ-Ferienlagern an den Scharmützelsee gefahren, die war aber auch die einzige weit und breit, die sowas machte, und wir anderen fanden’s blöd - der habe lustigerweise ich den Totalitarismus-Begriff plausibel gemacht) alle die DDR einfach nur Scheiße, ebenso die “Geh doch nach drüben!”-Sprüche. Da hat man eher geguckt, was bei den “Dissidenten” im “Ostblock” so los war - “Schwerter zu Pflugscharen”, “Solidarnosc”, z.B..

    Die RAF - für mich waren die der pure Horror.

    Wichtig im Kontext eines liberalen Blogs ist vielleicht, daß viele Diskussionen und Perspektiven, die sich rund um diesen Horror herum formierten, sich eher gegen autoritäre und überwachungsstaatliche Tendenzen des West-Staates richteten. Das bündelte sich dann rund die Volkszählung anfang der 80er. Das war eine massive Staats-Kritik, allerdings aus ganz anderer Perspektive formuliert, was Fragen der Wirtschaftspolitik betrifft.

  8. Hardy
    22.06.2006 | 18:16

    @MomoRules
    “Dann stand man schaudernd vor den Grenzanlagen und empfand das Ganze, was bei rauskam, einfach nur schrecklich.”
    Was meinst Du wohl was man fühlte, wenn man als kleines Kind zusammen mit seinem Vater während des Mauerbaus dort stand, die Menschen aus den Fenstern springen sah, und nicht verstand wieso und warum dort plötzlich eine Mauer gebaut wurde? Wenn man nicht wusste, warum man seine Verwandten nicht mehr besuchen durfte und selbige einen auch nicht.
    Dann empfindet man diese SPON-Spinner nur noch als Brechmittel.

  9. 22.06.2006 | 18:31

    @ MomoRules
    Wobei nicht jeder Linker mit dem Fall der Mauer souverän umgehen kann:

    Unfassbare Szenen spielten sich ab und es schien unmöglich zu entscheiden, wer einem peinlicher sein sollte: die Ostler, die sich vor Sparkassen um die Hunderter prügelten oder die Westler, die grinsend der Verteilung beiwohnten wie Triebtäter, die Bonbons an kleine Kinder verteilten.

    Quelle

  10. 22.06.2006 | 18:33

    Stimmt, Momo.

    Das wäre mal’n Thema für die Oral History, was Wessis empfanden, wenn sie über die Transitstrecke fuhren ´

    Das ist eher ein Thema für eine Horror-Story. Es ist kein Witz, nachdem ich das erste Mal “transitiert” hatte, hatte ich Alpträume. Aber dann hab ich die bizarren und angsterregenden Erlebnisse verdrängt. So, wie ich als typischer “Wessi” der 80er Jahre auch andere Aspekte der DDR, die mir durchaus z.B. aus Berichten meiner Ost-Verwandten, vertraut waren, verdrängt hatte.
    Bei manchen, keineswegs nur “Westlinken” ging die Verdrängung noch weiter. Als in der Schule das Thema “DDR und Menschenrechte” dran war, schrie eine (keineswegs besonders linke!) Mitschülerin empört auf: “Warum hetzen Sie so gegen die DDR?”. Ich wußte, dass das, was da im Unterricht vermittelt wurde, im Vergleich zur mir bekannten Wirklichkeit harmlos war (und ich wußte wenig). Allerdings neigte das Lehrbuch (nicht unser Lehrer!) dazu, die Bundesrepublik Deutschland als besten aller möglichen Staaten darzustellen. Also dachte meine energische Mitschülerin, dass eh alles Propanganda ist. Sie wußte, dass im DDR-Fernsehen haarsträubende Lügen über die BRD verbreitet wurden, und glaubte folglich, dass auch alles, was auf “unserer” Seite über die DDR verbreitet würde, genau so verlogen sei. Und “Horrorstories” glaubte sie aus Prinzip nicht.

  11. 22.06.2006 | 21:13

    @Hardy:

    Ich bin heilfroh, daß ich das nicht erleben mußte, was Du beschreibst - aber glaube mir, vorstellen kann ich’s mir wirklich sehr gut, zumindest, so weit das möglich ist. Zudem es da ja auch noch all diese Zynismen rundherum gab. Kennst Du diesen DDR-Schlager “Was willst Du denn in Rio?”? Fieses Ding von ‘62 oder ‘63 mit der Pointe, daß es ja in Dresden beim Vino auch sehr schön sei - ein ganz übles, aber hochsymptomatisches Ding.

    @Klaus:

    Das mit dem Mauerfall ist tatsächlich ein ganz scheußlich schwieriges Thema. Habe von ganzem Herzen allen gegönnt, endlich raus aus dem Käfig zu kommen, aber sowas von von ganzem Herzen - der Part ist gar nicht scheußlich schwierig, der ist einfach nur sonnenklar und ganz einfach. Also nicht der Mauerfall an sich ist schwierig, überhaupt nicht, aber vieles drum herum.

    Man hatte nur parallel doch das Gefühl, daß da gleichzeitig Träumen auf den Leim gegangen wurde, die im Westen schon längst ausgeträumt waren. Da mache ich aber bei Gelegenheit noch mal einen ganzen Eintrag draus, weil man den von Dir verlinkten Artikel in der Tat als boshaft und zynisch erleben kann. Da würde ich gerne noch mal differenzierter rangehen. Auch, um jenen, die auch meine Perspektive dann blöde finden, Gelegenheit zu geben, sich drüber aufzuregen.

    @Martin:

    Eben dieses “Im Westen war immer alles gut” finde ich so problematisch. Daß es allemal besser war als in der DDR hätte ich nie bestritten. Und diese Erfahrungen im Transit sind auch deshalb so wichtig, weil all diese sich über SED-Mitgliedschaften Erhebenden da doch am devotesten waren, wenn sie auf die Grenzer trafen. Die nackte Angst kam da doch auf.

    Ansonsten bin ich mit Geschichten meiner Oma aufgewachsen, die erzählte, wie bei Rückfahrten von Besuchen bei der Ost-Verwandschaft mit unter Züge geschobenen Eisenstangen nach Flüchtlingen gesucht wurde, weiß nicht, ob ich mir die Hunde dazu gedichtet habe oder ob die da wirklich waren. Das hat schon immunisiert, alleine die Tatsache, daß Tante Heidi und meine Cousins uns eben nicht besuchen durften - für Kinder ja was völlig absurdes. Aber das ist ja, wie gesagt, nie ein Grund gewesen, jetzt im Westen auf Kritik zu verzichten.

  12. 22.06.2006 | 21:17

    Es fehlt wohl noch einiges an Austausch zwischen Ost und West, um sich besser zu verstehen. Momos und Martins Schilderungen sind für mich jedenfalls sehr spannend zu lesen.

    Allerdings zweifle ich noch. Auch, wenn ich nachvollziehen kann, dass eine Anti-Haltung, gerade in der Jugend, gegenüber dem eigenen Staat bestimmte Trotzreaktionen hervorrufen kann (wie die der protestierenden Mitschülerin von Martin), begreife ich nicht, wie (offensichtlich) problemlos das Bejubeln schlimmster totalitärer Verbrechen wie der von Mao oder der Aktionen von Mörderbanden wie der RAF innerhalb der Linken zugelassen wurden.
    Ich erinnere mich vage an einen mich prägenden Fall, in dem deutsche Linksextremisten während einer Flugzeugentführung, die zusammen mit Palästinensern durchgeführt wurde, die Selektion der jüdischen Passagiere (die dann umgebracht wurden) vorgenommen haben sollen.
    Oder den Glückwunsch der Meinhof zum “Erfolg” der palästinensischen Mörder bei den Olympischen Spielen in München.

    Gab es da denn offenen, lautstarken Protest? Oder war die Linke zu einem bestimmten Zeitpunkt mehrheitlich doch nicht antitotalitär?
    Oder wurde, was ich befürchte, weil ich es aus DDR-Zeiten kenne, Kritik am eigenen Lager zurückgestellt, so schlimm das zu Kritisierende auch war?

    Aber vielleicht ist das auch etwas schwierig, die 68 mit den Nachgeborenen aufarbeiten zu wollen.

  13. 22.06.2006 | 23:27

    @Boche:

    Das sind riesige Fässer, die Du da aufmachst … und um alleine die beiden Diskursuniversen rund um ‘68 und zwischen ‘76 und ‘83 zu rekonstruieren, bräuchte man wohl schon eine ganze Menge Historiker. Die Aufarbeitung halte ich aber für wichtig, ebenso die Fortführung dieser Art von Ost-West-Dialogen auch 16 Jahre nach der Wiederevereinigung. Diese Mao-Faszination ist mir übrigens auch ein Rätsel - der ist mir zum ersten Mal bei Otto in diesem “Dubczek, Dubzcek, Mao Tse Tung, Mao Tse Tung, Iiiiiiiiiiiidie Amin, Idihiiii Amin”-Ding über den Weg gelaufen.

    3 Punkte vielleicht, die aber auch zu viel kurz greifen und die eher anekdotisch ansetzen:

    - habe in einer quasi-journalistischen Arbeit mal mit einem Historiker als abnehmendem Redakteur was über Marx zu machen gehabt. Der war ein eher gemäßigt Konservativer, dieser Redakteur. Habe dann Marx gegen die Marxisten verteidigt - also Stalin und Mao gegeißelt. Das war dem zu einseitig. Der redigierte mir dann “alte Mißstände wurden beseitigt, neue erzeugt” (hätte ich von mir aus nicht so formuliert) bei Mao hinein. Soll heißen: Keine sozialistsch-revolutionäre Bewegung hat sich in einem liberal-wohlhabenden Staatsgefüge oder im Massenwohlstand formiert. Das war ja kein lustig freiheitliches Heidewitzka in China vor Mao oder im Zarenreich, geschweige denn im 3. Reich. Das legitimiert weiß Gott keine maoistische Kulturrevolution, zeigt aber einen bestimmten historischen Kontext auf, den man auch nicht ignorieren darf.

    - Es gibt diese Geschichte von Rio Reiser, der als zarter Jüngling auf dem Dachboden spielte und da die Wehrmachtsuniform seines Vaters fand. Darüber war nie geredet worden. Um ‘68 herum wurde überhaupt erstmals das 3. Reich intensiv diskutiert und der Mythos von der “Stunde 0″ hinterfragt. Das Adenauer-Deutschland war eben nicht nur pro-westlich, sondern auch hochgradig autoritär, illiberal und christlich-vermieft.

    Diese Ohrfeige für Kiesinger war da nur ein Symptom. Freilich dominierten damals Theorien, die den Faschismus als Fortsetzung des Kapitalismus mit anderen Mitteln erklärten. Die müßte man aktuell mal rekonstruieren, die waren mit Sicherheit auch nicht nur falsch (und ebenso sicher auch nicht nur richtig). Die Theoretiker, auf die sich u.a. bezogen wurde, Adorno, Marcuse, Reich, die aber auch heftig kristisiert wurden, verstanden sich konsequent antitotalitär, auch wenn sie’s anders genannt hätten. Das soll jetzt gar nicht vielen Blödsinn schön reden, die Stamokap-Theorie z.B. könnte ich auch nicht aus dem Ärmel schütteln, aber all das muß man selbst dann berücksichtigen, wenn man retrospektiv alles falsch finden sollte, was damals gedacht wurde.

    - Nach der Veröffentlichung von Austs “Baader-Meinhoff-Komplex” kam “Stammheim” in die Kinos. Ich habe das mit meinem Vater gesehen, der war Richter in ziemlich hochrangigen Positionen. Der war schwer bedröbbelt, als er wieder rauskam - weil wir beide die Taten der RAF verwerflich fanden, deren Gesellschaftskritik aber wirklich beeindruckte, sogar meinen Richter-Vater. Diese Differenz - das, was sie kritisierten, und das, was sie taten - muß man schon deutlich auseinanderhalten dann, wenn man sich mit den Diskussionen zu jener Zeit auseinandersetzt. Selbst dann, wenn man hinterher die Position vertritt, daß diese Form der Diagnostik notwendig Gewalt hervorbringt, was ja möglich und hochaktuell ist, ist das methodisch zunächst zu trennen.

    Der Antisemitismus mancher 68er: Das ist ja auch innerhalb der Linken ein Riesen-Thema. Nicht umsonst hat Wolfgang Kraushaar dazu vor gar nicht allzu langer Zeit ein Buch veröffentlicht. Das ändert nix dran, daß z.B. Adornos Studien zum autoritären Charakter oder auch die “Elemente des Antisemitismus” in der “Dialektik der Aufklärung” auch kein dummes Zeug waren und “die 68er” nachhaltig prägten. Das war nicht derselbe, instrumentalisierte Antifaschismus, den Du aus der DDR noch kennst.

    Das sind jetzt trotz Textlänge kurze und unterkomplexe Einwürfe für ein breit gefächertes Thema.

    Ich finde es sogar sehr gut, daß von liberaler Seite die permanente Nötigung zur Kritik dieser Historie und somit auch zur Selbstkritik der je eigenen, intellektuellen Biographie ausgeht. Das heißt aber nicht, daß sie auch richtig wäre ;-)

    Die Chicago Boys legitimiert das zudem auch nicht … obwohl der sehr geschätzte Herr Posener das neulich versucht hat.

  14. Boche
    23.06.2006 | 9:22

    Dank dir für die für die Ausführungen!
    Du hast Recht: Die Fässer sind zu groß, die ich da aufgemacht habe. Zumindest im Vergleich zum Volumen an Hintergrundwissen über die westdeutsche Historie, das ich in diese Fässer zu füllen in der Lage wäre.

    Ich werde trotzdem gelegentlich weiter gegen die West-Linke polemisieren. Denn ich habe jetzt gelernt, dass ich interessante Rückmeldungen bekomme. ;-)

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