Ich fasse es nicht…

Um da mal gleich keine Zweifel aufkommen zu lassen: Natürlich hatte ich Recht. Die Argentinier waren die bessere Mannschaft. Jedenfalls so weit es um Dinge wie Ballfertigkeit, Taktik, Beherrschung des Gegners, Standardsituationen und Abwehrsicherheit ging. Nicht viel besser, aber etwas. Das war eben das, was realistisch zu erwarten war. Die deutsche Mannschaft hat dieses Manko aber wettmachen können durch ein Element, das sie zwangsläufig allen anderen Mannschaften dieses Turniers voraus hat: eine positiv rückgekoppelte Verbindung von Wille und Fanunterstützung. Das hat zum Remis gereicht. Den Unterschied im Elfmeterschießen machte dann eine bekannte deutsche Tugend aus: gründliche Vorbereitung. Bei den Argentiniern hatte sich offensichtlich keiner Gedanken über deutsche Elfmeterschützen gemacht, aber Lehmann hatte einen Zettel und sprang vier Mal in die richtige Ecke.

Besonders grandios fand ich übrigens die Leistung von Torsten Frings. Nicht nur, dass er über 70 Minuten die Kreise von Riquelme einschränkte, sondern er übernahm praktisch noch einen Gutteil der Antreiberrolle Ballacks mit, als dieser schlicht nicht mehr konnte.

Das Tippen überlasse ich übrigens zukünftig meiner Liebsten. Die liegt eigentlich fast immer näher am Endergebnis und hat diesmal immerhin einen deutschen Sieg nach Führung der Argentinier vorhergesagt.

P.S. Ich freue mich übrigens ganz diebisch über die verbiesterten Blogeinträge derer, denen das Weiterkommen einer deutschen Mannschaft und die Freude derjenigen, denen sie überlegen zu sein glauben, ein Dorn im antideutschen und/oder snobistischen Auge ist.

P.P.S. Sollte ich was über deutsche Tennisspieler in Wimbledon bloggen? Schließlich war ich nie aktiver Fußballer, sondern, wie sich das für echte Neoliberale gehört, Tennisspieler (als reine Mannschaftssportart mit Schläger und Ball wäre nur Hockey geblieben…). Aber nee, die sind einfach nur verwöhnt und zu wenig selbstkritisch. Außerdem spielt Roger das schönste Tennis, das ich je gesehen habe.

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11 Kommentare zu “Ich fasse es nicht…”

  1. Marian Wirth
    1.07.2006 | 12:04

    Ich freue mich ja für die Jungs und für Klinsi - aber das ganze Theater drumherum finde ich mittlerweile doch ein bisschen abgedreht. Und warum sich der deutsche Mann immer erst bis zur Halskrause abfüllen muss, um feiern zu können, wird mir auch ewig ein Rätsel bleiben.

    Die FIFA sollte ihre Auslosungs-Regularien nochmal überdenken. Argentinien gegen Deutschland im einen Viertel(!)-Finale, während im anderen die Italiener eine lockere Trainingseinheit absolvieren - das kann irgendwie nicht sein. Aber von einer Organisation, die nach dem Spiel ausgerechnet Micha-gel Ballack zum Man of the Match wählt, ist das wohl nicht zu erwarten.

    Und außerdem sollten wir uns bei Senor Pekerman bedanken:

    Argentina blow it with crazy substitutions

    (…) Riquelme hadn’t been his dominant self so taking him off was
    by no means nonsensical - but replacing him with efficient enforcer Esteban Cambiasso rather than the infinitely more inventive and assertive Lionel Messi or Pablo Aimar was negative to the point of being suicidal. A second goal would have killed Germany: instead, Argentina began to cower in fear of a comeback, an attitude that acted as a kiss of life to the Germans.

    Ich überlege mir übrigens, für den Rest meines Lebens auf die Entrichtung der GEZ-Gebühren zu verzichten. Als Schmerzensgeld für den Beckmann-Kommentar.

  2. 1.07.2006 | 12:28

    Wie immer wird sowas von den Medien so lange aufgebauscht, bis wirklich jeder meint, dabei sein zu müssen. Die Fahnen an den Häusern und Autos, das kam von unten. Jetzt herrscht schon so eine Art Mitmachdruck. Aber: Man muss nicht. Wie immer ist es ein guter Ratschlag, mit allem Maß zu halten, statt die Maß zu halten.

    Die argentinischen Auswechslungen haben mich auch etwas verwundert, aber all das muss man eben können, wenn man gewinnen will. Siehe Klinsi.

    Was die Kommentare angeht, hast du völlig Recht. Ein Genuss dagegen, statt der Labertaschen die Kommentatoren der alten WM-Spiele in England oder Mexiko zu hören. Ich muss aber wohl mit meinem Wunsch, mir von einem Spielkommentator nicht dessen angelesenen Wissen oder seine mitgebrachte Meinung anhören zu müssen, sondern nur das erfahren zu wollen, was ich nicht selbst am Fernseher sehen und erkennen kann, in einer totalen Minderheitenposition sein…

  3. 1.07.2006 | 13:02

    Dies ist der Unterschied zwischen TV und Radio. Ich verfolgte das Spiel im Radio und somit sind Ballfertigkeit, Taktik, etc. ziemlich unwichtig. Was zählt ist wenn der Radiomoderator “Tor” ruft, in diesen Fall fünfmal für die einen und dreimal für die anderen. Das nenne ich effizient und ergebnisorientiert. Die Erklärung warum wir Deutschen das nur beim Sport schaffen überlasse ich gerne Rayson :-)

  4. 1.07.2006 | 13:04

    aber all das muss man eben können, wenn man gewinnen will

    Hm. Auch wieder wahr ;-).

    Ich hätte nichts dagegen, wenn sich Beckmann ein bisschen Wissen anlesen würde. Stattdessen Kommentare wie den in der 72. Minute: “Das Spiel bleibt [für die Deutschen] schwierig.”

  5. 1.07.2006 | 15:10

    @Rayson:
    Also Kommentatoren-Bashing ist inzwischen auch schon richtig in der Mode. Selbst in den Zeitungen wird das inzwischen gemacht.

  6. 1.07.2006 | 15:26

    [...] Schon interessant, was Rayson da zum Spiel Deutschland:Argentinien schreibt: “Die Argentinier waren die bessere Mannschaft.” Die ganze interne Litanei der Gutmenschen steckt in dieser Sichtweise: nicht der, der gewinnt, ist besser, sondern der, der auf Grund irgendeiner privaten Einschätzung von Gerechtigkeit hätte gerechterweise gewinnen müssen. Dieses obermiese “Der Bessere möge gewinnen!”. In ihm steckt ganz verborgen unter der fairen Oberfläche der ganze verbrecherische Wille, dass, wenn die Macht über Dritte da wäre, dem eigengedünkten Besseren gegen alle Widerstände des Tatsächlichen zum Durchbruch verholfen werden müsse. Diesen Gutmenschen sei gesagt: der Bessere ist, wer gewinnt. Und das bei Leibe nicht nur beim Fussball. [...]

  7. 1.07.2006 | 16:00

    Bei den Freiheitsfabrikanten scheint die WM auch zu etwas seltsamen Zuständen zu führen…

  8. 1.07.2006 | 22:58

    Tsk, tsk, mit Argentinien verkalkuliert, mit Brasilien verkalkuliert - und dann immer noch Recht haben wollen :-)

  9. 1.07.2006 | 23:29

    Erbsenzähler ;-)

  10. 2.07.2006 | 7:52

    Für mich nur ein weiterer Beweis für die überlegene Kraft des Pessimismus’.

  11. R.A.
    3.07.2006 | 12:34

    > Die FIFA sollte
    > ihre Auslosungs-
    > Regularien
    > nochmal
    > überdenken.
    > Argentinien gegen
    > Deutschland im
    > einen Viertel(!)-
    > Finale, während
    > im anderen die
    > Italiener eine
    > lockere
    > Trainingseinheit
    > absolvieren -
    > das kann
    > irgendwie nicht
    > sein.
    So ungern ich die FIFA in Schutz nehme - aber der Vorwurf ist Unsinn.

    Wenn im Viertelfinale die acht besten Mannschaften gegeneinander kicken, sind endspielreife Favoriten-Begegnungen unvermeidlich.

    Und Italien hat nur deshalb gegen die Ukraine gespielt, weil Frankreich in seiner Vorrunde so unerwartet schwach war - sonst wären die Italiens Gegner gewesen.

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