Zwischenruf vom neoliberalen Stammtisch

Auch wenn ich hin und wieder den einen oder anderen Philosophen lese, so bleibt davon nicht mehr als der eine oder andere anregende Gedanke, der mich bestätigt, zum Widerspruch oder zum Weitergrübeln reizt. Deswegen ist es, wie ich vielleicht schon mal erwähnt habe, nicht meine Art, mich wie Tarzan von Liane zu Liane von Philosoph zu Philosoph zu hangeln und zwischendurch die Beschaffenheit des Materials zu bewerten.

Gehen wir doch wieder ein Stück ins Konkrete, das nebenbei auch den Vorteil hat, real existierende Menschen emotional aufzuwühlen. Jeder Verdacht, ich sei harmoniesüchtig, sollte jetzt also mit meinem Versuch zerstreut sein, noch einmal in Frage zu stellen, wofür heutzutage wie selbstverständlich das Eintreiben von Zwangsgeldern verlangt wird.

Nehmen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ignorieren wir dabei sogar die viel zu leicht zu attackierenden skandalösen Bedingungen von dessen konkreter Finanzierung in Deutschland. Abstrahieren wir ein kleines Stück und fragen wir uns ganz generell, mit welchem Recht eigentlich von Menschen Geld für ein Angebot eingetrieben wird, das sie selbst nicht interessiert.

Gehört habe ich das Argument der “Pluralität” (abstrakt mögen wir alle dieses Wort, keine Frage), verbunden natürlich (Liberalen und Rechten muss schließlich auch immer wieder die grundsätzliche moralische Minderwertigkeit ihrer Position vor Augen geführt werden) mit dem Vorwurf, wer nicht dafür sei, sei für die “Nivellierung”. Darf man da vielleicht auch mal fragen, wer denn bestimmt, was zu dieser “Pluralität” gehört? Wen diese “Pluralität” überhaupt erreicht? Und warum die Verwendung von Zwangsgeldern für eine zusätzliche Einheit einer so definierten “Pluralität” (eine Sendung, ein Sender) anderen Verwendungen, z.B. Ausgaben für das Gesundheitswesen, vorzuziehen ist?

Gehen wir in unseren defätistischen Gedanken einen Schritt weiter. Warum wird an Universitäten für etwas ausgebildet, woran auf Märkten kein Interesse besteht? Sollten nicht die knappen Ressourcen nur für die Studiengänge verwendet werden, die helfen, eine Nachfrage zu befriedigen?

Wie ist es mit staatlich finanzierten Opernhäusern oder Orchestern? Warum sind die Bedürfnisse derer, die so etwas mögen, so wichtig, dass sie mit Zwangsgeldern subventioniert werden, während sich der gemeine Pöbel, der nur Rock und Pop hört, den letzten Euro für seine bevorzugte Musik aus der Tasche leiern muss? Warum wird auch dieses Geld nicht lieber in, sagen wir mal, die Integration von Migranten gesteckt?

Wer jetzt nicht gemerkt hat, dass es sich hier um Fragen und nicht um ein Programm für den liberal-libertären Umsturz handelt, der möge bitte weiter in seinem eigenen Saft köcheln. Die Antworten aller anderen aber würden mich interessieren. Meine These ist, dass all die oben aufgeführten Ausgabenbereiche nicht ohne Rückgriff auf elitäre Herrschaft begründbar sind.

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31 Kommentare zu “Zwischenruf vom neoliberalen Stammtisch”

  1. 12.07.2006 | 21:18

    Nur, wenn Du’s auf die oben aufgeführten Beispiele beschränkst. Ich brauche z.B. keine Fernstraßen; ich habe keinen Führerschein und nehme den Zug. Für mich bräuchten also aus Steuermitteln keine Fernstraßen gebaut zu werden. Wenn jetzt jemand die Notwendigkeit von Fernstraßen herausstreicht, argumentiert der dann elitär? Sind nicht vielmehr Bildung und Kultur genauso ein öffentliches Gut wie Fernstraßen?

  2. 12.07.2006 | 22:38

    @Ingo

    Was spricht gegen die Mautfinanzierung von Fernstraßen? Und ist es das Kennzeichen öffentlicher Güter, ihren Nutzen nicht unter Beweis stellen zu müssen?

  3. 12.07.2006 | 22:42

    Von Jana wegen wohl vorübergehender technischer Probleme in die Plauderecke eingestellt:

    @Ingo:
    “Nehmen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ignorieren wir dabei sogar die viel zu leicht zu attackierenden skandalösen Bedingungen von dessen konkreter Finanzierung in Deutschland. Abstrahieren wir ein kleines Stück und fragen wir uns ganz generell, mit welchem Recht eigentlich von Menschen Geld für ein Angebot eingetrieben wird, das sie selbst nicht interessiert.”

    Das ist ein gutes Beispiel. Ich finde den ö-r Rundfunk (& das Drumherum) zwar auch ärgerlich, insbesondere in Zeiten wie diesen. Wenn gerade ein Bush-Besuch ansteht, eine Selbstverteidigungsaktion Israels usw., krieg ich - angesichts der Kommentare & Umfragen dazu - nen regelrechten Radio-Koller. Der jeweilige Apparat in meiner Nähe kommt nur dann unbeschadet davon, wenn ich rechtzeitig abschalte. Ich könnte echt ausflippen, zumal ich mich dann so richtig ausgeschlossen fühle. Schließlich muß ich bedenken, daß die Mehrheit das genauso hören will, wie’s gebracht wird, also ist das doch alles demokratisch, nich? Auf der anderen Seite frage ich mich, wo denn die Privatsender irgendeine Alternative bringen. … Da muß ich schon zugeben, daß die ö-r-Sender doch manchmal, wenn auch viel zu selten, interessante Beiträge bringen. Wenn man diese Sender jetzt also abschaffen würde: Entstünden dann neue Privatsender, die ein höheres Niveau als die jetzigen hätten?

  4. 12.07.2006 | 22:43

    @Jana

    Woher nimmst du das Recht, über deine Definition von “Niveau” das Geld anderer Leute zu beanspruchen?

  5. 12.07.2006 | 22:47

    Es ging doch um die Frage nach dem Elitarismus. Bei Fernstraßen erhebt niemand diesen Vorwurf. Und was den Nutzen betrifft: natürlich glaube ich nicht wirklich, dass Straßen überflüssig sind, nur weil ich selber nicht Auto fahre. Mobilität ist ein hohes Gut, und eine dynamische Gesellschaft ist auf eine gut ausgebaute Verkehrsinfrastruktur angewiesen. Genauso aber, das wäre mein Argument, ist sie auf den Komplex Bildung/Kultur angewiesen. Genauso wie auch ich von der Mobilität in der Gesellschaft profitiere (und auch schon so manches Mal als Beifahrer in einem Auto gesessen habe), so profitieren auch solche von diesem Komplex, die zufällig grad nicht studieren oder ins Theater gehen. Voilà: öffentliche Güter.

  6. 12.07.2006 | 22:56

    Um die Frage nach dem Elitarismus ging es erst sekundär, und zwar als Berechtigung dafür, für eine bestimmte Verwendung Zwangsgelder zu verwenden. Wenn wir bei Fernstraßen zeigen können, dass sie ohne Zwangsgelder möglich sind, gehört dieses Beispiel nicht mehr dazu.

    Sorry, dass ich da eingreife, aber das Bonmot “Gesellschaft ist auf den Komplex Bildung/Kultur angewiesen” ist mir zu unscharf. Welche Bildung und welche Kultur? Wer klärt das, und warum muss die eine Art Bildung oder Kultur mit Zwangsgeldern bezahlt werden, während die andere sich einer Marktnachfrage zu stellen hat?

    Inwiefern profitiere ich davon, dass Herr Ackermann den Frankfurter Opernball besucht?

    Aus ökonomischer Sicht sind “öffentliche Güter”, deren Existenz ich keinesfalls leugne, vor allem durch die Nichtrivalität im Konsum und darüber hinaus auch die Nichtanwendbarkeit des Ausschlussprinzips definiert. Für meine Beispiele würde ich beides in Frage stellen.

  7. 12.07.2006 | 22:58

    Wobei man den Berliner Stadttheatern m.E. durchaus ihre Subventionen streichen sollte, bei dem Mist, den Peymann, Castorf und Co. abliefern.

  8. 12.07.2006 | 23:01

    Wer klärt das, hm, ich würde sagen, das klärt sich naturwüchsig. Wenn Herr Ackermann den Opernball besucht, profitiere ich davon natürlich ebensowenig, wie wenn Manni mit seinem Manta mit 200 km/h über die Autobahn heizt. Worauf es mir ankommt, ist, dass in dem von mir genannten Komplex neben viel Allotria eben auch Wissen produziert und verbreitet wird, dass durchaus in Entwicklungen münden kann, die den allgemeinen Wohlstand steigern.

  9. 12.07.2006 | 23:07

    Würde ich ja gern glauben, aber wieso soll ich das?

    Genauer gefragt: Wer profitiert von welchen Ausgaben im Kulturhaushalt, für öffentlich-rechtlichen Rundfunk, für geisteswissenschaftliche Studiengänge wieviel?

    Ich meine, diese Frage müsste man doch beantworten können, um diese Gelder anderen Verwendungen vorenthalten zu können, oder? Im Gesundheitswesen könnten sie dir vermutlich sagen, wieviele Lebensjahre sie uns damit bescheren könnten. Die Frage nach der privaten, marktgerechten Verwendung mal ungestellt.

  10. 13.07.2006 | 8:54

    Vielleicht würde es gelegentlich ganz gut tun, sich von Philosoph zu Philosoph zu hangeln, anstatt je eigene Präferenzen aus dem Bauch heraus zu generalisieren - dann reduziert man nicht immer nur alles auf ein und dieselbe Fragestellung …

    Aber um genau dieser mentalen Dressur entgegenzuwirken, also im Wesentlichen der Tatsache, daß überhaupt noch Fragen jenseits eines reinen Konsumschemas (nix gegen dieses, sondern der Reduktion von Welt auf dieses) gestellt werden, was zumindest im Falle des Fernsehens aktuell nur noch in dessen Randzonen stattfindet, dazu braucht es Medien, die unabhängig von Wirtschaftsinteressen wirken. Daß so etwas im Sinne der Vielfalt wichtig ist, darauf kann man, muß man aber nicht, sich politisch einigen, eben darauf, daß ein ausdifferenziertes öffentlich-rechtliches Rundfunksystem gut ist.

    Im Falle der Existenz eines solchen bleiben Fragen, wie Du sie stellst, noch diskutierbar, wobei sie erst mal in einen angemessenen Kontext zu stellen wären - auf die Tagesordnung gehörte dann z.B., daß die Implementierung der Handlungslogik von RTL im ZDF-Hauptprogramm nix zu suchen hat.

    Bei einem rein privaten System hingegen passiert einfach, was den Interessen der jeweiligen Eigner nutzt, und ob das nun Medienkonzerne oder Diktatoren sind, ist im Ergebnis u.U. Jacke wie Hose - wobei man hier zwischen Abonnement und werbefinanziertem Fernsehen unterscheiden muß. Dazu machte es dann beispielsweise Sinn, die Programme von Channel 4 und SAT 1 mal zu vergleichen.

    Mit anderen Worten: Für die Entpluralisierung von gesellschaftlichen Diskursen ist Dein Text gewissermaßen ein Symptom, und öffentlich-rechtliches Fernsehen und Geisteswissenschaften braucht man, um dieser Totalität durch Differenzierung entgegenzuwirken - was allerdings immer vorraussetzt, daß sich zuvor politisch darauf geeinigt wurde.

    Die Anschlußfrage ist aber nicht minder interessant, auch dazu dient das Hangeln von Philosoph zu Philosoph, daß man in der Lage ist, die Gegenposition auch gleich mit zu beziehen, anstatt immer ein und dieselbe zu variieren: Das ist der Einfluß konkreter Partei-Politik, so, wie sie ganz real stattfindet, auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen und den Rundfunk. Das bekommt ja kein Schwein mit, was da hinter den Kulissen läuft. Daraus lassen sich dann ungleich stärkere Argumente als Deine gegen ein öffentlich-rechtliches Systen generieren …

  11. Jana
    13.07.2006 | 9:45

    @ Rayson:
    “Woher nimmst du das Recht, über deine Definition von “Niveau” das Geld anderer Leute zu beanspruchen?”

    Ich beanspruche niemandes Geld. Und ist “Niveau” automatisch ein Reizwort? Okay, dann sagen wir einfach “mehr ernsthafte Wortbeiträge”. Konkret: Heute früh hörte ich, im z. Zt. als meinem Wecker eingestellten D-Radio, ein interessantes Interview mit Shimon Stein (das übrigens just im interessantesten Moment vom Interviewer abgewürgt wurde), und ich frage mich, ob ich sowas auch in privaten Sendern hören würde, wenn es keine öffentlich rechtlichen mehr gäbe. Das ist *keine* rhetorische Frage. Mich interessiert das wirklich, und vielleicht kann sie mir jemand beantworten. Gibt es schon solche Erfahrungen in anderen Ländern?

  12. 13.07.2006 | 10:51

    Wenn das Markenzeichen der öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten wirklich “mehr ernsthafte Wortbeiträge” wären, dann hätte ich damit kein Problem. Leider ist deren Gesamtniveau aber in den letzten Jahren drastisch gesunken [Deutschlandradio ausdrücklich ausgenommen]. Wenn man die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten wirklich auf ihre Kernaufgaben Kultur, Information und Bildung beschränken würde, wenn sie ein werbungsfreies Programm senden würden und wenn sie sich in klar definierte Grenzen bewegen müssten — dann können wir gern über die Finanzierung reden.

  13. 13.07.2006 | 10:58

    Grundsatzdebatten sind ja ganz nett, aber man dreht sich schnell im Kreis, wie man am letzten Beitrag von Jana sieht. Die einen schaffen die Kurve nicht, indem sie nicht einsehen, dass sie nicht von anderen erwarten können gewünschte Sendungen mit zu finanzieren. Wobei Rayson zeigen müsste, dass ein Markt die verschiedenen Interessen berücksichtigt und im Durchschnitt den Menschen nicht teurer kommt, also dass Jana für ihr Radioprogramm mit vielen Wortbeiträgen nicht deutlich mehr bezahlen muss als vorher.

    Im gegenwärtigen System sehe ich die Vielfalt auch in Gefahr und diese Gefahr kommt von den öffentlich rechtlichen Sendern. Sie haben sich den privaten Sendern angepasst, machen mehr auf seichte Unterhaltung, setzen auf Sport, auf Krimiserien und Seifenopern, während politische Magazine eher zurückgefahren werden. Dies hat nur einen Grund: man will Marktanteile verteidigen, denn sonst käme man unter Rechtfertigungsdruck was den 7.000.000.000 Euro Haushalt betrifft. Es wurde also Qualität gegen Seichtheit eingetauscht, nur um die Jobs bei den ö.-r.-Sendern zu erhalten. Das “Argument” Pluralität taugt auch nichts, denn spätestens seit dem Internet kann jeder seine Minderheitsmeinung kundtun und über alles und jedes ohne viele Kosten debattieren - wie man hier sieht! Mal von Projekten wie der Wikipedia ganz abgesehen …

  14. 13.07.2006 | 11:52

    @Klaus:

    Das ist schon nicht falsch, was Du schreibst, aber auch nicht ganz richtig. Du wirst mit keinem anderen Medium so viele Leute erreichen wie mit Radio und Fernsehen. Radio ist tatsächlich im Netz noch halbwegs kostengünstig zu realisieren (keine Ahnung, was man da so an GEMA zahlt oder was für urheberrechtliche Hürden da so auf einen zukommen, weil’s ja im Netz im Prinzip immer gleich die Weltrechte betrifft, ist das so?), Fernsehen auf dem gewohnten technischen Niveau wirst Du nie im demokratisch-pluralen Sinne wünschenswerten Sinne so produzieren können wie Blogs etc.. Auch die Rezeptionsweisen von Computer und Ferngucken sind geradezu konträr.

    Insofern muß auch meiner Ansicht nach die Diskussion tatsächlich dahin gelenkt werden, wie denn die Öffentlich-Rechtlichen auch weiterhin Pluralität hervorbringen, anstatt wie Märkte diese Zentrum-Peripherie-Struktur, die normalisierend wirkt, zu reproduzieren.

    Diese Diskussion kann man aber nicht auf Wortbeiträge reduzieren, auch im Fiction- und Unterhaltungssegment muß es ja möglich sein, ein gewisses Niveau auch einzuhalten, weil diese politisch eben auch wirken, vielleicht sogar noch stärker. Zwei Beispiele vielleicht: Bella Block z.B. ist ja nix Böses. Die Behauptung der “werberelevanten Zielgruppe” von 19-49 würde eine solche Serie im privaten Segment jedoch ausgrenzen - “zu alt” (da wird sich schon aus demographischen Gründen bald auch was ändern, aber egal). Anderes Beispiel: “Nachgetreten”, diese WM-Comedy auf dem ZDF. Unter aller Sau, getränkt von teils übelsten Witzchen. Schlimmer als RTL.

    Die Diskussion wäre meiner Ansicht nach diesbezüglich - um nicht mein eigenes Qualitätsempfinden zu generalisieren - dahingehend zu führen, ob die Instanzen, die die Öffentlich-Rechtlichen kontrollieren, der Fernsehrat z.B., wirklich demokratisch-plural funktionieren. Oder ob nicht beispielweise die Kirchen dort ein zu starkes Gewicht haben (keine Ahnung, ob die da drin sitzen, ich glaube aber schon, nur’n Beispiel).

    Zum anderen, da weiß ich bezüglich der technischen Möglichkeiten nicht Bescheid, ob es nicht Möglichkeiten gäbe, die Distributionswege so zu steuern, daß eben nur jene die öffentlich-rechtlichen Programme sehen und hören können, die bereit sind, dafür zu bezahlen, eben GEZ, und die Anderen lassen’s halt. Das sei jetzt nur als Gedankenansatz, nicht als konkrete Forderung formuliert, auch wenn ich damit meinen eigenen Forderungen widerspreche - bin ja flexibel im Kopf.

    Die Gegenthese wäre: Öffentlich-rechtliche Medien generieren jene Öffentlichkeit, die Demokratien brauchen wie die Luft zum Atmen. Insofern ist die Bezahlung hierfür analog zu jener für Bundestagsabgeordnete zu begründen. Wer also gegen Rundfunkgebühren votiert, muß auch für privat finanzierte Politiker eintreten und somit Korruption als Systemlogik im demokratischen System implementieren wollen. So würde ich eigentlich argumentieren.

  15. 13.07.2006 | 13:04

    “Du wirst mit keinem anderen Medium so viele Leute erreichen wie mit Radio und Fernsehen.” - schon diesen Satz finde ich verräterisch ;-) Ein paar Hohepriester entscheiden was die Massen zu hören oder zu sehen bekommen. Dies kombiniert mit der banalen Feststellung über Rezeptionsweisen müsste doch eigentlich dazu führen, dass man bereit ist ein paar alte Zöpfe abzuschneiden, anstatt alte Konzept (Radio) lediglich eins zu eins auf das Netz zu übertragen. Ich wiederhole mich: was hat es mit Vielfalt zu tun, wenn eine kleine Elite festlegt was das dumme Volk, die Massen, zu sehen und zu hören bekommen, und gleichzeitig dem dummen Volk die aufgeblasene Rechnung in Form von Rundfunkgebühren präsentiert.

    Öffentlich-rechtliches Fernsehen und Radio sind so ziemlich das Gegenteil von Pluralität. Menschen vom Typ “Peter Hahne” entscheiden was ich dummer Mensch zu sehen bekomme und vor allen was mir vorenthalten werden soll. Echte Pluralität halten Menschen wie MomoRules gar nicht aus. Dazu ein Blick auf die Bloggerszene: zur Pluralität gehören hier auch Blogger wie Fakten&Fiktionen oder PI. Hier trennen sich die die wirklich Pluralität aushalten können von denen die eine gefilterte Realität bevorzugen. Also auf Radio und Fernsehen übertragen heißt dass: Anhänger von Pluralität müssten auch eine deutsche “Ann Coulter” oder einen deutschen “Rush Limbaugh” aushalten (und sich mit einem deutschen “Al Franken” trösten)

    Auch werden wir uns dauernd im Kreis drehen was das Thema “Niveau” betrifft. Warum soll irgendjemand das Recht haben, mir zu sagen was niveauvoll ist? Warum soll ich für Inhalte bezahlen, von denen andere behaupten sie hätten Niveau, mich aber nicht interessieren? Und nur weil eine Krimiserie für alte Leute geeignet ist, ist sie deswegen noch lange nicht niveauvoll. Von linken und rechten Kulturpessimisten will ich mir nichts vorschreiben lassen. Falls ich Lust verspüre hüpfende Silikonbrüste von C-Prominenten beim Schlammcatchen im Container zu sehen, geht dich das gar nichts an, und verpflichtet mich überhaupt nicht deine Sehgewohnheiten zu subventionieren, Herr MomoRules.

  16. 13.07.2006 | 14:29

    @MomoRules

    Die Erkenntnis, dass es wichtig sei, dass “noch Fragen jenseits eines reinen Konsumschemas gestellt werden”, ist das nicht eine elitäre? Oder glaubst du, sie entspreche einem tief empfundenen Bedürfnis der Bevölkerung? Und wenn ja, warum würde die Bevölkerung dann durch massenhaftes Einschalten nicht Private veranlassen, diese Fragen selbst zu stellen?

    “Ausdifferenziert” und “plural” klingt gut, beantwortet mir aber nicht meine Fragen: In welche Richtung “ausdifferenziert”? Wer entscheidet das? Und warum ist das so wichtig, dass wir deshalb dem Gesundheitssystem Geld vorenthalten?

    Ja, es ist tatsächlich eine Eigenart von Märkten, dass die Anbieter in ihrem eigenen Interesse handeln. Nur führt das eben dazu, dass ich morgens beim Bäcker das vorfinde, was mir schmeckt und nicht dem Bäcker. Und da darf man ja auch gut und gerne mal die Frage stellen, ob es im Gegensatz dazu genug Altruisten gibt, die als Entscheider für öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Frage kommen, wenn denn die Abwesenheit von Eigeninteresse dessen bestechendes Merkmal sein soll.

    Damit eine bestimmte Praxis eines Systems als Argument gegen das System dienen kann, müsste man erstmal nachweisen, dass diese Praxis unvermeidlich ist. Daher habe ich die deutsche Spielart des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und seine dubiose Finanzierung bewusst außen vor gelassen. Es geht mir übrigens auch nicht darum, gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu argumentieren, sondern ich stelle Fragen, die mir leider bisher nicht beantwortet werden konnten, ohne dass sie gleich zu weiteren führen würden. Gut, das mag auch an mir liegen.

    Es ist, auch wenn es dich nervt, für mich tatsächlich höchst unbefriedigend, wenn den Bürgern mit Zwangsmitteln Geld abgenommen wird, ohne so etwas wie Opportunitätskosten mitzudenken. Gerade auch, weil ich noch nicht begriffen habe, warum Sender oder Sendungen, die kaum ein Schwein guckt oder hört, zur “Pluralisierung des gesellschaftlichen Diskurses” beitragen. Es sei denn, man bekennt sich dazu, dass dieser von einer Elite betrieben wird. Von derselben Elite, die auch die wunderschönen Worte dafür findet, warum alle anderen für ihren Diskurs finanziell geradestehen müssen. Eine “meritorische” Begründung fände ich nicht notwendigerweise verwerflich, aber zunächst mal wenigstens ehrlich.

  17. 13.07.2006 | 14:34

    @Jana

    Wenn es denn so wäre, dass ohne öffentlich-rechtlichen Rundfunk solche interessanten Beiträge nicht gesendet würden, dann deutet das doch eher darauf hin, dass sie nur von sehr wenigen Menschen gehört werden.

    Das führt mich dann wieder zu meiner Ursprungsfrage: Egal, wie wir das nennen, was uns der Gebührenfunk da liefert, warum muss die Mehrheit die Interessen einer Minderheit bezahlen? Eine Minderheit übrigens, die sozial eher bessergestellt ist.

  18. 13.07.2006 | 17:27

    @Rayson + Klaus:

    Könnt ihr bitte mal durchlesen, was ich da oben geschrieben habe, bevor ihr wieder irgendwohin hin höhnt, wo ich gar nicht stehe? Na gut, Rayson stellt anders formuliert ähnliche Frage wie ich oben …

    Und, Klaus, Deine Anfeindungen von wegen “Leute wie MomoRules können Pluralität gar nicht aushalten” - was treibt Dich zu solchen Sätzen und woher nimmst Du solche Erkenntnisse? Und das mit der “keine Toleranz den Intoleranten” kennste ja … außerdem wollen die mir und Anderen Bürgerrechte entziehen bzw. nicht gewähren, nicht umgekehrt. Gotteslästerungsparagraphen, Abtreibungsverbote, Homohassertum, Rassismus … ich plädiere schließlich auch nicht für ein Verbot der katholischen Kirche oder der CDU. Das übrigens zum Thema Pluralität: je mehr Programmfarben, desto besser - die Grenzen jedoch sind eben auch verhältnismäßig klar definiert. Deren ganzes Denken hingegen speist sich aus dem, wogegen es ist, und will Lebensformen diktieren und verbieten. Davon bin ich weit entfernt, irgendjemandem etwas diktieren zu wollen. Ich fordere ja kein zwangsverordnetes ARTE-Gucken mindestens 2 Stunden am Tag.

    Noch einmal Kurzfassung für die Nicht-Leser:

    - Ich habe keine Hohepriester gefordert geschweige denn mir angemaßt, alleinig über Programme zu entscheiden, wenn ich denn dürfte, sondern gefragt, ob demokratische Instanzen denkbar sind, die so etwas wie eine Kontrolle des Programms in der von Stefanolix genannten Hinsicht vornehmen können. Selbst wenn da Eigeninteressen vertreten sind, bei möglichst pluraler Zusammensetzung könnten diese dann eben auch potenziell Vielfalt im Programm bewirken. In ZDF-Hauptprogrammsendungen gibt es beispielweise die Vorgabe der Gleichbehandlung von Parteien. Ist das was Schlimmes? RTL ist das egal, solange Frau Roth unterhält. Apropos: Sollen jetzt ehemals Philosophie studiert habende wegen Elitenverdacht aus der Diskussion ausgeschlossen werden? Ich gucke selbst übrigens selten ARTE oder 3 SAT, eher ProSieben …. Ich verstehe einfach nicht, was daran elitär sein soll, wenn ich man dafür plädiert, daß alle gesellschaftlichen Gruppen sich in der Selbst-Thematisierung in Medien auch wiederfinden.

    - Ich habe zur Diskussion gestellt, ob es nicht die Möglichkeit gäbe, das Ganze so organisieren, daß eben tatsächlich nur jene, die öffent-rechtlich sehen wollen, dafür auch bezahlen.

    - Ich habe ein Beispiel für Nivellierung durch die Behauptung einer werberelevanten Zielgruppe formuliert (14-49), das ist nur eines von vielen, und so etwas wie eine Konstatierung der “wahren Bedürfnisse” der Bevölkerung, wie Rayson ja glaubt, sie konstatieren zu können, maße ich mir in der Tat nicht an. Das ist auch schnurz, solange das Angebot vielfältig bleibt.

    - Ich habe kritisiert, daß die öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme sich über die Anpassung an Quoten wie Märkte gleichmachend und nivellierend verhalten, weil sie immer nur auf ” die Mitte” abzielen. Das ist übrigens strukturell analog zu Hayeks Behauptung, Demokratie sei immer die Herrschaft einer Mehrheit über eine Minderheit, die ja falsch ist bei Demokratien, die auf Individualrechten aufbauen, aber richtig im Falle der Fernsehwirklichkeit. Dem stelle ich entgegen starke Individualrechte. Wenn das elitär ist, dannn ist das auch der gesamte Teil des Liberalismus, den ich für richtig halte (und das ist bekanntlich nicht der ökonomische Part). Ich halte das durch Einrichtungen wie 3SAT, ARTE, Kulturmagazine, Polit-Mgazine, Deutschland-Radio, den ZDF Theaterkanal und anderes unzureichend, aber immerhin noch irgendwie gewährleistet, finde trotzdem vieles auch am realen öffentlich-rechtlichen System zu kritiseren, am privaten aber auch.

    - Ich habe die These aufgestellt, daß nur öffentlich-rechtliche Medien wenigstens im Ansatz so etwas wie eine unabhängige Öffentlichkeit, die Demokratien brauchen, generieren können. Ich habe zugleich kritisiert, daß Parteien zu starken Einfluß nehmen auf die Programme.

    Ich behaupte daraus folgernd, daß es eine Differenz zwischen Brötchen und der Struktur von Öffentlichkeiten gibt, die die Selbst-Thematisierung von Gesellschaft oder Teilen darstellen. Aufgrund einer der Kosteninstensität des Fernsehens, das aufgrund seiner hohen Reichweite eben die meisten Leute erreicht, ist das hier nicht im selben Maße korrigierbar wie z.B. im Falle von von Zeitungen.

    So, auf keines dieser Argumente wurde wirklich eingegeangen - außer jenem, wie denn nun die Gremien beschaffen sein sollten.

  19. 13.07.2006 | 20:07

    @ MomoRules
    Du brauchst gar nicht diese Hohepriestern zu fordern und ich unterstelle auch gar nicht, dass du dies forderst, denn diese Hohepriester sind Fakt. Ein kleiner Kreis von Leuten wählt aus was die Millionen Zuschauer zu sehen bekommen.

    Der Ansatz von Stefanolix hat natürlich das Ziel die öffentlich-rechtlichen Anstalten kräfig abzuspecken, ohne natürlich die Grundsatzfrage von Rayson zu beantworten.

    Technisch ist es heutzutage möglich, dass nur die bezahlen müssen, die das TV-Programm auch angucken. Können wir gerne einführen.

    ARD und ZDF kämpfen um Marktanteile um ihr aufgeblähtes Budget rechtfertigen zu können und werden immer weniger unterscheidbar von den Privaten, alles was da nicht mehr reinpasst wird outgesourcet in Richtung Arte, 3Sat und Phoenix. Aber warum soll ich den Kampf gegen die Privaten mit Zwangsgebühren mitfinanzieren? Linke mögen diesen Kampf gut finden, ich nicht.

    Blogs generieren vielleicht eine unabhängige Öffentlichkeit, aber niemals das Fernsehen. Da gibt es nur eine inszenierte Öffentlichkeit, was auch der größte Depp an Talkshows wie “Christiansen” sehen kann.

  20. 13.07.2006 | 21:54

    @MomoRules

    Ich kann nicht erkennen, dass auch nur eine der Fragen, die ich gestellt habe, auf dich gemünzt war. Ich stelle nur fest, dass du offenbar etwas forderst, von dem du annimmst, dass es für so wenige Menschen interessant genug ist, dass sich kein privater Anbieter dafür finden würde. Ich kenne die “wahren” Bedürfnisse der Bevölkerung nicht, sondern behaupte nur, dass Märkte die beste Organisationsform sind, diese zur Geltung zur bringen. Wer eine andere Organisationsform will, müsste deswegen andere Ziele haben, als die Bedürfnisse der Bevölkerung zu bedienen, oder mir erklären, warum der Markt das im konkreten Fall nicht schaffen sollte.

    In diesem Abschnitt drehen wir uns im Kreis. Ich behaupte, dass von dem, was du am öffentlich-rechtlichen Rundfunk preist, in Wirklichkeit zunächst einmal nur eine kleine Gruppe von Menschen profitiert, weil es ihren Bedarf abdeckt. Du antwortest, du wolltest einfach nur “alle gesellschaftlichen Gruppen sich in der Selbst-Thematisierung” wiederfinden lassen. Schließen wir den Zirkel: Die “gesellschaftlichen Gruppen” sind de facto doch wieder nur unterschiedliche Schattierungen der Elite.

    Nochmal konkret: Stimmt es nicht, dass die am öffentlich-rechtlichen Rundfunk stets gelobten Sendungen überwiegend von einer im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung sozial bessergestellten Bildungselite gesehen werden?
    Was wären das auch eigentlich für “Individualrechte”, die darauf hinauslaufen, dass bestimmte Individuen ihre Präferenzen über das Abgreifen fremden Eigentums durchsetzen?

    Entschuldige bitte, dass ich nicht auf die Punkte eingegangen bin, die du in deiner ersten Erwiderung auf Klaus angesprochen hast. Ich hatte mich auf deine direkte Antwort auf meinen Beitrag konzentriert und die Diskussion mit Klaus eher als “Nebenkriegsschauplatz” angesehen. Dennoch gibt es keinen Grund, hier als beleidigte Leberwurst aufzutreten, ok? “Von der Diskussion ausschließen” ist doch einfach nur Quatsch.

    Mit den “@Klaus”-Argumenten kann ich in der Tat etwas eher was anfangen.

    Wenn nur jene in den GEZ-Topf einzahlen, die auch öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Anspruch nehmen, ist meine Fragestellung für diesen Bereich erledigt - dann gibt es ja keine Zwangsgelder mehr. Früher war das ja nicht möglich (was einen Teil der Zahlungsweise erklärt), heute aber sollte das keine größere Herausforderung mehr sein.

    Das mit der Öffentlichkeit, die die öffentlich-rechtlichen Medien generieren sollen, das klingt doch schon sehr nach “meritorischem Gut”. Es setzt also voraus, dass Menschen, die allein nach ihren individuellen Präferenzen handeln, dieses Gut nicht herstellen würden, obwohl es für sie enorm nützlich ist. Diese Art der Argumentation ist natürlich die gefährlichste, weil am meisten zum Missbrauch einladende, in der gesamten Theorie der öffentlichen Güter. Und sie setzt tatsächlich auch eine Elite voraus, die diesen angeblichen oder realen Missbrauch als solchen erkennt. Womit wir wieder bei meiner Ausgangsthese wären.

    Aber diese Diskussion kann man weiterführen, indem man sich fragt, was das konkret zu bedeuten hat, also z.B. wo konkret der allgemeine Nutzen liegt, wie eine solche Institution beschaffen zu sein hätte, und wie weit weg wir in Deutschland davon sind. Und dann kommen wir ja vielleicht doch zu dem Punkt, wo man fragt, ob die Prozesse, die in diesem Zusammenhang vielleicht geradezu gesetzmäßig vor dem Hintergund vielschichtiger Interessen ablaufen, mit dem eigentlichen Anspruch noch in Übereinstimmung zu bringen sind.

    Was die Kosten angeht, glaube ich nicht, dass diese heutzutage noch besonders hoch sein müssen. Jedenfalls kaum so hoch, Nischenanbieter dauerhaft ausschließen zu können.

    Aber eigentlich hatte ich ja nicht nur von Medien gesprochen…

  21. 13.07.2006 | 23:19

    @Klaus:

    Okay.

    @Rayson:

    “Ich kenne die “wahren” Bedürfnisse der Bevölkerung nicht, sondern behaupte nur, dass Märkte die beste Organisationsform sind, diese zur Geltung zur bringen. Wer eine andere Organisationsform will, müsste deswegen andere Ziele haben, als die Bedürfnisse der Bevölkerung zu bedienen, oder mir erklären, warum der Markt das im konkreten Fall nicht schaffen sollte.”

    Mit anderen Worten: Wer meiner Ideologie nicht zustimmt, hat Unrecht … die Struktur dieses Arguments ist schon skurril, lies Dir das noch mal durch. Zu diesem Thema finden sich nicht nur in den Gebloggten Welten ganz gute Texte, konkret: Indien. Es ist doch zumindest - gelinde gesagt - hochumstritten, zu behaupten, daß die Bedürfnisse des Großteils der Menschheit nun von “dem Markt” befriedigt würden. Das ist eine eigene, mit der oben zusammenhängende Debatte, klar, aber ich bestreite die Prämisse doch nachhaltig. Märkte führen zu Normalisierung, Marginalisierung und Exklusion. Was jetzt so in den Raum gestellt ungefähr so sinnvoll ist wie Deine unhinterfragten, metaphysische Prämissenbildung.

    “Schließen wir den Zirkel: Die “gesellschaftlichen Gruppen” sind de facto doch wieder nur unterschiedliche Schattierungen der Elite.”

    Nein, eben nicht. Ich kann weder Asylbewerber noch alte Menschen noch Hartz IV-Empfänger etc. als Eliten betrachten, sorry. Die finden im werbefinanzierten Privatfernsehen nicht statt - außer letztere bei diesen RTL2-Soaps “Sozialbetrügern auf der Spur” oder so, da schalten die Henkel-verbrämten dann auch Werbung, eil’s ihren Interessen dient.

    Ich halte in der Tat am uralten Gedanken der Aufklärung fest. Daß ihr von der nicht mehr so viel haltet, habe ich schon mitbekommen. Es ist zudem nicht so, daß die von mir genannten Sendungen nun nur von Philosophen oder Museumsdirektoren geguckt werden. Das hat übrigens nichts mit beleidigte Leberwurst zu tun, was ich oben schrieb, sondern mit der inflationären Behauptung des “Elitären”. Das würde dann zum Trgen kommen, wenn ich z.B. gegen jegliche Form der Unterhaltung wettern würde. Nein, ich will nur nicht, daß ausschließlich Unterhaltung gezeigt wird. Von mir aus auch Gottesdienste, aber nicht die freiwillige Selbstgleichschaltung im Namen der Quote.

    “Das mit der Öffentlichkeit, die die öffentlich-rechtlichen Medien generieren sollen, das klingt doch schon sehr nach “meritorischem Gut”. Es setzt also voraus, dass Menschen, die allein nach ihren individuellen Präferenzen handeln, dieses Gut nicht herstellen würden, obwohl es für sie enorm nützlich ist. Diese Art der Argumentation ist natürlich die gefährlichste, weil am meisten zum Missbrauch einladende, in der gesamten Theorie der öffentlichen Güter. Und sie setzt tatsächlich auch eine Elite voraus, die diesen angeblichen oder realen Missbrauch als solchen erkennt.”

    Das ist wieder so eine Generalisierung irgendwelcher Stalinismus-Kriktiken aus den 40er Jahren, vermute ich - das gilt dann für das Projekt “Demokratie” als Ganzes, dann mußt Du dann schon zugeben, daß Du die tatsächlich abschaffen willst und durch den Markt ersetzen, in guter, libertärer Marnier. Dann komme ich Dir mit Sozialdarwinismus und habe Recht, gibt ein Hoppe ja offen zu, meines Wissens.

    Ich will Strukturen, die auch den Marginalisierten - Geisteswissenschaftler stehen kurz davor, solche zu werden - eine Stimme verleihen, sie selbst sprechen lassen, und diese nicht Unterhaltungszwecken und Verdienst-Interessen von ihrerseits Eliten aus Öffentlichkeiten ausgrenzen. Und daß das so funktioniert, das mit der Ausgrenzung, glaub’s mir, das erlebe ich täglich … es gibt kaum Menschenverachtenderes in Deutschland als Privatfernsehen. Ist halt markt-gesteuert. Und das Kostenargument beim Fernsehen sticht einfach.

    Ansonsten geht’s weiter mit meiner kleinen Serie in meinem Blog …

  22. 14.07.2006 | 0:52

    @MomoRules

    Mit anderen Worten: Wer meiner Ideologie nicht zustimmt, hat Unrecht …

    Die Leistung von Märkten ist nur Ideologie? Ich finde, es gehört eher viel Ideologie dazu, sowas zu behaupten. Zumal die Befürworter von Marktwirtschaften sich im Gegensatz zu ihren Gegnern täglich dem Realitätstest aussetzen. Konkret gesehen finde ich es alles andere als skurril, wenn ich das, von dem ich ausgehe, auch transparent mache. Wenn du etwas gegen Marktwirtschaft und ihre Mechanismen hast, werden wir in dieser Grundsatz-Diskussion dann auch tatsächlich kaum weiter kommen - dazu sind dann Ziele, akzeptierte Methoden und Weltsicht zu drastisch auseinander.

    Mir scheint außerdem, du willst statt eines Fernsehens “für” ein Fernsehen “über” diese Gruppen, die du ins Feld führst. Will denn ein Asylbewerber, ein Hartz-IV-Empfänger, ein älterer Mensch tatsächlich ganz andere Sendungen sehen als die, die heutzutage von den Privaten angeboten werden?

    Werbefinanzierung ist übrigens heutzutage nicht mehr die einzige Möglichkeit, privates Fernsehen zu machen. Es geht auch Pay-per-view.

    Nein, ich will nur nicht, daß ausschließlich Unterhaltung gezeigt wird. Von mir aus auch Gottesdienste, aber nicht die freiwillige Selbstgleichschaltung im Namen der Quote.

    Warum sollte das, was du willst, den Vorlieben der Mehrheit gegenüber so wichtig sein, dass dafür Zwangsgelder erhoben werden? Wenn dich der Elite-Begriff stört, ist das dein Problem - wenn es wie eine Ente aussieht, wie eine Ente watschelt und wie eine Ente quakt, werde ich es immer eine Ente nennen.

    Das ist wieder so eine Generalisierung irgendwelcher Stalinismus-Kriktiken aus den 40er Jahren, vermute ich - das gilt dann für das Projekt “Demokratie” als Ganzes, dann mußt Du dann schon zugeben, daß Du die tatsächlich abschaffen willst und durch den Markt ersetzen, in guter, libertärer Marnier.

    Habe ich nicht verstanden. Mit dem, worauf das als Antwort dienen sollte, kann es jedenfalls nichts zu tun haben.

    Ich will Strukturen, die auch den Marginalisierten - Geisteswissenschaftler stehen kurz davor, solche zu werden - eine Stimme verleihen, sie selbst sprechen lassen, und diese nicht Unterhaltungszwecken und Verdienst-Interessen von ihrerseits Eliten aus Öffentlichkeiten ausgrenzen.

    Aha. Aber warum ist das so wichtig, dafür Zwangsgelder einzutreiben und anderen Verwendungen (Gesundheit, berufliche Ausbildung, Sozialarbeit) vorzuenthalten? Würde stattdessen die Verwendung dieser Gelder für Gesundheitswesen, berufliche Ausbildung oder Sozialarbeit nicht den wirklich Marginalisierten viel mehr helfen als die gelahrte Diskussion über sie im Fernsehstudio?

    Übrigens, das nur am Rande, halte ich fest, dass du mir ziemlich viel unterstellst, was ich angeblich will. Beim Sozialdarwinismus sind wir ja mittlerweile schon angekommen. Zur Überzeugungskraft deiner Argumentation und Positionen trägt das nicht bei.

  23. googlehupf
    14.07.2006 | 1:09

    @MomoRules
    “Daß ihr von der nicht mehr so viel haltet, habe ich schon mitbekommen.”

    Ich selber leider nicht. Ich sitze nicht gleich jedem Trend auf. ;)

    “[...] es gibt kaum Menschenverachtenderes in Deutschland als Privatfernsehen. Ist halt markt-gesteuert.”

    Kannst du das ein bißchen weiter ausführen? Was genau ist am Privatfernsehen (an sich) “menschenverachtend”? Ich habe mir heute im Privatfernsehen eine K1 Run-Of-The-Mill-Reportage und die Simpsons angeguckt. Ich hatte wahrlich nicht den Eindruck etwas menschenverachtendes serviert zu bekommen. Sicherlich meinst du da etwas spezifischeres.

    “Fernsehen auf dem gewohnten technischen Niveau wirst Du nie im demokratisch-pluralen Sinne wünschenswerten Sinne so produzieren können wie Blogs etc.”

    Das ist so einer dieser Sätze der in 20 Jahren evtl. sehr albern klingen könnte.
    Fernsehen ist heutzutage schon viel billiger zu produzieren als früher. Man bekommt sehr gute digitale Videokameras für 3000€ (die sind auf einem solchen Niveau dass BBC tlw. Dokus damit dreht) und für den Schnitt braucht man auch keinen übermäßgen ausgerüsteten Rechner. Nur der Verbreitungsweg ist noch sehr eingeschränkt. Das wird sich in den nächsten 10+ Jahren mit dem Ausbau der digitalen Hochgeschwindigkeitsnetze vermutlich ändern. IPTV ist das Schlagwort was ich im anderen Thread schon mal erwähnt habe und es ist sehr wahrscheinlich das auch am “alten” Medium Fernsehen der Siegeszug des Internets nicht spurlos vorbeigehen wird. Ich sehe eine realistische Chance, dass das auch dort wieder neue Technologien dazu beitragen werden eine breiteres Meinungsspektrum publizieren zu können weil sie eine gewisse Nivellerung der Zugangskosten verursacht. Sicherlich werden kleine Produktionen nie dieselbe Ausstattung wie große haben - aber es nähert sich halt an an. Wie gesagt, ich sehe indymedia.tv schon vor mir. ;)

    Ein anderer Gedanke ist noch die was-wäre-wenn-Frage. Was wäre wenn es nie öffentlich-rechtliches Fernsehen gegeben hätte sondern von Anfang an nur privates? Wie hätte sich das Fernsehen entwickelt?
    Das es Sender wie C-Span und Terranova gibt erscheint mir zumindest ein Indiz dafür zu sein, dass der Markt nicht völlig unfähig ist etwas spezielleres Fernsehen produzieren kann. In welchem Umfang das denn realistisch mögliche wäre… tja, da bin ich mir selbst nichtmal so sicher.

  24. 14.07.2006 | 10:11

    @Rayson:

    Um überhaupt sinnvoll so etwas diskutieren zu können wie “wollen wir lieber Geld ins Gesundheitwesen stecken oder in öffentlich-rechtliche Medien” bedarf es einer unabhägigen Öffentlichkeit. Und damit Marginalsierte zu Worte kommen, eben auch. Die haben sonst keine Stimme. Beispiel: Diese Doku-Soap auf ARTE, wo sie Knastis in Marseille die Kamera in die Hand gedrückt haben, um sie ihren Alltag selbst drehen zu lassen. Zudem im Rahmen des Öffentlich-Rechtlichen wenigstens noch so ein Umgang mit Menschen möglich ist. Im Privaten sind sie reines Material, keine Subjekte. Googlehupf, das ist auch die Antort auf eine Deiner Fragen.

    Es geht ja nicht nur drum, wer’s guckt, sondern wer sichtbr und wer unsichtbar ist und wer was sagen darf und wer nicht. Flüchtlinge in Nordafrika sind nach Kriterien werbefinanzierten Fernsehens schlicht unsexy. Die finden dann nicht mehr statt, ganz einfach.

    Das mit dem Sozialdarwinismus ergab sich übrigens aus Deiner Dikussion:

    “das klingt doch schon sehr nach “meritorischem Gut”. Es setzt also voraus, dass Menschen, die allein nach ihren individuellen Präferenzen handeln, dieses Gut nicht herstellen würden, obwohl es für sie enorm nützlich ist. Diese Art der Argumentation ist natürlich die gefährlichste, weil am meisten zum Missbrauch einladende, in der gesamten Theorie der öffentlichen Güter.”

    Auch die Marginalsierung ist strukturell im Markt angelegt - wer kein Geld hat, kann sich auch keine Stimmen - buchstäblich jetzt - kaufen. Pay per view können sich Hartz IV-Empfänger auch nicht leisten.

    @Googlehupf:

    Ich rede ja jetzt und nicht in 20 Jahren. Abgesehen davon, glaub’s mir: Ich verdiene mein Geld u.a. damit, an Kalkulationen für Fernseh-Produktionen mitzuwirken, da weiß ich schon, wovon ich rede und was “der Markt” so haben möchte. Daß sich da schon viel verändert hat und heute Final Cut Pro Drei-Maschinen-Schnittplätze ersetzen mit DVE ersetzen kann, das habe ich schon mitbekommen. Das ändert nix dran, daß sie derzeit alle auf HDTV umstellen müssen, was schweineteuer ist. Und daß es den “Herrn der Ringe” gab, wirkt sich auch unmittelbar auf das aus, was Zuschauer sehen wollen.

    Im Adenauer-Deutschland war Demokratie noch was anderes als heute. Deshalb wäre das gar nicht möglich gewesen, das “was wäre wenn”. Aber zum Glück gab’s ja 68 … so einen Naturzustand zu diskutieren, könnte aber tatsächlich erhellend sein. Mach mal! ;-)

  25. 14.07.2006 | 10:38

    Solange die Öffentlich-Rechtlichen bei diesem 100 Meter Lauf dank GEZ 50 Meter Vorsprung bekommen, ist jede Diskussion was Private zu leisten vermögen und was nicht, halt nur Plauderei.

  26. googlehupf
    14.07.2006 | 10:42

    “Ich rede ja jetzt und nicht in 20 Jahren.”

    Mir gings lediglich um das kleine Wörtchen nie.

    “Das ändert nix dran, daß sie derzeit alle auf HDTV umstellen müssen, was schweineteuer ist. Und daß es den “Herrn der Ringe” gab, wirkt sich auch unmittelbar auf das aus, was Zuschauer sehen wollen.”

    Ich glaube es wird nur wenige Jahre dauern dann sind die Produktionsmehrkosten durch HDTV auch wieder nivelliert. Die Technik entwickelt sich natürlich immer weiter aber ich denke die Kosten für den Zugang sinken schneller als die Technik sich nach vorn entwickelt - ich selber habe da vielleicht nicht den Einblick wie du aber ich finde meine Aussage aufgrund der Entwicklung der Informationstechnologie in den letzten 20 Jahren nicht allzu kühn. Ich glaube auch nicht, dass Zuschauer einer Polit- oder Kultursendung epochale Ausmaße, Elfen, Zwerge und Hobbits erwarten. ;)

    “Mach mal!”

    Ich kann mir vorstellen, dass wir jetzt ein “besseres” privates Fernsehen hätten als wir es jetzt haben hätte es den ÖR nicht gegeben. Vermutlich in der Form dass es neben den normalen Sendern vermutlich ein paar kleinere, “bessere” Sender hätte geben können. Der Umfang des Programms wäre vermutlich geringer als das was wir heute über den ÖR haben, davon gehe ich aus. Aber ich denke dadurch ,dass der ÖR die “Qualitätssparte” so früh besetzt hat wurde die Entstehung von “Qualitäts”-Privatfernsehen gehemmt.

  27. 14.07.2006 | 10:49

    @MomoRules

    Die Begründung für das Eintreiben der Zwangsgelder ist also, dass sich eine elitäre Minderheit mit dem Schicksal nicht-elitärer Minderheiten beschäftigen kann, ohne selbst dafür aufkommen zu müssen. Das allein wäre etwas dürftig, also brauchst du dazu noch einen behaupteten Nutzen, der dem Gemeinwesen aus dieser Beschäftigung erwächst. Einen Nutzen aber, den die nicht-elitäre Mehrheit, die sich dem Zuschauen dieser wichtigen Beiträge ja weiterhin verweigert, ohne die elitäre Minderheit nicht erfahren würde.

    Meritorisches Gut. Mein Reden.

    Das mit dem Sozialdarwinismus ergab sich übrigens aus Deiner Dikussion

    Bisher exklusiv für dich. Aber vielleicht kannst du das einem begriffsstutzigen Anti-Aufklärer mal erläutern?

  28. 14.07.2006 | 12:22

    @Googlehupf:

    Das mit der technischen Entwicklung und den Kosten: ‘n Flame beispielweise ist so viel billiger heute auch nicht als vor 10 Jahren. Man kann zwar mit After Effects z.B. auch vieles machen, anderes aber auch nicht. Da wird sich auch was tun, auch Kostengünstiges, und als alter Materialist hoffe ich ja auch auf einen Wandel der Produktionsverhältnisse durch Produktivkraftentwicklung. Aus der Nummer, daß z.B. eine Sendung wie “Abenteuer Wissen” sich in Look und Erzählweise je nach Thema “Sieben” oder “Indedependance Day” zumindest schrittweise anzuähneln sucht, kommt man dadurch nicht raus. Es geht ja weniger um Hobbits und Elfen, sondern zum Teil darum, daß z.B. die Werbung ein ästhetisches Niveau in Sachen “Tricktechnik” generiert, an das Zuschauer sich auch gewöhnen - was nicht ausschließt, daß dann im Gegenzug eine “Big Brother”-Ästhetik sich mit formiert, was aber bei all den Kameras, Zuspieler etc. auch ziemlich teuer ist. Und so’n BMW-Werbespot entspricht von den Kosten her ungefähr einer 12-teiligen ARTE-Doku.

    Und zu den Gründertagen: Das kann sogar so sein, wie Du schreibst, in den 50ern, als noch ein klassischer Bildungsbegriff das Fernsehen in Europa prägte. Ab den frühen 80ern wäre damit Schluß gewesen. Das halte ich sogar für belegbar: VOX z.B. hat Anfang der 90er versucht, ein visuell frisches und inhaltlich ganz schlaues Fernsehen, z.B. mit Sendungen wie “Liebe Sünde” oder “Canale Grande” zu machen. Da fanden sich nicht genug Werbekunden, und dann wurde umgebaut.

    @Rayson:

    Deine seltsamen Eliten-Konstruktionen gehen an dem vorbei, was ich schreibe, deshalb argumentierst Du auch gerade nicht, sondern betreibst Weltbildbewahrung. Nein, ich tue das nicht, ich beschreibe ja die ganze Zeit, was Märkte hervorbringen, und auf die entscheidenden Punkte kam keinerlei Antwort.

    Es geht nicht darum, daß eine “Elite” sich mit Marginalisierten beschäftigt, dieser Elitebgriff, sorry, ist Nonsens. Dann ist jede funktionale Differenzierung z.B. nach Berufsrollen - wasweißich: Der eine sitzt in der Buchhaltung, der andere am Empfang - Elitenbildung. Elite impliziert immer eine Wertung und eine drauf gründende Hierarchie, die Du da hineinprojizierst. Als mein Schwager interimsweise im Knast gesessen hat, waren einige sehr froh, daß er lesen und schreiben kann und ihnen z.B. beim Briefeschreiben geholfen hat.

    Um Statler zu zitieren: Eine Gesellschaft braucht ja nicht nur Märkte, sondern auch z.B. Normen. Nun gibt es ganze Wissenschaftszweige, die sich eben damit beschäftigen. Im besten Falle würden sie, vermittelt über Medien, die eben Öffentlichkeit konstuierfen, in den Diskurs eingespeist. So könnte eine Selbstverständnisdebatte über das Normative stattfinden - Leitkultur oder Kant? So können sie für Input in solchen Debatten sorgen, ohne freilich jetztin Ethik-Räten über irgendjemanden zu bestimmen. Sie generieren Argumente: Dafür ist ja Bassam Tibbi ein gutes Beipsiel.

    Die konkrete Art, wie darüber diskutiert wird, ist aktuell zum einen an fast ausschließlich an die Interessen von Anzeigenkunden gekoppelt, von Werbung Schaltenden etc., und das öffentlich-rechtliche System ist so blöd, wie auf allen anderen gesellschaftlichen Ebenen auch, sich an ökonomische Kriterien zu assimilieren. Statler schrieb dazu neulich in meinem Blog: Die doofen Politiker haben das alles im Gegensatz zu ihm gar nicht verstanden und assimilieren sich gewissermaßen falsch aus Blödheit- , eben an Quote oder unmittelbare Verwertbakeit des Wissens.

    Ich plädiere im Gegensatz dazu, auch jene gesellschaftlichen Gruppen, denen sonst nicht zugehört würde, eine Stimme zu verschaffen über öffentlich-rechtliche Medien. Das ist der Kern von Demokratien, die auf Individualrechten gründen: Jede Stimme zählt gleich. Der “Nutzen” ist ein moralischer. Und da kann man einfach nür zu überzeugen versuchen. Und wenn die Argumente aus eurer Ecke in demokratischen Prozessen siegen sollten, dann kann man natürlich auch niemanden zu etwas zwingen, wenn man für Demokratie eintritt. Dann müßte man obigen Weg der Aufsplittung der Distributionswege wählen, und Du müßtest frei entscheiden können, ob Du nun ZDF gucken willst oder nicht.

    Das Problem ist, das Politik aktuell nicht demokratisch funktioniert, sondern als vermeindlich problemlösendes Handlungssystem und sich eher über Machterhalt, nicht über öffentlich diskutierte Argunmente, reproduziert.

    Und dann erläuter doch einfach noch mal Dein “meritorisches Gut”. Vielleicht überzeugst Du mich ja.

    Deine Argumentation gründet zumeist darin, daß Du Deinem Gegenüber unterstellst, jetzt im Sinne Lenins Gessellschaft nach dem Vorbild der deutschen Post aufbauen zu wollen (den fand ich lustig da bei den Gebloggten Welten). Nein, eben nicht: Ich plädiere für demokratische Institutionen, die Gemeinschaftliches betreffende Fragen argumentativ diskutieren und dann in Handlungen umsetzen unter Abwägung der Interessen aller Betroffenen (die extreme Linke würde mich an diesem Punkt zum Hanswurst erklären, und die Libertären auch). Für mich sollten öffentlich-rechtliche Medien solche sein.

  29. 14.07.2006 | 13:06

    @MomoRules

    Komisch, dass ich eine ganz andere Auffassung davon habe, wer hier Weltbildbewahrung betreibt, oder?. In meiner Sicht beschreibst du nicht, sondern stellst einfach nur Behauptungen auf und versuchst, einzelne Ausschnitte deines Wahrnehmungsfelds zu allgemeinen Gesetzen hochzuschreiben. “Entscheidende Punkte”, die sich nicht aus elitärem Bewusstsein speisen würden, sind mir jedenfalls entgangen.

    Wo auch immer du ein in den Begriff “Elite” hineinprojiziertes Bild siehst: Der Projektor muss bei dir stehen. Zeig mir doch mal, wo ich den Begriff wertend verwende. Deine Implikationen muss ich nämlich keinesfalls übernehmen: In konservativen Kreisen z.B. ist Elite sehr positiv besetzt. Ich finde es allerdings hoch interessant, welche Gruppenbildungen aus deiner Sicht zulässig sind und welche nicht. Jedenfalls stellen Menschen, die über eine gegenüber dem Durchschnitt deutlich bessere Ausbildung und bessere Verdienstmöglichkeiten verfügen, für mich ganz klar eine gesellschaftliche Elite dar.

    Unsere Diskussion krankt m.E. auch ein wenig daran, dass du mit abstrakten Idealen operierst, während ich versuche, die tatsächlichen materiellen Implikationen deutlich zu machen. Du redest von “Öffentlichkeit”, ich frage: Wer ist sie denn, diese “Öffentlichkeit”? Vielleicht ein zahlenmäßig kleiner Kreis von Leuten, der sich fast selbstreferenziell dazu erklärt?

    Wenn du als Gegenmodell die Anzeigenkunden ins Spiel bringst, muss ich mich wiederholen: Die Interessen von Anzeigenkunden sind keine originären, sondern abgeleitete. Der Anzeigenkunde will Inhalte, die nicht ihn, sondern seine potenziellen Kunden interessieren. Er gibt sich auch sehr viel Mühe, deren Interesse zu ermitteln.

    Der “Nutzen” ist ein moralischer.

    Perfekt. Danke. Folge er diesem Link.

    Deine Argumentation gründet zumeist darin, daß Du Deinem Gegenüber unterstellst, jetzt im Sinne Lenins Gessellschaft nach dem Vorbild der deutschen Post aufbauen zu wollen.

    Soweit ich mich erinnern kann, habe ich bisher keinem irgendetwas unterstellt. Ich versuche nur, aus einem Wust von Begriffen eine für mich nachvollziehbare Argumentation herauszukristallisieren. Aber dass manche Menschen diesen Wunsch haben und ihn nachvollziehbar auch leben, würde ich auch nicht bezweifeln.

    Ich plädiere für demokratische Institutionen, die Gemeinschaftliches betreffende Fragen argumentativ diskutieren und dann in Handlungen umsetzen unter Abwägung der Interessen aller Betroffenen (die extreme Linke würde mich an diesem Punkt zum Hanswurst erklären, und die Libertären auch).

    Ich habe weder Anlass noch Bedürfnis, dich zu irgendwas zu erklären, aber vermutlich wird das, was du als libertäre Position vermutest, der meinen recht nahe kommen. Zumindest, was die Kritik an solchen Sätzen betrifft. Weniger, was an Lösungsvorschlägen herauskommt. Und ja, man kann das trennen.

  30. 14.07.2006 | 13:35

    @Rayson:

    “Wer ist denn bitte die Öffentlichkeit” ist eine Frage “Wer ist denn bitte der Mannschaftsgeist”. Aber dazu gibt es ja die kleine Serie in meinem Blog, wie sich die konstituiert - Du und ich, wir sind hier auch gerade ein Teil davon.

    Das Elitenbild der Konservativen finde ich übrigens in der Tat unmoralisch, alleine schon, weil es nicht zufälig der Leninschen Avantgarde ähnelt. Ich finde es auch empörend, daß ich mehr verdiene als beispielsweise eine Krankenschwester, by the way. Ansonsten argumentiere ich mit Aufgabenverteilungen dessen, was in demokratischen Prozessen für wünschenswert befunden wurde, das ist doch nicht irgendein abstraktes Thesengerüst.

    Und zu vielen Themen würde ich lieber der Krankenschwester Gehör verschaffen als einer Bundesgesundheitsministerin, geschweige denn Pharmakonzernen, ist nur konkret nicht mein Sujet. Ich meinte übrigens konkret z.B. die Freiheitfabrikanten und gar nicht Dich mit den Libertären. Die lesen sich aber lustig, die Freiheitsfabrikanten.

    Ich habe selbst schon an medialen Projekten mitgearbeitet, wo Sponsoren unmittelbar in die Gestaltung eingegriffen haben (was habe ich mich geschämt), ebenso Interventionen von Werbekunden in Inhalte mit harten Bandagen (konkret: Tierversuche und ein Kosmetik-Konzern. Es ging nicht um falsche Behauptungen, sondern das Thema als solches war nicht erwünscht, da sind wir aber nicht eingeknickt - mittlerweile müßten wir, wenn wir uns am Markt halten wollen). Kaum ein Medium traut sich mehr, diese Finanziers zu kritisieren, wenn sie Anzeigen oder Werbung schalten.

  31. 14.07.2006 | 14:10

    @MomoRules

    Die Frage “Wer ist die Öffentlichkeit?” ist schon nicht so flach gemeint, wie sie vielleicht klingt. Dass wir beide ein Teil davon sein sollen, widerspricht meiner Elite-These nicht.

    Ansonsten argumentiere ich mit Aufgabenverteilungen dessen, was in demokratischen Prozessen für wünschenswert befunden wurde, das ist doch nicht irgendein abstraktes Thesengerüst.

    Vielleicht nicht “irgendeins”, aber eines. Aus meiner Sicht, die auch in angeblich so hehren demokratischen Prozessen Eigennutz und Machtanspruch am Werke sieht und deren fehlender Thematisierung von Anfang an sehr skeptisch gegenübersteht, jedenfalls in weiten Teilen.

    Ich meinte übrigens konkret z.B. die Freiheitfabrikanten und gar nicht Dich mit den Libertären.

    So habe ich es auch verstanden. In vielen Aspekten der Kritik, auch wenn sich diese bei denen in erster Linie gut sektiererisch gegen abweichlerische Liberale richtet, kann ich denen nämlich gut und schnell folgen. Mit dem libertären Reich Gottes auf Erden habe ich aber so meine Probleme…

    Deine Erfahrung mit Sponsoren mag aus deiner Sicht bedauernswert sein, aus meiner Sicht erfüllen diese nur ihre Funktion. Für die Medien ist das Vertrauen ihrer Zuschauer, Zuhörer und Leser viel wichtiger: Wer das hat, kann sich auch mit Anzeigenkunden anlegen. Siehe abgeleitetes Interesse. Zum Beispiel ist die wohl erfolgreichste deutsche Computerzeitschrift bekannt dafür, dass sie sich beim Testen nicht um Anzeigen schert.

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