1. August 2006
False Friends
“False Friends” gibt es nicht nur beim Fremdsprachenunterricht.
Ich finde es großartig, wie Boche für die Sache Israels eintritt, und ich kann all seinen Beiträgen dazu bisher zustimmen. Das ist das eine. Das andere ist eine “Israel macht alles richtig”-Glorifizierung, die als “pro-westlich” verkauft wird. Es ist keine Frage, wem meine Sympathie gilt, wenn es um das Existenzrecht Israels geht. Aber es muss erlaubt sein, über den Weg zu streiten, mit dem dieses am besten erreicht werden kann. In einer solchen Diskussion per se mit der Antisemitismus-Keule um sich zu schlagen, ist notwendigerweise Unsinn. Mag sein, dass es in einem bis drei Fällen von zehn zutrifft, aber beim Rest eben nicht.
Ich habe den Eindruck, als ob eine Diskussion hier nur sehr rudimentär stattfindet. Die eine Seite erwartet von der jeweils anderen bestimmte Codewörter, ohne die ein Recht zur Ausgrenzung greift. Mir ist es da egal, mit welchen Attributen die Ausgrenzung begründet wird: “Antisemitismus” ist letztlich ebenso wohlfeil wie “kapitalistischer Imperialismus”. Was nicht ausschließt, dass Antisemiten zur aktuellen Entwicklung im Nahen Osten eine Meinung haben: Wir können davon ausgehen, dass dies der Fall ist, und wir können ohne große Anstrengungen auch ermessen, wie diese aussieht. Nur lässt sich das nicht auf einfache “Dafür-Dagegen”-Dichotomien reduzieren. Natürlich möchte ich gern einer bestimmten Sorte israelfreundlicher Menschen erklären, dass sie sich auf dem Holzweg befinden, aber brauche ich dazu deren Denunzierung als “antisemitisch”? Reicht es nicht, ihnen zu sagen, dass sie irren? Ich habe die moralische Aufrüstung immer als typisch linke Strategie empfunden - müssen Konservative und Liberale zu denselben “Waffen” greifen?
Gerade als Liberale sollten wir nicht der Versuchung unterliegen, im Zweifelsfall all das als “antisemitisch” zu erklären, was unserer Einstellung widerspricht. Selbst wenn ein gutes Teil des Widerspruchs in dieses Raster fallen würde - pars pro toto gilt auch hier nicht. Es gibt da eine ganz andere Gefahr, nämlich die, über die Unterstützung Israels in das Fahrwasser der Antideutschen zu geraten. Das ist keine Gefahr für dich und mich, aber eine für die Integrität von Diskussionsteilnehmern. Die gemeinsame vordergründige Zielsetzung rechtfertigt keine oberflächlichen Bündnisse. Das gilt für linke Friedensaktivisten, die sich von islamistischen Zirkeln einspannnen lassen, ebenso wie für liberal/konservative Israelfreunde, die gemeinsame Sache mit Antideutschen machen. Beides würde sich, den Maßstäben der Befürworter entsprechend, irgendwann zwingend rächen.
Ich meine, Israel braucht Freunde, die es um seiner Bürger willen tun. Alle anderen, also auch solche, die sekundäre ideologische Süppchen auf einer vordergründig unangreifbaren moralischen Grundlage kochen möchten, werden zu Recht scheitern. Lasst uns um Wege streiten, aber vergesst bitte nie, wo der Feind steht…
Verfasst von Rayson um 00:21 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)