2. August 2006
O-Töne im Nahostkonflikt - und wie sie zustande kommen
Da ich seit mehreren Tagen nicht mehr dazu komme, Spiegel Online zu lesen (um ihn dann totzuschweigen), bin ich auf die Verlinkungen angewiesen, die mir im Internet unterkommen. Nun hat der Kommentator Llarian in der heftigen und bisweilen hitzigen Diskussion “False Friends” auf einen SpOn-Artikel aufmerksam gemacht, der mit folgendem “Hinweis” endet:
Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE hat die israelische Armee den Soldaten Wizer als Interviewpartner ausgewählt. Während des Gesprächs mit dem Verwundeten waren zwei Pressesprecher des Militärs anwesend, zuvor war der Mann 10 Minuten lang von den Pressesprechern gebrieft worden.
Llarian kommentiert das wie folgt:
Ist das erste Mal, dass ich einen solchen Absatz sehe, kommt in keinem Pali-Interview vor, oder in irgendwelchen Reports aus Qana. Das ist schlicht und einfach boshaft mit einer ganz gezielten Absicht.
Ich möchte mich dieser Einschätzung ausdrücklich anschließen. Dieser “Hinweis” ist eine bisher beispiellose Denunziation. Dabei hätte ich gegen einen solchen Disclaimer gar nichts einzuwenden - im Gegenteil. Ich fände das sogar ganz wunderbar, wenn zu jedem Interview und zu jeder Reportage und zu jedem Hintergrundartikel in einem Anhang genau erläutert würde, wie er bzw. sie zustande gekommen ist. Dieser Disclaimer müsste auch nicht lang sein - ein, zwei Din A 4 - Seiten würden mir schon reichen.
Bisher gab es soetwas noch nicht. Und wo wird es zum ersten Mal eingeführt? Bei dem mit allen Wassern gewaschenen, fiesen Aggressor Israel.
Zum Vergleich:
Heute sind wir hier, damit wir den Tod von unschuldigen Frauen und Kindern im Libanon beklagen. Es soll endlich Schluss sein mit diesen Parolen von Menschenrechten und dieser Doppelmoral. Wann wollen die Regierungen endlich mal verstehen, dass die Nationen wach geworden sind? Wenn es um Terrorismus ginge, dann müsste Israel wirklich schon Jahre lang wegen diesen ganze terroristische Aktionen, die sie gemacht haben, beschuldigt werden. Es geht wirklich nur um die Interessen einiger Machthaber, die nicht einmal genug haben mit ihren eigene Ländern. Sie wollen die ganze Welt für sich haben.
Sagt eine gewisse Sousan Safverdi in der gestrigen Deutschlandfunk-Sendung “Stellvertreterkrieg im Libanon - Der Iran und seine Paten-Rolle für die Hisbollah”. Da es sich um den DLF und nicht um SpOn handelt, wurde schon vorher angemerkt, dass Demonstrationen wie die, auf der der DLF-Journalist Frau Safverdi getroffen hat, “in der Regel von halbstaatlichen Gruppen organisiert werden” und dass Frau Safverdi in Deutschland studiert hat, seit elf Jahren wieder im Iran lebt und Repräsentantin eines Dachverbandes für Frauengruppen ist.
Ich bin mir bewusst, dass es unsauber ist, den SpOn mit dem DLF und eine Reportage aus einem israelischen Krankenhaus mit einer Reportage von einer Teheraner Demo zu vergleichen, aber es passte gerade so gut, weil ich mich gestern mal wieder gefragt habe, ob es wirklich Not tut, 18 Minuten iranische Propaganda wiederzugeben, die nur milde durch Nachfragen und ironische Zwischenkommentare abgefedert wurde.
Ganz besonders deutlich wird die, nun sagen wir mal, etwas spezielle Behandlung Israels, wenn man sie mit der Art und Weise vergleicht, wie Palästinenser und Palästinenserinnen in deutschen Medien präsentiert werden bzw. sich präsentieren dürfen. Sie sprechen fast immer als Privatperson, fast immer in gebrochenem Deutsch oder Englisch, werden überwiegend als einfache Leute dargestellt, die erst durch [aktuelles Nahostereignis einfügen] zu bedingungslosen Israelhassern geworden sind. Und “gebrieft” sind Palästinenser natürlich nie; alles, was sie sagen, entstammt ihrem eigenen Empfinden und Nachdenken und folgt dem gesunden, keinesfalls durch irgendwelche Medien verunreinigten, Menschenverstand.
In diesem Zusammenhang möchte ich nochmal auf das Feature ”Töchter des Terrors - Die Frauen der Hamas” (als mp3 leider nicht mehr online, aber das Typoskript gibt es hier) hinweisen, das am 24.01.2006 im DLF lief: fast 50 Minuten reinste Hamas-Propaganda, so gut wie unkommentiert. Hinweise darauf, wie der Kontakt zu den Interview-Partnerinnen zustande kam und von wem sie “gebrieft” waren? Fehlanzeige.
Im Sinne der medienwirksamen Waffengleichheit warte ich nun seit einem halben Jahr auf ein Feature “Wie ich meine Heimat Gush Katif verlassen musste” oder “Arik, der weiseste Staatsmann aller Zeiten”. Bis jetzt: ebenfalls Fehlanzeige.
Verfasst von Marian Wirth um 19:36 Uhr in der Kategorie Allgemein, International, Presse / SPON- und taz-Blog (Trackback)