Elsewhere

Die Zwischenüberschriften des ”Morning Brief, Monday, August 7” des Foreign Policy Blogs Passport sind symptomatisch für die Berichterstattung der letzten Wochen:

Crisis in the Middle East

Iran

Elsewhere

Dass der Nahostkonflikt vielleicht ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit bekommt, ist ja nun schon oft genug thematisiert worden (neulich erst wieder von Ethan Zuckerman: Is Israel a problem for the Democratic Republic of Congo?); verstärkt wird dieser Eindruck, wenn man sich mal anschaut, was heute unter anderem unter “Elsewhere” abgehandelt wird:

The US slaps sanctions on firms in Russia, North Korea, Cuba, and our new nuclear friend India for allegedly transferring WMD equipment and technology to Iran.

Muss einem da nicht (wenigstens für kurze Zeit) der Atem stocken? Zuerst wird Indien von George W. Bush dafür belohnt, dass es  - im Gegensatz zum Iran - so clever war, dem Atomwaffensperrvertrag erst gar nicht beizutreten - und jetzt macht es das, was im Falle des Iraks (als bloße Möglichkeit!) einer der Hauptgründe für den Krieg gegen Saddam Hussein war? Na super. 

(Nein, es spielt für mich keine wesentliche Rolle, dass es nach den Erkenntnissen der US-Regierung nicht die indische Regierung, sondern “nur” indische Firmen sind, die den Iran mit Gütern beliefern, die potentiell zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen geeignet sind… Ach so, ich vergaß, Indien ist ja die größte Demokratie der Welt. Dann ist ja alles in Butter.)

Ähnliche Beiträge


22 Kommentare zu “Elsewhere”

  1. 7.08.2006 | 22:16

    Ja, Indien ist ein aufstrebender Industriestaat und ökonomisch ein weitaus angenehmerer Ort für Geschäfte und Investitionen als die launische Diktatur China. Da stört so ein kleiner Dauerkonflikt um Kashmir (bei dem es etliche ziemlich dreckige Kriege gab und bis dato auch schon mal mit dem nuklear verstärkten Säbel gerasselt wird, auch von indischer Seite) nicht sonderlich, und über ein paar nukleare Exporte und die Nichtunterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages kann man unter Freunden auch mal hinwegsehen.

    Ich finde es beängstigend, wie sehr bestehende und sich anbahnende Kriege und Krisen überall in der Welt in den Schatten des “Nahostkonflikts” geraten. Neben den “üblichen Gründen” (in Dafur gibt es bekanntlich keine 5-Sterne-Hotels) vermute ich eine (uneingestandenene) religiöse Aufladung des “heiligen” Landes gerade in den christlich geprägten Ländern des “Westens”. Dieser nicht sonderlich fruchtbare Landstrich am östlichen Mittelmeer scheint für “uns” nicht einfach ein beliebiger Landstrich zu sein hat.
    Der Kreuzfahrergeist steckt “dem Westen” noch in den Köpfen - damit haben die Islamisten schon recht, wenn auch vermutlich anders, als sie es meinen.

  2. Marian Wirth
    7.08.2006 | 22:49

    Martin,

    ich bin nach drei Jahren im “Chindia”-Business gar nicht mal so sicher, welches von den beiden Ländern in 20 Jahren eine launische Diktatur sein wird (immer noch China? oder eher Indien? oder beide? oder keines von beiden?).

    Eigentlich müsste man sich mehr mit Pakistan und der EU-Afrikapolitik (hier wäre eher der Plural angezeigt) beschäftigen, aber das bleibt ja jedem, der einen Internetzugang hat, selbst überlassen. Wer suchet, der findet. Wer sich auf ARD und ZDF verlässt, dem ist nicht zu helfen. Und wer gezwungen ist, sich auf ARD und ZDF zu verlassen? Tja…

  3. 7.08.2006 | 22:59

    @MartinM

    Es gibt einige Gründe, warum bei uns der Nahost-Konflikt so eine prominente Rolle einnimmt.

    Weil er über Ölboykotte und Flugzeugentführungen in den 70er Jahren auch in unsere Breiten getragen wurde. Weil die USA involviert sind. Weil die Voraussetzungen für Fernsehbilder besser sind. Weil in unseren Ländern sowohl Araber bzw. Muslime als auch Juden leben, die öffentlich Partei ergreifen. Weil speziell Deutschland ein besonderes Verhältnis zu Israel hat. Weil es schlechthin auch um Öl geht.

    Religion sehe ich da so gut wie gar nicht im Spiel, zumindest nicht auf westlicher Seite. Es gäbe auch keinen Grund dafür.

  4. 7.08.2006 | 23:05
  5. 7.08.2006 | 23:16

    Na klar, und diese Spinner dominieren die westliche Öffentlichkeit.

  6. 7.08.2006 | 23:20
  7. 8.08.2006 | 2:35

    @Rayson: die von Dir angeführten Gründe, weshalb der Dauerkonflikt um Israel/Palästina besteht, treffen selbstverständlich zu - allerdings bin ich der Ansicht, dass sie oft als Rationalisierungen eines zutiefst “irrationalen” Konfliktes herhalten müssen. Den Grund: “Weil in unseren Ländern sowohl Araber bzw. Muslime als auch Juden leben, die öffentlich Partei ergreifen” sehe ich als wirklich stichhaltig an, die anderen Gründe gelten in Prinzip auch für andere, in unseren “Massenmedien” wenig beachtete Konflikte. Es gibt nun mal nicht allzuviele Tscherchenen in Deutschland.
    Dass das Weltbild z. B. eines Georg W. Bush extrem religiös (im Sinne eines mänichistisch vereinfachten Christentums) geprägt ist, und dass dieses Weltbild, dass von weiten Teilen nicht nur der US-Bevölkerung geteilt wird, ist für mich evident. Noch evidenter ist der “Kreuzfahrergeist” übrigens bei jenen, die auf ihren Blogs Buttons wie “Islamophobic and proud of it” anbringen - selbst wenn diese “Moslemfresser” mit christlicher Religion nichts am Hut haben.
    Der entscheidende Punkt ist für mich aber: Ortangaben wie “Jerusalem”, “See Genezaret” oder “Bethlehem” haben
    für jemanden, der “christlich-abendländisch” sozialisiert ist, eine ganz besondere emotionelle Aufladung, die sonst allenfalls “bedeutsame Stätten” des eigenen Staates haben. (Die Teil der “Zivilreligion” des betreffenden Staatswesens sind.)
    Vielleicht sollte ich den Begriff “Religion” gegen den Umfassenderenden der “kulturellen Struktur” oder genauer der “metaphysischen Struktur eines Kulturkreises” ersetzen.

    @Marian: die “Zukunft” ist ungewiss, deshalb kann China in 20 Jahren durchaus eine gefestigte Demokratie sein, und Indien ein völlig durchgeknallte Diktatur. Allerdings weist China eine buchstäblich jahrtausende lange Tradion zutiefs autoritären System auf, die einem Diktator das Handwerk erleichtern - in ähnlicher Weise, wie der “deutsche Untertanengeist” es deutschen Politikern erleichtert, diktatorische Strukturen zu etablieren - bis heute. Die “deutsche Zivilreligion” ist immer noch eine der Staatsvergötterung, der Ausgrenzung, der Konfliktscheu nach innen.

  8. 8.08.2006 | 9:52

    @Marian

    Ich glaube, die Religion ihres Präsidenten spielt bei der Nahost-Politik der Amerikaner keine Rolle. Dazu ist sie sich über die Jahrzehnte und Präsidenten hinweg zu ähnlich.

    Dass vertraute regionale Namen eine Rolle spielen, will ich nicht ausschließen. Das könnte dir aber bei Urlaubsorten oder aus dem Fernsehen bekannten Gebieten ähnlich gehen.

    Einen Punkt habe ich noch gefunden: Der Konflikt eignet sich perfekt zum Schwarz-Weiß-Malen und “erleichtert” so, eine Meinung dazu zu haben. Araber gegen Juden, Moslems gegen Juden, Reich gegen Arm, Klein gegen Groß…

  9. 8.08.2006 | 11:17

    @ Rayson
    Sie ist sich vielleicht deshalb ähnlich, weil die Amerikaner keinen Präsidenten wählen würden, der nicht religiös ist. Ein Atheist hätte dort sicher keine Chance gewählt zu werden. Außerdem haben viele Amerikaner ein manichäistisches Weltbild, siehe Todesstrafe.

  10. 8.08.2006 | 15:43

    Durch besonders religiöses Pathos haben sich z.B. weder Nixon oder Ford noch Clinton ausgezeichnet. Was die Herren so privat glauben, spielt keine Rolle.

    Was “viele” Amerikaner haben oder nicht haben, ist auch irrelevant. Wichtig ist, ob es die Nahost-Politik bestimmt. Und hier gibt es nicht nur keine Anzeichen für eine religiöse Motivation, sondern auch keinen Ansatzpunkt.

  11. Kane
    8.08.2006 | 16:43

    @Rayson

    Zerstör doch nicht die Vorurt….äh das Weltbild von Klaus.
    Das ist nicht nett;)

  12. Parker8
    8.08.2006 | 16:52

    Na klar, und diese Spinner dominieren die westliche Öffentlichkeit.

    Diese Bevölkerungsgruppe ist ganz sicher eine wichtige Kraft in der Formierung der amerikanischen (republikanischen) Außenpolitik. Für die amerikansche Art des Protestantismus spielt ja auch das Alte Testament eine viel größere Rolle als in Europa. Man darf das nicht überbewerten, aber das ist sicher der religiöse Zugang zum Nahostkonflikt in den USA.

  13. der gute don
    8.08.2006 | 17:43

    es ist bei der Betrachtung der Korrelation zwischen Religion und Außenpolitik der USA sicherlich hilfreich zu bedenken, daß Religionsfreiheit sich in weiten Teilen Amerikas auf die Frage beschränkt, welcher der vielen verschiedenen christlichen Kirchen man anhängt.

  14. 8.08.2006 | 19:02

    @Parker8

    Diese Bevölkerungsgruppe ist ganz sicher eine wichtige Kraft in der Formierung der amerikanischen (republikanischen) Außenpolitik.

    Ich dachte immer, das wäre Big Business? Man lernt eben nie aus… Ernsthafter: Ich glaube das nicht. Was an der US-Außenpolitik ist im engeren Sinn religiös? Es gab einen, Demokrat übrigens, der das mal annähernd versucht hat, damit aber mächtig auf die Schnauze gefallen ist. Und in letzter Zeit den Versuch der Neocons, Demokratie nach US-Vorbild als Religionsersatz zu nehmen, dem auch nicht viel Erfolg beschieden war. Ansonsten ist die US-Außenpolitik die typische eines Imperiums.

    @der gute don

    Auch da glaube ich nicht, dass deine “weiten Teile”, wo angeblich keine Religionsfreiheit herrscht, irgendwelches Interesse an der US-Außenpolitik haben, geschweige denn im religiösen Sinn maßgeblichen Einfluss ausüben. Denen ist höchstens wichtig, dass der Präsident verheiratet ist und Kinder hat.

  15. Parker8
    8.08.2006 | 19:39

    Was an der US-Außenpolitik ist im engeren Sinn religiös?

    Nur wenig. Da haben wir uns falsch verstanden. Aber die Stimmen der evangelikalen Rechten bekommt der Präsident(schaftsbewerber) nur, wenn er strikte in Übereinstimmung mit Israel Politik betreibt. Und dafür ist das Motiv religiöser Natur.

    Ansonsten ist die US-Außenpolitik die typische eines Imperiums.

    Dazu hat Alan Posener sich vor kurzem mal kritisch ausgelassen.

  16. 8.08.2006 | 20:05

    Aber die Stimmen der evangelikalen Rechten bekommt der Präsident(schaftsbewerber) nur, wenn er strikte in Übereinstimmung mit Israel Politik betreibt.

    Meinst du? Ich bezweifle, dass gerade diese Kreise vor Wahlen besondere Aufmerksamkeit auf Außenpolitik richten. Wie ja auch generell die Amerikaner weniger damit am Hut haben. Andersherum gesagt: Diese Kreise würden Bush auch wählen, wenn er Israel jetzt zu einem Waffenstillstand zwingen wollte. Bei denen kommt es viel mehr auf die “Werte an, für die ein Kandidat steht”, weniger auf konkrete Politik - mit Ausnahme von Todesstrafe und Abtreibung vielleicht.

    Auf der anderen Seite hat auch Clinton, der sicher nicht auf die Stimmen der Evangelikalen rechnen konnte, keine großartig andere Israelpolitik verfolgt.

    Im Übrigen kann ich nicht erkennen, wo Posener Münkler widerlegt hätte. Aber vielleicht bin auch nur zu dumm dazu.

  17. 8.08.2006 | 20:13

    Ach übrigens, Parker8, nicht, dass ich deine Diskussionsteilnahme hier nicht begrüßen würde, aber: Hier geht es doch gar nicht um Einkommens- und Vermögensverteilung!? ;-)

  18. Parker8
    8.08.2006 | 22:08

    Auf der anderen Seite hat auch Clinton, der sicher nicht auf die Stimmen der Evangelikalen rechnen konnte, keine großartig andere Israelpolitik verfolgt.

    Camp David mit Bush? Könnte ich mir nicht recht vorstellen.

    Im Übrigen kann ich nicht erkennen, wo Posener Münkler widerlegt hätte.

    Widerlegt wäre zu stark. Aber Posener leitet IMHO den erratischen Charakter der amerikanischen Außenpolitik besser her.

    Hier geht es doch gar nicht um Einkommens- und Vermögensverteilung!?

    Och, ich hab noch ein paar andere Interessen.

  19. 8.08.2006 | 22:15

    Camp David mit Bush? Könnte ich mir nicht recht vorstellen.

    Ich schon. In seiner zweiten Amtszeit auf jeden Fall.

    Aber Posener leitet IMHO den erratischen Charakter der amerikanischen Außenpolitik besser her.

    Könnte der nicht daran liegen, dass die USA ein Imperium sind, das seine Rolle nicht gefunden, nicht begriffen oder nicht akzeptziert hat?

    Och, ich hab noch ein paar andere Interessen.

    Du siehst mich erstaunt. ;-)

  20. Stefan Eich
    8.08.2006 | 22:46
  21. 8.08.2006 | 23:26

    Lieber Stefan, der Link tauchte in ebendiesem Faden schon auf und wird in der Diskussion berücksichtigt.

  22. Stefan Eich
    9.08.2006 | 22:47

    Aber da fehlt mir in der Diskussion doch etwas der irrationale esotherische Ausgangspunkt dieser evangelischen Gruppierung,
    so die Vernunft und der Logos als Steuerung ausfällt.

Bad Behavior has blocked 970 access attempts in the last 7 days.