Ein Spreeblick gen Israel

Eigentlich möchte ich mich ja lieber wieder China zuwenden, aber “der sechste Krieg” lässt mich halt doch nicht los…

Johnny vom Spreeblick hat eine Bekannte, die seit einem Jahr in Israel lebt, um einen “Bericht über ihre ganz persönlichen aktuellen Eindrücke” gebeten - und sie ist dieser Bitte nachgekommen: Ein Bericht aus Israel.

Ich möchte zwei Aspekte aus diesem sehr lesenswerten Bericht sowie der folgenden, weit weniger lesenswerten Diskussion herausgreifen (unter von mir gewählten Überschriften):

Frieden und innere Ruhe

Am Ende des ersten Kapitels (”Ein paar Worte vorweg”) schreibt “Julie” über das Leben der normalen Israelis in Friedenszeiten (wenn man davon im Nahen Osten überhaupt jemals sprechen kann): 

Am Wochenende wird die Familie ins Auto gepackt zusammen mit jeder Menge Verpflegung und dann geht es ab an den Strand oder in die Berge oder einfach nur zum Teich mit Park in die naechste Ortschaft. Ganz schoen spiessig koennte man meinen, aber was die Menschen hier suchen und wollen, ist Frieden und innere Ruhe.

So habe ich das auch erlebt während meiner vier Aufenthalte in Israel (1986, 1987 und 1991 - insgesamt etwas über drei Monate).

Ganz am Ende ihres Berichts schließt die Autorin die Klammer mit folgendem Absatz: 

Ich glaube, schlussendlich glaubt hier nur noch etwa die Haelfte, dass “Wir gewinnen werden”. Wir haben schon soviel verloren und wir verlieren jeden Tag mehr. Wir alle haben mindestens einen Menschen aus der Familie, der im Norden sein Leben riskieren muss. Wir alle vermissen die Wochenendtrips an den Strand oder in die Berge oder einfach nur zum Teich mit Park in die naechste Ortschaft; nur wieder Frieden und innere Ruhe.

Eine ganze Reihe von Spreeblick-Kommentatoren haben ihr diesen letzten Satz sehr übel genommen und - in typischem Blogger-Sprech - angemerkt, “Ironie gehe hier ja wohl gar nicht”. Dabei haben diese Kommentatoren offenbar unberücksichtigt gelassen, dass es sich um eine Wiederholung der Worte vom Anfang des Textes handelte - und eben nicht um Ironie. Für mich ist diese von “Julie” zum Ausdruck gebrachte Gefühlslage sehr nachvollziehbar und ich nehme ihr das - ganz unironisch - auch ab. Es ist ein Beleg dafür, dass Israel auch nach Jahrzehnten in diesem Dauerkonflikt eben keine vollständig ”militarisierte Gesellschaft” ist, wie der begnadete (und gnadenlose) Schwarz-Weiß-Maler Jeffrey Gedmin in seiner heutigen Kolumne unter Bezug auf “europäische Freunde” wohlwollend anmerkt, sondern auch eine Gesellschaft, die endlich mal zur Ruhe kommen möchte. Diejenigen, die den Israelis von vorneherein diese Sehnsucht nach Ruhe und Frieden absprechen, disqualifizieren sich eigentlich für jede weitere Diskussion.

Der Rückzug aus Gaza 

Einen weiteren wichtigen Aspekt erwähnt “Julie”, als sie sich mit dem Rückzug der israelischen Armee aus dem Gaza-Streifen beschäftigt:

Waehrend man hier im letzten Sommer Flagge zeigte in Form von orangen (dagegen) und blauweissen (dafuer) Stoffstreifen, war der sogenannte Pullout (Raeumung der Siedlungen unter staatlicher Aufsicht) nicht wirklich hilfreich fuer den Friedensprozess. Die Orangen propagierten schon direkt nach dem Pullout, dass es die Palaestinenser nicht befriedigen wird, wohingegen die Blauweissen noch immer auf ein Wunder hofften. An der Stelle sei auch erwaehnt, dass Palaestinenser ihre Arbeit vorloren haben durch den Pullout. Viele von ihnen arbeiteten in den Agrikulturbetrieben dort.

Nachdem ein Kommentator nachgefragt hat, warum denn der Rückzug aus Gaza “nicht wirklich hilfreich” gewesen sei, antwortet die Autorin:

Sagen wir es mal so, als der Gazastreifen geraeumt war, gab es viele Ideen von reichen arabischen Staaten (Katar, UAE) dort neu zu bauen, den Menschen eine neue Stadt hinzustellen. Dieses ist sicherlich auf der Metaebene eher kritisch zu kommentieren, aber es waere einen neue Chance gewesen. Was ist passiert mit den Ideen. Gemeinsam dort einen Staat zu gruenden. Und ich weiss, jetzt kommen wieder all die Brandstifter, Benjamins und Renes und erklaeren, die Israelies haetten ihnen das verbaut. Aber nein, nicht nur die Israelis, auch die Menschen dort selber. Sie fingen an, sich ueber die Laendereien zu streiten, Loehe wurden nicht gezahlt… Und wieder zeigte sich, ‘haste nichts, biste nichts’ soll meinen, dass die eh schon reichen Palistinaenser sich wenig um die armen kuemmern und jeder weiter fuer sich seine eigene Suppe kocht. Der fuer mich einzige erkennbare gemeinsame Nenner, ist der Terror. Es hat weder Israel noch die PA weitergebracht.

Mit diesem Statement sprengt sie sehr schön die sich ansonsten ausschließlich um sicherheitspolitische Argumente drehende Diskussion à la “Rückzug ist immer gut, weil es Konfliktstoff aus dem Weg räumt” gegen “Rückzug ist immer schlecht, weil ‘die Araber’ das als Niederlage auffassen und zuschlagen”.

Nein, dieser Konflikt sollte nicht nur unter dem militärischen und sicherheitspolitischen Blickwinkel gesehen werden, sondern eben auch unter dem soziologischen und ökonomischen. So ein Rückzug, von welchen Motiven er auch immer bestimmt sein mag, bringt einiges ins Rutschen, verändert Strukturen und lässt Lebensläufe ins Leere laufen. Und das muss von allen Beteiligten berücksichtigt werden. 

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3 Kommentare zu “Ein Spreeblick gen Israel”

  1. 9.08.2006 | 22:55

    Danke für den wirklich guten Lesestoff, Marian!

  2. Marian Wirth
    9.08.2006 | 23:04

    Boche,

    bitte. Aber Du sollstest Dich lieber bei Johnny und “Julie” bedanken. Ich habe schon überlegt, hier die Kommentare zu schließen. Aber da Johnny es drüben schon getan hat, habe ich diesen Verstoß gegen die Blog-Etikette für tolerabel gehalten.

  3. 9.08.2006 | 23:12

    Dann danke ich Johnny und Julie eben von hier aus.

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