Der Hisbollah-Grünhelm gewinnt gegen die “israelische Meinungsmaschine”

Der Link, den Boche in der Diskussion zu “Der Medien-Krieg” gepostet hat, ist mir dann doch zu schade für den Kommentarbereich:

Zwischen “Stern” und “EU Referendum” (Sendungsbewusstsein)

Und gerade, als ich die dort angegebenen Quellen querlesen wollte, entdeckte ich in meinem Feed-Reader einen neuen Spreeblick-Eintrag: Green Helmet Man. Darin weist Johnny auf einen Artikel aus der heutigen Ausgabe der Berliner Zeitung hin: Im Krieg der Bilder.

Für Johnny ist das ein Beispiel, das “sehr entspannt veranschaulicht, wie sich Blogger und klassische Journalisten bei der Recherche die Bälle zuspielen können”. Ich widerspreche Johnny nur ungern, aber für mich ist dieser Artikel eher ein Beispiel für das Gegenteil:

Ein klassischer Journalist fängt die Bälle der Blogger auf, belegt die Blogger mit typischen Begriffen wie “Leute, die im Internet Tagebuch schreiben”, “Freizeitermittler” und “Computerfreaks”, hebt die Überlegenheit des klassischen Journalismus hervor

Auch Blogger versagen jedoch, wenn sich eine Information nicht im Netz verifizieren lässt, sondern nur durch die journalistische Recherche.

und verzichtet dann sowohl auf journalistische Recherche, als auch auf Verifikation im Netz.

Der Artikel macht auf den ersten Blick einen ausgewogenen Eindruck:

Die Kriegsparteien - die Hisbollah und Israel - nutzen auch das Internet für ihre Propaganda, und es ist oft schwer zu sagen, wie glaubwürdig eine Quelle ist.

Im folgenden werden mehrere Beispiele genannt, zwei davon sehr ausführlich: die Geschichte mit dem Grünhelm und die Geschichte mit dem (angeblich) gefälschten Leserbrief eines Libanesen. Auf die Leserbrief-Geschichte verwendet der Autor 326 Worte - und am Ende steht für ihn fest, dass der Leserbrief tatsächlich gefälscht war. Der Abschnitt über den Grünhelm hingegen besteht aus 516 Worten und endet folgendermaßen:

Die Blogger fragten also: Hatte die Hisbollah den neuen Angriff auf das Symbol Kana provoziert, um Propaganda zu machen? War der “Green Helmet Man” deshalb wieder medienwirksam zur Stelle gewesen? War Kana ein inszeniertes “Hisbollywood”? Dann war es, zunächst, erfolgreich. Denn Israel geriet unter Druck und akzeptierte eine 48-stündige Gefechtspause. Rechercheure der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch konnten in Kana aber keine Reste von Hisbollah-Raketenstellungen finden.

Die Fragen der Blogger bleiben also unbeantwortet. Das ist insofern erstaunlich, als in der NDR-Sendung ZAPP bereits am Mittwoch ein Beitrag gesendet wurde, der selbst die schlimmsten Anschuldigungen “der Blogger” bestätigt: Wahrheit und Fälschung - Bilderflut vom Krieg. (via) Das von Boche erwähnte youtube-Video zeigt nur die Entlarvung des Hisbollah-Grünhelms; ich halte jedoch die gesamte NDR-Sendung für sehenswert.

Mit ein bisschen Recherche hätte der gute Frank Nordhausen von der Berliner Zeitung das herausfinden können und den betreffenden Bloggern denselben Kredit einräumen können, den er den anderen Bloggern zuteil werden ließ, die die Leserbrieffälschung aufgedeckt haben.

Aber es gibt noch eine Passage, die den Anschein der Ausgewogenheit “etwas” trübt (Hervorhebungen hinzugefügt):

Der falsche Leserbrief hat auch deshalb eine solch steile Karriere gemacht, weil Israel im Krieg der Bilder deutlich ins Hintertreffen geraten ist. “Das hat einen einfachen Grund”, sagt der Berliner Medienpsychologe Jo Groebel. “Wer in einem Krieg mehr tote Kinder als Opfer zeigen kann, der hat Recht. Und es gibt zweifellos mehr Opfer im Libanon.” Die arabische Welt, die von Al-Dschasira, Al-Arabia und Al-Manar unaufhörlich live mit furchtbaren Bildern toter Kinder bombardiert wird, ist für Israel ohnehin verloren. Nun droht aber auch die Stimmung im Westen zu kippen.

“Es gelingt der Hisbollah-Seite weit besser, sich als Opfer und Israel als den Angreifer darzustellen”, sagt Groebel. Andererseits kümmern sich die Israelis bisher erstaunlich wenig um die Weltmeinung. Vielleicht haben sie auf einen schnellen Feldzug gesetzt und deshalb keine besondere Propagandastrategie aufgebaut. Wie auch immer: Die bisher hochgelobte israelische Meinungsmaschine hat jedenfalls auffällig wenig bewirkt.

Dass Israel im Krieg der Bilder auf jeden Fall unterlegen ist, hat ja Lila in ihren Letters from Rungholt schon oft genug erwähnt. Dafür ist aber nicht in erster Linie das von dem Medienspsychologen Groebel betonte Opferungleichgewicht verantwortlich, sondern der Umstand, dass die Israelis ihre Opfer überhaupt nicht zeigen. Was sieht man denn, wenn in deutschen Nachrichtensendungen von Selbstmordattentaten auf Pizzerien oder Diskotheken berichtet wird - zerfetzte, blutende, entstellte Leichen? Schreiende Angehörige? Sanitäter, die kindliche Blutklumpen in die Kamera halten und die Szene nochmal wiederholen lassen, wenn der erste Take nicht optimal war?

Nein, man sieht den mit roten oder neonfarbenen Plastikbändern abgesperrten Tatort, auf dem orthodoxe Juden mit latexbehandschuhten Händen briefmarkengroße Leichenteile einsammeln. Kein Wunder, dass das in unserer bildergeilen Medienwelt nicht genug Sprit für die “israelische Meinungsmaschine” liefert! (Meinungsmaschine - was für ein neutrales Wort).

Ich bestreite nicht, dass die Zahal Zivilisten tötet, darunter überproportional viele Kinder. Und ich habe große Zweifel, ob angesichts der chaotischen israelischen Militärstrategie diese zivilen Opfer wirklich gerechtfertigt sind - aber ich lasse mir meine Meinung nicht durch Bilder eintrüben. Die Blogs, die ich zu dem Thema lese, kommen ebenso ohne Bilder aus wie die Zeitungsartikel, die ich online abrufe. Deshalb fällt es mir schwer, mich in diejenigen hineinzuversetzen, die sich ihre Meinung (fast) ausschließlich aufgrund von Bildern bilden. Und ich glaube nicht, dass das auf die Dauer gesund ist. 

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10 Kommentare zu “Der Hisbollah-Grünhelm gewinnt gegen die “israelische Meinungsmaschine””

  1. 10.08.2006 | 18:28

    Danke.

  2. Chris
    10.08.2006 | 19:02

    Sehr gut!
    Wie würde dieser Krieg ablaufen, wenn die Hisbollah nicht diesen Opferkult auch mit Hilfe westlicher Medien abfeiern könnte? Wieviele zivile libanesische Opfer gäbe es dann überhaupt, wenn die Hisbollah nicht auch noch aus den Opfern so skrupellos Kapital schlagen könnte?
    Noch direkter gefragt: Für wieviele Tote sind die Medien als Hisbollahs willige Vollstrecker verantwortlich?

  3. 10.08.2006 | 20:45

    Drei Anmerkungen.

    - Die Frontlinie “Blogger” versus “Journalisten” ist eine künstliche. Es gibt gute Recherchen und schlechte. Manche Recherchen kann man im Internet anstellen, andere nicht.

    - Objektive Berichterstattung aus dem Libanon ist - jedenfalls in von der Hisbollah kontrollierten Gebieten wie Südbeirut und Südlibanon - nicht möglich. Alle Berichterstattung wird von der Hisbollah überwacht. Vgl. dazu http://blog.zeit.de/kosmoblog/?p=469

    - Human Rights Watch (HRW) verliert leider viel von ihrer Glaubwürdigkeit, wenn es erklärt, es könne keine Hisbollah-Raktenstellungen in Kana finden. HRW hat auch Israel vorgeworfen, Kriegsverbrechen zu begehen. Dabei sieht es so aus, als hätten sie sich vor den Karren der Hisbollah-Propaganda spannen lassen. Eine unabhängige Sachaufklärung ist in den betreffenden Gebieten jedenfalls unmöglich. Ohne solche Sachaufklärung einen solchen massiven Vorwurf zu erheben ist aber verantwortungslos.

    Vgl. dazu
    http://americanfuture.net/?p=2010

  4. Marian Wirth
    10.08.2006 | 22:54

    Ulrich Speck

    Die Frontlinie “Blogger” versus “Journalisten” ist eine künstliche. Es gibt gute Recherchen und schlechte. Manche Recherchen kann man im Internet anstellen, andere nicht.

    So ist es. Allerdings halte ich die Voraussetzungen der Journalisten, gute Recherche zu betreiben, immer noch für erheblich besser als die von Bloggern. Und wenn dann gleichzeitig innerhalb einer Woche in der ZEIT, im STERN und im Tagesspiegel Artikel erscheinen, in denen Blogger pauschal als nerdige Verschwörungstheoretiker dargestellt werden, obwohl diese Blogger in zwei Fällen nunmal richtig lagen und es darüberhinaus Millionen von Bloggern gibt, die mit diesem ganzen Enthüllungsbloggen nichts am Hut haben, dann stört mich das ein bisschen.

    Ich habe mich lange von diesem Grabenkampf “Blogger vs. Journalisten” ferngehalten, weil ich weder Journalist noch Vollzeitblogger bin - aber mit dem Miesmachen des Bloggens an sich tragen einige Zeitungsjournalisten dazu bei, dass Deutschland weiter hinterher hinkt. Und das finde ich völlig unnötig.

    Vielen Dank für die Ergänzung zu HRW.

  5. 10.08.2006 | 23:06

    @Marian

    Sogar das “Nerdige” gönnt die “Zeit” den Bloggern nicht:

    Hobbyjournalisten, die auf einfach zu programmierenden Websites publizieren

    Ich würde auch sagen: Der Konflikt entsteht bei den professionellen Journalisten. Es ist ein Rückzugsgefecht, das nicht zu gewinnen ist.

  6. Llarian
    11.08.2006 | 11:27

    Schöner Kommentar, insbesondere zum Thema Ausgewogenheit. Aber eine wichtige Tatsache übersieht der Herr Journalist von der BZ auch ganz jovial: Blogger sind eben NICHT auf reine Netzrecherchen beschränkt, ich würde behaupten in br23 stand seinerzeit erheblich mehr neues und interessantes zu Weißrussland als in den MSM, einfach, weil der Mann (oder die Frau) vor Ort war. Sandmonkey schreibt ebenso von Dingen, die er direkt bei sich vor der Haustür sieht und auch die Briefe aus Rungholt werden nicht in Oberpfaffenhofen geschrieben. Bei S&W hat sich gerade erst ein neuer Schreiber niedergelassen, der direkt aus Israel schreibt.
    Sicher sind Blogger durch pure Masse insbesondere da gut, wo sich Informationen aus dem Netz recherchieren lassen (was, wie der BZ Mann ebenso jovial auslässt, heute einen grossen Teil der Informationen ausmacht, die in die Medien gelangen), aber sie sind durchaus auch vor Ort. Eher jedenfalls als ein Journalist von der BZ, der sich unglaublich informatiert findet und doch nur das beschreibt, was er auf Fotos sieht, die ihm ein Fotograf vor Ort zuschickt.

  7. 11.08.2006 | 17:17

    [...] via die Bissigen Liberalen [...]

  8. 12.08.2006 | 2:06

    Hat irgendjemand eine Idee, was mit der “bisher hochgelobte[n] israelische[n] Meinungsmaschine” überhaupt gemeint sein soll? Besonderes Lob dafür, wie Israel sich nach außen hin verkauft, ist mir bis jetzt nämlich noch nicht untergekommen; außer von denen, die meinen, Israel/Juda kontrolliere die Medien und denen ohnehin nicht mehr zu helfen ist.

    Meinungsmaschinenbau ist meinem Eindruck nach das, was die Israelis am allerschlechtesten können. Vielleicht haben sie diesen Kampf aber auch schon aufgegeben und konzentrieren sich jetzt auf andere Dinge.

  9. 13.08.2006 | 12:08

    David,

    das ist ja genau das, was ich auch nicht verstehe. Ich kann mich nicht erinnern, wer die Öffentlichkeitsarbeit der israelischen Regierung zuletzt gelobt hätte oder wo sie zuletzt eines ihrer Ziele erreicht hätte.

    Ein Beispiel von einer Journalistin, die der von Dir wiedergegebenen Meinung, Israel kontrolliere die Medien, wohl nicht allzu fern steht:

    Der mediale Kampf um die Opferhaltung

    Schon die Einleitung halte ich für totalen Kappes:

    In einer Krise wie der anhaltenden zwischen Israel und dem Libanon sind die Medien Match-entscheidend im Ringen um die öffentliche Meinung. Beide Konfliktparteien versuchen sich als Opfer darzustellen. Israels Pressestelle ist durch lange Jahre der Konflikterfahrung in diesem Versuch besonders geschickt.

    Nach meiner unmaßgeblichen Wahrnehmung gibt es hier drei Parteien: zwei Konfliktparteien (Israel und Hisbollah) und Zivilisten, die in Gänze der Hisbollah zuzuordnen mir immer noch schwerfällt (obwohl sich in dem Punkt Nasrallah und Dershowitz einig zu sein scheinen). Israel kann sich ja gerade nicht entscheiden, ob es nun die Tatsache betonen soll, dass sie auch Opfer sind - oder nicht. Die Öffentlichkeitsarbeit geht mal in die eine Richtung, mal in die andere.

    Und “die israelische Pressestelle” ist trotz jahrzehntelanger Erfahrung immer noch erstaunlich unprofessionell. Aber wie gesagt, das ist nur meine persönliche Meinung.

  10. 23.08.2006 | 3:24

    [...] Frank Nordhausen geriet Anfang August mit der Zeitschrift Bahamas aneinander und hat jetzt anscheinend die Antideutschen als neues Transportmittel für seine “Israelkritik” entdeckt. Der aktuelle Artikel erinnert mich irgendwie an Jürgen Elsässer und seinen Artikel “Alte Idioten, neue Idioten” vom 2.8.2006. Wobei Nordhausen hier aber eher einen auf Elsässer light macht. Nordhausen beschäftigt sich mit zu Anfang seiner Exkursion mit einer pro-israelischen Solidaritätsdemo von vor zwei Wochen. Diese Demo zog durch die Mitte Berlins und bekundete lautstark die Solidarität mit Israel. Dabei gewesen sein soll, laut Nordhausen, auch Lea Rosh. Diese hätte nicht gerade grosses Verständnis für die, angeblich von Demonstranten, skandierten Parolen wie “Gegen jeden Antisemitismus, nieder mit Deutschland, für den Kommunismus!” geäussert. Das mag auch daran gelegen haben, daß Lea Rosh akustisch nicht alles verstanden haben soll. Sie soll als Reaktion gesagt haben: “Also - das müssen Wirrköpfe sein.” [...]

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