Schweden und Deutschland - Wenn wir schreiten Seit’ an Seit’?

An dieser Stelle sei auf einen sehr interessanten Artikel von Johan Norberg verwiesen (veröffentlicht bei “Flatworld“), in dem der Autor sich mit dem “schwedischen Modell” auseinandersetzt, von dem ja auch in den Köpfen unserer Politiker so manch idealistisches Bild herumspukt.

Tatsache ist, dass dieser Staat 1970 noch ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von rund 88% der USA (verglichen nach Kaufkraftparitäten) aufwies und so der viertreichste Staat der Welt war, heute aber auf ein Niveau von rund 77% zurückgefallen ist (bzw. sich von den USA hat abhängen lassen). Zwar befindet sich Schweden damit in guter Gesellschaft - Deutschland ist mit einem Abstieg von 83% auf 72% des US-Niveaus eine vergleichbare Leistung gelungen - doch hat dieses Land wenigstens keine Wiedervereinigung zu verdauen. Heute liegt Schweden in der OECD übrigens nur noch auf dem 14. Platz (Deutschland weitere vier Plätze dahinter).

Norberg führt diese Entwicklung auf Auswirkungen des Wohlfahrtsstaates zurück: Das Steuersystem begünstigte große Industrieunternehmen und traf den einzelnen Steuerzahler dafür um so härter. Es nahm den Menschen Anreize, Risiken einzugehen und in ihre eigene Bildung zu investieren. Die Gründung neuer Unternehmen wurde durch die Regulierung des Arbeitsmarkts ebenfalls mit einer höheren Risikoprämie versehen.

Die dennoch offiziell relativ geringe Arbeitslosenquote von ca. 6% führt Norberg auf einen besonders hohen Anteil versteckter Arbeitslosigkeit zurück, darunter auch die Krankschreibungen, die sich seit 1998 verdoppelt hätten.

Bei Einwanderern steht Schweden vor einem ähnlichen Problem wie Deutschland: Wegen faktischer Mindestlöhne findet ein Großteil der Einwanderung in die Sozialsysteme und nicht in die Arbeitsmärkte statt. Norberg: “Schweden hat weltweit eine der größten Scheren zwischen Immigranten und Ansässigen, was die Teilnahme am Arbeitsmarkt betrifft.” Solche Situationen wirken äußerst erschwerend auf Integrationsbemühungen. Die Einwanderer haben nicht genug Anreize, mehr dafür zu tun, und die Einheimischen sehen die Einwanderer als Trittbrettfahrer ihres Wohlfahrtsstaats.

Auch die Diagnose ähnelt der, die man für Deutschland heute stellen muss: Es scheint unmöglich zu sein, die Mehrheit davon zu überzeugen, dass die Grundlagen, auf denen das Sozialsystem einst aufbaute, sich entscheidend verändert haben und weiter verändern werden. Schlimmer, dass das Sozialsystem durch die Anreize, die es setzt, selbst Teil dieser Dynamik ist. Das kann man polemisch sehen als Versuch einer Mehrheit von Transferempfängern, den immer geringer werdenden Rest der Markteinkommensbezieher gründlich auszuweiden, aber da unter den Transferempfängern auch viele selbst Steuern zahlen, würde ich es, meinem alten Motto entsprechend, eher als typischen Fall einer Situation beschreiben, die man bei Olsons “Logik des kollektiven Handelns” findet: Zwar sieht der Einzelne u.U. durchaus ein, dass das, was ihn schützen soll, die Lage aller insgesamt verschlechtert. Da die Leistungen dieser Systeme auf ihn aber unmittelbar einkommenserhöhend wirken, während sich die Nachteile in einer für ihn eher statistischen Größe verlieren und ihn selbst daher nicht direkt und sofort treffen (der Zusammenhang ist meist sogar indirekt genug, dass sozialistische Politiker ihn erfolgreich leugnen können), wird er stets hoffen, von ihnen noch profitieren und den negativen Folgen entgehen zu können. Oder zumindest sich durch seine Inanspruchnahme dieser Systeme besser zu stellen als der Rest.

“Wenn die Dinge schon so schlecht stehen, so die Logik, stellt euch nur vor, wie schlecht sie dann ohne staatlichen Schutz wären.” Dieses von Norberg skizzierte Denkmodell erscheint für Liberale paradox, kann aber individuell sehr rational sein.

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17 Kommentare zu “Schweden und Deutschland - Wenn wir schreiten Seit’ an Seit’?”

  1. 13.08.2006 | 12:18

    Was das “Schwedische Modell” angeht: es ist ohnehin nicht außerhalb Nordeuropas exportfähig, weil es sehr an die ökonomische und soziale Struktur dieser Länder - und auch an die Mentalität der “Skandinavier” angepaßt ist. Ich sehe die ökonomische Situation Schwedens übrigens längst nicht so schwarz, wie sie Johan Norberg malt, im Großen und Ganzen sind die Chancen der “nordischen Länder” “Wohlstandsinseln” innerhalb des langsam aber sicher an wirtschaftlicher Bedeutung und verlierenden Europas, zu werden und zumindest Massenarmut zu vermeiden, größer als die des jetzigen Deutschlands.

    MomoRules hat sehr Bedenkenswertes zu Norbergs Text geschrieben: http://www.blogfrei.de/metalust/2006/08/was_ist_eigentlich_so_schlimm.html#more

    Ich teile Momos Einschätzung, das Norberg implizit marxistisch argumentiert. (Eines haben Marxisten und Wirtschaftsliberale auf alle Fälle gemein: sie sind knallharte “Ökonomisten”. Wichtig sind die ökonomischen Verhältnisse. Alles andere ist nur “Überbau”. Die Schlußfolgerungen und Ziele sind zugegebenermaßen unterschiedlich … ) Das steckt übrigens auch hinter meinem Seitenhieb im “Staatsgläubigkeits”-Artikel: der olle Marx war in gewisser Hinsicht den (damaligen) Wirtschafts-Liberalen näher, als den staatsverliebten, idealistischen und gemeinschaftsseeligen (damaligen) deutschen Sozialisten/Sozialdemokraten.

    Was mich an Norberg besonders stört, ist sein Menschenbild. Es ist von gradezu klassischer “prostestantischer Arbeitsethik” im Sinne des ollen Max Weber (man sieht, die Probleme und Positionen sind im Grunde uralt) bestimmt. Selbstverwirklichung und Erwerbsarbeit sind ein und dasselbe, und man muß “nur” die Anreizstrukur ändern, dann ändern die Leute auch ihre Mentalität (und schuften freudig bis zur Erschöpfung).

    Ich will nicht damit sagen, dass Norberg mit seiner Analyse überall falsch läge. Was mich stört, ist seine Eindimensionalität. Sind die einen “Staatsgläubig”, so gehört er zu den “Wirtschaftsgläubigen”.

  2. 13.08.2006 | 17:52

    Was nützt einem ein tolles Bruttoinlandsprodukt wenn man nicht glücklich ist. Zugegeben, Glück lässt sich schwerer messen als Moneten.

  3. 13.08.2006 | 19:08

    Vor allen Dingen: Das ist nun wirklich keine Staatsaufgabe.

  4. 13.08.2006 | 19:24

    @Martin

    Ich kenne MomoRules’ Text. Und ich halte ihn für völlig daneben (sonst wäre ich auf ihn eingegangen). Allein schon der Vorwurf, Norberg würde sich irgendwo positiv für eine “protestantische Arbeitsethik” aussprechen, zeugt von einem äußerst schwach ausgeprägten Textverständnis.

    Niemand, auch Norberg nicht, behauptet, dass Wirtschaft alles ist. Aber wenn ich bestimmte materielle Ansprüche erhebe, müssen diese eben ökonomisch gedeckt sein. Der Gegensatz, der sich hier auftut, ist sowohl in Schweden als auch in Deutschland eklatant und bedarf dringend liberaler Kritik.

  5. 13.08.2006 | 20:13

    @Rayson:

    Jetzt mal ganz ab von daneben oder auch nicht - der Herr Norberg nennt explizit als einen der Gründe für den Aufschwung der schwedischen Wirtschaft trotz Sozialstaatsmodell den folgenden:

    “Drittens gab es eine protestantische Arbeitsethik und starken sozialen Druck von der Familie, Freunden und Nachbarn, diese Ethik zu befolgen. Das hieß, dass die Menschen hart arbeiteten, sogar dann, als die Steuern stiegen und soziale Hilfen ausgedehnt wurden.”

    Das entspricht dem, was Statler oft schreibt bzw. einfordert. Und Herr Norberg beklagt sich dann darüber, daß dieses Modell heute “Anreize” zur Passivität und zum Erhalt eines ineffezienten Modells setzen würde, weil viele was von diesem haben. Und daß diese falsche Anreize dann “Mentalitäten” hervorbrächten. Was dann ja sozusagen das Gegenteil dieser “Ethik” ist, und das findet er vollblöd, weil es ja darauf ankäme, Unternehmergeist zu fördern oder zumindest nicht zu behindern oder Verhältnisse zu schaffen, die diesen provozieren. So wie bei all den Somalis in den USA und Großbritannien. Wo attestierst Du mir mit einer Arroganz, die ich so gar nicht kenne von Dir, nun ein schwaches Textverständnis?

    Interessant ist zudem - vielleicht habe ich das aber wirklich überlesen -, daß er auf die sonst zumeist diskutierten Unterschiede zwischer einer Finanzierung des Sozialstaates durch Abgaben auf Löhne versus Verbrauchs- und Konsumsteuern gar nicht abhebt …

  6. 13.08.2006 | 20:32

    @MomoRules

    Im Gegensatz zu dir lese ich den den von dir zitierten Absatz mehr als liberale Bewunderung einer Abnormität. Ein Liberaler würde von niemandem fordern oder erwarten, irgendein “mehr” zu leisten.

    Das hat überhaupt nichts mit der Kritik der Anreize zu tun. Im Gegenteil, nach liberalem Verständnis hätte Schweden schon viel früher in die Krise geraten müssen - das einzige Hindernis war eben die aus liberaler Sicht nicht fassbare und nicht erklärbare “protestantische Arbeitsethik”. Genau da, MomoRules, kann ich so etwas wie Textverständnis nicht erkennen, wenn ausgerechnet das als für Norbergs Argumentation konstitutives Element behauptet wird - es ist in Wirklichkeit das Gegenteil davon.

    Die Finanzierung des Sozialstaats ist für einen Kritiker dieses Konstruktes an sich natürlich sekundär.

  7. Parker8
    15.08.2006 | 23:28

    Das BIP per capita ist in Schweden seit 1970 um 80 Prozent gewachsen, in den Muster-Norberg’schen USA um 105, im korporatistischen Österreich um 126, im Public-Choice-Traumland Schweiz um 34 (Zahlen nach Groningen Growth and Development Centre). Daraus kann man nicht viel backen.

    Man könnte jetzt mit Parametern wie Gini oder S20/S80 hantieren. Aber es lässt sich auch anekdotisch sagen: Jeder der Gelegenheit hatte, sich in USA, Deutschland und Schweden umzusehen, wird sich folgendem nicht verschließen können: Die Armut, die es in den USA gibt, gibt es in Deutschland nicht, und die Armut, die es in Deutschland gibt, gibt es in Schweden nicht.

    Darüber gibt es in Schweden ein klares Bewusstsein, und deshalb ist Norberg in einer Außenseiterposition. Zwar kann er regelmäßig im Daily Expressen schreiben, aber das liegt daran, dass sich die Schweden seit jeher gerne lustig machen über ihren bemutternden Staat.

  8. 15.08.2006 | 23:34

    Auf den aktuellen Zustand abszustellen, trifft nicht den Kern der Norbergschen Kritik. Er sieht eine fortschreitende Erosion: Der Wohlfahrtsstaat zerstört seine eigenen Grundlagen.

  9. Parker8
    15.08.2006 | 23:53

    Achwo, Zerstörung der Grundlagen: 2004 lag Schweden bei plus 3,4 Prozent, die (alte) EU nur bei 1,4. Und 2005 sah das Verhältnis 2,2 zu 0,9 aus. Lassen Sie sich da nichts einreden. - Schweden hat in den 90ern durchaus Ausgaben zurückgefahren. Aber der Staatskorridor bleibt grosso modo.

  10. 15.08.2006 | 23:58

    Die “alte EU” - na klar, da gibt es jemanden, der noch mieser abschneidet. Hab ich auch erwähnt. Aber wir wollen doch aus zwei Jahren keinen Trend machen, oder?

  11. Parker8
    16.08.2006 | 0:38

    Natürlich die alte EU. (Was interessiert hier Polen etc.?) Der Durchschnitt der letzten 10 Jahre ist 2,5 zu 1,8. Wenn das bedeutet, dass Schweden seine Grundlagen zerstört, dann auf zum Grundlagen zerstören!

  12. 16.08.2006 | 1:13

    Es stimmt, Schweden überflügelt diese Phalanx aus neoliberalen Wirtschaften wie Deutschland, Frankreich und Italien, die ich ansonsten natürlich als lobende Gegenbeispiele erwähnt hätte, mühelos.

  13. 19.08.2006 | 0:21

    Und die USA sind ein Musterbeispiel an Entwicklung gegenüber Schweder oder was?

    durschnittschliches Wachstum USA 2000-2004:
    2,6%
    Schweden 2000-2004:
    2,56%

    durchschnittliche Neuverschuldung USA 2000-2004:
    2,45%
    durchschnittlicher Überschuss!!! Schweden:
    Schweden 2000-2004: 1,77%

    Aber Schwedens Sozialstaat zerstört seine Grundlagen. Alles klar…

    Quelle: sourceoecd.org

  14. 21.08.2006 | 22:21

    @dointime

    Mir ist der Erkenntnisgewinn einer Verkleinerung des Betrachtungszeitraums noch nicht so ganz ersichtlich. Kannst du mir da auf die Sprünge helfen?

    Und, btw, Schweden war gerade in den 90ern nicht ganz untätig, was das Zurückschneiden des Wohlfahrtsstaates angeht.

    Ich lasse mich aber trotzdem gerne auf weitere längerfristige Vergleiche ein. Wollen wir 2000-2010 mal festhalten?

  15. der gute don
    22.08.2006 | 2:18

    mal so gemessen am BIP, an welcher Stelle würde sich Schweden als Bundesstaat der USA einordnen?

  16. 23.08.2006 | 11:18

    @Rayson
    Im Prinzip nennst du den Grund selbst, der für die Verkleinerung des Betrachtungszeitraums spricht: Die schwedischen Reformen in den 90ern. Der schwedische Sozialstaat von 1990 wäre heute nicht zukunftsfähig, der jetzige und die Art und Weise, wie er finanziert wird, ist es.
    Dazu kommt noch, dass ich denke, dass die USA stärker vom Börsenboom Ende der 90er profitiert haben als zum Beispiel Schweden und das Wirtschaftswachstum in diesen Jahren längst nicht nur von den realen ökonomischen Rahmenbedingungen abhing. Oder überschätze ich den Effekt der Börsenblase?

  17. 23.08.2006 | 15:05

    @dointime

    “der jetzige und die Art und Weise, wie er finanziert wird, ist es.”

    Ich behaupte da mal frech, dass ein Betrachtungszeitraum von gerade mal einer Handvoll Jahren dir diese Information noch nicht geben kann. Offensichtlich hat sich etwas verbessert im Vergleich zu vorher, doch ob das in einer sich dynamisch verändernden Umwelt, dem Erzfeind aller Sozialingenieure, auch von Dauer ist, muss sich erst noch zeigen.

    “Wirtschaftswachstum in diesen Jahren längst nicht nur von den realen ökonomischen Rahmenbedingungen abhing”

    Börsenkurse per se erzeugen kein Wachstum. Die durch die Blase entstehende Vermögensillusion hat vielleicht in diesen Jahren zu Überinvestitionen und verstärktem Konsum geführt, aber der Effekt war dann doch wohl insgesamt begrenzt (und wird von manchen Leuten in der Blogosphäre auch heute noch geradezu manisch überschätzt). Wenn man sich die Zeitreihen anschaut, setzten sich die USA im Wachstum allerdings schon in den Siebzigern von den Europäern ab.

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