13. August 2006
Schweden und Deutschland - Wenn wir schreiten Seit’ an Seit’?
An dieser Stelle sei auf einen sehr interessanten Artikel von Johan Norberg verwiesen (veröffentlicht bei “Flatworld“), in dem der Autor sich mit dem “schwedischen Modell” auseinandersetzt, von dem ja auch in den Köpfen unserer Politiker so manch idealistisches Bild herumspukt.
Tatsache ist, dass dieser Staat 1970 noch ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von rund 88% der USA (verglichen nach Kaufkraftparitäten) aufwies und so der viertreichste Staat der Welt war, heute aber auf ein Niveau von rund 77% zurückgefallen ist (bzw. sich von den USA hat abhängen lassen). Zwar befindet sich Schweden damit in guter Gesellschaft - Deutschland ist mit einem Abstieg von 83% auf 72% des US-Niveaus eine vergleichbare Leistung gelungen - doch hat dieses Land wenigstens keine Wiedervereinigung zu verdauen. Heute liegt Schweden in der OECD übrigens nur noch auf dem 14. Platz (Deutschland weitere vier Plätze dahinter).
Norberg führt diese Entwicklung auf Auswirkungen des Wohlfahrtsstaates zurück: Das Steuersystem begünstigte große Industrieunternehmen und traf den einzelnen Steuerzahler dafür um so härter. Es nahm den Menschen Anreize, Risiken einzugehen und in ihre eigene Bildung zu investieren. Die Gründung neuer Unternehmen wurde durch die Regulierung des Arbeitsmarkts ebenfalls mit einer höheren Risikoprämie versehen.
Die dennoch offiziell relativ geringe Arbeitslosenquote von ca. 6% führt Norberg auf einen besonders hohen Anteil versteckter Arbeitslosigkeit zurück, darunter auch die Krankschreibungen, die sich seit 1998 verdoppelt hätten.
Bei Einwanderern steht Schweden vor einem ähnlichen Problem wie Deutschland: Wegen faktischer Mindestlöhne findet ein Großteil der Einwanderung in die Sozialsysteme und nicht in die Arbeitsmärkte statt. Norberg: “Schweden hat weltweit eine der größten Scheren zwischen Immigranten und Ansässigen, was die Teilnahme am Arbeitsmarkt betrifft.” Solche Situationen wirken äußerst erschwerend auf Integrationsbemühungen. Die Einwanderer haben nicht genug Anreize, mehr dafür zu tun, und die Einheimischen sehen die Einwanderer als Trittbrettfahrer ihres Wohlfahrtsstaats.
Auch die Diagnose ähnelt der, die man für Deutschland heute stellen muss: Es scheint unmöglich zu sein, die Mehrheit davon zu überzeugen, dass die Grundlagen, auf denen das Sozialsystem einst aufbaute, sich entscheidend verändert haben und weiter verändern werden. Schlimmer, dass das Sozialsystem durch die Anreize, die es setzt, selbst Teil dieser Dynamik ist. Das kann man polemisch sehen als Versuch einer Mehrheit von Transferempfängern, den immer geringer werdenden Rest der Markteinkommensbezieher gründlich auszuweiden, aber da unter den Transferempfängern auch viele selbst Steuern zahlen, würde ich es, meinem alten Motto entsprechend, eher als typischen Fall einer Situation beschreiben, die man bei Olsons “Logik des kollektiven Handelns” findet: Zwar sieht der Einzelne u.U. durchaus ein, dass das, was ihn schützen soll, die Lage aller insgesamt verschlechtert. Da die Leistungen dieser Systeme auf ihn aber unmittelbar einkommenserhöhend wirken, während sich die Nachteile in einer für ihn eher statistischen Größe verlieren und ihn selbst daher nicht direkt und sofort treffen (der Zusammenhang ist meist sogar indirekt genug, dass sozialistische Politiker ihn erfolgreich leugnen können), wird er stets hoffen, von ihnen noch profitieren und den negativen Folgen entgehen zu können. Oder zumindest sich durch seine Inanspruchnahme dieser Systeme besser zu stellen als der Rest.
“Wenn die Dinge schon so schlecht stehen, so die Logik, stellt euch nur vor, wie schlecht sie dann ohne staatlichen Schutz wären.” Dieses von Norberg skizzierte Denkmodell erscheint für Liberale paradox, kann aber individuell sehr rational sein.
Verfasst von Rayson um 10:18 Uhr in der Kategorie Politik, Wirtschaftspolitik (Trackback)