Was zu Grass

Der Schreiber dieser Zeilen wäre der Letzte, einem heute fast 80jährigen das vorzuhalten, was er als Minderjähriger in einer Diktatur zu Zeiten des Krieges getan hat. Nein, mich kotzen selbstgerechte Äußerungen aus linkem und antideutschem Lager an, wo sich manche noch im Nachhinein meinen als Scharfrichter der Nürnberger Prozesse aufspielen müssen.

Grass’ Problem ist nicht, was er damals getan hat. Sein Problem ist, dass er einen Punkt seiner Biographie, der natürlich in den Augen derer, die da so absolut zu urteilen sich in der Lage sehen, zu einer retrograden Verurteilung führen muss, bis heute verheimlicht hat. Und das als jemand, der sich in die Position einer moralischen Instanz zu rücken versuchte.

Erinnert sich hier noch jemand an Bitburg? Dort hätte Günter Grass liegen können.

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9 Kommentare zu “Was zu Grass”

  1. 13.08.2006 | 20:37

    Naja, mit der AFP-Schlagzeile “Walser stellt sich hinter Grass” hat er ja schon die Höchststrafe bekommen (und dabei noch Glück gehabt, dass Schönhuber schon tot ist).

    Ich kann Frank Schirrmacher eigentlich nicht ausstehen und ich kann mich nicht erinnern, ob (und wenn ja, wann) es schonmal vorgekommen ist, dass ich auch nur einem Absatz in einem seiner Artikel hätte vorbehaltlos zustimmen können, aber in diesem Artikel hier sind es sogar gleich zwei:

    Eine zeitgeschichtliche Pointe

    (…)

    Was wäre gewesen, wenn Franz Schönhubers Waffen-SS-Traktat „Ich war dabei” auf seine Gegenstimme gestoßen wäre, unter der Überschrift „Ich auch”? Wie wäre die Bitburg-Debatte verlaufen, wenn er sich damals erklärt hätte - und sei es im selbstbezweifelnden goetheschen Sinne, daß er noch nie von einem Verbrechen gehört habe, das er nicht auch selbst hätte begehen können? Statt dessen nannte er den Besuch von Reagan und Kohl auf dem Soldatenfriedhof, wo, wie wir nun wissen, womöglich Angehörige seiner eigenen Division lagen, „eine Geschichtsklitterung, deren auf Medienwirkung bedachtes Kalkül Juden, Amerikaner und Deutsche, alle Betroffenen gleichermaßen verletzte”. Mag sein, daß es so war - aber wäre die Debatte nicht wahrhaftiger gewesen, wenn man gewußt hätte, daß aus einem verblendeten Mitglied der Waffen-SS (so stellt Grass selber sich dar), einem der Jugendlichen, die da lagen, einer wie er hätte werden können - nicht nur ein Verteidiger, ein Protagonist von Freiheit und Demokratie?

    (…)

    Als vor einigen Jahren bekannt wurde, daß der Romanist Hans Robert Jauß mit achtzehn in die Waffen-SS eingetreten war, beschädigte dies irreversibel sein wissenschaftliches Renommee. Damals hätte eine erklärende Stimme gutgetan. Keine, die beschönigt, was die SS gewesen ist, sondern eine, die klarmacht, daß kaum jemand für sich als Siebzehn- oder Achtzehnjährigen garantieren kann. Es geht nicht, schon gar nicht im Jahre 2006, um Schuldzuweisungen, sondern um jenes Gran von Skepsis und Selbstverunsicherung, die einem beibringen, daß das Leben kein Hollywood-Film ist, in dem man immer auf seiten der Guten das Kino verläßt.

    Was ich auch nicht gerade angenehm finde, ist der Zeitpunkt der Offenbarung, wenige Wochen vor Erscheinen seiner Autobiographie. Hätte nur noch gefehlt, dass er es, zwischen Paris Hilton und Guildo Horn sitzend, bei “Wetten, dass…?” verkündet hätte.

  2. 13.08.2006 | 20:45

    Du hast natürlich völlig Recht, Marian.

    Und natürlich gibt es trotz Mitgliedschaft in der Waffen-SS überhaupt keinen Grund, warum Günter Grass nicht zu dem werden hätte sollen, was er in der Öffentlichkeit heute ist. Wenn er es denn früh bekannt hätte. Der Makel, der ihm so bleibt, den hat er sich selbst zuzuschreiben.

  3. 13.08.2006 | 21:08

    Da ich nicht zu den astreinen Grass-Verachtern gehöre, möchte ich einfach nur hinzufügen, dass ich für alles, was er bis 1945 getan oder unterlassen hat und für die Art und Weise, wie er damit nach 1945 umgegangen ist, Verständnis hätte - wenn er nicht gelegentlich (ziemlich oft sogar) kundtäte, dass er die Weisheit mit Löffeln gefressen hat und alle, die ihm nicht zustimmen, Verbrecher seien.

    Da hat mir in jeder Hinsicht Carola Stern besser gefallen: Die hat sich gleich nach dem entsprechenden Erkenntnisgewinn von ihrer BDM-Vergangenheit distanziert, ai mitbegründet - und ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals jemanden mit Schaum vor dem Mund als “Kriegsverbrecher” bezeichnet und ihn mit Hitler verglichen hätte.

  4. 13.08.2006 | 21:25

    Ich spiele ungern den Verteidiger von Grass, aber wenn man ihn nur als Mensch sieht, nicht als - vielleicht auch selbsternannte - moralische Instanz, ist dieses später Geständnis auch verständlich. Wir stehen nicht alle von Beginn an zu unseren Fehlern, so man in seinem damaligen Alter und der damaligen Situation von einer selbstverschuldeten Schuld überhaupt sprechen kann, und irgendwann ist der ideale Zeitpunkt vorbei und es kann nur noch zu solchen Situationen kommen. Was die Reaktionen angehen, halte ich mich aus zwei Dingen zurück. Zum einen wegen des gerade geschilderten Verständnisses für menschliche Schwäche, zum anderen, weil viele jetzt - und da nehme ich dieses Blog natürlich aus ;-) - jetzt mit der gleichen Moralkeule schwingen, die sie Grass vorwerfen.

  5. 13.08.2006 | 21:32

    Ich hatte überlegt, ob ich etwas zum Grass schreibe, zumal ich ihn hier ja einige Male heftig angegangen bin. Aber ehrlich gesagt:
    Besseres als Raysons Artikel und Marians Ergänzung hätte ich nicht fabrizieren können. Schöner Beitrag!

  6. Marian Wirth
    13.08.2006 | 22:15

    Thomas,

    scho’ recht. Solange es uns (und insbesondere Rayson) immer wieder gelingt, unsere Meinungen so zu formulieren, dass wir von möglichst wenig Blogs zustimmend verlinkt werden, bin ich zufrieden. Zwischen den Stühlen ist es zwar ungemütlich, aber auch nicht so voll.

  7. 14.08.2006 | 11:25

    Zum Thema Grass ist die Achse des Guten mal wieder lesenswert.

  8. 14.08.2006 | 13:24

    @Marian: Na ja, wenn ihr sonst keine Ziele im Leben habt. ;-)

  9. 16.08.2006 | 17:07

    [...] Es gibt aber auch die andere Meinung (die richtige! ), wie sie von immer mehr Quellen vertreten wird (z.B: zeineku, Bissige Liberale, Statler & Waldorf). Statt den Apologeten des Günter Grass nachzueifern und unseren Nobelpreisgewinner blind zu verteidigen, wird hier etwas genauer betrachtet, was Grass falsch gemacht hat. [...]

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