24. August 2006
Deutsche Außenpolitik: Das Ende vom “Glück in der Nische”
“Für uns Deutsche kann es nicht mehr das Glück in der Nische geben”
Interview mit Eckart von Klaeden, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Deutschlandfunk. (Link zur mp3-Fundstelle)
Eckart von Klaeden wünscht sich “eine intensive Debatte über die Rolle Deutschlands in der internationalen Politik.” Die ist in der Tat überfällig:
Liminski: Deutsche Soldaten auf dem Balkan, am Hindukusch und in Afrika, demnächst vielleicht auch vor dem Libanon. (…) Ist die Bevölkerung auf diese Einsätze überhaupt vorbereitet?
Von Klaeden: (…) Da glaube ich brauchen wir eine intensive Debatte über die Rolle Deutschlands in der internationalen Politik. 15, 16 Jahre nach der Wiedervereinigung erwarten eben andere Staaten zu Recht von uns, dass wir international Verantwortung in einem Maße einnehmen, wie sie unserer Wirtschaftskraft und der Größe unseres Landes entspricht. Wenn man jetzt einmal die Debatte in Frankreich und in Deutschland vergleicht, so ist festzustellen, dass die Franzosen sagen, wir sind an die Grenzen unserer Möglichkeiten gekommen mit 15.000 Soldaten im Auslandseinsatz. Deutschland hat ungefähr die Hälfte davon im Einsatz im Ausland, obwohl Deutschland ein größeres Land ist und auch die größere Wirtschaftskraft hat. Das heißt ich glaube wir müssen bei uns eine Debatte über unsere außenpolitischen Ziele führen und auch bereit sein, die erforderlichen Mittel für die Durchsetzung dieser Ziele bereitzustellen.
Warum der Beitrag Deutschlands zur internationalen Politik in erster Linie darin bestehen soll, die Bundeswehr zur Weltbundeswehr zu machen, ist mir ebenso wenig klar wie die von von Klaeden zugrunde gelegte Definition der Begriffe “Wirtschaftskraft” und “Landesgröße”.
Wir müssen klar machen, dass es für uns Deutsche nicht mehr das Glück in der Nische geben kann, das wir lange Zeit genossen haben in der Zeit beschränkter Souveränität, wo die großen weltpolitischen Probleme in Zeiten des Kalten Krieges von anderen gelöst worden sind. Das heißt nicht, dass Deutschland Weltpolizist werden soll, wie es manchmal so heißt. Das halte ich für eine völlig abwegige Formulierung. Wir müssen aber im Rahmen der Europäischen Union und im Rahmen der NATO und den Vereinten Nationen die Verantwortung wahrnehmen, die einem Land unserer Größe und unserer Wirtschaftskraft zukommt.
Nach meiner Wahrnehmung hat uns bereits das Tandem Schröder/Fischer nachhaltig aus der Nische herausgeführt. Und eines meiner Hauptprobleme mit der gegenwärtigen deutschen Außenpolitik besteht darin, dass wir uns gerade nicht im Rahmen von NATO, UNO und EU bewegen. Die GASP der EU funktioniert ja wohl nicht so richtig und wird, lösgelöst von der unermüdlichen Reisetätigkeit des Hohen Vertreters für die GASP, Javier Solana, durch Einzelaktionen wie “EU-3” abgelöst, bei denen ich allerdings auch keine klare gemeinsame Linie erkennen kann. Von der NATO habe ich auch schon lange nichts mehr gehört und innerhalb der UNO ist Deutschland ja schon fast soetwas wie ein inoffizielles Sicherheitsratsmitglied - was m.E. auch nicht so ohne weiteres mit GASP zu vereinbaren ist.
Herr von Klaeden reiht dann noch alle aktuellen Schlagwörter (von mir hervorgehoben) aneinander, um die stärkere Rolle Deutschlands zu begründen:
Es ist ja der große zivilisatorische Fortschritt am Anfang des 21. Jahrhunderts, dass die Demokratien über ihre regionalen Interessen hinaus gemeinsam international zusammenarbeiten und sich der Durchsetzung des Völkerrechts, der Demokratien, der Rechtsstaatlichkeit verschrieben haben. (…) Solche Beiträge sind einfach heute erforderlich von den Demokratien in Zeiten der Globalisierung, wo man Gefahren nicht mehr regional eingrenzen kann, wo failing states auch in zunächst geographisch großer Distanz eine erhebliche Gefahr auch für die innere Sicherheit unseres Landes darstellen können, wenn sie zu Rückzugsräumen für internationale Kriminalität und internationalen Terrorismus werden. Wir haben auch nicht zuletzt aus humanitären Gründen ein Interesse daran, dass auch in entfernteren Regionen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftliche Entwicklung Einzug halten. Dazu müssen wir unseren Beitrag leisten, wenn wir mit dem, was wir sonst postulieren, glaubwürdig bleiben wollen.
Sind wir, in unserer Verfassung, wirklich in der Lage, bei der Lösung all dieser Probleme eine noch größere Rolle zu spielen? Ist dazu die Entsendung von Truppen das geeignete Mittel? Zweimal nein, meiner Meinung nach.
Mit der internationalen Wahrnehmung der deutschen Außenpolitik beschäftigt sich Transatlantic Review in diesem Eintrag: “The Evolution of Resurging German Power“; insbesondere der dort erwähnte Artikel von Yoav Fromer über “Germany’s taste for foreign intervention” ist sehr aufschlussreich. Fromer vermutet als ein tragendes Motiv für die deutsche Außenpolitik übrigens Wilsonianism. Oder auch schlicht: Idealismus.
Verfasst von Marian Wirth um 19:09 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, International, Sprache (Trackback)