24. August 2006
Über Politiker und Feedback. Gedanken eines Basis-Mitglieds.
Boche hat also einen Brief eine E-Mail geschrieben.
Ein Brief ist schonmal sehr gut wäre besser gewesen. Mit einem Brief samt Umschlag, am besten handschriftlich und mit ein paar Wählertränen benetzt, kann der angeschriebene MdB nämlich in der Fraktionssitzung theatralisch herumfuchteln, während eine E-Mail zu diesem Zweck erst ausgedruckt werden muss. Zudem werden die Mitarbeiter des MdB Boche danken, dass er nicht angerufen hat. (Anmerkung 17:08 Uhr: Nach dem Geständnis von Boche, eine E-Mail geschickt zu haben, musste ich die Einleitung entsprechend überarbeiten.)
Dass Boche bei der Angabe seiner Wahlpräferenzen (angeblich) schummelt, finde ich unnötig, denn der MdB ist ja nicht nur für die Wählerinnen und Wähler verantwortlich, die ihn gewählt haben, sondern für alle in seinem Wahlkreis. Außerdem beeindruckt es Politiker nach meiner Erfahrung mehr, wenn man ihnen sagt: “Wenn Sie artig sind, dann wähle ich Sie beim nächsten Mal.”
R.A. meint in seinem Kommentar:
Politiker haben erstaunlich wenig echtes Feedback und sind sich permanent unsicher, wie sie “draußen” ankommen.
Ich will die Erfahrungen von R.A. nicht in Zweifel ziehen, aber meine Erfahrungen sagen mir etwas anderes. Politiker haben es selbst in der Hand, ob sie Feedback zur Kenntnis nehmen wollen oder nicht. Es gibt welche, die tun das. Und es gibt welche, die vermeiden selbst bei öffentlichen Auftritten, Feedback zur Kenntnis nehmen zu müssen und umgeben sich lieber mit ihrem Fan-Club. Diejenigen Politiker, die sich der Kritik aussetzen, wissen in der Regel dann auch viel besser, wie sie “draußen” ankommen; den anderen Politikern ist das meistens sowieso egal.
Dem Feedback ihrer eigenen Parteibasis stellen sich Politiker eher als dem von Nicht-Parteimitgliedern. Und zumindest, was die SPD anlangt, können sich die Politiker nicht über mangelndes Feedback von ihrer Basis beschweren. Es ist ja nicht so, als ob diejenigen, die Mitglied bei CDU/CSU oder SPD sind, von den Folgen der GroKo-Politik verschont würden. Zudem bekommen die Parteimitglieder an der Basis ja selbst Feedback aus ihrem Umfeld (wenn sie denn so unvorsichtig sind wie ich und ihre Parteimitgliedschaft überall hinausposaunen). Und wir geben das ungefiltert nach oben weiter, was uns so zu Ohren kommt.
Für Politiker ist das Feedback von der eigenen Basis aus drei Gründen unangenehmer als das von Otto Normalwähler:
1.) Sie kennen gerade die aktiven Parteimitglieder nunmal persönlich besser als die meisten ihrer Wähler.
2.) In der Regel wissen sie auch, was sie der Basis zu verdanken haben. Und Wählerenttäuschung plus Wahlhelferenttäuschung wirkt noch ein bisschen stärker.
3.) Dass ein Wähler sagt: “Dich wähle ich beim nächsten Mal bestimmt nicht mehr!”, kann ein Politiker noch einigermaßen verschmerzen. Aber wenn er von den eigenen Leuten hört: “Den nächsten Wahlkampf kannste ohne mich machen. Ob ich Dich überhaupt nochmal wähle, weiß ich nicht. Und wenn das so weiter geht, dann ist mein Parteibuch demnächst in einer Kiste in der Geschäftsstelle statt in meinem Schreibtisch.” - wenn ein Politiker sowas ein paar Mal in der Woche hört, dann kann man da mitunter kleine Schweißperlen auf der Stirn des betreffenden Politikers sehen.
Wie gesagt, halte ich die Behauptungen von R.A. nicht für falsch. Meine Beobachtungen sollen lediglich eine Ergänzung sein.
Verfasst von Marian Wirth um 16:42 Uhr in der Kategorie In eigener Sache, Politik (Trackback)