29. August 2006
Mehr Migrationshintergrund in der deutschen Verwaltung?
Da ich gerade bei den 6:00 Uhr - Nachrichten des DLF bin:
Türkische Gemeinde fordert höheren Ausländeranteil in deutschen Behörden
Die türkische Gemeinde in Deutschland fordert mehr ausländische Mitarbeiter in Behörden. Dort sollten Migranten entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung vertreten sein, um sich gezielt um die Belange der Zuwanderer zu kümmern, sagte ihr Vorsitzender Kolat der “Berliner Zeitung”. Vor allem Jugendämter, aber auch andere Behörden müssten entsprechend personell umstrukturiert werden. Kolat erklärte, Menschen deutscher Herkunft fehle mitunter das Verständnis für manche Verhaltensweisen oder Familienregeln.
Das Gespräch mit Kolat findet sich unter einer sagenhaft bescheuerten Schlagzeile hier: Türken fordern Ausländer-Quote im Amt. Von Marlies Emmerich, Berliner Zeitung
Ich habe mich über dieses Thema vor ein paar Monaten schonmal in extenso in einem Gastbeitrag bei Metalust & Subdiskurse ausgelassen: My Name is Action. Affirmative Action.
Über das Anliegen von Kenan Kolat kann man, wie über Anliegen von Lobbyisten allgemein, durchaus reden. Seine Begründung und die Art und Weise, wie er sein Anliegen vorträgt, finde ich ärgerlich.
Dieses Mikrozensus-Ergebnis, das nach allgemeiner Interpretation zur Folge haben soll, dass wir irgendwie doch schon längst irgendwie heimlich irgendwie von Ausländern unterwandert sind, müsste m.E. seinerseits einer mikroskopischen Untersuchung unterzogen werden.
Das vor allem deshalb, weil der Mikrozensus auf dem schildernden Begriff des “Migrationshintergrunds” beruht. Im Gegensatz zu Statler mag ich den Begriff. Jedenfalls habe ich bislang keinen besseren gehört. “Menschen mit Migrationshintergrund” einfach durch das Wort “Einwanderer” zu ersetzen, wie es Statler vorschwebt, wäre eine völlig unzutreffende Beschönigung der Tatsache, dass Deutschland bisher keine Einwanderungsstrategie hat und es demzufolge in Deutschland auch kaum echte Einwanderer gibt.
Trotz stundenlanger Suche habe ich allerdings bisher keine andere Definition für “Migrationshintergrund” gefunden, als die, dass jemand Migrationshintergrund hat, wenn mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren ist. Diese Definition entwertet natürlich den Begriff vollkommen, weil dadurch in den Statistiken ein 80jähriger, dessen Vater seine Kölner Herkunft seit 1650 urkundlich belegen kann und dessen Mutter im Alter von zwei Wochen mit ihren Eltern aus Maastricht eingereist ist, einer Vierjährigen gleichgestellt wird, die vor zwei Monaten mit ihren ghanaischen Eltern aus Ghana eingereist ist.
Ich selbst falle übrigens auch unter diese Definition. Vielleicht wurde mir also meine permanente Desintegration unwiderruflich in die Wiege gelegt: In Westfalen war ich der Sohn von Zugereisten, in Köln war ich der Westfale, in München der Preuße und in China der Westler. Jetzt sitze ich wiederum im Rheinland als Westfale in einem halben Dutzend Integrationsgremien und höre also Herrn Kolats unter Berufung auf den Mikrozensus erhobene Forderung:
Migranten sollen entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung in Behörden vertreten sein, um sich gezielt um die Belange der Zuwanderer zu kümmern.
und seine Begründung:
Menschen deutscher Herkunft fehle das Verständnis für manche Verhaltensweisen oder Familienregeln. “In den Ämtern sitzen aber kaum Migranten”, sagt Kolat. Von 19 Vertretern im Jugendhilfeausschuss Mitte sei ein Vertreter ein Migrant, bestätigt Jugendamtsleiter Dietmar Schmidt. Dass sich türkische Vereine benachteiligt fühlen, könne er nachvollziehen. Wie viele der 500 Mitarbeiter im Jugendamt Migranten sind, konnte Schmidt nicht sagen.
Interessanterweise hat der DLF in seiner Meldung zwischen “fehle” und “das Verständnis” noch ein “mitunter” eingefügt. Wo sie das herhaben, weiß ich nicht. Aus dem Artikel in der Berliner Zeitung, auf den sich die Meldung bezieht, jedenfalls nicht.
Ich befinde mich, auch und vor allem innerhalb der SPD, bei dem Thema Integration ohnedies schon zwischen allen Stühlen, insbesondere zwischen denjenigen, die sagen: “Wir sind hier in Deutschland. Hier gelten deutsche Gesetze. An die haben sich alle zu halten. Und basta.” und denjenigen, die meinen: “Ach, man muss doch auch den kulturellen Hintergrund berücksichtigen. Und die Herkunft. Und überhaupt.”
Und da ich schon vollauf damit beschäftigt bin, zwischen diesen beiden Extremen zu vermitteln, um dabei zu helfen, einen Konsens herzustellen, damit das Thema Integration irgendwann mal nicht nur von Integrationspolitikerinnen und - politikern ernst genommen wird, sind Einlassungen wie die von Herrn Kolat…ich sach’s mal im Diplomaten-Deutsch… nicht hilfreich.
Verfasst von Marian Wirth um 08:57 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Innenpolitik, Politik (Trackback)