Mehr Migrationshintergrund in der deutschen Verwaltung?

Da ich gerade bei den 6:00 Uhr - Nachrichten des DLF bin:

Türkische Gemeinde fordert höheren Ausländeranteil in deutschen Behörden
Die türkische Gemeinde in Deutschland fordert mehr ausländische Mitarbeiter in Behörden. Dort sollten Migranten entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung vertreten sein, um sich gezielt um die Belange der Zuwanderer zu kümmern, sagte ihr Vorsitzender Kolat der “Berliner Zeitung”. Vor allem Jugendämter, aber auch andere Behörden müssten entsprechend personell umstrukturiert werden. Kolat erklärte, Menschen deutscher Herkunft fehle mitunter das Verständnis für manche Verhaltensweisen oder Familienregeln.

Das Gespräch mit Kolat findet sich unter einer sagenhaft bescheuerten Schlagzeile hier: Türken fordern Ausländer-Quote im Amt. Von Marlies Emmerich, Berliner Zeitung

Ich habe mich über dieses Thema vor ein paar Monaten schonmal in extenso in einem Gastbeitrag bei Metalust & Subdiskurse ausgelassen: My Name is Action. Affirmative Action.  

Über das Anliegen von Kenan Kolat kann man, wie über Anliegen von Lobbyisten allgemein, durchaus reden. Seine Begründung und die Art und Weise, wie er sein Anliegen vorträgt, finde ich ärgerlich.

Dieses Mikrozensus-Ergebnis, das nach allgemeiner Interpretation zur Folge haben soll, dass wir irgendwie doch schon längst irgendwie heimlich irgendwie von Ausländern unterwandert sind, müsste m.E. seinerseits einer mikroskopischen Untersuchung unterzogen werden.

Das vor allem deshalb, weil der Mikrozensus auf dem schildernden Begriff des “Migrationshintergrunds” beruht. Im Gegensatz zu Statler mag ich den Begriff. Jedenfalls habe ich bislang keinen besseren gehört. “Menschen mit Migrationshintergrund” einfach durch das Wort “Einwanderer” zu ersetzen, wie es Statler vorschwebt, wäre eine völlig unzutreffende Beschönigung der Tatsache, dass Deutschland bisher keine Einwanderungsstrategie hat und es demzufolge in Deutschland auch kaum echte Einwanderer gibt.

Trotz stundenlanger Suche habe ich allerdings bisher keine andere Definition für “Migrationshintergrund” gefunden, als die, dass jemand Migrationshintergrund hat, wenn mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren ist. Diese Definition entwertet natürlich den Begriff vollkommen, weil dadurch in den Statistiken ein 80jähriger, dessen Vater seine Kölner Herkunft seit 1650 urkundlich belegen kann und dessen Mutter im Alter von zwei Wochen mit ihren Eltern aus Maastricht eingereist ist, einer Vierjährigen gleichgestellt wird, die vor zwei Monaten mit ihren ghanaischen Eltern aus Ghana eingereist ist.

Ich selbst falle übrigens auch unter diese Definition. Vielleicht wurde mir also meine permanente Desintegration unwiderruflich in die Wiege gelegt: In Westfalen war ich der Sohn von Zugereisten, in Köln war ich der Westfale, in München der Preuße und in China der Westler. Jetzt sitze ich wiederum im Rheinland als Westfale in einem halben Dutzend Integrationsgremien und höre also Herrn Kolats unter Berufung auf den Mikrozensus erhobene Forderung:

Migranten sollen entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung in Behörden vertreten sein, um sich gezielt um die Belange der Zuwanderer zu kümmern.

und seine Begründung:

Menschen deutscher Herkunft fehle das Verständnis für manche Verhaltensweisen oder Familienregeln. “In den Ämtern sitzen aber kaum Migranten”, sagt Kolat. Von 19 Vertretern im Jugendhilfeausschuss Mitte sei ein Vertreter ein Migrant, bestätigt Jugendamtsleiter Dietmar Schmidt. Dass sich türkische Vereine benachteiligt fühlen, könne er nachvollziehen. Wie viele der 500 Mitarbeiter im Jugendamt Migranten sind, konnte Schmidt nicht sagen. 

Interessanterweise hat der DLF in seiner Meldung zwischen “fehle” und “das Verständnis” noch ein “mitunter” eingefügt. Wo sie das herhaben, weiß ich nicht. Aus dem Artikel in der Berliner Zeitung, auf den sich die Meldung bezieht, jedenfalls nicht.

Ich befinde mich, auch und vor allem innerhalb der SPD, bei dem Thema Integration ohnedies schon zwischen allen Stühlen, insbesondere zwischen denjenigen, die sagen: “Wir sind hier in Deutschland. Hier gelten deutsche Gesetze. An die haben sich alle zu halten. Und basta.” und denjenigen, die meinen: “Ach, man muss doch auch den kulturellen Hintergrund berücksichtigen. Und die Herkunft. Und überhaupt.”

Und da ich schon vollauf damit beschäftigt bin, zwischen diesen beiden Extremen zu vermitteln, um dabei zu helfen, einen Konsens herzustellen, damit das Thema Integration irgendwann mal nicht nur von Integrationspolitikerinnen und - politikern ernst genommen wird, sind Einlassungen wie die von Herrn Kolat…ich sach’s mal im Diplomaten-Deutsch… nicht hilfreich. 

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12 Kommentare zu “Mehr Migrationshintergrund in der deutschen Verwaltung?”

  1. 29.08.2006 | 9:27

    Hihi, das kenne ich, das mit dem Westfalen im Rheinland - man gilt ja hier erst mal fast schon als Ausländer, nicht? :)

    Ansonsten stimme ich dir zu, besonders beim Sitzen zwischen den Stühlen.

  2. 29.08.2006 | 9:54

    Du bist wie immer sehr suaviter in modo (ich habe vom kl.Latinum nur die Sprüche im Teil C der Lektionen übrig behalten ;-))…

    Ich sach’s dann mal im Nichtdiplomaten-Deutsch: dreist und unverschämt. Und zwar aus vielerlei Gründen.

    Zum einen scheint Herr Kolat es als das naturgegebene Recht von Migranten, Menschen mit Migrationshintergrund und Ausländern (so ganz wird mir nicht klar, ob er da irgendwie eine Trennung sieht) zu betrachten, durch ihre “Verhaltensweisen” oder “Familienregeln” in Widerspruch zur deutschen Verwaltung zu geraten und deswegen besonders behandelt zu werden.

    Bei frisch Eingewanderten mag man von deutschen Beamten ja noch ein gewisses Fingerspitzengefühl und jede Menge Nachsicht erwarten dürfen, aber spätestens beim werten Nachwuchs sollte er nur noch Deutsche kennen. Deswegen ist das Staatsbürgerschaftsrecht ja geändert worden. Aber ich verstehe ihn auch, den Herrn Kolat: Es ist natürlich angenehmer, einen Status “deutsch plus” beanspruchen zu können, und da in diesem Land jeder irgendwelchen Müll fordern darf, ohne sich lächerlich zu machen, ist es einen Versuch allemal wert.

    Forderungen nach Quoten sind so gut wie immer Unsinn, es sei denn, die Missstände sind so eklatant und von positiven Regelkreisen abgesichert wie z.B. in Südafrika. Dass der Mann nebenbei auch noch locker den Umbau von Behörden zur Durchsetzung seiner Ansprüche fordert, lässt darüber hinaus entweder einen gewissen Hang zum Größenwahn erkennen oder zeigt, wie nachgiebig die deutsche Öffentlichkeit mittlerweile in solchen Fragen eingeschätzt wird. Die Jungs, oder besser: Mädels, von Rechtsaußen kämen jetzt natürlich mit ihrem “Dhimmitum”, aber der Hang, sich für die eigene Klientel auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen, ist nicht religionsgebunden.

    Allerdings ist ein Teil der Gesellschaft aus Angst immer zu Nachgiebigkeit bereit: Das war in den 80ern bei der Nachrüstungsdebatte so, das ist jetzt so beim islamistischen Terror. Ich kenne Herrn Kolat nicht, aber das, was ich da lese, lässt in mir den bösen Verdacht aufkommen, er spiele etwas mit dieser Angst. Es ist übrigens eine typisch muslimische Rhetorik, Ansprüche an sich selbst durch das Anklagen anderer zu beantworten - gerade letzten Donnerstag exemplarisch bei Illner vom Vorsitzenden des Islamrats vorgeführt (und von Boche gerade kürzlich hier in Bezug auf England referiert). Ich hoffe sehr, dass ich mich bei Herrn Kolat da irre.

    Lesen wir in der Forderung also etwas zwischen den Zeilen, dann kommt dabei wenig Integrationsfreundliches heraus. Eher das Gegenteil.

  3. 29.08.2006 | 9:57

    Karsten,

    klar gilt man fast als Ausländer - vor allem, wenn man unter einer Karnevals-Allergie leidet ;-). Ansonsten gilt für das Verhältnis zwischen Rheinländern und Westfalen immer noch:

    Es ist furchtbar, aber es geht

    Ein Skandal, der zum Himmel schreit: Da wurden Rheinländer und Westfalen vor fast einem halben Jahrhundert zwangsweise zu einem Bundesland vereinigt, und kein Mensch spricht über die unzähligen und gewaltigen Probleme, die das aufwirft.

  4. 29.08.2006 | 9:59

    Ach komm, Marian, als Wahlbadener kann ich über diesen Konflikt nur müde lächeln…

  5. 29.08.2006 | 10:10

    Rayson,

    dass es Ethnien in Deutschland gibt, die sich noch weniger verstehen als Westfalen und Rheinländer, würde ich niiieeee bestreiten. Ich habe mal meine Verwandten in Stuttgart-Heumaden gefragt, warum sie immer “Badenser” statt “Badener” sagen, das sei doch diskriminierend. Die Antwort:

    Ja. Und?

    Der Konflikt zwischen Karlsruhe und Stuttgart ist einer der Gründe, warum ich den Einsatz der Bundeswehr im Innern ablehne. Ist vielleicht auch kein Zufall, dass ausgerechnet Wolfgang Schäuble sich so dafür einsetzt…

  6. R.A.
    29.08.2006 | 11:14

    @Rayson:
    > Dass der Mann
    > nebenbei auch noch
    > locker den Umbau
    > von Behörden zur
    > Durchsetzung seiner
    > Ansprüche fordert,
    … zeigt, daß zumindestens Kolat sich bestens integriert hat und weiß, wie hierzulande der Politikbetrieb läuft …
    Das ist geradezu klassische SPD-Denke.

    Ansonsten hat er ein bißchen recht, wenn es den Sozial- und Jugendhilfebereich gibt. Da ist es schon nützlich, wenn einige Mitarbeiter im Amt den Hintergrund vom Familienkonflikten etc. aus eigener Erfahrung einschätzen können.
    Und in diesen Ämtern gibt es deswegen auch “Migranten”, Kolat rennt da weitgehend offene Türen ein.

    Im ganzen Rest der Verwaltung aber sind solche Forderungen natürlich blanker Unsinn.

  7. 29.08.2006 | 11:17

    Was ist denn “deutsch” ohne plus?

  8. 29.08.2006 | 11:20

    Was ist denn “deutsch” ohne plus?

    Stino-Staatsbürger ohne Sonderrechte.

  9. 29.08.2006 | 11:20

    Bravo…noch eine Quotenregelung. Ich erwarte von Verwaltungspersonal, daß es nach Leistungsfähigkeit ausgewählt wird und nicht nach Herkunft, Geschlecht, Quote oder sonstigen angeblich “gerechten” Kriterien. Dann soll Herr Kolat lieber entsprechende Seminare fordern um die Beamten und Angestellten im Umgang mit anderen Kulturen zu schulen.

    Zweite Sache: Ich habe mal in einer Firma gearbeitet, die man durchaus als alte Behörde bezeichnen kann (Stromsektor). Für die Kundenbetreuung in bestimmten Bezikren mit hohem Anteil von Personen mit Migrationshintergrung wurden bewußt Mitarbeiter aus den entsprechenden Kulturkreisen schwerpunktmäßig eingesetzt. Das System hat sich bewährt.

  10. FAB.
    29.08.2006 | 12:32

    Der Mann ist verrückt. Oder so dreist, daß es auch schon keinen Unterschied mehr macht.
    Jedenfalls ist diese “Forderung” eine Unverschämtheit. Eine “türkische Gemeinde” hat in Deutschland nichts zu “fordern”. Deutschland ist ein Nationalstaat und kein fragmentiertes Volksgruppenkonglomerat a la Bosnien. Auf die Anwesenheit dieses Herrn, der offensichtlich meint, durch eine Balkanisierung unseres Landes seine persönliche Karriere als Volksgruppenführer befördern zu können, möchte ich lieber verzichten. Gestern.

    Im übrigen möchte ich auch gern entsprechend meinem Anteil an der Bevölkerung in sämtlichen Behörden “vertreten sein”.

    Scherz beiseite: diese “Forderung” ist offenkundig verfassungswidrig. Für entsprechende Regelungen gibt es keinerlei Rechtsgrundlage - im Gegenteil.

  11. Hardy
    29.08.2006 | 15:28

    Mich würde interessieren was Herr Kolat dann im Gegenzug von folgenden Vorschlägen halten würde: Übernahme des türkischen Einwanderungs, Beamten und Schulrechts. In Schulen und bei öffentlich Angestellten(auch Beamten)herrscht absolutes Kopftuchverbot. Und das Einwanderungsrecht ist absolut extrem, danach müssten ca.75% aller Türken aus Deutschland ausgewiesen werden.

  12. 30.08.2006 | 7:49

    Marian, betreffend deiner “Zerrissenheit”:

    Es ist die Frage, was die damit meinen, die sagen “hier gelten deutsche Gesetze.” Wenn es sich um geschriebene Gesetze handelt, kann das durchaus ein Ansatz sein. Allerdings folgt gleich darauf die Frage, ob ein Land die Integration (beispielsweise Zugang zu Bildung, Einbürgerung, Möglichkeit der Beiteiligung an der Demokratie) so weit verankert hat, dass Gesetze angepasst werden könnten, wenn das Anliegen eine Mehrheit fände. Und hier liegt das Problem, deshalb sitzt du in den Integrationsgremien und zwischen den Stühlen.

    Wäre die Ökonomie ausgehebelt und hätten wir unendlich Zeit und Geld, würde ich Herr Kolats Anliegen sehr gerne nachkommen, auch in der Schweiz.

    Einfach nur um mich zu amüsieren. Denn einer mit Migrationshintergrund kann lange nicht für den anderen mit Migrationshintergrund amten, der gemeinsame Nenner ist - und da habe ich ebenfalls viel Quoten-Gremienerfahrung - kläglich. Der Wille zur Zusammenarbeit noch kläglicher. Und paritätisch geht selten, weil wir aus manchen Ländern nur “bildungsungewohnte” Schichten beherbergen und aus anderen nur die Elite.

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