Was uns Soziobiologen verraten

Dass der angebliche Gegensatz zwischen kaltem, “neoliberalem” Eigeninteresse und warmem, kuschligem Kooperieren, den ich in vielen linken Blogs immer wieder neu variiert vorfinde, in Wirklichkeit keiner ist, wissen nicht nur die Ökonomen, sondern auch die Soziobiologen.

Was mir Gelegenheit gibt, auf dieses interessante F.A.Z.-Dossier hinzuweisen.

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39 Kommentare zu “Was uns Soziobiologen verraten”

  1. 29.08.2006 | 15:10

    Das ist auch ohne das Ausweichen auf Quasi-Naturwissenschaften wie die “Soziobiologie” ein uralter Hut in der Moralphilosophie, deshalb ist die moralische Einstellung trotzdem eine andere als die zweckrationale. Man unterscheidet da zumeist zwischen “moralischer Motivation” und “Motivation zur Moral” - der Text, der mit Kant losgeht, auf den beziehe ich mich hier ausschließlich, behandelt letztere.

    Es ist zudem falsch, daß Kant die “Goldene Regel” expliziert habe. Der Übergang von der individuellen Handlungsmaxime zum Allgemeinen Gesetz ist bei ihm eine Frage der Vernünftigkeit im Sinne dessen, daß Vernunft Gesetzmäßigkeiten erfaßt und Gesetzmäßigkeiten folgend funktioniert. Insofern hat der individuelle Handlungsgrund sich in Beziehung zur allgemeinen Gesetzmäßigkeit zu begeben, sozusagen. Und zwar widerspruchsfrei: Die individuelle Maxime dürfe der Möglichkeit allgemeiner Gesetzmäßigkeit nicht widersprechen, wobei “Gesetzmäßigkeit” keine Juristerei ist, sondern die Verallgemeinerung von Handlungsgründen.

    Das hat bei Kant auch nix mit warm oder kalt zu tun, sondern mit einem metaphysischen Vernunftbegriff, der im Falle der Moralphilosphie im reinen A Priori angesiedelt, aber auch empirisch reformulierbar ist. Die Goldene Regel ist einfach Präferenz-Projektion, das ist was anderes. Was jetzt einfach etwas über die Qualität des verlinkten Textes aussagt. Weil er nur einen Typus von Rationalität behandelt, was schlicht ein verkürzter Vernunftbegriff ist. Der Gegenbegriff zur Vernünftigkeit als Pflicht ist bei Kant die Neigung, und weil viele eben einfach dieser folgen, findet auch Unmoral statt.

    Zudem, wenn schon Kant, dann bitte auch die dritte Formulierung des Kategorischen Imperativ, daß man einen jeden nicht als Mittel, sondern als Zweck an sich selbst behandeln solle.

    Was der Text dort verbreitet, ist ein reiner Funktionalismus und ein kruder Naturalismus, den man mit Kantischen Argumenten ziemlich deutlich zurückweisen kann. Denn: Jede wissenschaftliche Aussage verweist zunächst einmal auf das Erkenntnisvermögen des Erkennenden selbst.

    Da gibt es freilich auch neurobiologische Ansätze, dises zu untersuchen, die aber den Charakter transzendental-emprischer Kurzschlüsse zumeist haben, weil das Gehirn selbst da Vorraussetzung des Untersuchens von Gehirnen ist. Da sollte man lieber bei Kant bleiben und den Satz “die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung ist zugleich auch die Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände von Erfahrung” ernst nehmen, und, statt auf Naturwissenschaft zu rekurrieren, lieber gleich die sozialen Konstitutionsbedingungen der Fragestellungen und der Gegenstände von Wissenschaften thematisieren. Auch die institutionellen.

    Der Text verbreitet stattdessen eine Abfolge naturalistischer Fehlschlüsse (”vom Sein auf’s Sollen schließen”) und wird Moralität schon deshalb nicht gerecht, weil er die Perspektive der 1. Person aus der Perspektive der 3. Person thematisiert. Damit erfaßt er jene Erfahrung, die die Perspektive der 1. Person zum Ausdruck bringt, nicht. Wenn ich sage: “Es tut mir weh, wenn jemand Rayson beschimpft und in die Neocon-PI-Ecke stellen willen!”, so ist das ja ein reales Gefühl, das ich auch wirklich habe. Auch wenn ich glechzeitig auf der Ebene der Identitätskonstruktion etwas davon habe, weil ich mich dann als guter Mensch fühlen kann, tut es mir trotzdem ganz real weh und treibt mich zu Handlungen, z.B. Loellie darauf hinzuweisen, daß das eine unfaire Behandlung von Rayson ist. Das ist auf Funktionalismus nicht reduzierbar.

  2. 29.08.2006 | 15:20

    Der Unterschied liegt doch schon mal darin, dass Kant Regeln aufstellt, statt Verhalten zu beschreiben, während ich nicht erkennen kann, dass der Text des Soziobiologen auf ein Sollen abstellt. Von daher gibt es da auch nix zu “widerlegen”, sondern höchstens den Anspruch zu erheben, die soziobiologischen Bedingungen durch Vernunft zu überwinden.

    Was dort aber konkret beschrieben wird, ist, unter welchen Bedingungen Wesen, die Kant nicht so sehr verinnerlicht haben, dass sie seinen Maximen folgen (also wohl so um die 99%), Kooperation gegenüber z.B. der Ausnutzung von Vertrauen bevorzugen.

  3. Libero
    29.08.2006 | 15:31

    @Rayson

    Anscheinend ist dir in Teil 2 die Entkopplung von Kooperation und Eigeninteresse nicht aufgefallen. Siehe Letzter Abschnitt.

    Bei Menschen, die persönlich nicht kenne und die ich im Leben nicht wiedersehe, herrscht Enthemmtheit vor. Beispiel Statler und sein Spiegel. Dem Täter wäre nicht zum Täter geworden, wenn er Statler persönlich kennt und erst recht nicht, wenn er von ihm beobachtet wurde.

    Ist diese Entkopplung vorhanden, ist sehr wohl ein Gegensatz vorhanden. Siehe Finanzinvestoren, die selbst gar nicht im Betrieb die Verantwortung haben.

    hinter dem Text steckt kein kluger Kopf.

    Teil 2 Teilen beim Jagdglück.

    Das Teilen ist abhängig von der Größe der Beute. Eine sehr große Jagdbeute wird schon deshalb geteilt, weil sie schnell verwest und der Jäger selbst nicht mehr als 3 kg Fleisch essen kann. Zudem kommt die Seltenheit dazu, so große Beute zu erlegen. Kleine Jagdbeute wird dagegen nicht geteilt.

    Der gute Professor unterschlägt ein weiteres Motiv. Geteilt wird nicht nur mit Männern, sondern vor allem mit Frauen. Es besteht eine Korrelation zwischen dem Jagdeifer und der Einstellung der Wildbeuter zur Sexualität. Immerhin, so lerne ich durch einen deutschen Professor, daß Brunst eine rationale Nutzenmaximierung ist. Ich habe das immer für Geilheit gehalten. Aber manche Männer sind halt anders.

  4. Libero
    29.08.2006 | 15:40

    Teil 3
    Rudel rund ums Runde Leder

    Das klassische und eigentlich absurdeste Beispiel lässt er aus, die byzantischen Zirkusparteien. Wenn du den Hintergrund kennst, braucht man sich nicht zu wundern, wie einfach der Gegensatz Wir und die Fremden entstehen kann. Dann braucht man sich über die Wagenburgmentalität der politischen Parteien in Deutschland auch nicht zu wundern.

  5. 29.08.2006 | 15:46

    Ist diese Entkopplung vorhanden, ist sehr wohl ein Gegensatz vorhanden.

    Nein. Da nur aus Eigennutz heraus kooperiert wird, ist das eine nur ein Unterfall des anderen. Andere Unterfälle stellen keinen Gegensatz dar.

  6. Libero
    29.08.2006 | 16:23

    @Rayson

    ist es für dich eine bewiesene Tatsache, daß alle Individuuen nur aus Eigennutz kooperieren?

  7. 29.08.2006 | 16:25

    @Rayson:

    “Der Unterschied liegt doch schon mal darin, dass Kant Regeln aufstellt, statt Verhalten zu beschreiben.”

    Nein, Kant hat untersucht (mit dem Mittel der Selbsreflektion der Vernunft), wie man Regeln aus der Perspektive der 1.Person vernünftig begründen kann. Das ist zu verstehen als Explikation eines menschlichen Vermögens, eines Könnens, über das jeder sowieso verfügt.

    Das Beschreiben von Verhalten ist die 3. Person. Die, wie alles sprachliche, bereits auf ein intersubjektives Vorverständnis verweist, diese vorraussetzt, das seinerseits “immer schon” auch aus Kooperation besteht(das war jetzt ein Schritt über Kant hinaus, der bleibt beim “ich denke”. Das ist schon Wittgenstein und die Folgen).

    “Da nur aus Eigennutz heraus kooperiert wird, ist das eine nur ein Unterfall des anderen.”

    Nein, eben nicht. Das sind zwei verschiedene Einstellungen zu anderen Menschen, die beide eine Möglichkeit menschlichen Lebens darstellen. Der Autor schummelt in die Beschreibung von Verhalten das Ergebnis mit rein, Funktionalismus.

  8. Libero
    29.08.2006 | 16:32

    @Rayson

    jedes menschliche Verhalten zeigt eine Bandbreite. Hinzu kommen Handikaps durch Variationen des Stoffwechsels, die sich nur bedingt mit genetisches Einflüsse erklären lassen.

    Ein einfaches Beispiel:

    Das Gefühl der Eltern für Kinder kann varieren von der absoluten Gleichgültigkeit bis zur extremen Bevorzugung des eigenen vor dem fremden Nachwuchs, dem wiederum Eltern gegenüberstehen, die fremde Kinder, wenn auch unmerklich, überhaupt nicht benachteiligen. Das wird noch von kulturellen Einflüsse überlagert.

    Wie erklärt ein Soziobiologe dieses Spannweite?

  9. 29.08.2006 | 16:44

    @MR

    Das ist zu verstehen als Explikation eines menschlichen Vermögens, eines Könnens, über das jeder sowieso verfügt.

    An das sich aber in der Kantschen Variante seltsamerweise kaum einer orientiert. Und damit wird es dann doch zu einer Art Regel im Sinne von “so würde es gehen”.

    Wenn ich Kooperation durch Eigennutz erklären kann, was ist daran “geschmuggelt”?

    @Libero

    Natürlich gibt es Bandbreiten, weil es immer Menschen gibt, die sich völlig anders verhalten als ihre Umwelt. Aber, nehmen wir dein Beispiel, Eltern bevorzugen so weit verbreitet und in so großem Ausmaß doch ihre eigenen Kinder, dass man darin eine Konstante erkennen kann.

  10. Libero
    29.08.2006 | 17:02

    @Rayson

    ich wäre sehr vorsichtig mit einer solchen Aussage. Das ist schon gar nicht eine Konstante.

    Wir wissen beide, was “erziehen” heißt und haben sie, so vermute ich mal, bis zur Abnabelung erlebt.

    Was heißt bevorzugen? Das pendelt zwischen ich will, das er/sie in meine Fußstapfen tritt bis zu da wächst ein eigenständiger Mensch heran, der das recht hat, seine/ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Dazu gehört auch, daß es dem Heranwachsenden gelingt, sich innerhalb eines Teams zu integrieren, ohne dadurch an Individualität einzubüßen. Ein krasserer Gegensatz ist nicht denkbar, aber beides wäre ein Bevorzugung der eigenen Kinder.

    Tut mir leid, solche Art Bevorzugung des eigenen Kindes ist mir vollkommen fremd.

    Mich hat es immer abgestossen, wenn Eltern mit Gewalt andere Kinder zurückdrängen, um ihrem Kind ein Vorteil zu verschaffen. Nach meiner Erfahrung sind Eltern, die so massiv sich in der Öffentlichkeit darstellen, keineswegs Eltern, wo die Kinder zu hause etwas zu sagen haben oder gefördert werden.

    Selbtwahrnehmung, Außendarstellung und Innendarstellung sind selten deckungsgleich.

  11. 29.08.2006 | 17:33

    @Rayson:

    “An das sich aber in der Kantschen Variante seltsamerweise kaum einer orientiert. Und damit wird es dann doch zu einer Art Regel im Sinne von “so würde es gehen”.”

    Ich weiß ja nicht, mit wem Du normalerweise redest, aber die gesamte philosophische Tradition seit Kant operiert ungefähr so, und die Soziologen - außer der Luhmann-Linie - im Grunde genommen auch. Selbst die Existentialien bei Heidegger sind ein in diesem Sinne “tranzendentales” Projekt, wobei das mittlerweile außer Apel kaum noch jemand so nennt, weil alle über Empirie gehen - Medientheorie, Sprache usw..

    Zudem das Herausarbeiten des Formal-Prozeduralen gerade keine konkrete Handlungsregel formuliert, sondern nur die Regeln des Begründungsverfahrens selbst expliziert, rekonstruiert, wie immer man das auch nennen will.

    “Wenn ich Kooperation durch Eigennutz erklären kann, was ist daran “geschmuggelt”?”

    Wenn ich die Funktion von Moral untersuche, dann erkläre ich auch nur Funktionales, aber nicht, was es sonst noch so alles an menschlichen Möglichkeiten gibt. Insofern erkläre ich auch gar nicht Kooperation durch Eigennutz, sondern finde eben einfach das, was ich suche, und anderes nicht. Mal den Menon gelesen?

  12. 29.08.2006 | 17:52

    @MR

    Ich hab ja nichts dagegen, dass die philosophische Tradition so arbeitet. Mir kommt es nur darauf an, dass die Aussage des besagten Textes auf etwas anderes abzielt, nämlich wie sehr Verhaltensweisen, die sich im Laufe eines evolutionären Prozesses herausgebildet haben, auch heute noch unser Handeln bestimmen.

    Auf die Spekulation über “menschliche Möglichkeiten” mag ich mich nicht verlassen, wenn es darum geht, menschliches Verhalten im alltäglichen Handeln zu berücksichtigen, also den Menschen zu nehmen, “wie er ist”. Es geht ja nicht um die “Funktion von Moral”, sondern darum zu erklären, unter welchen Bedingungen Menschen zur Kooperation neigen und unter welchen diese eher unwahrscheinlich wird.

    Menon sagt mir nichts.

  13. 29.08.2006 | 20:55

    @Rayson:

    Das Menon-Paradox packe ich heute abend auch nicht mehr - und angesichts dieser eigentümlichen Spekulationen der “Soziobiologen” ist Philosophie ‘ne harte Wissenschaft. Unter welche Bedingungen entsteht denn dann soziobiologisch die Wissenschaft Soziobiologie?

    Abgesehen davon, daß ich mich frage, was das Abtun der Möglichkeiten menschlichen Handelns als Spekulation noch mit “liberal” zu tun hat, das ist doch Freiheit … nicht “soziobiologische” Determinationen und Reduktionen. Und die “Bedingungen” gelten dann auch nur in scheinnaturwissenschaftlicher Perspektive, sind in ökonomischen Zusammenhängen aber grundsätzlich nicht relevant - Du verwirrst mich …

  14. 29.08.2006 | 21:04

    Was heißt “Abtun”? Liberal ist auf jeden Fall, auch mit einem Menschen auszukommen, der den schönsten philosophischen Vorstellungen von seinen Möglichkeiten nicht gerecht wird, sondern der sich so verhält, wie er sich in einem langen Anpassungsprozess zu verhalten gelernt hat.

    Dass die Bedingungen, die von Soziobiologen aufgezeigt werden, auch in ökonomischen Zusammenhängen gelten, scheint mir auf der Hand zu liegen, zumal sie sich mit den Erkenntnissen der Spieltheorie decken.

  15. 30.08.2006 | 9:40

    @Rayson:

    Man kann schon in einem bestimmten Rahmen zu Freiheit verpflichten, immer dann, wenn es um Verantwortung geht … bei den Sozialsystemen formt “ihr” das zum Prinzip, und da, wo es politisch in den Kram paßt, regiert dann auf einmal ein evolutionärer Anpassungsprozeß …

    Und bei den “Soziobiologen” wie auch den Spieltheoretikern gilt - zumindest hinsichtlich dessen, was ich da so mitbekommen habe, man korrigiere mich-, daß sie die Voraussetzungen ihrer eigenen Fragestellungen und somit ihre eigene Wissenschaftlichkeit nicht hinterfragen. Was spätestens bei der Anwendung der Theorie auf sich selbst zumeist dann deutlich wird.

    Insofern halte ich auch jeden Versuch der Biologisierung ökonomischer Fragen für ganz außerordentlich problematisch, was jetzt außerordentlich freundlich formuliert ist.

    Das ist zwar typisch für bestimmte Diskurse, daß sie im Grunde genommen nur selbstrefentiell auf die unhinterfragten Möglichkeitsbedingungen ihrer eigenen Aussagen verweisen. Das ist aber vormodern und vor allem auch vor-kritisch.

    Der Kant-Vortrag oben steht da ja nicht, um der Welt zu zeigen, daß ich den mal gelesen habe, sondern als Verweis darauf, daß man bestimmten wissenschaftstheoretischen Fragen seit Kant einfach nicht mehr ausweichen kann, wenn man ernsthaft diskutieren will - deshalb gab’s ja dann das Poppersche Werk, unter anderen. Methodenkritik ist doch das A und O jeder Wissenschaft. In allen, man denke nur an die Unschärfe-Relation oder wie das hieß …

  16. 30.08.2006 | 10:01

    Es fällt schon auf, dass biologische Dinge zur Zeit immer mit Wirtschaftlichkeitsaspekten erklärt werden. Früher waren religiöse Erklärungen sehr trendy.

    So “lohne” es sich beispielsweise für die Natur nicht Unsterblichkeit zu entwickeln, da dies sehr auswändig sei (perfektes Immunsystem, Reparatursysteme für Organe und DNA) und man bevor es zu tragen käme in der Umwelt umkäme (Hitze, Kälte, Steinschlag) oder gefressen würde.

    Kann natürlich richtig sein, aber die Natur rechnet nicht nach. Es ist ein dummer Zufall, wenn sich etwas durchsetzt. Und opportunistisch noch dazu. Halt blöde, wenn man deswegen ein Koala-Bär geworden ist und nur noch Eukalyptus essen kann/mag.

    Ich bin mit biologischen Erklärungsansätzen daher immer recht vorsichtig, denn allzugerne wird etwas als “natürlich” bezeichnet um seine Ideologie zu bedienen.

  17. 30.08.2006 | 10:26

    Kleiner Lesetipp zu diesem Thema: Matt Ridley: Die Biologie der Tugend

  18. Stefan Eich
    30.08.2006 | 11:08

    Bei allem gebotenen Respekt, Kant war ein Blender mit recht eigenartigen Ausgangspunkten.
    http://www.kreuz.net/article.3732.html

  19. 30.08.2006 | 11:45

    @Stefan Eich:

    Mit Verlaub, aber so ein Satz wie “Kant war ein Blender” ist ungefähr so sinnvoll wie “Newton war ein Scharlatan” oder “Goethe konnte nicht schreiben” oder “alle Päpste sind dem Wesen nach Inquisiteure”. Zudem der Verweise auf irgendwelche katholizistisch-denunziatorischen Verdrehungen auf irgendwelchen Propaganda-Seiten über einen durchausaus religiösen, aber auch religionskritischen Philosophen in diesem Fall wohl kaum relevante Quellen sind.

    In der Tat finden sich bei Kant ziemlich dämliche Sätze z.B. über die Südseebewohner auch in den moralphilosophischen Schriften, und in der Tat im Kontext dessen, daß diesen die “Neigung”, somit das, was sehr viel später über Freud vermittelt als “Trieb” galt, zugeschlagen wird. Dieses “schwarz = Natur, weiß = Kultur” ist ja ein gängiger rassistischer Topos, der bis in die Auseinandersetzung mit dem Islam hineinragt (und oft eher ein invertierter Rousseauismus ist, in dem sich jedoch auch christliche Motive im Umgang mit der Fleischlichkeit und dem Sündigen gewissermaßen fortpflanzen - jenes wittert man dann eben auch in wahlweise zu zivilisierenden oder zu missionierenden “Wilden”).

    Aber die Rassismen des 19. und 20. Jahrhunderts jetzt in Kant begründet zu sehen ist falsch. Da kam noch mal Darwin (passend zum eigentlichen Thema) dazwischen, Gobineau und andere, und die Diskreditierungsnummer in irgendwelchen Organen der Gegenaufklärung zeigt allenfalls, mit welchen Mitteln eine bestimmte Variante des Katholizismus agitiert. Was jetzt noch lange nicht begründen kann, generell den katholische Glauben zu diskreditieren. Trotz kreuz.net.

  20. 30.08.2006 | 11:49

    @Steffen H:

    “In zahlreichen Geschichten illustriert Ridley menschliches Verhalten mit Analogien aus dem Tierreich”

    So ungefähr interpretiert man auch Tarot-Karten und erstellt Horoskope, da gilt auch das Analogie-Gesetz: “Wie oben, so unten”.

  21. Stefan Eich
    30.08.2006 | 12:26

    Wenn die Unvernunft ( Unsinn ) als polarer Gegensatz zur Vernunft ( Sinn ) ausgeschlossen wird, gibt es keine Entwicklung mehr im Sinne von Wachstum, sondern nur noch durch Fertigung.

  22. 30.08.2006 | 13:00

    @Stefan Eich:

    Unsinn ist ja nicht Unvernunft, sondern die Behauptung von etwas Falschem. Auch das ist Kant: Vernunft als formales Vermögen, aufgrund von Sinnesdaten auf etwas zu schließen, was die Erfahrung als sinnliche Erfahrung uns vorgibt (im Detail ist das komplizierter, weil auch der Verstand da noch reinspielt usw.). Insofern kann im Durchgang durch neue Erfahrungen auch sowas wie ein Wachstum an Erkenntnissen stattfinden. Bei Kant konkret durch Hume, der ihn aus dem “dogmatischen Schlummer” erweckte.

    Schlau ist auch nicht, wer was Richtiges sagt, sondern wer über Urteilskraft verfügt, das Besondere und das Allgemeine zu vermitteln nach Kant. Das berühmte “Andere der Vernunft” (Böhme/Böhme) ist die Neigung, der Trieb, die Emotionen etc.

    Die oben skizzierte Figur - Vernunft als das Vermögen, aus Sinnesdaten Schlüsse zu ziehen und ein Besonderes auf ein Allgemeines zu beziehen - ist ja bis hin zu den Neurowissenschaften gültig. Nur daß da dann nicht die Vernunft sich selbst kritisiert (auch, um dem Glauben Raum zu schaffen), sondern emprisch gearbeitet wird, aber im Sinne eine transzendentalen Programms: Die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis untersuchen.

    Das ist eine Ausarbeitung der “eingeborenen Ideen” bei Descartes unter Einbeziehung der sinnlichen Fundierung von Erkenntnis bei Hume im Falle Kants.

    Und da war Kant weiß Gott kein Blender - kein Mensch behauptet doch heute noch wirklich, daß uns “Welt” unabhängig von unserem Erkenntnisvermögen zugänglich ist. Natürlich sehen wir die Welt mittels unserer Augen und auch nur das, was diese zu erfassen vermögen, und verarbeiten dann das, was das Auge sieht, in anderen Hirnregionen, die dann z.B. “sagen”: Oh, ein schickes Auto! - was sehen heißt, kann man jedoch nicht “erklären”, indem man eine menschliches Auge seziert oder diesem die Funktion des Sehens im Rahmen menschlicher Sinnlichkeit zuweist. Das war mein Einwand gegen Rayson.

  23. 30.08.2006 | 14:40

    @MR

    Es wäre ein Irrtum, Liberalen zu unterstellen, sie würden bei der Gestaltung von Sozialsystemen Prinzipien aufstellen. Zumindest wir auf diesem Blog reden in “Wenn-dann”-Konstruktionen, und für eben diese Aussagen brauchst du ein Modell über menschliches Verhalten, wie es sich hier und heute darstellt. Nicht, wie es sich darstellen könnte, wenn sich die Menschen danach richten würden, was weise Männer als für sie ideal erkannt haben. Dass wir über die “Wenn-dann”-Aussagen auch zu Meinungen kommen, liegt dann an unseren Grundüberzeugungen, die wir als solche ja gerne offenzulegen bereit sind.

    Also: Gegeben sind die Grundüberzeugungen zugunsten individueller Freiheit, gegeben ist ein Modell über menschliches Verhalten (siehe hierzu übrigens diesen Beitrag bei “Mit dem Kopf voran” und den dort verlinkten Artikel auf TCS Daily), das sich angenehmerweise mit den Ergebnissen anderer Disziplinen deckt, und heraus kommt eine Aussage darüber, wie wir z.B. Sozialsysteme reformieren würden.

    Ich weiß nicht, was du mit “Biologisierung ökonomischer Fragen” konkret meinst, aber Tatsache ist, dass sowohl menschliches Verhalten als auch menschliches Wissen weder vom Himmel fallen noch beliebig in einem rationalen Akt antrainierbar sind, sondern auf Grundlagen evolutionärer Prozesse beruhen. Da reden wir dann tatsächlich auch über das Gehirn, aber weniger metaphysisch (Willensfreiheit), sondern konkret über dessen angeborene Mechanismen.

    Mir ist es für die Verwertung in ökonomischen Fragestellungen wirklich egal, ob eine Wissenschaft “die Voraussetzungen ihrer eigenen Fragestellungen hinterfragt”. Noch viel mehr wäre “vormodern” oder “vor-kritisch” ein Maßstab für mich. Das mag zu netten philosophischen Gedankenspielen Anlass geben, hilft uns aber wenig genau so wenig wie die durch die Quantenmechanik entstehende Unsicherheit, wenn es darum geht, anwendbare Erkenntnisse für das Hier und Jetzt zu gewinnen. Entscheidend ist für mich viel mehr, dass nachprüfbare Ergebnisse geliefert werden, und dass die Schlussfolgerungen falsifizierbar sind.

    Wenn dir das nicht “ernsthaft” genug ist, dann ist das eben so.

  24. 30.08.2006 | 14:45

    Natürlich sehen wir die Welt mittels unserer Augen und auch nur das, was diese zu erfassen vermögen, und verarbeiten dann das, was das Auge sieht, in anderen Hirnregionen, die dann z.B. “sagen”: Oh, ein schickes Auto! - was sehen heißt, kann man jedoch nicht “erklären”, indem man eine menschliches Auge seziert oder diesem die Funktion des Sehens im Rahmen menschlicher Sinnlichkeit zuweist.

    Ich muss nicht erklären, was Sehen “heißt”, wenn ich der Tatsache Rechnung tragen will, dass Menschen normalerweise nun einmal sehen. Ein Einbrecher z.B., der gerne unbemerkt tätig sein will, braucht keine vertiefte Lektüre, um mit diesem Phänomen für ihn angemessen umzugehen.

  25. 30.08.2006 | 14:48

    Aber wenn es um Moral und Kooperation geht, dann gehört sowas wie “wissen, was sehen heißt” schon mit dazu, ansonsten beschreibst Du halt was anderes, aber nicht Moral …

  26. 30.08.2006 | 15:15

    Hatte den ersten vorletzten eben nicht gelesen, drum jetzt:

    “aber Tatsache ist, dass sowohl menschliches Verhalten als auch menschliches Wissen weder vom Himmel fallen noch beliebig in einem rationalen Akt antrainierbar sind, sondern auf Grundlagen evolutionärer Prozesse beruhen”

    Daß menschliches Handeln in evolutionären Prozessen gründet ist ein Modell, für das es aktuell bessere Gründe gibt als dagegen. Was das für Konsequenzen das für ein “Ich agiere” hat, ist aber eine ganz andere Frage.

    Ich beziehe ja nicht irgendeinen Prozeß, der dazu führte, daß Wesen wie ich den aufrechten Gang beherrschen, in meine individuelle Finanzplanung z.B. mit ein, in die Einrichtung meiner Wohnung oder in die Verteidigung von X gegen Y.

    Die jeweils zuständigen Rationalitätstypen für Finanzplanung (zweckrational), Wohnung einrichten (ästhetische Rationalität, bei Kant “interesselosen Wohlgefallen”) und jemanden unterstützen (sozial) sind eben nur dann überhaupt verständlich, wenn man sich in die Perspektive der 1. Person begibt.

    Reicht ja als Argument schon aus, aber sie sind zudem eingebettet in ein sprachlich sich manifestierendes, spezifisches kulturelles Wissen und teils institutionalisierte, gesellschaftspezifische Praktiken, die eine Aussage wie jene “Soziobiologie” dann allererst hervorbringen.

    Daß also so eine Fragestellung wie jene der Evolutionstheorie sich entwickeln konnte, verdankt sich einem Wissenschaftskonzept, daß sich meines Wissens so in China nicht entwickelt hat, dafür haben wir jedoch auch keinen Taoismus, was ja schade ist - dazu kann Marian aber mehr sagen. Wenn man das alles ausklammert und da Popper-Light-mäßig rangeht, begibt man sich halt in Gefahr, allenfalls Zufallstreffer zu erzeugen …

  27. Stefan Eich
    30.08.2006 | 15:40

    @ MomoRules
    Unsinn ist ja nicht Unvernunft

    gemeint ist jeweils der polare Gegensatz: Sinn, Unsinn und Vernunft, Unvernunft

    Unsinn ist………………. die Behauptung von etwas Falschem.

    Unsinn ist ohne Sinn, aber damit doch noch nicht falsch.

    In der Tat finden sich bei Kant ziemlich dämliche Sätze

    ich tu mich da etwas schwerer mit dem relativieren.

    Erkenntniss ist ein Erfassen, ein geistiges Sorieren von Vorgängen, demnach also kein Wachstum, sondern eher ein sammeln von Erkenntnissen.
    Wachstum entzieht sich den Plänen und Entwürfen des Menschen, es geschieht aus sich selbst heraus und verweigert sich somit der Vernunft. Dies zeigt sich z.B. in einer ” unvernünftigen” Großzügigkeit, Vielfalt, etc. dessen was Natürlich ist.
    Die Fülle des Lebens kommt doch aus dem Unvernünftigen, zumal Vernunft als moralischer Begriff betrachtet, mit dem jeweiligen Zeitgeist und der formalen Entwicklung einer Zeit gefüllt ist.
    Beim Dogma stell sich die Frage an was es gebunden ist.
    Die Urteilskraft wächst aus persönlich Erfahrenem und Erlebten. Erfahrung ist leider nicht übertragbar, ansonsten könnte man sich einiges ersparen.

    Das berühmte Andere der Vernunft —

    das eine oder andere der Vernunft, also entweder es ist Vernunft und dann ist mit ein oder andere, oder es ist ohne Vernunft, demnach dann unvernünftig.
    Das Begreifen von Welt ist nicht nur ein funktioneller Vorgang, sondern beinhaltet das Unvorhergesehene Unkalkulierbare ebenso in sich
    nämlich als Voraussetzung zum Entstehen von Neuem, im Gegensatz zu Weiterentwicklungen an Bestehendem.
    Soweit ich informiert bin sind z.B. über 50% aller maßgeblich wirklich neuen Erfindungen Brachenfremden gelungen.
    Sollte der Eindruck ” Ansage mit lehrhafte Zügen ” entstehen, so ist dies mitnichten so gemeint.

  28. 30.08.2006 | 16:14

    @Stefan Eich:

    Wenn man das Wachstum von Bäumen oder Menschen oder von mir aus auch ganz ironiefrei spirituelles Wachstum nimmt, dann kommt man da mit Erkenntnistheorie nur insofern weiter, daß man eben erkennen kann, daß die Welt, auf die man sich bezieht, weder vernünftig noch unvernünftig ist, sondern daß da eben alles Mögliche passiert.

    Aber auch das ist übrigens Kant, deshalb ja die Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich: Erscheinung ist das, was unserem Verstand erscheint, an’s Ding an sich kommen wir nicht ran. Insofern ist Kants Philsophie ein einziges Plädoyer gegen eine Totalisierung von Vernunft, und impliziert auch keine Ontologie des Rationalen - außer hinsichtlich des Faktums des menschlichen Vermögens, vernünftig sein zu können, also einer Ontologie des Intelligiblen. Diese Welt des Intelligiblen, in der Freiheit z.B. einzig konstatierbar sei, gehört zu den unhaltbaren Ansichten des Kantischen Systems.

    Der berühmte Satz, er habe die Vernunft eingeschränkt, um dem Glauben Raum zu schaffen, ist dennoch systematisch wichtig: Kant hat z.B. in den Antinomien der reinen Vernunft - Freiheit, Gott, Unsterblichkeit der Seele - im Grunde genommen nur ausgeführt, daß bestimmte Fragen eben durch die Vernunft gerade nicht beantwortet werden können, sondern daß die Vernunft sich hier notwendig in Widersprüche verwickelt. Insofern hat Kant der Vernunft z.B. durch die Fundierung im Empirischen enge Grenzen gesetzt, ohne wie Hume nur noch zusammenhangslose Sinnesdaten zu behaupten.

    Sowas wie eigendynamische, soziale Prozesse z.B. kann man mit Kant nicht beschreiben, das stimmt schon. Vielleicht kommt die Fülle des Lebens auch aus dem Nicht-Vernünftigen, vielleicht sogar aus dem Unvernünftigen, das kann gut sein.

    “Das Begreifen von Welt ist nicht nur ein funktioneller Vorgang, sondern beinhaltet das Unvorhergesehene Unkalkulierbare ebenso in sich
    nämlich als Voraussetzung zum Entstehen von Neuem, im Gegensatz zu Weiterentwicklungen an Bestehendem.”

    Habe ich kein Problem mit, solange man nicht wiederum darauf Erkenntnis reduziert. Dann steht man ganz schnell als Hirte des Seins auf irgendwelchen Lichtungen im Schwarzwald rum und gibt den Seher … was nix gegen die Komponenten ist, die Sie erwähnen, sind allesamt wichtig. Aber Kant gehört schon zu denen, die in bestimmten Fragen dabei sein müssen … das I Ging dann bei anderen Fragen aber auch.

  29. Stefan Eich
    30.08.2006 | 17:00

    @MomoRules

    Das legen, oder werfen des I Ging wäre dann ja wiederum der Versuch das Unvorhersehbare ins Kalkül zu ziehen, aber
    ob das dem Unkalkulierbaren passt und es nicht viekkeicht in neuem Gewande hinterm Gartenzaun lauert und grinst ?

  30. 30.08.2006 | 17:53

    @Stefan Eich:

    Dann würde einen das I Ging schon darauf hinweisen … ansonsten meinte ich eher die Lektüre dessen als Naturphilosophie/Mystik, nicht als Orakelbuch, die in einigen Punkten mit dem von Ihnen Geschriebenen korrespondiert und vor allem den Wandel selbst, nicht das Ziel, thematisiert. Und das ist schon ziemlich toll am I Ging … man muß es ja nicht konfuzianisch lesen.

  31. Zodac
    31.08.2006 | 3:47

    Das ganze erscheint mir auch sehr logisch. Individualisierung ermöglicht einer Art eine höhere Anpassungsfähigkeit an die Umwelt. Der Selbstnutzen hat den Zweck, durch Irrtum und Versuch neue Lösungen zu entdecken. Mitunter geht jeder Fortschritt zuerst von einer (erfolgreichen) Minderheit aus, welcher später von der Mehrheit kopiert wird.

  32. 31.08.2006 | 9:08

    @Zodac:

    “Mitunter geht jeder Fortschritt zuerst von einer (erfolgreichen) Minderheit aus, welcher später von der Mehrheit kopiert wird.”

    Leninismus? Hier? ;-)

  33. 31.08.2006 | 9:48

    Ein Lenin-Spruch kam mir von früher her auch in den Sinn. Aber lies noch mal genau: Da ist wirklicher Fortschritt gemeint.

    ;-)

  34. Stefan Eich
    31.08.2006 | 11:47

    @MomoRules

    Das hört ja gar nicht mehr auf ;-) , aber gestern hatte ich keine Zeit mehr und somit nur noch Eines.

    daß die Welt, auf die man sich bezieht, weder vernünftig noch unvernünftig ist, sondern daß da eben alles Mögliche passiert.

    In der deutsche Sprache, habe ich doch bestechend viele Möglichkeiten die Dinge knapp und eindeutig zu präzisieren.
    Wenn ich als Ausgangspunkt die Polarität der Welt habe, dann ist es folgerichtig, daß sie beides, Vernunft und Unvernunft in sich birgt und nicht ausschließt.
    Mir ist halt dann ” alles Mögliche” zu offen, wissend, daß es, um dem gänzlich auf den Grund zu gehen, den Raum hier sprengen würde.

  35. 31.08.2006 | 12:37

    @Stefan Eich:

    Das liebe ich so an diesem Blog, wirklich - die Kondition, immer weiter, immer weiter zu diskutieren … “alles Mögliche” ist zu offen, stimmt, und Vernunft muß schon auch in der Welt sein, sonst reproduziert man die “Welt des Intelligiblen”. Aber eine Ontologie der Möglichkeiten ist doch trotzdem schöner als eine des Ist-Zustandes?

    @Stefanolix:

    Ob Lenin (nicht Stalin!) gegenüber dem Zarenreich ein Fortschritt war oder nicht, das wäre tatsächlich mal ‘ne spannende Diskussion! Aber die zettel ich jetzt lieber nicht an ;-) … zudem für mich immer Lenin, nicht Marx, das eigentliche Drama war, das am Rande. Mist, noch so ein Anzetteln, das ist bei mir zwanghaft … einfach nicht darauf eingehen!

  36. 31.08.2006 | 12:55

    Ich bin überzeugt, dass man eine Entwicklung, die zu Millionen unschuldigen Todesopfern führte, nicht als Fortschritt bezeichnen kann. Ich war nach Beginn der “Perestroika” in Leningrad und für drei Monate auf Montage in der Ukraine. Schon innerhalb dieser kurzen Zeit war für mich erkennbar, dass sich mit dem Namen “Leninismus” niemals Fortschritt verbinden kann. Die merkwürdige Art der Demokratie in Russland, über die ich heute morgen geschrieben habe, ist auch eine Spätfolge der 70 Jahre Leninismus/Sozialismus — oder wie man das auch immer nennen will …

    Selbstverständlich musste das Zarenreich reformiert werden. Ein Großteil der Menschen lebten im Elend, es fehlten viele Freiheiten. Aber ein wirklicher Fortschritt hätte für mich anders ausgesehen …

  37. Zodac
    31.08.2006 | 18:08

    Lenin hat nicht den Zar gestürzt, sondern die seit der Februarrevolution sich entwickelnde Demokratie.
    Dementsprechend halte ich wenig, wenn man Lenin und sein Regime mit dem Zar vergleicht. Im Prinzip waren beide Herrschaftsformen geschlossene Systeme, welche keinen Raum ließen für Minderheiten und abweichende Meinungen. Solche geschlossenen Systeme sind eine Anmaßung von Wissen.
    Individualismus und der dazu notwendige Eigensinn ermöglicht die Innovation und den Wettbewerb von Ideen. Dementsprechend sieht man trotz aller Kritik, warum die Demokratie ein solch fruchtbarer Boden für die Freiheit ist.

  38. 31.08.2006 | 18:45

    @Stefanolix + Zodac:

    Ich wollte auch weiß Gott keinen Leninismus predigen, das läge mir fern. Ich finde nur, daß man bei retrospektiven Deutungen nicht erst beim Ergebnis ansetzen darf, sondern die Handlungsgründe zum Zeitpunkt, als gehandelt wurde, schon auch ernst nehmen muß.

    Bei allem Grauen, was die Lenins und Stalins und Maos über die Welt brachten, halte ich’s doch für relevant, auf das Vorher auch zu verweisen. Im Falle Lenins war das unter anderem ein auch im Imperialismus gründender Krieg, der auch nicht witziger oder hramloser war als die Revolution.

    Es gibt z.B. bei der völlig berechtigten Kritik des realen Verlaufes der Französischen Revolution und relevantem Schaudern in letzter Zeit auch massenmedial verbreitete Sichtweisen, als sei die Herrschaft von Klöstern und absolutistischen Herrschern in ihrer trauten Harmonie mit dem Weltenlauf nur brutal und populistisch niedergemetzelt worden, und mit solchen Sichtweisen habe ich dann auch ein Problem - gerade als überzeugter Demokrat.

  39. 1.09.2006 | 12:03

    Männerfantasien oder: Hans-Herrmann Hoppe, die Hedwig Courths-Maler des Libertären…

    Was eine Bildunterschrift! “Der Saphir-Anhänger den die Kronprinzessin auf dem László-Gemälde trägt ist ein Geschenk des Kronprinzen an seine Gemahlin. Es hat die Präziose beim Hofjuwelier Gebr. Friedländer in Berlin anfertigen lassen und ihr …

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