“Recht geht vor Nächstenliebe”

Ein entlavender Satz eines sich christlich nennenden Politikers! (Er fiel zwar schon im Mai und erntete seinerzeit durchaus Widerspruch in der CDU, aber weil ihm neulich eine bezeichnendeVerwechslung unterlaufen ist, durchaus interessant.)

Friedbert Pflüger, Spitzenkandidat der CDU für die Wahlen zu Berliner Abgeordnetenhaus äußerte ihn im:Tagesspiegel.
Pflüger tritt dafür ein, dass eine immerhin seit 17 Jahren in Deutschland lebende türkische Familie abgeschoben werden soll, die übrigens, wie auch er einräumt, hervorragend integriert ist. Das Motiv hinter der buchstäblich gnadenlosen Anwendung der Gesetze: wieder einmal die Angst vor Mißbrauch.

Was wäre das Signal, wenn sich die dauernden Rechtsbrüche der Familie am Ende „auszahlen“ würden! Wie viele würden das nachahmen?

(Einige interessante Überlegungen zum Thema bei Sven.)

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14 Kommentare zu ““Recht geht vor Nächstenliebe””

  1. 30.08.2006 | 0:53

    Das alte Problem der Bürokratie, nicht wahr? Man erschafft Regeln (z.T. gut begründete und nachvollziehbare), um Ziele zu erreichen. Dann ordnet man aber irgendwann die Ziele den Regeln unter, weil sonst ja die Regeln ausgehölt würden und die Ziele nicht mehr erreicht werden könnten. Letztlich ist dann die Anwendung der Regeln das Ziel, und man wundert sich, warum man nicht so richtig vorankommt.

  2. 30.08.2006 | 1:01

    Auch wenn das nur marginal, wenn überhaupt, etwas zur Sache tut kann man davon ausgehen, daß die knackige Formulierung “Recht geht vor Nächstenliebe” nicht von Pflüger selbst stammt, da meines Wissens die Artikelüberschriften in Zeitungen stets redaktionell sind und nicht von den Autoren der Artikel selbst stammen.

  3. 30.08.2006 | 7:25

    David,

    ich gebe Dir vollkommen Recht. Das Wort “Nächstenliebe” kommt in dem gesamten Text nicht vor und es spricht alles dafür, dass die Überschrift von einem Redakteur oder Schriftsetzer, pardon Layouter, fabriziert worden ist.

    Rayson,

    wo ist Dein Problem? Herr Dr. Pflüger ist dermaßen peinlich, dass die für mich selbstverständliche Feststellung, dass die CDU ihre Auffassung von Rechtsstaat immer über die Nächstenliebe stellt, eine nicht weiter erwähnenswerte Randnotiz darstellt.

    Sollte denn Deiner Meinung nach das Ausländerrecht unter dem Primat der Nächstenliebe stehen? Wenn ja, dann würde es mich wundern, wenn Du mir auch nur einen Innen- oder Rechtspolitiker der CDU oder der CSU nennen könntest, der das ähnlich sieht.

  4. 30.08.2006 | 7:39

    Oha. Ich habe gerade erst gesehen, dass der Eintrag gar nicht von Rayson ist. Entschuldigung, Martin.

  5. 30.08.2006 | 8:07

    @Marian: Ein Setzer oder Layouter darf normalerweise keine Überschriften erfinden (außer vielleicht bei der “taz”, die ja früher für den “Säzzer”-Humor bekannt war). Bei einer größeren Zeitung dürfte der Redakteur den Titel des Artikels in das Redaktionssystem eintragen und der Satz dürfte zum größten Teil automatisch erfolgen (natürlich kann man eingreifen, wenn z.B. irgendwo die Silbentrennung nicht stimmt).

  6. 30.08.2006 | 8:12

    Ich komme da nicht mit. Wie kann man so stümperhaft vorgehen. Der Artikel im Tagesspiegel ist eine Position von Pflüger. Da soll ausgerechnet der Titel verändert wurden sein.
    Er hatte den Titel auch auf seiner website
    http://www.friedbert-pflueger.de/NeU/1-aktuelles/nachrichten.htm?msgid=69
    Er? wertet in Antigone die Position Kreon als die Position des Staates. Kreon Entscheidung wurde von den Götter nicht gutgeheißen. Das liegt der Einwand nahe, daß Gott diese Entscheidung auch verwerfen würde. Wer ist denn da so meschugge und schreibt für Pflüger.

    Kandidatenwatch ist ja blamabel. Das erste, was ich bei einem Kontakt mache. Ich recherchiere, wer er ist und welche Namen er nennt. Wer Percy MacLean ist, hätte der/die Schreibende wissen sollen. Dann stellt eine Mitarbeiterin eine Nachfrage. Blamabel

  7. 30.08.2006 | 8:20

    Libero,

    und warum ist dann Kandidatenwatch blamabel? Im Gegensatz zu dem Wahl-o-maten, den ich aus mehreren Gründen für dumm, schädlich und nicht unterstützenswert halte, ist Kandidatenwatch doch sowohl für Wähler als auch für Politiker eine wunderbare Möglichkeit, sich darzustellen. Und sowohl die einen wie die anderen blamieren sich halt hin und wieder so gut sie können.

  8. 30.08.2006 | 8:49

    Sorry, ich meinte die “Antworten” Pflügers auf Kandidatenwatch.

    Die website finde ich eine gute Selbstdarstellung der Kandidaten, die manchmal halt entlarvend ist.

  9. 30.08.2006 | 14:54

    “Da soll ausgerechnet der Titel verändert wurden sein.”

    Es geht ja nicht um eine irgendwie verfälschende ‘Veränderung’ sondern um den stinknormalen Vorgang, daß eine Zeitungsredaktion einem Artikel eine Überschrift verpaßt. Die Überschrift ist auch treffend, im Kern sagt Pflüger genau das. Nur, und das war alles worum es ging, die Formulierung stammt in dieser Form wahrscheinlich nicht von ihm, ihm wird aber gerade dieser Satz (der sich dafür natürlich sehr gut eignet) vorgehalten. Wobei man natürlich die Tatsache, daß diese Überschrift auch auf seiner Website erscheint, durchaus so deuten kann, daß Pflüger sich den Satz aneignet (wenn es auch nichts besonderes ist, daß der Artikel dort die gleiche Überschrift wie im TS trägt).

  10. 30.08.2006 | 15:08

    Vom Staat erwarte ich, dass er sich ans Recht hält. Nicht, dass seine Beamten in dieser ihrer Eigenschaft aus Nächstenliebe handeln.

    Mich wundert, dass ein Eintreten für den Rechtsstaat so viel Aufregung verursacht.

  11. Libero
    30.08.2006 | 15:48

    @Rayson

    Das Eintreten für den Rechtsstaat ist nicht das Problem. Der Fall der Familie Aydin ist komplizierter, da gibt es Grauzone. Das der Mann zu Anfang so einen Eiertanz aufführte, kann ich verstehen. Er ist Kurde. Das sagt eigentlich schon alles.

  12. 30.08.2006 | 15:55

    Das ist natürlich richtig. Die Frage ist nur, ob man dabei auch etwas ‘Augenmaß’ mit einfließen lassen könnte und sollte. Ich bin mir der Probleme, die das u.U. mit sich bringt, durchaus bewußt, deshalb auch die Frage, ob man das überhaupt könnte. Die ‘Nächstenliebe’-Diskussion ist schon recht hohles Brimborium, aber auch nüchtern betrachtet hat man hier ja anscheinend einen Fall, in dem die betroffene Familie eigentlich genauso ist, wie man sich eine Einwandererfamilie wünschen würde. Wenn man darauf nicht eingehen kann, ist das zumindest ärgerlich.

  13. 30.08.2006 | 15:56

    letzter Kommentar @Rayson

  14. 30.08.2006 | 18:10

    Es geht nicht um “Nächstenliebe”. Sondern um die Frage, ob “DAS GESETZ” über dem Einzelfall steht, immer und grundsätzlich. Das ist es, was Pflüger vertritt. Der Mensch als Individuum zählt in diesem büro- und technokratischen Weltbild schlicht nicht. Keine Ausnahmen vor lauter Angst davor, die Regel zu verletzen. Anstatt mal zu überlegen, ob nicht Ermessensspielräume als Ausnahmen erst die Regel bestätigen können: als eine “gute und brauchbare”. Die am Ende dem Menschen dient. Und nicht umgekehrt.

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