Was wir den Indern unbedingt sagen müssen

Also, sicherlich müssen wir - und das tun wir ja auch - den Indern sagen: “Eure Infrastruktur muss besser werden, Eure Bürokratie muss besser werden.”

Bernhard Steinrücke, Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer

Gut, ich geb’s zu: ich habe den Satz aus dem Zusammenhang gerissen. Herr Steinrücke war gerade im Rahmen einer DLF-Reportage dabei, zu erläutern, warum deutsche Unternehmer unbedingt in Indien investieren sollten.

Aber davon abgesehen, kann ich es mir bildlich vorstellen, wie die deutschen AHK-Funktionäre sich vor ”den Indern” aufbauen und ihnen sagen: “Eure Infrastruktur muss besser werden! Eure Bürokratie muss besser werden!”

Da werden die Inder aber froh sein, dass Ihnen das mal jemand sagt!

Kann hier jemand nachvollziehen, was mich an dem Zitat stört? Oder bin ich mal wieder zu sensibel?

Zum Vergleich stelle ich mir einen amerikanischen Repräsentanten vor, der sich über ein Land, mit dem man die Handelsbeziehungen verbessern will, auf VOA so äußern würde. Ich denke, er hätte Glück, wenn er nochmal in sein Büro dürfte, um seine Sachen zu packen. 

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20 Kommentare zu “Was wir den Indern unbedingt sagen müssen”

  1. 30.08.2006 | 14:52

    Komisch, das ich sofort an ein altes Spottlied von Reihard May (als er noch gut war) denken muß:
    “Mann aus Alemania”
    Es geht darin um einen deutschen Ägypten-Touristen, der sich wundert, wieso ihn die Einheimischen sofort als Deutschen erkennen. (Sie erkennen ihn an seiner pentranten Schulmeisterei.)

  2. 30.08.2006 | 15:11

    Ich finde, das kann man auch anders lesen.

    Die US-Handelskammer in Deutschland hält dem deutschen Staat ja auch gerne seine Defizite vor. Das halte ich für fair: Man sagt dem Partner, welche Bedingungen zu mehr Investitionen bei ihm führen werden. Das heißt nicht, dass man ihn vor doof hält, sondern es ist eher eine Aufforderung, die Prioritäten entsprechend zu setzen. Auch indische Politiker schwimmen nicht im Geld und haben genug andere Baustellen.

  3. 30.08.2006 | 15:20

    Wieso taucht auf einmal ständig Reinhard Mey in Diskussionen auf? ;-) Kenne ich auch noch - “Guckmalachneesiehmalda - Mann aus Allemania!”

  4. Libero
    30.08.2006 | 15:37

    Soweit ich weiss, kommt es hinsichtlich der Wasser- und der Stromversorgung zu Engpässen in Indien und China. Wasserverschmutzer übersehen, das ihr Abwasser das Brauchwasser der nächsten Stadt und des nächsten Unternehmens flußabwärts ist. Je haushälterischer mit den Resourcen umgegangen wird, um so besser. Amerikaner, aber auch Europäer müssen sich in diesen Staaten umstellen.

  5. 30.08.2006 | 15:40

    @MR

    Liegt am Alter der Kommentatoren ;-)

  6. 30.08.2006 | 16:15

    Hier wird Bürokratie abgebaut, dort soll sie aufgebaut werden. Ist das Entwicklungshilfe, Problemverschiebung oder eine echte Win-Win-Lösung?

  7. 30.08.2006 | 16:23

    Rayson,

    dass man auch Verbesserungswünsche in Bezug auf einen Investitionsstandort äußern kann, und dass diese Verbesserungswünsche mitunter auch deutlich in Form der Kritik geäußert werden, ist für mich nicht das Problem. Aber unabhängig vom Kontext finde ich es immer angebracht, zuerst irgendetwas Positives zu sagen. Auch wenn man nur 14 Sekunden dafür hat.

    Hier die ganze Passage im Zusammenhang:

    (…) Auch wenn es erwartungsgemäß wenig Greifbares gab: der Besuch des Bundeswirtschaftsministers und der 60-köpfigen Unternehmerdelegation habe Öffentlichkeit geschaffen, freuten sich deutsche Wirtschaftsvertreter - und sie konnten Probleme aus dem Geschäftsalltag ansprechen. Bernhard Steinrücke, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer:

    “Also, sicherlich müssen wir - und das tun wir ja auch - den Indern sagen: ‘Eure Infrastruktur muss besser werden, Eure Bürokratie muss besser werden.’ Aber der größte Fehler ist immer noch, wenn sich ein Unternehmen davon abschrecken lässt und nicht kommt. Denn die, die gekommen sind, sind extrem erfolgreich.”

    Und was die Amis in Deutschland angeht, so habe ich auf die Schnelle nur ein Beispiel gefunden:

    Präsident der Amerikanischen Handelskammer lobt Forschungsstandort Deutschland

    Das lässt sich zwar von der Situation her nicht vergleichen, aber ich finde die ganze Herangehensweise einfach positiver.

    Ja, das mit Reinhard Mey ist mir auch aufgefallen. Ihr könnt ruhig zugeben, dass es sich dabei um eine virale Marketing-Kampagne handelt. Mit dem Zusatz “als er noch gut war” führt ihr mich jedenfalls nicht in die Irre, MICH NICHT!

  8. 30.08.2006 | 17:48

    @Marian: Wieder eine Verschwörung enttarnt

    @vita: Wie bitte soll man sich einen Staat ohne Bürokratie vorstellen? Das Problem (hierzulande) ist doch nicht die Existenz einer Bürokratie sondern deren unproduktive Überladung (es sei denn, man ist ultralibertär und will den Staat ganz los sein). Und es heißt in der Stellungnahme ja nicht: “so werden wie die deutsche” sondern lediglich “besser werden.” Das müssen die Bürokratien wohl beide; die eine (nehme ich an) von unten, die andere von oben.

  9. Libero
    30.08.2006 | 18:07

    @Rayson

    eigentlich sollte auch ein Liberaler wissen, daß nicht nur die staatliche Bürokratie, sondern auch die Bürokratie privater Unternehmen ab einer bestimmten Größe ineffektiv werden kann.

    Wobei ich das nicht als Problem der Größe, sondern der inneren Struktur und Kommunikation ansehen. Es reden einfach zuviele eigentlich Unbeteiligte mit. Manche Menschen scheinen nicht zu verstehen, daß man an Sitzungen oder Entscheidungsprozessen auch nur zu Kenntnisnahme teilnehmen kann. Stellungsnahmen nur dann, wenn sie sachlich notwendig ist. Die persönliche Eitelkeit ist eine nachrangige Notwendigkeit.

  10. 30.08.2006 | 18:21

    Wenn du, Libero, mir Unwissendem auch noch begreiflich machen könntest, was das jetzt mit dem Thema zu tun hat, kennte meine Dankbarkeit dir gegenüber heute kaum noch Grenzen.

  11. 30.08.2006 | 21:12

    Es ergibt nur Sinn, wenn es sich eigentlich an mich richtet. Auch dann nur wenig.

  12. Libero
    31.08.2006 | 6:59

    @rayson

    Das bezieht sich auf Aussagen wie diese hier: Hier wird staatliche Bürokratie abgebaut, dort (in Indien und China) aufgebaut.

    Richtig ist, das in Indien und China Standards für die Nutzung begrenzter Resourcen aufgebaut werden MÜSSEN, damit soviel wie möglich Menschen und Unternehmen sie nutzen können. Das betrifft Energie, Trasnport, Wasser, Land und Luft. Diese Standards waren bisher in dem Umfang nicht notwendig, da ein Fehlverhalten bei dem früher niedrigen Verbrauch weniger dramatische Folgen hatte.

    Man kann darüber streiten, ob eine private oder eine staatliche Institution diese Standards definiert und überwacht. Ob eine Bürokratie ineffektiv ist, ist meiner Meinung nicht eine Frage von privat oder staatlich, sondern der Organisation und der Kommunikation (s.o.) Ich erlebe vergleichbare Ineffektivität auch im privaten Bürokratien, Abteilungen, die sich gegenseitig lahmlegen.

    Es hat in Deutschland zu Beginn der Industrialisierung sehr handlungsfähige staatliche Bürokraten in effektiven Bürokratien gegeben. Heute dominiert die Ineffektivität. Ich sehe nicht den geringsten Grund, warum es nicht möglich sein soll, zur Effektivität zurückzukehren.

  13. Llarian
    31.08.2006 | 10:41

    @David: Ich kann mir einen Staat ohne Bürokratie durchaus vorstellen, es soll wohl auch welche geben, die da nicht so weit von weg sind. Bürokratie heisst ja die Herrschaft (!) der Bürokraten und genau das ist die negative Konnotation des Wortes. Das es sowas wie eine Verwaltung und Bürokraten gibt ist klar, aber das Maß wie stark diese Verwaltung die Abläufe beeinflussen kann und darf, das ist nicht fixiert.
    Und wenn das deutsche Vorbild auch noch ins Ausland exportiert werden soll, kann einem nur Angst und Bange werden.

  14. libero
    31.08.2006 | 11:40

    @llarian
    Und wenn das deutsche Vorbild auch noch ins Ausland exportiert werden soll, kann einem nur Angst und Bange werden.

    Ich weiß nicht so recht, wo sich ein Beleg findet, daß Herrn Steinrücke darüber gesprochen hat. Eure heißt doch wohl immer noch indische, nicht deutsche Bürokratie.

    Gibt es denn keinen Leser, der Erfahrungen mit indischer Bürokratie hat? Die ist auch nicht ohne

  15. 31.08.2006 | 14:39

    @libero: Ich glaube, da stimmt noch immer irgendwas nicht. Das von Dir gebrachte Zitat finde ich so nirgendwo bei Rayson sondern nur bei L.d. vita. Aber ohne “staatliche”.

    @llarian: “Ich weiß nicht so recht, wo sich ein Beleg findet, daß Herrn Steinrücke darüber gesprochen hat. Eure heißt doch wohl immer noch indische, nicht deutsche Bürokratie.” (Libero)

    Dem schließe ich mich an. Wenn Steinrücke als Handelskammervertreter forderte, die deutsche Bürokratie eins-zu-eins nach Indien zu exportieren, dann hätte er nicht mehr alle Latten im Zaun. Aus Höflichkeit und um das Thema diskutierenswert zu halten, habe ich das nicht angenommen. Ebensowenig wie ich angenommen habe, daß er Bürokratie an dieser Stelle bewußt in seinem negativ konnotierten Sinn verwendet. Ich denke, der Mann meint einfach nur “Verwaltung”. In diesem Sinne habe ich das Wort dann auch verwendet - alles andere ergibt, denke ich, wenig Sinn.

  16. Libero
    31.08.2006 | 14:47

    Herr Steinrücke hat mit Sicherheit nicht das gemeint, was ihm hier unterstellt wird. Die Unzufriedenheit mit den staatlichen und regionalen indischen Partner ist doch nicht nur auf deutsche Vertreter beschränkt. In einigen Regionen und Branchen läuft es gut, in anderen ist es immer noch problematisch.

  17. Llarian
    31.08.2006 | 19:15

    @David: In der Tat hat er die negative Konnotation nicht gemeint, weil er die Bürokratie ja als etwas positives emfindet, er ist nicht zuletzt ein Teil davon. Ich würde auch nicht sagen, dass er nicht alle an der Waffel hat, aus seiner Sicht macht das durchaus Sinn, d.h. nicht, dass es für den Rest der Welt (insbesondere die armen Inder) auch so ist.

  18. 31.08.2006 | 19:31

    Ich glaube bis jetzt immer noch, daß er mit “Bürokratie” einfach “Verwaltung” meinte. Und weder ein Staat noch ein Unternehmen kann ohne Verwaltung vernünftig arbeiten. Sie muß nur eben gut sein. Effizient.

  19. 31.08.2006 | 19:42

    Also ich habe die indische Bürokratie etwas am Rande kennen gelernt. Sie ist mindestens so umfassend wie die deutsche, aber deutlich weniger verlässlich…

    Ein Investitionshindernis ist Bürokratie hier wie da, nur brauchen die Inder Investitionen natürlich viel dringender. Unternehmen müssen in Indien nebenbei auch noch eine Reihe ungeschriebener Gesetze beachten. Das, welches ich damals besucht habe, musste z.B. eine bestimmte Anzahl von Leuten aus dem Dorf nebenan beschäftigen, sonst hätte es Ärger gegeben. Als ein Eierkopf aus der deutschen Zentrale mal einen deutlichen Personalüberhang von ca. 200 Mann monierte, antwortete ihm der Chef des Betriebs nur: “Wegen der 20.000 Dollar im Monat rufen Sie extra an?”

  20. 31.08.2006 | 22:52

    Man traut es sich fast nicht zu sagen: Deutsches Beamtentum stand ja ganz früher mal für eine effiziente und gute Verwaltung. Nur irgendwann haben sich die Verwaltungen so schlimm aufgebläht, dass man sich heute nur noch schaudernd abwenden kann. Deutsche Verwaltungsfachleute und Juristen werden auch heute noch zu Rate gezogen, wenn in einem Land die Verwaltung oder die Gesetzgebung neu aufgebaut werden soll. Leider werden die selben Experten hier nicht gehört …

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