Schiffbruch des Datenschutzes

Marian wies gerade auf die europäische Presseschau euro|topics hin, in der ich auch noch einen Verweis auf einen interessanten Telegraph-Artikel gefunden habe:

Die britische Regierung hat vorgeschlagen, eine zentrale Datenbank anzulegen, in der alle Kinder und ihre Eltern registriert werden, um so Kindesmissbrauch besser aufdecken zu können.

Auch der Guardian befasst sich mit diesem Thema:

Government plans to exclude details of celebrities’ children from a new national child database were today seized on as evidence that the system may pose a safety risk to those it is supposed to protect.

Ich habe langsam das Gefühl, dass die Sicherheitspolitiker heute fast überall zu Methoden greifen wollen, die noch vor zehn Jahren zum kollektiven An-den-Kopf-greifen geführt hätten. Diese Maßnahmen werden zu einem möglichst lückenlosen Überwachungsstaat und zu einem Niedergang der Demokratie führen.

Eine interessante Parallele ist übrigens, dass auch beim 100.000-Mann-Massengentest in Dresden die “Prominenten” ausgenommen werden sollen.

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16 Kommentare zu “Schiffbruch des Datenschutzes”

  1. 1.09.2006 | 18:36

    “Eine interessante Parallele ist übrigens, dass auch beim 100.000-Mann-Massengentest in Dresden die “Prominenten” ausgenommen werden sollen.”

    Sag mir bitte schnell, daß das ein Scherz ist!

  2. 1.09.2006 | 19:32

    Nein, das hat die Lokalpresse hier vor einiger Zeit so berichtet. Leider ist die Meldung nicht online verfügbar.

  3. 1.09.2006 | 19:37

    Ich krieg’ ‘nen Knall.

  4. 1.09.2006 | 20:03

    Nochmal nachgefragt: Wie wurde das überhaupt begründet? Welches Gen tragen Prominente, das sie gegen das Begehen von derlei Straftaten immun macht?

  5. 1.09.2006 | 20:19

    Die Informationspolitik ist in diesem Fall nicht wirklich transparent. Es gab mehrere Phasen. Zuerst sollten nur wenige tausend Männer in der unmittelbaren Umgebung getestet werden. Dann kam die Zahl 80.000 auf. Man kalkulierte, dass die 80.000 Tests bei einer Bearbeitung in den Laboren in Sachsen erst nach mehreren Jahren ausgewertet sein würden. Also wurde öffentlich darüber nachgedacht, wie man die Menge der Testpersonen einschränken könnte. Neben den Prominenten wurden z.B. auch extrem Übergewichtige genannt. Man ging wohl auch davon aus, dass die Prominenten es einfacher haben, ein Alibi nachzuweisen.

    Inzwischen wurde der Kreis der zu testenden Personen auf 100.000 Männer erweitert und es soll ein weiteres Labor in München mit den Tests beauftragt werden. Von einem Verzicht auf die Verschonung der Prominenten war bisher nicht die Rede. Der eigentliche Skandal ist aber der Massengentest als solcher: hier wird die Unschuldsvermutung umgekehrt und es werden mit Millionenaufwand Daten erhoben, deren weitere Verwendung völlig unklar ist. Man bekommt einfach keine klare Auskunft, wie lange die genetischen Daten gespeichert werden und wer darauf zugreifen kann.

  6. 1.09.2006 | 20:24

    Im Blog des Cambridge-CS-Professors Ross Anderson sind weitere Details zu der geplannten Kinderdatenbank zu lesen:

    The project aims at linking up all the government systems that keep information on kids. Your kids’ schoolteachers will be able to see not just their school records but also their medical records, social work records, police records and probation records; see here for the background.

    Ein Bericht von ihm zu dem Thema wird im Laufe des Septembers veröffentlicht. Er schließt aber mit einem Statement das klar macht in welche Richtung seine Empfehlung gehen wird:

    As well as the technical objections there are legal objections - and strong practical objections from social workers who believe that the project is putting children in harm’s way.

  7. 1.09.2006 | 20:25

    Sorry, habe den Link zu der Seite von Ross Anderson vergessen: http://www.lightbluetouchpaper.org/2006/09/01/after-id-cards/

  8. 1.09.2006 | 20:29

    Was derzeit im Königreich vor sich geht, finde ich wirklich immer unheimlicher und beängstigender.

  9. 2.09.2006 | 10:50

    Ich sehe hinter dieser Tyrrannei einen technokratisch verengter Begriff von “Schadensabwehr” - mit deutliche Parallelen zu den quasi betriebwirtschaftlichen “Ratings” von allem und jedem, díe z. B. Standort- und Bildungsdiskussionen seit mehreren Jahren regelrecht vergiften. Außerhalb der “Rating-Welt” ist nichts mehr relavant: es geht im bildungspolitschen Diskurs schon längst nicht mehr in erster Linie um z. B. das Wissen und die Fähigkeiten, die Schüler im Unterricht erwerben, sondern um einen abstrakten Platz auf der PISA-Skala.
    Also: “Sicherheit” wird auf die Kriminaltätsrate und die Aufklärungsquote reduziert, “Gesundheit” auf Arbeitsfähigkeit - und “Erziehung” auf möglichst optimale Anpassung der Kinder an die bestehenden Verhältnisse.
    Aus dem Blickwinkel von auf “Kennzahlenoptimierung” fixierter technokratischer Politik und Verwaltung ist der einzelne Mensch in erster Linie ein schwer zu berechnender “Störfaktor” - folglich steht er unter Generalverdacht. Wollen Tyrannen älteren Typs den “gehorsamen Untertanen”, wollen die Kennziffer-Technokraten den “berechbaren Durchschnittsmenschen”.

    Hinzu kommen, gerade mit Blick auf die Insel, die “Infokalyptischen Reiter”,: organisiete Kriminalität, Neonazis, sexueller Kindesmißbrauch und Terrorismus, Gefahren, die als so gravierend angesehen werden, dass sich damit anscheinend jede Form der Zensur und Überwachung rechtfertigen läßt.

    Das nur als erste, unausgegorene Gedankensammlung, es gärt aber gewaltig.

  10. Spruance
    2.09.2006 | 11:38

    Überall habe Politiker das “social management” für sich entdeckt, nachdem ihnen die ideen für alles andere ausgegangen sind. Der Respekt vor dem Privatleben und damit vor der individuellen Freiheit scheint vollständig erloschen zu sein.
    Miese Aussichten!

  11. 2.09.2006 | 13:22

    Heute habe ich vor der Arbeit noch beim Frühstück den ersten kritischen Leserbrief zum Massengentest gelesen. Der war zwar noch etwas zu emotional und die Sachebene passte nicht ganz, aber es war immerhin ein erster Ansatz. Ich werde am Wochenende daran anknüpfen und auch einen Leserbrief schreiben, vielleicht entwickelt sich da eine Diskussion.

    @Martin & Spruance
    Wir merken, was da alles schiefläuft, aber wir müssten über die unausgegorenen Gedanken hinauskommen. Das wäre doch mal ein Ziel für das “Kollektiv” der bissigen Liberalen: diese Gefährdungen der individuellen Freiheiten noch deutlicher herausarbeiten. Es gibt ja viele solche unausgegorenen Gedanken im liberalen Web, z.B. hat auch Udo Vetter schon mehrfach auf solche Themen hingewiesen.

  12. 3.09.2006 | 7:00

    Stimmt, Stefan, “was lange gärt wird endlich Wut” - allerdings nicht von der blinden Sorte.
    Eine abgestimmte Aktion, am Besten in Zusammenarbeit mit anderen liberalen Bloggern (und durchaus freiheitlich gesonnenen und bürgerechtsorientierten Bloggern anderer “politischer Lager”), im aufklärerischen Sinne, ist vonnöten.
    Ich erinnere mich noch an z. B. an die Massenproteste, die in den 80er Jahren eine vergleichsweise harmlose geplante Volkszählung auslöste. Es ist einfach so, dass die Themen “Bürgerrechte” und “persönliche Freiheit” zu weit unten (wenn überhaupt) auf der Agenda der Leitmedien stehen.

  13. 3.09.2006 | 19:34

    Ist doch toll was man mit den Daten so alles anfangen kann. Wer hat den etwas zu verbergen?

  14. 3.09.2006 | 19:51

    ICH! ;)

  15. Stefan Eich
    4.09.2006 | 10:59

    Der Microzensus der 80iger Jahre hatte eine ganz andere Grundlage, der Einzelne war noch erreichbar.
    Orwell 1984 schien noch eine Vision. Die mediale Welt hat sich seit der Erweiterung der TV Landschaft durch private Anbieter 1984,
    später dann durch das Internet, wie jeder weiß, komplett geändert und erforderte vom Einzelnen eine immer sensiblere Unterscheidung der auf ihn einbrechenden, kaum mehr begrenzbaren durchaus im wesentlichen konträren Informationen. Der Mainstream wird zur Orientierung. Wie ich schon einmal erwähnte; der Einzelne leidet an einer Eindrucksallergie, ein zuviel an nicht mehr zu Verarbeitendem, bei gleichzeitig immer größeren Existenz und Zeitproblemen breiter Gesellschaftschichten. Somit stützt sich die breite Mehrheit auf die inzwischen weitgehend gleichgeschalteten Medien.( Noch heute glauben z.B. über 50% der Bevölkerung in Amerika, daß im Irak Massenvernichtungswaffen gefunden wurden.)
    Der Prozeß des Zusammenbruchs wirtschaftlich, aber ich gehe davon aus, auch gesellschaftlich, ist zwingend und unaufhaltsam, und somit wäre es eher notwendig, wie einst Ludwig Erhard, der die soziale Marktwirtschaft noch wärend der kriegerischen Auseinandersetzungen des II Weltkrieges in der Schublade hatte, über ein danach
    nachzudenken. Es gibt übrigens durchaus Arbeitskreise in dieser Richtung unter Beteiligung etablierter Kreise, auch z.B. aus der Politik.

  16. 4.09.2006 | 16:19

    Nein, Stefan,so ganz möchte ich dir nicht zustimmen:

    Der Mainstream wird zur Orientierung.

    War er das für große Mehrheit der Bürger nicht schon immer? Bloß keiner “Randgruppe” angehören, möglichst immer “in” sein, am besten, sich nach dem richten, was “alle” machen. Das ist keine Erscheinung der letzten 20 Jahre. Auch wenn es in der 70er und frühen 80er mal “in” war, auf “Individualist” und “Selbstverwirklichung” zu machen.

    Wie ich schon einmal erwähnte; der Einzelne leidet an einer Eindrucksallergie, ein zuviel an nicht mehr zu Verarbeitendem, bei gleichzeitig immer größeren Existenz und Zeitproblemen breiter Gesellschaftschichten.

    Was die Existenz- und Zeitprobleme (der Berufstätigen, Arbeitslose haben eher das Problem der Langeweile) angeht, gebe ich dir recht. Was die (im großen und ganzen) zunehmend intellektuell anspruchsloser werdenden Medien angeht, eher nicht. Auch was die bloße Informationsdichte der Sendungen / Artikel angeht.

    Somit stützt sich die breite Mehrheit auf die inzwischen weitgehend gleichgeschalteten Medien.

    - Für eine Gleichschaltung bedarf es einer Diktatur. Unsere Medien sind gern - aus nachvollziehbaren kommerziellen Gründen - konformistisch und “staatshörig”. Nicht, dass Medienkonzerne mit (angeblich unabhängigen) angeschlossenen Denkfabriken kein Problem für die Demokratie wären, aber das ist IMO eine ganz andere Kategorie.

    Der Prozeß des Zusammenbruchs wirtschaftlich, aber ich gehe davon aus, auch gesellschaftlich, ist zwingend und unaufhaltsam, und somit wäre es eher notwendig, wie einst Ludwig Erhard, der die soziale Marktwirtschaft noch wärend der kriegerischen Auseinandersetzungen des II Weltkrieges in der Schublade hatte, über ein danach
    nachzudenken.

    Das erweckt aus gleich zwei Gründen meine Unmut: 1. Kulturpessimus dieses Ausmaßes - “zwingend und unaufhaltsam” wirkt erfahrungsgemäß sehr lähmend, weil man eh nichts machen kann, außer, sich auf den Wideraufbau nach dem großen Knall einzustellen - und ist nicht selten eine sich selbst erfüllende Prophezeihung. 2. Der gute Erhardt hatte tatsächlich schon im 2. Weltkrieg Pläne für die soziale Marktwirtschaft in der Schublade - aber nicht etwa als “Plan B” für den Fall, dass das mit dem “Endsieg” nicht klappen sollte, oder als Modell für ein “Danach” nach dem sowieso gründlich verlorenen Krieg. Er war ja nie Anhänger der NS-Ideologie und schon gar nicht Anhänger ihrer (wohlgemerkt hauptsächlich privatwirtschaftlichen) “Kommandowirtschaft”. Es waren Pläne für die Zeit nach der Nazi-Diktatur - unabhängig, wie diese enden würde.

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