4. September 2006
Bastiat in China
Aus heise online:
Der Direktor für Arbeitnehmerrechte beim Internationalen Bund freier Gewerkschaften Janek Kuczkiewicz hat von Apple die Einhaltung von Arbeitsstandards bei seinen chinesischen Zulieferern eingefordert. Apple sollte dies vertraglich festschreiben lassen, sich für eine demokratisch gewählte Arbeitnehmerrepräsentation in den Fertigungsstätten einsetzen und für eine adäquate medizinische Versorgung sorgen, sagte Kuczkiewicz im Gespräch mit Technology Review. “Firmen wie Apple sitzen schließlich an der Spitze der Supply Chain und kontrollieren sie damit auch.”
Wenn das nicht sichergestellt werden könne, sollte sich Apple “am besten dazu entscheiden, nicht in Ländern produzieren zu lassen, die die Standards der International Labour Organisation nicht unterschrieben haben”, betont Kuczkiewicz. Der Computerhersteller war zuletzt in die Kritik geraten, nachdem eine Apple-Delegation eingeräumt hatte, dass es in der chinesischen Fertigungsanlage unter anderem für iPods Verstöße gegen Apples Supplier Code of Conduct gebe.
Fangen wir mit dem letzten Satz an: Wer immer sich nicht an Regeln hält, die er selbst aufgestellt hat, wird zu Recht kritisiert. So weit ist alles klar.
Der Rest ist es nicht, und wer immer im wieder wärmer werdenden Deutschland etwas Erfrischung sucht, mag sich von der folgenden - natürlich auch neoliberalen - sozialen Kälte soviel nehmen, wie er/sie braucht.
Ich gehe so ziemlich jede Wette ein, dass von 100 befragten Bundesbürgern mindestens 90 heftig nickend dem Herrn Kuczkiewicz zustimmen würden, bereit, dem schändlichen Ausbeuter das Handwerk zu legen. Wenn mehr als gutmenschliche Selbstvergewisserung damit beabsichtigt ist, sollte das Engagement, das Kuczkiewicz hier an den Tag legt, eins zum Wohle der indirekt für Apple arbeitenden Chinesen sein. Das trifft offensichtlich nur zu, wenn eine böswillige Macht die Arbeiter von einem allen Sozialstandards entsprechenden Arbeitsplatz in die Beschäftigung bei Apples Lieferanten gezwungen hätte, denn was wäre die Folge, wenn die Jobs-Company sich als braver und sozial gesinnter Weltbürger erwiese, indem er der Forderung des Gewerkschafters Folge leistete und sich einen Zulieferer außerhalb Chinas suchte? Die Zahl der Alternativen der dort bisher Beschäftigten hätte sich ja nicht vergrößert. Die Tatsache, dass sie beim fraglichen Apple-Lieferanten und nicht irgendwo anders gearbeitet hatten, deutet dagegen unmissverständlich darauf hin, dass es sich um die für sie beste Alternative handeln musste. Fällt der Apple-Auftrag weg, droht den Arbeitern wohl entweder die Arbeitslosigkeit, oder sie müssen einen Job annehmen, den sie vorher als (noch) schlechter eingestuft hatten.
Wenn sich Apple also zurückzieht, ist der Gewerkschafter zufrieden: Solange Chinesen in China für Chinesen unter miesen Bedingungen arbeiten, ist die Welt in Ordnung. Aber sobald eine internationale Firma einem chinesischen Unternehmen eine Exportchance eröffnet, ist sie verpflichtet, zu höheren Kosten zu produzieren. Zu diesen höheren Kosten stehen den westlichen Firmen aber wahrscheinlich produktivere Alternativen woanders in der Welt zur Verfügung, auf die sie dann lieber zurückgreifen werden. Die einzigen, die von der dann einsetzenden allgemeinen Gewissensberuhigung nicht so viel haben, sind diejenigen, die aus dem protektionistischen Interesse bestimmter Organisationen heraus instrumentalisiert wurden: die chinesischen Arbeiter.
Dahinter steckt dieselbe “Logik” wie die, die Unternehmen in der Gewinnzone Entlassungen untersagen will. Man freut sich, das individuell sichtbare Übel bekämpft zu haben und nimmt die weit folgenschwereren Anpassungen in Kauf, weil sie nicht sichtbar sind. Ein weiterer Fall von Bastiats “ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas“.
Verfasst von Rayson um 18:42 Uhr in der Kategorie International, Politik, Wirtschaftspolitik (Trackback)