Bastiat in China

Aus heise online:

Der Direktor für Arbeitnehmerrechte beim Internationalen Bund freier Gewerkschaften Janek Kuczkiewicz hat von Apple die Einhaltung von Arbeitsstandards bei seinen chinesischen Zulieferern eingefordert. Apple sollte dies vertraglich festschreiben lassen, sich für eine demokratisch gewählte Arbeitnehmerrepräsentation in den Fertigungsstätten einsetzen und für eine adäquate medizinische Versorgung sorgen, sagte Kuczkiewicz im Gespräch mit Technology Review. “Firmen wie Apple sitzen schließlich an der Spitze der Supply Chain und kontrollieren sie damit auch.”

Wenn das nicht sichergestellt werden könne, sollte sich Apple “am besten dazu entscheiden, nicht in Ländern produzieren zu lassen, die die Standards der International Labour Organisation nicht unterschrieben haben”, betont Kuczkiewicz. Der Computerhersteller war zuletzt in die Kritik geraten, nachdem eine Apple-Delegation eingeräumt hatte, dass es in der chinesischen Fertigungsanlage unter anderem für iPods Verstöße gegen Apples Supplier Code of Conduct gebe.

Fangen wir mit dem letzten Satz an: Wer immer sich nicht an Regeln hält, die er selbst aufgestellt hat, wird zu Recht kritisiert. So weit ist alles klar.
Der Rest ist es nicht, und wer immer im wieder wärmer werdenden Deutschland etwas Erfrischung sucht, mag sich von der folgenden - natürlich auch neoliberalen - sozialen Kälte soviel nehmen, wie er/sie braucht.

Ich gehe so ziemlich jede Wette ein, dass von 100 befragten Bundesbürgern mindestens 90 heftig nickend dem Herrn Kuczkiewicz zustimmen würden, bereit, dem schändlichen Ausbeuter das Handwerk zu legen. Wenn mehr als gutmenschliche Selbstvergewisserung damit beabsichtigt ist, sollte das Engagement, das Kuczkiewicz hier an den Tag legt, eins zum Wohle der indirekt für Apple arbeitenden Chinesen sein. Das trifft offensichtlich nur zu, wenn eine böswillige Macht die Arbeiter von einem allen Sozialstandards entsprechenden Arbeitsplatz in die Beschäftigung bei Apples Lieferanten gezwungen hätte, denn was wäre die Folge, wenn die Jobs-Company sich als braver und sozial gesinnter Weltbürger erwiese, indem er der Forderung des Gewerkschafters Folge leistete und sich einen Zulieferer außerhalb Chinas suchte? Die Zahl der Alternativen der dort bisher Beschäftigten hätte sich ja nicht vergrößert. Die Tatsache, dass sie beim fraglichen Apple-Lieferanten und nicht irgendwo anders gearbeitet hatten, deutet dagegen unmissverständlich darauf hin, dass es sich um die für sie beste Alternative handeln musste. Fällt der Apple-Auftrag weg, droht den Arbeitern wohl entweder die Arbeitslosigkeit, oder sie müssen einen Job annehmen, den sie vorher als (noch) schlechter eingestuft hatten.

Wenn sich Apple also zurückzieht, ist der Gewerkschafter zufrieden: Solange Chinesen in China für Chinesen unter miesen Bedingungen arbeiten, ist die Welt in Ordnung. Aber sobald eine internationale Firma einem chinesischen Unternehmen eine Exportchance eröffnet, ist sie verpflichtet, zu höheren Kosten zu produzieren. Zu diesen höheren Kosten stehen den westlichen Firmen aber wahrscheinlich produktivere Alternativen woanders in der Welt zur Verfügung, auf die sie dann lieber zurückgreifen werden. Die einzigen, die von der dann einsetzenden allgemeinen Gewissensberuhigung nicht so viel haben, sind diejenigen, die aus dem protektionistischen Interesse bestimmter Organisationen heraus instrumentalisiert wurden: die chinesischen Arbeiter.

Dahinter steckt dieselbe “Logik” wie die, die Unternehmen in der Gewinnzone Entlassungen untersagen will. Man freut sich, das individuell sichtbare Übel bekämpft zu haben und nimmt die weit folgenschwereren Anpassungen in Kauf, weil sie nicht sichtbar sind. Ein weiterer Fall von Bastiats “ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas“.

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10 Kommentare zu “Bastiat in China”

  1. Libero
    4.09.2006 | 21:03

    @Rayson

    soll man Arbeitskräfte gebrauchen oder verbrauchen? Bei Wasser ist ganz einfach. Wenn es gewisse Standards nicht erfüllt, ist es unbrauchbar. Bei Menschen ist das etwas dehnbar. Folgeschäden, zum Beispiel durch aufgenommene Emissionen oder durch gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen, zum Beispiel Fehlhaltungen, trägt dann die Gemeinschaft. In 10 oder 20 oder 30 Jahren. Zum Beispiel in Form von verschlissenen Rücken oder anderen Schäden des Halteapparates. Das finden Sie in Ordnung? Ich nicht und Sie werden sehen, die Chinesen bald auch nicht mehr. Bei Umweltschutz ist das schon erkennbar, beim Arbeitsschutz wird es kommen, weil bestimmte Krankheiten, zum Beispiel Atemwegserkrankungen, wesentlich früher zu Schäden und damit zu Kosten führen.

  2. 4.09.2006 | 21:05

    Das finden Sie in Ordnung?

    Beitrag bestätigt, danke.

  3. Libero
    4.09.2006 | 21:13

    Bastiats

    Was man sieht und was man nicht sieht

    Danke für den Tipp

    “Wodurch wir verallgemeinernd zu dem unerwarteten Schluss kommen: “Die Gesellschaft verliert den Wert unnütz zerstörter Güter”, sowie zu dem Lehrsatz, der den Protektionisten schwer im Magen liegen wird: “Zerschlagen, zerbrechen und zerstören heißt nicht, die nationale Arbeit fördern”, oder kürzer: “Zerstörung ist kein Gewinn.”"
    http://bastiat.de/bastiat/was_man_sieht_und.html#K1

    Nehmen wir die zerbrochene Scheibe. Das ist nichts anderers als das verschmutzte Wasser, das danach niemand anderes mehr als Brauchwasser nutzen kann.

    die Schäden , die entstehen, wie wahr, wie wahr.

  4. Libero
    4.09.2006 | 21:56

    zu die Entlassung von Bastiat eine kleine Ergänzung zu dem, was man nicht sieht

    VDI nachrichten - Detailansicht Artikel
    “Management auf dem Rückzug in vorindustrielle Zeiten ”
    http://www.vdi-nachrichten.com/vdi_nachrichten/aktuelle_ausgabe/akt_ausg_detail.asp?source=volltext&cat=1&id=24987#

    ich tippe mal. Außer einer Erfahrung als Händler hat er von Production nichts verstanden. Er besass ein Gut, war aber nicht fähig, es zu bewirtschaften. Ja, wie das? Es gab doch die Bücher fähiger Landwirte, deren Wirkungsstätten ich bereits besucht habe.

    “dass der Erwerb mit Recht einem anderen zugute kommen kann als dem, der die Arbeit ausgeführt hat.”

    Alles andere ist parasitär. Gibt es parisitäre Lebewesen? Aber ja, wahrscheinlich viel mehr Arten, die parasitieren, als Arten, die Parasiten haben.

    Was bin ich froh, daß Bastiat nicht heute lebt. Die Erkenntnisse der modernen Biologie wären für ihn ein Schock.

  5. 4.09.2006 | 22:51

    Ach, Libero, ich rede von Volkswirtschaft, und du kommst mit betriebswirtschaftlichen Details. Das macht mir schon deswegen keinen Spaß, weil ich mich lieber mit den Dingen beschäftige, in denen ich dilettiere, statt mit denen, wo mir so schnell keiner das Wasser reichen kann.

    Aber darüber hinaus ist es auch sachlich unangemessen. Betriebswirtschaftliche Betrachtungen lösen bei volkswirtschaftlichen Fragen das falsche Problem.

  6. Libero
    5.09.2006 | 6:33

    Ach Rayson

    kann ich etwas dafür, wenn die Volkswirtschaftler das ökologische Weltbild nicht volkswirtschaftlich durchdringen wollen. Was ist denn ein ökologisches System anderes als ein volkswirtschaftliches System ohne menschliche Akteure. Das gilt für deinen Körper, das ist auch ein volkswirtschaftliches System, das gilt für eine Landschaft oder den Untergrund, in der produziert wird und Kosten entstehen. Alles wie in einer Volkswirtschaft, nur eben ohne Menschen.

    Ganz ehrlich, wenn ich gläubig wäre, wüßte ich, was die Vorhölle ist. Die Diskussion mit Menschen wie euch ist die Vorhölle.

  7. 5.09.2006 | 7:44

    Ach Libero,

    ich habe viele Deiner Diskussionsbeiträge mit Interesse gelesen und schon vor einiger Zeit gedacht: warum bloggt er eigentlich nicht selbst?

    Vielleicht wäre das der beste Zeitpunkt, ein eigenes Blog zu eröffnen und dort Deine oftmals sehr interessanten, aber nicht immer zum Thema des Artikels passenden Beiträge zu veröffentlichen. Dann müsstest Du nicht in die Vorhölle, um mit uns zu diskutieren — ein Trackback ist ja schnell gesetzt.

    Zur Sache: ich bin sehr misstrauisch, wenn es um die Übertragung ökologischer Modelle auf die Volkswirtschaft geht. In der Naturwissenschaft gibt es Gesetze, die völlig unabhängig vom Willen der beteiligten Organismen wirken. In der Volkswirtschaft ist das IMHO nicht so.

    PS (@Boche): Die Ideologen der DDR wollten uns ja früher weismachen, dass es ebenso allgemeingültige Gesetze auch für die gesellschaftliche Entwicklung gäbe. Im Herbst 1989 zeigte sich, dass diese Ideologie falsch war.

  8. 5.09.2006 | 9:26

    [...] [Kleine Anmerkung einer beleidigten neoliberalen Leberwurst: Im Gegensatz zu Rayson bin ich in Bezug auf die Frage: “Finden Sie das in Ordnung?” mittlerweile stocktaub. Und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich Rayson ob seiner Redudanztoleranz bedauern oder bewundern soll.] [...]

  9. 5.09.2006 | 10:24

    Jetzt müsstest du, Libero, mir nur noch zeigen, was dein verlinkter VDI-Artikel mit “Ökologie” zu tun hat. Oder besser: Lass es lieber, sonst machst du im dritten Kommentar das fünfte Fass auf.

  10. 14.11.2006 | 9:29

    [...] Darüber hinaus würde so ein Strafzoll auch wie ein Schutzzoll gegen Entwicklungsländer dienen, die noch nicht so weit beim Aufbau von Umweltstandards wie wir sind. Im Grunde steckt da die gleiche Logik hinter wie bei der Forderung nach europäischen Arbeitsschutzregelungen in Entwicklungs- und Schwellenländern, zu denen Rayson in “Bastiat in China” schon etwas geschrieben hat. [...]

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