13. September 2006
Warum Verden für die “Braunen” wichtig ist
Vorangestellt ein Satz, der das “ceterum censeo” eines jeden kämpferischen Demokraten sein sollte: Wer die Nazis wählt, ist ein Nazi - und kein armes Opfer! - Das heißt, es gibt Erklärungen dafür, weshalb die Rechtsextremen Boden gewinnen, aber keine Entschuldigungen dafür, sie zu wählen, zu unterstürzen oder sie auch nur zu verharmlosen.
Es ist nur eine Randnotiz, aber eine, die mir über die “realpolitisch” eher nebensächliche Bedeutung hinaus einen gruseligen Schauer über den Rücken jagte - Bremer Nachrichen: Blankes Entsetzen in Verden Die NPD zieht in den Kreistag von Verden ein. Die Rechtsextremisten haben ausgerechnet dort Erfolg, wo es starken Widerstand gegen die Umtriebe der Neonazis um den Artgemeinschafts-Chef Jürgen Rieger gab.
Sie haben diesen Erfolg auch ausgerechnet mit einem Kandidaten errungen, den die selbsternannten Fans von Zucht und Ordnung eigentlich noch nicht mal mit der Kohlenzange anfassen dürften, würden ihre überharten Maßstäbe für alle “Kriminellen” gleichermaßen gelten: Aus dem Knast in den Kreistag
Verden - das ist ein Symbol des Kampfes gegen Rechts geworden, deshalb wiegt der NPD-Wahlerfolg dort weitaus schwerer, als entsprechende Ergebnisse in anderen niedersächsichen Orten. Widerstand hat einen neuen Namen: Verdener Weg. Man macht es sich auch zu einfach, wenn man das gute Abschneiden der NPD als Resultat der beschämend schlechten Wahlbeteiligung sieht. (Eine interessante Analyse zum “Wählerstreik” hat der Politikwissenschaftler Franz Walter verfaßt -bei SpOn: Auf Nimmerwiedersehen, Wähler!.)
Verden als Ort ist für Rechtsextremisten vom Schlage Riegers von enormer symbolischer Bedeutung, auch wenn der Anlaß dafür scheinbar entlegen ist - das “Blutgericht von Verden”, das wiederum Anlaß zum Bau des Sachsenhains gab. Auf der Website der Stadt Verden heißt es dazu:
Der Sachsenhain wird noch immer mit der Hinrichtung von 4.500 Sachsen durch Karl den Großen im Jahr 782 in Verbindung gebracht. Tatsächlich handelt es sich jedoch nicht um einen Ort sächsischer Geschichte. Vielmehr dokumentiert der Sachsenhain mit den im Jahre 1935 entlang des Rundweges aufgestellten 4.500 Findlingen den Versuch der Nationalsozialisten, die Geschichte propagandistisch umzudeuten.
Man könnte präzisieren: vom “germanen-esoterischen” Flügel der Nazis, denn Hitler selbst sah sich spätestens ab 1936 lieber in der Nachfolge Karls “des Großen” - was es heutigen “völkisch-esoterischen” Neonazis leichter macht, sich vom “Versager” Hitler und der “verbürokratisierten” NSDAP öffentlich zu distanzieren. (Ähnlichkeiten mit “kapitalismuskritischen” Nazis, die sich gern auf den “völkischen Sozialismus” z. B. der Gebrüder Strasser berufen, sind unzufällig.)
Hierzu auch ein älterer Thread im Nornirs Ætt-Forum: Das Blutgericht-Dilemma.
Es ist keineswegs egal, ob Rieger & Co. die “Deutungshoheit” über ein so lange zurückliegendes Ereignis wie die “Sachsenkriege” oder ein so scheinbar nebensächliches wie die Errichtung des “Sachsenhains” bekommen. Der Historiker Michael Stürmer sagte (im Zusammenhang mit dem “Historikerstreit” der 80er Jahre über die Einordnung der nationalsozialistischen Judenvernichtung: “dass in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet.” Ich finde, er hat recht.
Von Antonio Gramsci stammen die hier wichtigen Begriffe der der “kultureller Hegemonie” und der “Metapolitik”. Knapp umrissen geht Gramsci davon aus, dass eine potentielle Machtübernahme nicht im Handstreich am Tag X erfolgt, sondern diese politisch-kulturell innerhalb der vorpolitischen Sphäre der normativ soziokulturellen Lebenswelt durchgesetzt und abgesichert werden muss. Spätenstens seit Alain de Benoist wird diese Strategie von rechtsextremer Seite bewußt betrieben. Im Falle des “Sachsenhains” heißt das konkret: die alten Sachsenkrieger werden posthum zu geistigen Vorkämpfer der Nazis gemacht. Diese Deutung führt, wenn sie tief genug verankert ist, dazu, dass auch die Gegner der Nazis nach den “Spielregeln” der Nazis spielen, indem sie jeden positiven Bezug auf die alten Sachsen und ihren Herzog Widukind vermeiden. Weil diese aber im Volk nach wie vor populär sind, gerät jeder “Linke” leicht in den Verdacht, ein “Mießmacher” zu sein, der “nur die negativen Seiten der deutschen Geschichte gelten ließe”. Punktsieg für die “Rechten”. (Die Alternative, die Sachsen dann eben als brutale Barbaren darzustellen ist spätenstens in dem Moment fatal, in dem es einer anderen Fraktion der Nazis gelingt, Karl “den Großen” zu instrumentalisieren. So geschenen Ende der 1930er Jahre.)
Es ist einfach fahrlässig, den Rechten die kulturelle Deutungshoheit über zahlreiche Symbole, Mythen, Bräuche usw. zu überlassen. In der “antifaschistischen” Praxis ergibt sich daraus ein Dillemma, das in dieser hervorragenden Artikel von Toralf Staud in der “Zeit” deutlich wird: Glatzenbrot und Lebensrunen
Staud arbeitet heraus, wie sehr es den Rechtsextremen in Mecklenburg-Vorpommern (aber sicher nicht nur dort) gelungen ist, “normal” zu erscheinen. Eine sehr wichtige Feststellung angesichts einer ungeheuerlichen Entwicklung machte er am Schluß des Artikels:
Kein Wunder, dass in Vorpommern wachsenden Teilen der Gesellschaft der Sinn abhanden kommt für das, was sich gehört und was nicht. Seit Jahren kann ein rechtsextremistischer Dachdecker mit der Lebensrune in einem Schaukasten direkt vor dem Anklamer Gymnasium werben, ohne dass es jemanden stört. Der örtliche Trabi-Club fand es witzig, bei seiner Disko einen »DJ Völkermord« an den Plattenteller zu lassen. Im Bäckerladen von Ducherow liegt im Regal neben dem »Hansebrot« ein Brot namens »Glatze« mit schöner brauner Kruste. Obwohl Neonazis seit Jahren die germanische Sagenwelt zur Popularisierung ihrer Ideologie nutzen, wurden im letzten Jahr zwei junge Wölfe im Tierpark Ueckermünde Wotan und Thor getauft. Tino Müller versichert, damit habe er nichts zu tun. Vermutlich stimmt das sogar. So weit ist es schon.
Ich stimme Staud völlig zu: bestimmte Dinge gehören sich einfach nicht. Fast alle von ihm beschriebenen Verhaltensweisen sind für einen auch nur halbwegs sensiblen und halbwegs demokratischen Menschen völlig indiskutabel.
Im Sinne einer eindeutigen, auch für den letzten Dummtroll nicht zu übersehenden, Distanzierung von rechtem Gedankengut ist es in der Tat unklug, zwei junge Wölfe “Wotan” und “Thor” zu taufen - auch wenn die Namensgeber mit den Nazis an sich so wenig zu schaffen haben wie die Wölfe selbst. (Beim rechten Dackdecker liegt der Fall anders, selbst wenn die Rune auch ein mißbrauchtes Symbol ist.) Es ist unklug - aber aus politisch-taktischen Erwägungen heraus.
Die Tatsache, dass Neonazis die germanische Sagenwelt zur Popularisierung ihrer Ideologie nutzen, sollte aber gerade nicht Anlaß sein, alles, was mit dieser Mythologie zu tun hat, sozusagen unter Generalverdacht zu stellen. Der manchmal aus politisch-moralischen Gründen unbedingt gegebene Verzicht auf bestimmte Symbole überläßt, wenn er allzu konsequent im Sinne einer “Nulltoreranz” gehandhabt wird, kampflos und auf Dauer eben diese Symbole den Nazis. Hierzu auch: Verbotene und Suspekte heidnische Symbole
Verfasst von MartinM um 22:39 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Innenpolitik, Politik (Trackback)