Was ich an der FDP nicht mag

Interessenpolitik, Kungelei, Macht- und Postengeilheit - das Grauen hat einen Namen: Rainer Brüderle.

Der ist in seiner Funktion als FDP-Vize anscheinend nicht ausgelastet genug und hat Zeit, sich über mögliche Koalitionen nach der nächsten Bundestagswahl Gedanken zu machen, für die wir eigentlich ja noch drei Jahre Zeit haben.

Da sein entsprechendes Interview im “Spiegel” veröffentlicht wurde, zitiere ich im Folgenden aus SPON:

Für seine Partei stellte er klar, dass die Koalitionsaussage zu Gunsten der Union nicht mehr gelte.

Plattheit. Ich wüsste nicht, bei welchem Liberalen die Metamorphose der CDU von einer wirtschaftsliberalen Partei vor der Wahl zu einer sozialdemokratischen Partei nach der Wahl so großes Verzücken ausgelöst hätte, dass er darauf einen ewigen Bund schwören wollte.

Brüderle räumte ein, SPD und FDP hätten in der Steuer- und Sozialpolitik unterschiedliche Denkansätze. “Aber entscheidend in einer Koalition sind nicht unterschiedliche Positionen, sondern ob die Partner anständig miteinander umgehen.”

Das ist für die Wähler interessant zu wissen. Sie müssen also damit rechnen, dass Wahlaussagen jederzeit auf dem Altar des gemeinsamen Wohlbefindens der Parteibonzen geopfert werden. Ich sehe die Wahlbeteiligung schon förmlich abheben. Und, die Bemerkung sei mir als Gelbsozialist gestattet: Wessen Aussagen das sein würden, das sollte auch klar sein.

Denn: Welcher Teufel reitet eigentlich die FDP, sich ausgerechnet an die Partei anzuwanzen, die, da es links von ihr keine Tabus gibt, den strategischen Luxus hat, unter allen im Bundestag vertretenen Parteien wählen zu können? Es brauchte eigentlich keinen weiteren Beweises, dass es mit dem Wirtschaftssachverstand des Ex-Ministers für Weinbau nicht weit her ist (o.k., neben der Ernennung zum FDP-Wirtschaftsexperten…), aber der Rest der Liberalen sollte sich klar sein, dass man als “Me-too”-Anbieter verdammt schlechte Karten hat.

Einen “Kompromiss” in der Form “wir (SPD) machen die Politik, ihr (FDP) bekommt einen Ministersessel mehr” würde diese FDP wohl nicht mehr überleben. Die Wähler der FDP heute erwarten von der Partei, dass sie zu ihren Aussagen steht, denn nur über die kann sie sich von den drei deutschen Volksparteien CDU, SPD und PDS (im Osten) abgrenzen. Journalistische Saftsäcke aller Seiten, von F.A.Z. bis “Spiegel”, wollen der FDP einreden, die Machtteilhabe sei für sie überlebenswichtig. Das ist eine Falle, wie die Ergebnisse der letzten Wahlen fast durchgängig belegen.

Brüderle ist wohl noch den Zeiten verhaftet, wo die FDP noch reine Funktionspartei war. Dieser Job ist aber mittlerweile abgebaut worden. Der FDP-Vize übersieht deswegen entscheidenden Unterschied zu den guten, alten Zeiten der FDP als Dauerregierungspartei: Da haben die Großen die Schleimspur ausgelegt. Was er jetzt macht, ist betteln.

Wohlgemerkt: Ich habe überhaupt nichts Prinzipielles gegen SPD-FDP-Koalitionen. Schließlich ist einer unserer Blogautoren die Falsifizierung liberaler Ängste von zur Machtübernahme bereiten sozialistischen Kadern. Aber ich hätte es da gerne etwas programmatischer.

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9 Kommentare zu “Was ich an der FDP nicht mag”

  1. 23.09.2006 | 22:22

    Pragmatisch und bürgernah in die wählerbetrügende Beliebigkeit…

    In der Steuer- und Sozialpolitik haben SPD und FDP sicherlich unterschiedliche Denkansätze. Wir wollen deutlich weniger Staat als die SPD, wir wollen den Bürgern mehr Geld zurückgeben, damit sie wirklich Eigenvorsorge treffen können…

  2. 24.09.2006 | 6:58

    >Interessenpolitik, Kungelei, Macht- und Postengeilheit -
    > das Grauen hat einen Namen: Rainer Brüderle.
    >…
    >Denn: Welcher Teufel reitet eigentlich die FDP, sich
    >ausgerechnet an die Partei anzuwanzen …

    Ich hoffe, du bemerkst selbst was “Verallgemeinerung” ist.

  3. 24.09.2006 | 11:05

    Also grundsätzlich hätte ich auch nichts gegen Rot-Gelb (und von mir aus gerne auch noch mit Grün angereichert), denn es gibt in einigen, nicht unwichtigen, Politikfeldern einiges an Übereinstimmungen (z.B. beim Stichwort Bürgerrechte).

    Außerdem würden sich in einer solchen Koalition meiner Meinung nach die Parteien nicht so sehr belauern wie in der großen Koalition, wo ja Merkels Husten und Münteferings Räuspern schon gleich als Angriff auf die jeweils andere Partei angesehen werden.

    Das einzige Problem bei einer solchen Konstellation wäre der Bundesrat, da wir noch keine vernünftige(!) Föderalismusreform haben.

  4. Marcel
    24.09.2006 | 21:02

    Ich will überhaupt nicht wissen, wie die Politik einer solchen Koalition aussehen würde. Die Partner könnten sich zwischen zwei Varianten entscheiden: Entweder die Konzepte sind mal grüner, mal sozialdemokratischer und mal liberaler gefärbt und es besteht somit kein roter Faden oder sie konterkarieren sich im schlimmsten Fall.
    Oder aber sie suchen Kompromisse. Und diese Suche und die Unvollkommenheit dieser Konzepte würde das, was wir von der großen Koalition gewohnt sind noch toppen.
    Für die FDP gibt es in absehbarer Zeit keine Regierungsperspektive. Das schmerzt mich als JuLi zwar auch, aber nur mit einem konsequenten Verfolgen der derzeitigen Linie wird die FDP auch weiterhin als Partei mit einem echten Gegenentwurf sichtbar bleiben.

  5. R.A.
    25.09.2006 | 11:09

    Brüderle war ein erfolgreicher Landesminister, dort mit seiner Weinköniginnen-Knutscherei sehr beliebt und in der Koalition der zweitmächtigste im Lande.

    Dann kam er auf die Schnapsidee, nach Berlin zu gehen würde seine Karriere fördern (da hoffte er halt, nach gewonnener Bundestagswahl Minister zu werden).

    In Berlin mußte er dann feststellen, daß keiner richtig auf ihn gewartet hat, er als Wirtschaftspolitiker nicht erst genommen wird, seine altbackenen Provinzvorstellungen mit dem neuen FDP-Reformkurs selten zusammenpassen und er sich weitere Karriereambitionen abschminken kann.

    Und seitdem versucht er, mit solchen Aktionen noch etwas Aufmerksamkeit zu erhaschen.

    Ich glaube nicht, daß er in der FDP-Bundesspitze einen Hauch Chance für so einen Wechsel hätte. Aber vielleicht ist es Guido ganz recht, wenn solche Optionen mal durch die Presse getrieben werden, einfach um die FDP mal wieder präsent zu halten.

    Und da es nur der Hofnarr war, der das propagiert, kann man sich dann ebenso öffentlichkeitswirksam davon distanzieren.

  6. Llarian
    25.09.2006 | 11:58

    Ich weiß nicht, ich denke das Brüderle mit solchen Aktionen recht massiven Schaden anrichtet, denn es wird wieder das altgemalte Image der ewigen Polithure bedient. Mit Sätzen wie das Inhalte weniger wichtig sind als der Umgang miteinander krieg ich nur das kalte Kotzen. Vielleicht denkt er mal darüber nach, dass die persönlichen Probleme die “die da oben” miteinander haben keinen Bürger interessieren, sondern die Ergebnisse davon. Aber ich bezweifele sehr, dass er das noch begreift. Als Landesminister mag er wohl erfolgreich gewesen sein, der Schaden der durch Ernennungen zum Ehrenschornsteinfeger woanders entsteht ist da auch schwer reinzuwerten.
    Auch inhaltlich ist die die Idee die reine Katastrophe. Der Grund für den Koaltionskrach ist ja gerade das die SPD sogar der CDU zu sehr nach links wegdriftet und in einer solchen Situation soll die FDP das Reserverad geben ? Ist doch ein fertiger Witz. Eine Partei, die sich mit Leuten zusammenschmeisst, die eine Staatsquote von 50% für zu niedrig halten und die immer mehr und alles regulieren wollen (man mag das Horrorkabinett von Nahles bis Schmidt gar nicht aufzählen), hat irgendwann das Recht verloren sich noch liberal zu nennen.

  7. 25.09.2006 | 12:03

    Für besonders witzig halte ich dieses zeitliche Zusammentreffen:

    Just in dem Moment, als Brüderle die FDP an die SPD seines alten Kumpels Beck andocken will (natürlich, wie R.A. schreibt, ohne jeglichen Eigennutz-Gedanken), tritt der ehemalige Bundesbankpräsident Karl-Otto Pöhl mit der folgenden Begründung aus der SPD aus:

    Aber solange dort Leute wie die Parteilinke Nahles den Ton angeben würden, komme die Partei auf keinen grünen Zweig mehr. Das ganze Gerede von sozialer Gerechtigkeit, Kündigungsschutz und Mindestlohn bremse nur. Er traue auch dem neuen SPD-Vorsitzenden Beck keinen Umschwung zu. Dieser habe kein wirtschaftspolitisches Konzept.

    Na, dann passt’s ja.

  8. 25.09.2006 | 12:08

    @Jens

    Ich glaube nicht, dass es für die FDP sinnvoll wäre, in einer Ampel (Brüderle will ja noch nicht einmal Neuwahlen vorher) zusammen mit den Grünen einen auf Bürgerrechtspartei zu machen (also sich selbst den Erfolg auf diesem beschränkten Gebiet noch mit einer anderen Partei teilen muss), während sich die SPD mit ihren Ansätzen auf den wichtigsten Reformfeldern dieser Republik ungestört austobt.

    Dir würde das natürlich passen, aber warum Brüderle sowas mitmacht, lässt sich wohl nur durch R.A.s Beitrag erklären.

  9. 25.09.2006 | 15:08

    Weise ist dieses Vorgehen gerade tatsächlich nicht. Dürfte auch etwas Vertrauen verspielt haben. Heute im Morgenmagazin hat er schon eine etwas andere Darstellung gebracht und festgehalten, dass derzeit eine SPD-FDP-Koalition natürlich nicht ginge und auch eine Ampel ausgeschlossen sei. Er wollte nur darauf hinweisen, dass SPD und FDP in RLP auch gut zusammenarbeiten konnten. Vergangenheitsbewältigung.
    Westerwelle hat auch gleich klargestellt, dass beim Scheitern der Großen Koalition er sich nur Neuwahlen wünschen und vorstellen kann.

    Dass Brüderle überhaupt noch einen gewissen Rückhalt in der Partei hat liegt an den Umständen, wie er anno dazumals Landesvorsitzender und Spitzenkandidat in RLP wurde. Langzeitwirkung unglücklicher Umstände in der Parteigeschichte.

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