1. Oktober 2006
Sag zum Abschied leise Schurke
Die Sau, die jetzt medial durchs Dorf getrieben wird, heißt Siemens/BenQ. Es muss eine sehr große Sau sein, gemessen an denen, die sich danach drängeln, sich auf sie zu setzen.
Was war geschehen? Siemens hat offensichtlich Probleme mit seiner Handysparte bekommen. Für das, was die Handys boten, waren sie anscheinend zu teuer, und für einen höheren Preis haben sie zu wenig geboten. Diesen Fall eines Unternehmens, das die Wünsche seiner Kunden nicht erkennt, kann man meinetwegen gerne “Management-Versagen” nennen. Ich nenne es normal. Auf einen Erfolgreichen kommen ungezählte Gescheiterte, und nationale Größe hat gerade in dynamischen weltweiten Märkten nichts mit Erfolg zu tun.
Nun hätte Siemens die Sparte dichtmachen können. Dass es das nicht getan hat, wird diesem Unternehmen heute vorgeworfen. Aber gerade die Stimmen, die sich jetzt höchstmöglich echauffieren, hätte ich wirklich gerne gehört, wenn das damals geschehen wäre. Stattdessen hat Siemens nach einem Strohhalm gegriffen, nach einem anderen Unternehmen, das die Sparte mit der Produktion kaufen wollte. Dass der Markenname einen Wert hatte, war klar. Die Produktion zusammen mit der Beschäftigungsgarantie war aber offensichtlich ein Malus, der in den Geboten der anderen Interessenten und in der “Mitgift” von 350 Mio Euro zum Ausdruck kam.
Jetzt hat der Erwerber doch beschlossen, die erworbene Produktion einzustellen. Viele der Entrüsteten werfen BenQ vor, das von Anfang an beabsichtigt zu haben. Das ist gut vorstellbar - warum sollte sich ein bereits in Asien produzierendes Unternehmen ausgerechnet eine viel teurere Fertigung in Deutschland ans Bein binden, wenn es irgendwie anders geht? Die Stukturentscheidungen, die gefällt (Aufteilung in verschiedene Kapitalgesellschaften) und die nicht gefällt (Management beibehalten) wurden, deuten jedenfalls darauf hin, dass der heutige Zustand von BenQ zumindest billigend in Kauf genommen wurde.
So weit, so schlecht. Gehen wir aber mal die Vorwürfe durch.
Der eine richtet sich gegen Siemens. Der deutsche Konzern habe “sich nicht die Hände schmutzig machen wollen” und sei deswegen jetzt noch in die Verantwortung zu nehmen. Dieser Vorwurf ist schon deswegen materiell nicht irrelevant, weil BenQ zur Schließung der Produktion einen Weg gewählt hat, der “im Markt” nicht als besonders seriös gilt, nämlich bei solventer Mutter eine Tochtergesellschaft einfach Pleite machen zu lassen. Das heißt, wenn der Plan aufgeht (und was soll ein deutscher Insolvenzverwalter gegen einen taiwanesischen Konzern tun?), bleiben die betroffenen Mitarbeiter ohne Abfindung. Ich meine, der Vorwurf an Siemens geht fehl. Ich nehme den Verantwortlichen ab, dass sie damals wirklich gemeint haben, nach einem Strohhalm gegriffen zu haben, der die Fortführung der deutschen Fertigung ermöglicht. Meine Begründung dafür ist eine Zahl: 350 Millionen. Ich glaube nicht, dass eine Schließung bei gleichzeitiger Restverwertung der Aktiva Siemens teurer gekommen wäre als 100.000 Euro pro Mitarbeiter.
Zitat aus dem Online-Angebot des Manager Magazins:
Ein Siemens-Sprecher wollte den Vorgang gegenüber manager-magazin.de nicht kommentieren. Er erklärte nur, dass sich Siemens damals für einen Verkauf an BenQ auch deshalb entschieden habe, weil es einen klaren Plan für die Entwicklung des Geschäfts in Deutschland gab - und entsprechende Standortzusagen. Seit dem Verkauf der Sparte würden Bewerber, die bei BenQ arbeiten, bei Stellenausschreibungen von Siemens bevorzugt behandelt, ergänzte der Sprecher: “Sie haben als Bewerber denselben Status wie interne Siemens-Mitarbeiter.”
Gegen Mittag meldete sich Siemens-Vorstandschef Klaus Kleinfeld zu Wort: “Die momentane Situation entspricht nicht der Intention der Parteien zur langfristigen Fortführung des Handygeschäftes. Unter den gegebenen Umständen wird Siemens seine Rechtsposition gegenüber BenQ prüfen.” Als Beleg dafür, dass Siemens bei Vertragsabschluss durchaus von einer langfristigen Lösung ausgegangen sei, führt Kleinfeld an, dass BenQ die Rechte an der Siemens-Marke für fünf Jahre übertragen wurden. “In der Vergangenheit wurde dies nur in ausgewählten Fällen bei langfristigen Partnerschaften getan, zum Beispiel in den Joint-Ventures Fujitsu Siemens Computers oder BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH.”
Ich halte das, auch aus eigener Erfahrung mit deutschen Konzernen gleicher Größenordnung, für durchaus glaubwürdig.
Wenn es einen “Schurken” im eigentlichen Spiel gibt, dann heißt er BenQ. Die Schurkenrolle fällt ihm aber nur dadurch zu, dass die anderen Rollen mit allzu bereiten Naiven (Siemens), Pharisäern (Politik) und Moralisten (Öffentlichkeit) besetzt sind. Jeder, der schon einmal mit Chinesen beruflich zu tun hatte, weiß, welch knallharte Geschäftsleute das sind. Das kommt auch in dieser Meldung zum Ausdruck:
Inzwischen hat sich auch Benq-Strategiechef Rick Lei zu Wort gemeldet und eher moralisierende Vorwürfe gegenüber Siemens erhoben. Nach seinen Worten habe der Münchener Konzern seine ehemalige Handysparte in der Stunde der Not im Stich gelassen, so zitiert die Nachrichtenagentur Reuters den Manager. Noch in der letzten Woche habe die Siemens-Spitze finanzielle Hilfen für den Bereich abgelehnt, so Lei weiter. Als Konsequenz habe BenQ die Notbremse ziehen müssen. „Wir haben Siemens um Hilfe gebeten. Letzten Donnerstag haben wir die ganze Nacht lang mit hochrangigen Siemens-Managern gesprochen. Aber am Ende haben sie gesagt: ‘Geschäft ist Geschäft’“, sagte Lei. Ein Siemens-Sprecher kommentierte das mit dem Hinweis, Benq habe nach der Übernahme vor einem Jahr immer wieder Ansprüche an die Münchener gestellt.
Schon mal mit der Veräußerung von Unternehmen oder Unternehmensbereichen zu tun gehabt? Klingt bekannt, oder? Ein altes Spiel.
BenQ hat alle hereingelegt: Siemens, die übernommenen Arbeitnehmer und die Öffentlichkeit. Ist das schlimm? Moralisch betrachtet schon. Aber ganz nüchtern ökonomisch gesehen: Ist derjenige schuldig, der eine Illusion beendet? Siemens-Handys waren einfach nicht mehr wettbewerbsfähig, und es war leider niemand in Sicht, der das hätte ändern können. Der Wille, an etwas anderes zu glauben, hat erst die Enttäuschung und den Frust ausgelöst.
Kommen wir zum echten Schurken. Das ist einer, der wider besseres Wissen Versprechungen macht. Einer, der geltendes Recht missachtet. Jürgen Rüttgers, der Schweinereiter. Gut, dass er verlangt, verlustreiche Produktionen müssten weitergeführt werden, mag seiner Sozialisation als Politiker geschuldet sein: Schließlich kann man sich da benötigtes Geld erpressen und nach Herzenslust Schulden machen, was dem gemeinen Unternehmer als Instrumentarium nicht zur Verfügung steht. Aber dass er diese Situation dazu nutzt, seinem Unwort von den “Lebenslügen” der CDU neue Nahrung zu geben, das ist mehr als schäbig. Rüttgers’ Logik sei im Folgenden skizziert.
- Behauptung: Lohnverzicht macht Arbeitsplätze nicht sicherer.
- Feststellung: Mitarbeiter in der Siemens-Handy-Sparte verzichten auf Lohn, verlieren später aber doch ihren Arbeitsplatz.
- Schluss: Die Behauptung stimmt.
(Erinnert mich an die Wochenshow mit Profitlich und Pastewka. Erklärbär: “Du bist so schlaaauuu, Jüüüürgen!” Ok, die Antwort Jürgens fällt nicht zugunsten des Erklärbärs aus, aber zu dem komme ich später…)
Ist das die Bildungsmisere in Nordrhein-Westfalen, die da zugeschlagen hat? Dass man den Unterschied zwischen Positiv und Komparativ nicht mehr kennt? Ok, dann eben Raysons Grundkurs der Lohnbildung, Teil I: Ein Lohnverzicht, nach dem der Lohn immer noch über der Arbeitsproduktivität liegt, macht einen Arbeitsplatz vielleicht sicherer, aber sicher nicht sicher. Klar, Jürgen?
Nächster Schweinereiter: Michael Glos. Das ist der ErklärProblembär. Wie kann sich ein Wirtschaftminister, der bisher vor allem durch Ahnungs- und Konzeptlosigkeit auffiel, nicht entblöden, den Mini-Konzernchef zu spielen:
Was Nokia geschafft hat, hätte Siemens auch schaffen müssen. Ich bin von den unternehmerischen Leistungen dort enttäuscht.
Jo mei. Was der Erhard Ludwig geschafft hat, solltest du doch auch hinkriegen, oder? Zeig’s doch mal. Und wette bitte dein eigenes Geld darauf.
Soweit zu den Schweinereitern. Gewerkschaften und Betriebsrat nehme ich ihre Verirrungen nicht übel. Die müssen das in so einem Fall tun. Vielleicht bleibt ja was übrig. Und ja, einen Hofnarren gibt es in dem Spiel auch, und der heißt Bisky von der SEDLinkspartei, die sich in der Vergangenheit durch ihre moralische Unangreifbarkeit einen Namen gemacht hat:
Das Vorgehen des taiwanesischen Elektronik-Konzerns und von Siemens sei “gemein und hinterhältig”, sagte Bisky in Hannover. “Man kann den großen Unternehmen nicht glauben, ihnen geht es nur um die Rendite”.
Aber was ist mit dem Aufruf des BenQ-Mobile-Geschäftsführers, jetzt doch bitte die Handys seines Unternehmens zu erwerben?
“Alle Erlöse kommen unmittelbar der Firma und damit den Mitarbeitern zugute”, sagte Joos am Samstag in München. “Es sind wettbewerbsfähige Geräte made in Germany auf dem Markt”, sagte er. “Kein Cent der Erlöse wird den Weg zu Siemens oder der BenQ Corp. in Taiwan finden”, ergänzte ein Sprecher.
Fangen wir von hinten an. Der letzte Satz stimmt wohl, zumindest was BenQ als Eigentümer betrifft. Dafür wird schon der Insolvenzverwalter sorgen. Der erste Satz stimmt nur halb, und zwar bis zu “der Firma”. Wer von Mitteln profitiert, die in einem insolventen Unternehmen übrig bleiben, hängt von der Struktur der Gläubiger ab. Und der Satz in der Mitte ist einfach nur eine Frechheit, die vielleicht zum Kern des Problems vordringt. Denn welche Geräte wettbewerbsfähig sind, das entscheidet nicht der Manager des Produzenten, sondern der Markt.
Aber das Problem löst das natürlich nicht. Selbst wenn die Deutschen wie verrückt Siemens-Handys kaufen würden, könnte das den Hersteller doch nicht daran hindern, sich unter mehreren Produktionsstandorten den günstigsten auszusuchen. Und das ist auch gut so, denn das Geld, das der deutsche Verbraucher nicht für überteuerte Handys ausgeben muss, hat er dann für andere Konsumwünsche frei.
Jetzt müssen wir abwarten, was der erfahrene Insolvenzverwalter hinbekommt. Besonderer Optimismus ist nicht angebracht. Das Handy-Geschäft ist ein globales, und bei Siemens hatten damals (außer BenQ) schon alle in Frage kommenden Konzerne abgewinkt. Es ist nicht das erste Mal, das ein deutscher Konzern einen Vorsprung verspielt. Aber das Dynamische liegt uns einfach nicht, wir setzen lieber auf Vergangenes.
Andere Beiträge zum Thema - zunächst zwei nahestehende Sozis:
Dann im FTD-Blog “Kapitalist” Adrian Schimpf.
Und last but not least bei uns der Beitrag von Boche.
Verfasst von Rayson um 00:57 Uhr in der Kategorie Politik, Wirtschaft (Trackback)