Warum so bescheiden?

Gerade lese ich bei “Mit dem Kopf voran” einen aus “Marginal Revolution” zitierten Beitrag zum Mindestlohn, da stellt sich mir eine alte Frage erneut.

Denn ich verstehe eins immer noch nicht: Wenn die Argumente der Befürworter stimmen, gibt es überhaupt keine sinnvolle Obergrenze. Der Mindestlohn müsste praktisch unendlich hoch angesetzt werden. Warum also so bescheiden? Warum nicht statt 7,50 Euro das Zehn- oder Hundertfache fordern?

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12 Kommentare zu “Warum so bescheiden?”

  1. Zodac
    5.10.2006 | 21:21

    Ganz einfach: Je geringer die Forderung, umso größer sind auch die Erfolgsaussichten, sie politisch durchzusetzen.

  2. Parker8
    5.10.2006 | 21:23

    Weil der Mindestlohn verhindern soll, dass Löhne unter Marktpreis gezahlt werden (unter Ausnutzung einer Notlage), mit anderen Worten eine Konsumentenrente realisiert wird.

  3. Zodac
    5.10.2006 | 21:34

    @Parker

    Der Marktpreis hängt eben auch von Notlagen der Teilnehmer ab, weswegen mir unklar ist, warum daß ganze nun verhindert werden soll.

    Ganz abgesehen davon ist es auch ziemlich unklar, was genau eine “Notlage” sein soll und zum anderen würde daß im Umkehrschluß auch einen Höchstlohn rechtfertigen, da auch der Anbieter in einer Notlage sein kann.

  4. 5.10.2006 | 22:32

    @Parker8

    1. Das zählt nicht zu den Begründungen der Befürworter.
    2. Ein Marktpreis, der staatlich festgesetzt wird? Du scherzt…
    3. Wenn es einen Marktpreis gibt, gibt es auch keinen Grund, weniger zu zahlen oder weniger zu bekommen.

  5. 6.10.2006 | 10:01

    Auf welches Argument beziehst Du Dich eigentlich bei der Behauptung, der Mindestlohn könne auch beliebig hoch angesetzt werden?

    Zudem: In welchem Sinne “gibt es” denn Preise?

    Preisbildungsargumente stehen ja meines Wissens im Mittelpunkt eurer Sozialismuskritiken, wie funktioniert das bei euch noch?

    Z.B. die Gebäudereiniger-Firmen, die derzeit für Mindestlöhne streiten, tun das ja meines Wissens, damit “die Preise nicht kaputt gemacht werden”.

    Kenne ich auch aus meinem beruflichen Umfeld - sowohl die Tagessätze von freien Mitarbeitern betreffend als auch im Falle von konkurrierenden Unternehmen, die so billig anbieten, daß sie einfach Miese machen müssen oder aber die gewünschte Qualität nicht liefern können. Oder aber in kleinere Wohnungen umziehen, hohe Schulden machen und dann bei Penny statt bei Edeka einkaufen …

    “Marktbereinigung” findet aber auch nicht statt, der wechselseitige Unterbietungswettbewerb führt nur zu mehr Überstunden, zusammenbrechenden Mitarbeitern, mehr Schulden von Unternehmen etc., also einer Nivellierung nach unten bei Einschränkung des Handlungsradius, sozusagen.

    Das ist doch volkswirtschaftlich auch nicht so dolle, oder? Daraus läßt sich aber dieses Maximums-Argument nicht ableiten, wenn man da für ein Minimum plädiert, weil letzteres eben einfach diese Nivellierung nach unten stoppen soll.

    Ist letztere eigentlich Deflation? Reine Wissens-Frage.

  6. 6.10.2006 | 11:57

    1. Es gibt bereits einen faktischen Mindestlohn: Die Sozialhilfe. Einer angeblichen “Nivellieriung nach unten” ist somit schon mal eine Grenze gesetzt.

    2. Dem Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt steht die zweite Seite der Medaille gegenüber. Sinkende Arbeitskosten sind sinkende Herstellungskosten und müssen in einer Marktwirtschaft über die Preise an die Verbraucher weitergegeben werden. Schliesslich konkurrieren nicht nur die Arbeitnehmer miteinander, sondern auch die Anbieter. Gäbe es diese Abwärtsspirale im Lohn, würde diese durch ebenfalls sinkende Preise ausgeglichen.

    Oder sollte man auch Mindestpreise für Produkte einführen? Wie wäre es denn mit einem Mindestpreis für Wasser und Brot?

  7. Zodac
    6.10.2006 | 12:18

    @Momo

    Weniger Qualität ist nicht automatisch etwas negatives, wenn gleichzeitig auch der Preis sinkt.
    Es ist zwar durchaus denkbar, daß die Qualität von Autos steigen würde, wenn es einen Mindespreis von 100.000 Euro gäbe, aber ökonomisch effizient wäre das mitnichten, da viele bereit wären, die Qualität für einen Preisnachlaß einzutauschen.
    Bei meinen gegenwärtigen Verhältnissen zieh ich einen klapprigen Audi A80 einem Porsche vor ,-)

  8. 6.10.2006 | 12:19

    @Dirk:

    Gibt es diese Abwärtsspirale bei den Real-Löhnen nicht länger schon? Und in einigen Bereichen auch bei den Preisen, in anderen nicht? Das wäre doch interessant, mal hinzuschauen, wo das so ist, wo nicht, und warum jeweils … weil: Daß die so “weitergegeben werden müssen”, das ist ja kein kategorischer Imperativ. Kann ja sein, daß in einigen Fällen dadurch einfach die Gewinne und Vorstandsgehälter steigen, in anderen nicht.

    Das Hartz IV-Argument (daß dieses die Grenze nach unten darstellen würde): Das wird ja immer mal wieder angeführt, daß diese Grenze noch zu senken sei, um für die “Alimentierten” so ‘nen richtig schönen Niedriglohnsektor einrichten zu können, was so ja nicht möglich sei … dann hingegen hätten sie endlich den Anreiz, sich nicht mehr auf die faule Haut zu legen. In dieser Denke ist Dein Argument auch schief: Da müßte ja der Mindestlohn deutlich genug über Hartz IV liegen, daß eben Anreiz zur Arbeitsaufnhame besteht (ich halte ja eh nix von dieser Denke, aber mal in deren Rahmen argumentiert).

    Was jetzt z.B. die “Mindestpreise” für Produkte betrifft: Bei Büchern gibt es die ja meines Wissens. Und ist dieses im Falle sogenannter “Grundnahrungsmittel” über Subventionierung z.B. der Landwirtschaft nicht im Grunde genommen auch schon der Fall, nur indirekt?

  9. 6.10.2006 | 12:29

    @Zodac:

    Genau deshalb plädiere ich ja dafür, sich nicht ständig wechselseitig VWL-Axiome um die Ohren zu hauen und die auf Teufelkommraus überall anzuwenden, sondern unterschiedliche wirtschaftliche Sphären auch je unterschiedlich zu diskutieren.

    Würden z.B. IKEA-Schränke so lange fit bleiben wie Bauernmöbel aus dem 19. Jahrhundert (was ich hier gar nicht ausschließen will, geht mir nicht um das Unternehmen, sondern um ein Beispiel - ich habe damit ausdrücklich keine Tatsachenbehauptung über IKEA-Schränke aufgestellt, die halten natürlich ewig), dann wäre das im Sinne von Wachstum und Beschäftigung ja wahrscheinlich tatsächlich nicht so dolle oder würde zumindest andere Logiken des Wirtschaftens erfordern als jene, die zu Massengesellschaften wahrscheinlich besser passen. Oder?

    Aber es gibt schon Fälle, wo die Qualität der Produkte so weit abfallen kann, daß niemand sie mehr konsumieren will, und da braucht man ja noch nicht mal gleich das Gammelfleisch anführen. Umgekehrt kann aber die Qualitätssicherung unter spezifischen Marktbedingungen einfach nicht mehr gewährleistet sein. Was sagen die Wirtschaftsweisen denn dann?

  10. 6.10.2006 | 13:19

    @MomoRules

    Nein, das ist kein kategorischer Imperativ, sondern schlichte Notwendigkeit. Ein Unternehmen kann im Wettbwerb keine Preise oberhalb Produktions und Zinskosten für das eingesetzte Kapital verlangen. Die Kunden zahlen ja nicht freeiwillig mehr, als bei der Konkurrenz.

    Wieso müsste der Mindestlohn höher liegen? Der Lohn müsste deutlich höher sein, als die Sozialhilfe, damit der Anreiz zur Arbeitsaufnahme gegeben ist. Aber der muss doch nicht gesetzlich festgelegt werden. Im Gegenteil, Dein Argument zeigt doch, dass das überhaupt nicht notwendig ist.

    Über das geeignete Verhältnis aus Qualität und Preis entscheidet der Verbraucher. Vielleicht will er gar keinen massiven Bauernschrank, den er beim nächsten Umzug nicht zerlegen kann, um ihn aus der Wohnung zu schaffen.

    Die Kunden wissen, dass hohe Qualität nicht zu einem niedrigen Preis erhältlich ist. Zum Beispiel gab es mal den Versuch eine Bratwurst für 50 Cent zu verkaufen. Keiner wollte sie haben. Erst als man den Preis für dioe gleiche Wurst auf 1 Euro und mehr anhob kamen die Kunden. Der Preis ist immer auch ein Qualitätssignal. Einen Dönder für 1 Euro würde ich nie kaufen.

  11. 6.10.2006 | 13:37

    @MR

    Die am meisten genannten Begründungen für Mindestlöhne: Gewährleistung eines Einkommens und Ankurbelung der Binnennachfrage. Ein negativer Zusammenhang von Lohnhöhe und Zahl der Arbeitsplätze wird von den Befürwortern explizit abgelehnt. Also zwei tolle Sachen und nix Negatives: Schlagt zu, Jungs!

    Wir können uns über Preisbildungsprozesse unendlich unterhalten, aber Parker8 hat in seinem Argument bereits einen Preis vorausgesetzt, und nicht nur irgendeinen, sondern einen Marktpreis. Das heißt, die Preisbildungsprozesse müssen abgeschlossen sein, und es gibt in dem Sinn bereits einen Marktpreis, in dem ich ein beliebiges Gut bei “billiger.de” oder sonstwo eingebe und als Ergebnis einen ziemlich einheitlichen Preis mit geringen Abweichungen bekomme. Oder in dem ich mir eigentlich keinen großen Kopf zu machen brauche, welche Tankstelle ich ansteuere, weil ich mir ziemlich sicher sein kann, dass die Abweichung im Literpreis so gut wie nie mehr als 1 Cent betragen wird.

    Was den angeblichen “Wettbewerb nach unten” angeht: Das ist eine Schimäre, die auf der isolierten Beobachtung einiger Branchen in Deutschland beruht und in ihrer Logik grobe volkswirtschaftliche Unkenntnis offenbart. Die Löhne passen sich immer der Produktivität an. Durch die Möglichkeiten, die die Globalisierung auch den armen Ländern, also denen ohne viel Kapital, bietet, ist der Preis für wenig kapitalintensiv produzierte Güter gesunken (wovon alle Verbraucher profitieren) und damit auch die Produktivität geringqualifizierter Arbeit z.B. in Deutschland. Es ist aber kein “Wettbewerb nach unten”, da inzwischen die Löhne in den erfolgreich am internationalen Wettbewerb teilnehmenden Ländern (bzw. dort in den betroffenen Branchen) ordentlich anziehen, was dir diese leidigen VWL-Axiome auch so vorausgesagt hätten.

    Du solltest übrigens vielleicht wirklich nicht zu sehr von deinem Umfeld ausgehen. Das kann man nicht gerade als typisch bezeichnen, wenn ich an das Verhältnis zu dem Wirbel, den z.B. die “Praktikantenkarrieren” im medialen Umfeld verursacht haben, zur Zahl der in ganz Deutschland davon betroffenen Hochschulabsolventen denke. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, waren im Bereich Medien so um die 20% der Absolventen davon betroffen, bei den sonstigen Studiengängen aber weniger als 3% (und in solchen wie Ingenieurwissenschaften so gut wie niemand). Mir scheint, in diesem Bereich herrscht ein gewaltiges Überangebot an Arbeit, ohne dass die (potenziellen) Anbieter von Arbeit bereit wären, die Konsequenzen daraus zu ziehen - sind halt sehr viele Träumer unter euch… Oder, liberaler formuliert: Offensichtlich sind die Menschen in diesem Bereich bereit, für äußerst wenig Geld ihrem Job nachzugehen. Woran das liegt, müsste man mal untersuchen. Wahrscheinlich verschafft denen die Arbeit so viel Befriedigung, dass sie dafür bereit sind, auf monetäres Einkommen zu verzichten. Der Markt deckt diesen Zusammenhang dann nur auf, aber alle Beteiligten handeln weiterhin freiwillig.

    Daraus läßt sich aber dieses Maximums-Argument nicht ableiten, wenn man da für ein Minimum plädiert, weil letzteres eben einfach diese Nivellierung nach unten stoppen soll.

    Oh doch, rein logisch immer noch. Denn wenn ein Minimum eine Bewegung nach unten stoppen kann, muss ein Vielfaches davon auch eine Bewegung nach oben auslösen können. Und warum sollten wir die nicht wollen? Das ist die logische Folge davon, wenn man keine marktlichen Determinanten als lohnbestimmend zulassen will.

    Am Rand: Deflation ist ein konjunkturelles Problem, kein strukturelles. Kurz: Die Preise sinken, weil alle mit sinkenden Preisen rechnen. Die einen (Keynesianer) fordern ein staatliches Eingreifen dagegen, die anderen (Radikalliberale) fordern, das als Phase der Preisbereinigung zuzulassen.

  12. Zodac
    6.10.2006 | 14:13

    @Momo

    Langlebige Ikeamöbel würden Wachstum und Beschäftigung nicht schaden, zumal der Kunde in diesem Falle Geld übrig hätte, welches er anderweitig ausgibt. Sei es ein neues paar Schuhe, ne Kiste Bier oder ein neues Buch.

    Des weiteren gibt es eben nicht nur einen Wettbewerb um den Preis, sondern auch um die Qualität. Eben weil es auf beides ankommt: Qualität, als auch den Preis.

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