Rettet die Demokratie

Hubert Kleinert sieht die Demokratie bedroht.

Alarmistisch? Vielleicht ein wenig. Aber nicht grundlos. Aus meiner Sicht ist klar: Das politische System der Bundesrepublik Deutschland befindet sich in einer Krise. Die Ursachen der Krise sind vielfältig. Es kommen zusammen:

  1. undurchsichtige Strukturen
  2. Parteienherrschaft
  3. wirtschaftliche Herausforderungen
  4. Wiedervereinigung

ad 1)

Die Mechanismen der Entscheidungsbildung sind immer undurchschaubarer geworden. Die Menschen wissen kaum noch, wer konkret für bestimmte Entscheidungen zuständig ist, d.h., sie wissen auch nicht, wo sie ansetzen müssen, um ihre Präferenzen durchsetzen zu können. Dazu trägt bei die Verflechtung der Gebietskörperschaften (EU-Bund-Länder) sowie die durch alle Institutionen durchgreifende Parteipolitik.

Da ein Übermaß an “Checks and Balances” dazu geführt hat, dass die angebliche Regierung sich einer über andere Institutionen etablierenden fast gleichstarken Macht gegenüber sieht, ist die “Große Koalition” ein die deutsche Politik faktisch bestimmender Dauerzustand. Das Unbehagen heute ist nur deshalb besonders groß, weil die Gegenkräfte früher sichtbar werden als vorher, ohne deshalb auch wirklich stärker geworden zu sein.

ad 2)

Aus dem “wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit” des Art. 21 GG ist ein “bestimmen alle staatlichen und halbstaatlichen Institutionen” geworden. Entscheidungen fallen nicht in den dafür vom Grundgesetz vorgesehenen Institutionen, sondern in informellen Zirkeln.

ad 3)

Die Schwächen der in den Ziffern 1 und 2 behandelten Problempunkte werden erst dann offensichtlich, wenn tatsächlich politische Gestaltungskraft gefragt ist. Als Sozialpolitik sich noch darin erschöpfte, die Umverteilungsgrenzen der heimischen Wirtschaft auszutesten, funktionierte der Wettbewerb der politischen Unternehmer noch. Spätestens, seit Heiner Geißler die “Neue Soziale Frage” erfand, überboten sich die beiden dominierenden Parteien der alten Bundesrepublik in der Abschöpfung privaten Wohlstands zur Begünstigung der eigenen Klientel. Die Rhetorik war sozialistisch vs. konservativ, die Methodik durchgängig sozialdemokratisch.

Jetzt aber, wo es daran geht, die im Überschwang des doch nicht Machbaren ausgelobten Vergünstigungen wieder zumindest teilweise zurückzunehmen, versagen die Mechanismen. Das Volk der wählenden Nutzenmaximierer ist verstört, dass es plötzlich nur Verzichtsbotschaften erreichen, und die Anbieter der Politik haben nichts mehr in der Hand, das sie in den Augen ihrer an Gaben gewöhnten Klientel unterscheidbar macht.

ad 4)

Deutschland ist gleich zwei Mal überrascht worden. Die erste Überraschung waren die Folgen der Wiedervereinigung: Der Osten Deutschlands entpuppte sich als ökonomische Bruchbude, deren Bewohner aber dieselbe Miete zu zahlen hatten wie bei der benachbarten Villa, was viele auf die Straße trieb. Und plötzlich erfuhr man auch, dass sogar die Mieten der Villabewohner noch zu niedrig waren, da für die Bruchbude in der anderen Stadt viel mehr gezahlt wurde.

Viele Deutsche sind noch nicht beim ersten Teil dieser Erkenntnis angekommen. Und noch viel mehr nicht beim zweiten.

Was kann man tun? Das System bedarf der Reformation. In Frankreich hatte man es da mal einfacher: Da wählte das Volk den Führer, dem es vertraute, und überließ ihm die Neugestaltung des Systems. Für uns Deutsche ist dieser Weg nicht gangbar. Aber das Ziel kann man skizzieren:

  1. Bundes- und Länderkompetenzen müssen radikal entflechtet werden. Maßstab: Subsidiarität.
  2. Und/oder: Die Zahl der Länder muss verkleinert werden. (je mehr 1. gelingt, um so mehr kann man auf 2. verzichten)
  3. Notfalls, wenn 1. und 2. nichts fruchten: Reform des Wahlrechts (z.B. Mehrheitswahl).

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41 Kommentare zu “Rettet die Demokratie”

  1. c.h.
    7.10.2006 | 20:26

    Die Demokratie ist bedroht? Durch wen? Ich glaube eher, dass die idealistischen Vorstellungen der Demokratietheorie bedroht sind. Die Parteienherrschaft etwa ist doch ein alter Hut. Max Weber schreibt schon 1919: “Diesem idyllischem Zustand der Herrschaft von Honoratiorenkreisen und vor allem: der Parlamentarier, stehen nun die modernsten Formen der Parteiorganisation scharf abweichend gegenüber” (Politik als Beruf).

    Die wirtschaftlichen Herausforderungen, ebenso wie die Folgen der Wiedervereinigung wären ja gerade Herausforderungen an die Politik.

    Die Politikverflechtung ist der einzige relevante Aspekt: Politik wird in Deutschland und Europa zu einem Großteil durch nicht-legitimierte Organisationen gestaltet: Gewerkschaften und Unternehmerverbände, Kirchen, Umwelt- und Verbraucherschutzgruppen - zusammenfassend gesagt: die viel gepriesene “Zivilgesellschaft”.

    Insbesondere auf EU-Ebene ist das frappierend, da dort der Wille u.a. in der EU-Kommission, sich politische Macht anzueignen, einhergeht mit einer personellen Unterausstattung der Bürokratien und damit der Notwendigkeit, mit NGOs, also nicht-legitimierten Gruppen, zusammenzuarbeiten.

    Eine Gefahr für die Demokratie kann ich daraus aber nicht erkennen. Im Grunde besteht in allen großen politischen Fragen weitgehende Einigkeit. Politik ist reiner Managerialismus - man streitet maximal für oder gegen die Erhöhung der Mehrwertsteuer -, der von den Medien in Form großer politischer Duelle inszeniert wird. Natürlich merkt der Zuschauer, dass es in Wirklichkeit um nichts geht, und hat kein besonderes Interesse an der Politik. Business as usual.

    Politisch ist das vielleicht eine Katastrophe - das mag sein. Aber eine Gefahr für die Demokratie? Nein.

  2. 8.10.2006 | 10:46

    Der Geist von Noske…

    “Wer keine Kraft zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Leben”. Hat Ernst Toller gesagt. Der große, expressionistische Dramatiker aus der Weimarer Republik. Der Sozialist. 1939 war die Quelle seiner eigenen Träume versiegt. Da hat er sich umgebrach…

  3. 8.10.2006 | 16:42

    [...] Das Wort zum Sonntag 08.10.2006 | 1 x gelesen Rayson schrieb gestern einen interessanten Artikel mit dem Titel „Rettet die Demokratie”. Vermutlich aufgrund des Wochenendes ist der Diskurs noch nicht in Gang gekommen. Parallel entwickelte MomoRules heute Morgen seine Gedanken zum Status unserer deutschen Demokratie. [...]

  4. Patentizität
    8.10.2006 | 16:52

    c.h.: Die Politikverflechtung ist der einzige relevante Aspekt: Politik wird in Deutschland und Europa zu einem Großteil durch nicht-legitimierte Organisationen gestaltet: Gewerkschaften und Unternehmerverbände, Kirchen, Umwelt- und Verbraucherschutzgruppen - zusammenfassend gesagt: die viel gepriesene “Zivilgesellschaft”

    …bzw. Interessengruppen, was auch nichts Neues ist, und eben nicht für, sondern zumindest eher gegen Parteienherrschaft, respektive ein kritisches Betonen derselben spricht.

    (Interessenverbände sind zwar einerseits, im Gegensatz zu Parteien, Selbstlegitimatoren, andererseits jedoch demokratisch insofern vollkommen legitim als es jedem freisteht, einem speziellen Präferenz-Verein beizutreten.)

    Rayson: Die Mechanismen der Entscheidungsbildung sind immer undurchschaubarer geworden. Die Menschen wissen kaum noch, wer konkret für bestimmte Entscheidungen zuständig ist

    Die Mechanismen der Entscheidungsbildung waren in der Bundesrepublik für die Menschen schon immer undurchschaubar. Der springende Punkt ist eher der, dass die Menschen in Zeiten mit durchschnittlich höherem ökonomischen Wachstum weniger zu meckern hatten und etwas mehr der Kirchgemeinde, der Gewerkschaft und ihrer “natürlichen” Partei gefolgt sind.

    Dass durch den Bedeutungszuwachs der supranationalen Ebene EU die Politikverflechtung gestiegen ist und politische Entscheidungsprozesse nicht übersichtlicher geworden sind, sei natürlich zugestanden. Dies liegt, eingedenk bzw. trotz aller echten oder vermeintlichen Mängel auf der Verwaltungsebene der EU, allerdings in der Natur der Sache.

    sie [die Menschen] wissen auch nicht, wo sie ansetzen müssen, um ihre Präferenzen durchsetzen zu können.

    Die Menschen konnten noch nie ihre Präferenzen durchsetzen. Politik heißt Organisationen. Und nur politische Organisationen (Parteien, Interessenverbände) können Interessen - wenn man so will - durchsetzen.

    Wenn du einerseits einen Mangel an Partizipationsmöglichkeiten für die Menschen beklagst (so interpretiere ich jedenfalls ad 1 teilweise), andererseits aber (etwas diffuser) auch Parteienherrschaft und einen Mangel an Dezisionismus bemängelst, so ist dies etwas widersprüchlich.

    1. Ein Mehr an Partizipationsmöglichkeiten (Wie? Direkte Demokratie?) würde Entscheidungsprozesse notgedrungen “länger” machen, politische Entscheidungen würden, wenn mehr Menschen versuchen ihre Präferenzen einzubringen, noch “unreiner”.

    2. Parteien garantieren noch am ehesten ein hohes Maß an Dezision, große Koaltionen sind in Deutschland bislang ebenso die Ausnahme, wie die (CDU-)Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat, so wie sie jetzt sind.
    (Man stelle sich mal vor, je unterschiedlich mitentscheidende Interessenverbände könnten im gleich hohen Maße entscheiden wie Parteien. Das würde manche Menschen freuen, nicht aber die Menschen)

    Auf dem Hintergrund der Kategorie Dezision ist dein Optieren für Mehrheitswahlrecht allerdings konsequent. Dadurch würden jedoch die Partizipationsmöglichkeiten der Menschen geringer. Will sagen: Die Politik der jeweiligen Regierung hätte eine klarere Richtung, es würden jedoch weniger Präferenzen bedient, genauer: es würde weniger der Versuch unternommen werden, möglichst viele Präferenzen (Interessen) unter einen Hut zu bringen.

    Zudem würden die kleineren Parteien nahezu bedeutungslos.

    —————————————————————–

    Zu bedenken ist ferner ein wichtiger Punkt: Vormals strukturell relativ markante Milieus haben sich seit den 60er Jahren nahezu aufgelöst.

    Weniger Bindung an Kirchen, Gewerkschaften oder auch an Parteien mit einem gleichsam natürlichen Milieu (-> Pluralisierung). Dies ist eine nicht zu unterschätzende Ursache dafür, dass die Menschen nicht mehr wissen, wo sie mit ihren Präferenzen ansetzen sollen.

    Will sagen: Es gibt nicht nur mehr Interessengruppen als noch in den 50ern, die Leut’ haben dementsprechend auch mehr unterschiedliche Präferenzen/Interessen (z.B. verrechtlichte Homosexualität, mehr Weltfrieden, Minimalstaat mit wenig Steuern, mehr Rechte für Väter, Islam, Umwelt, Kinderkrippen) als in den 50ern. Oder agieren sie zumindest aus.

    So bringt ein Mehr an Individualität mithin auch ein Mehr an politischer Frustration mit sich.

  5. 8.10.2006 | 17:20

    @Patentizität

    Die Mechanismen der Entscheidungsbildung waren in der Bundesrepublik für die Menschen schon immer undurchschaubar.

    Gut, reden wir meinetwegen über unterschiedliche Grade von Unüberschaubarkeit. Aber es hat sich Einiges geändert. Spätestens mit dem großen Wurf der ersten “Großen Koalition” ist die Finanzverfassung des deutschen Bundesstaates enorm verflochten worden. Vom Subsidiaritäts-Ansatz des ursprünglichen GG, wonach erst einmal die Länder zuständig sind und für die wenigen Ausnahmen dann der Bund, ist durch die “Anziehungskraft des größeren Haushalts”, natürlich wieder in Verbindung des Entstehens von politischen Unternehmern im Sinne Downs’, nicht mehr viel übrig geblieben. Als Höhepunkt dieses Schöpfungswerkes können die Mischfinanzierungen und der Finanzausgleich angesehen werden.

    Durch die EU ist noch eine Ebene dazu gekommen, die alles an Verschleierung und Verbürokratisierung toppt, was bisher da war.

    Die Menschen konnten noch nie ihre Präferenzen durchsetzen. Politik heißt Organisationen. Und nur politische Organisationen (Parteien, Interessenverbände) können Interessen - wenn man so will - durchsetzen.

    Natürlich. So war es gemeint: Welche Partei sollen sie wählen, um ihre Präferenzen zum Ausdruck zu bringen?

    Wenn du einerseits einen Mangel an Partizipationsmöglichkeiten für die Menschen beklagst

    Nein, das tue ich nicht. Ich würde behaupten, dass dies in dem Ausmaß, das nötig wäre, auch gar nicht gewünscht wird. Und die populistische Variante davon, in der Opportunitätskosten nicht vorkommen, braucht kein Mensch.

    Ich habe nichts gegen Parteien an sich. Wir müssen uns nur bewusst werden, dass sie dem formellen Staatsaufbau eine informelle neue Dimension hinzugefügt haben, die erstens so nicht vorgesehen war und zweitens zur dominierenden wurde. Die Grenzen von Gewaltenteilung und Föderalismus werden durch die politischen Unternehmen nicht nur überwunden, sondern als inter- und innerparteiliche Machtmittel neu interpretiert.

    Was das Mehrheitswahlrecht angeht: Witzig, man kann ein Reizwort ans Ende stellen und auch noch mit einem Vorbehalt versehen - es wird garantiert aus dieser bemitleidenswerten Ecke hervorgeholt und mit besonderer Zuvorkommenheit behandelt. Nicht nur von dir, auch von MomoRules…

    Es geht mir wirklich nicht um Dezionismus, sondern darum zu entflechten oder, um ein anderes Bild zu verwenden, in einem Haus, das mit den Jahren immer mehr Zimmer dazubekommen hat, mal ein paar Wände einzureißen, um aus einem Labyrinth einen übersichtlichen Grundriss zu machen.

    Danke für den Hinweis auf die sich auflösenden Milieus. In meinem widerständlerischem Überschwang würde ich das aber genau als Teil des Prozesses hin zu den Parteien als politische Unternehmer ansehen. Nicht mehr, was ich bin, bestimmt meine Wahl, sondern wer mir das meiste verspricht.

  6. 8.10.2006 | 17:24

    “si” zum komplizierten Fremdwort nachreich…

  7. 8.10.2006 | 18:23

    Auf die Barrikaden ……

    … oder zumindest auf die Straße, wenn ihr das auch für richtig haltet:…

  8. 8.10.2006 | 19:16

    “’si’ zum komplizierten Fremdwort nachreich…”

    Das macht es weniger kontrovers.

  9. Patentizität
    8.10.2006 | 22:08

    Gut, reden wir meinetwegen über unterschiedliche Grade von Unüberschaubarkeit.

    Gerne. Du redest hier aber mehr über die bundesdeutsche Finanzverfassung, die man deiner Ansicht nach einfacher gestalten könnte.

    Die Menschen haben sich aber, wenn sie sich den für Politik interessier(t)en, noch nie für die Finanzverfassung interessiert. Dies ist ein Spezialthema, mit dem sich selbst die wenigsten Volkswirte, Juristen und Politikwissenschaftler befasst haben bzw. befassen.

    Durch die EU ist noch eine Ebene dazu gekommen, die alles an Verschleierung und Verbürokratisierung toppt, was bisher da war.

    Das klingt mir jetzt populistisch.

    Nein, das tue ich nicht. Ich würde behaupten, dass dies in dem Ausmaß, das nötig wäre, auch gar nicht gewünscht wird. Und die populistische Variante davon, in der Opportunitätskosten nicht vorkommen, braucht kein Mensch.

    Sorry, dann habe ich dich hier falsch verstanden.

    Ich habe nichts gegen Parteien an sich. Wir müssen uns nur bewusst werden, dass sie dem formellen Staatsaufbau eine informelle neue Dimension hinzugefügt haben, die erstens so nicht vorgesehen war und zweitens zur dominierenden wurde.

    Könntest du das (informelle, neue Dimension, die so nicht vorgesehen war und dominiert) etwas genauer ausführen, ich verstehe (noch) nicht, was du meinst.

    Die Grenzen von Gewaltenteilung und Föderalismus werden durch die politischen Unternehmen nicht nur überwunden, sondern als inter- und innerparteiliche Machtmittel neu interpretiert.

    Auch das vesrtehe ich (noch) nicht.

    Was das Mehrheitswahlrecht angeht: Witzig, man kann ein Reizwort ans Ende stellen und auch noch mit einem Vorbehalt versehen - es wird garantiert aus dieser bemitleidenswerten Ecke hervorgeholt und mit besonderer Zuvorkommenheit behandelt. Nicht nur von dir, auch von MomoRules…

    1. MomoRules kenne ich nur vom Hörensagen.

    2. Ich habe prinzipiell nichts gegen Mehrheitswahlrecht oder eine Diskussion darüber. Es hat Vor- und Nachteile, die es eben abzuwägen gilt.

    Es geht mir wirklich nicht um Dezionismus, sondern darum zu entflechten oder, um ein anderes Bild zu verwenden, in einem Haus, das mit den Jahren immer mehr Zimmer dazubekommen hat, mal ein paar Wände einzureißen, um aus einem Labyrinth einen übersichtlichen Grundriss zu machen.

    Dezisionismus ist für mich kein automatisch negativ konnotierter Begriff; jedenfalls dann nicht, wenn es darum geht, politische Entscheidungsprozesse - bei denen dies möglich bzw. sinnvoll erscheint - zu vereinfachen oder, wie du sagst, zu entflechten.

    Danke für den Hinweis auf die sich auflösenden Milieus. In meinem widerständlerischem Überschwang würde ich das aber genau als Teil des Prozesses hin zu den Parteien als politische Unternehmer ansehen.

    Fehlen noch die Zivilgesellschaft bzw. Interessengruppen. Außerdem: Wie erklärst du dir den tendenziellen Fall der Prestigerate der (partei)politischen Klasse? Einfach nur damit, dass Politiker blöder geworden sind als früher?

    Nicht mehr, was ich bin, bestimmt meine Wahl, sondern wer mir das meiste verspricht.

    Ja, “Ich” ist, um es pointiert zu formulieren, ein selbständiger, wertkonservativer, geschiedener, wirtschaftsliberaler, muslimischer Homosexueller mit einem Faible für Ökologie und einer Abneigung gegen die EU, der einen Hortplatz für seine Kinder sucht. (Und sich definitiv nicht für Demokratietheorie oder Finanzverfassung interessiert.)

    Welche Partei soll “Ich” wählen?

    Mit welcher Partei kann “Ich” überhaupt halbwegs zufrieden sein?

    Mehr noch: Kann es irgendeine relevante Partei “Ich” überhaupt halbwegs recht machen?

  10. 8.10.2006 | 22:54

    Subsidiarität als Problemlösung anzubieten wird wohl eher zur Problemverschiebung. Es gibt ja kaum einen Begriff in der EU, der umstrittener ist und vielfältiger ausgelegt wird als die Subsidiarität. Sie bedeutet nämlich, dass eine Aufgabe auf der Ebene wahrgenommen wird, die sie wirksam erfüllen kann. Genau da wird aber auch der Streit losgehen, den wir im deutschen Föderalismus ja dauernd haben: wer ist denn nun wirksam? Der Nationalstaat? Die EU? Die Gemeinde? Das Bundesland? Und was heißt überhaupt wirksam? Geht es darum, wer es am besten kann? Wer kann Atomkraftwerke überwachen, Gammelfleischskandale verhindern, die Qualität von Flussgebieten sichern, Wirtschaftsförderung betreiben? Jedesmal wird die Antwort von einer Reihe weiterer Faktoren abhängen: von Qualitätsvorstellungen ebenso wie von der unterliegenden Staatstheorie des Entscheiders. Und wer wird entscheiden? Die Parteien bzw. ihre Klientel, also eine Vielzahl von Interessengruppen im deutschen Pluralismus. Eine Lösung ist das ganz bestimmt nicht. Eher bleibt alles beim alten.

  11. 9.10.2006 | 10:16

    @Patentizität:
    Ist diese Beschreibung des “Ich” nur ein besonders krasses Beispiel, oder gehörst du wirklich zu den extrem außergewöhnlichen Menschen, die jeden politischen Rahmen sprengen? :)
    Davon abgesehen, würde ich Dir die Union empfehlen. Da hast du immerhin überwiegende Zustimmung zu dem, was du aufgezählt hast.

  12. 9.10.2006 | 10:26

    @Patentizität

    Die komplizierten Details der bundesdeutschen Finanzverfassung haben normale Menschen sicher noch nie interessiert. Aber die Kontrolle über das Budget ist eine der wesentlichen Triebfedern für die moderne Demokratie. Eine Gemeinschaft wählt Abgeordnete, damit sie darüber in ihrem Sinn verfügen. Wenn das Budget aber auf eine nicht mehr nachvollziehbare Art und Weise zustande kommt und in seiner Höhe durch die wählende Gemeinschaft so gut wie kaum noch beeinflusst werden kann, wird dieses Kernelement der Demokratie ausgehöhlt. Wenn Politiker nur noch Leute sind, die man wählt, damit sie “oben” um mehr Geld betteln, verändert sich das Verhältnis von Politikern, Bürgern und Gemeinwesen.

    Es geht auch um Kompetenz. Das, wofür ein Länderregierung, ein Länderparlament noch tatsächlich selbst verantwortlich ist, ist eine Restmenge. Aber das, worauf “die Länder” Einfluss nehmen, ist enorm. “Die Länder” stehen aber nirgendwo zur Wahl. Verantwortung wird bis zur Kenntnis verkollektiviert.

    Kritik an ihr als populistisch abzutun, war bislang der einzige Argument der Befürworter der EU heutigen Zustands. Das wird nicht reichen. Ich gerate in die Gefahr, mich zu wiederholen, weil die Strukturen, die ich schon auf Bundesebene, sich hier wiederholen, diesmal nur der Verwischungseffekt größer ist und noch weitere Problematiken hinzukommen, insbesondere die Rolle von Regierungen als Gesetzgeber (die damit den Parlamenten, denen gegenüber sie eigentlich verantwortlich sind, gesetzliche Vorgaben machen können) und die weit größere Entfernung zwischen gesetzgeberischem und budgetärem Prozess und öffentlicher Kontrolle. Die EU ist eine Blackbox, in die auf der einen Seite Gelder hineinfließen und auf der anderen Gelder und Richtlinien herauskommen, und hat damit jede nur erdenkliche Art von Kritik verdient. Auch die angeblich populistische, die mir lieber ist eine bürokratische. Im Verlauf der Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht wegen des europäischen Haftbefehls ist dies in für das deutsche Parlament beschämender Weise hervorgetreten. Geändert hat sich daran noch nichts. Wie auch.

    Könntest du das (informelle, neue Dimension, die so nicht vorgesehen war und dominiert) etwas genauer ausführen, ich verstehe (noch) nicht, was du meinst.

    Na, ein bisschen Leseleistung müssen wir unseren kritischen Kommentatoren doch noch abverlangen dürfen ;-)

    Wenn du ein Musterbeispiel für die informelle Dimension haben willst, dann schau dir das Entscheidungsverfahren zur Gesundheitsreform an. In Koalitionsrunden, die nach parteipolitischen Machtzentren besetzt sind, werden, gefüttert von einem Ministerium wiederum als parteiorientiertes Instrument, Beschlüsse gefasst, die man gedenkt von den hehren, aber lästigen demokratischen Zwischenstationen wie Kabinett, Bundestag und Bundesrat abnicken zu lassen. Inzwischen machen Ministerpräsidenten, denen langweilig ist, weil das Überreichen von Schecks an Investoren doch nicht den Tag ausfüllt, und die ihr Amt nur als Schaulaufen für den Kanzlerjob betrachten, Bundespolitik.

    Ansonsten wäre das Übliche zu nennen: Besetzung öffentlicher Stellen nach Parteibuch bis in erschreckend unterrangige Ebenen hinein. Frag mal einen Bekannten, der z.B. Richter ist.

    Bei schimmert es durch, und Statler betont diesen Punkt in den Kommentaren bei MomoRules (den du nicht kennen musst, der aber hier einen Trackback zu einer Diskussion gesetzt hat, die ich gerne einbeziehe) besonders: Es geht auch um Vertrauensverlust durch nicht haltbare Überhöhungen. Eigentlich müsste jeder, der heute noch Kindern und Jugendlichen die demokratischen Institutionen entsprechend des überhöhten Bildes beschreibt, das wir alle kennen, vor Scham in den Boden versinken.

    Im Bundestag, der ja explizit als “Arbeitsparlament” gestaltet ist, werden die Gesetze von allein dem Gewissen verantwortlichen Abgeordneten beraten und verabschiedet - schon da müsste die Stimme versagen. Wir wollen in Wirklichkeit gar nicht immer wissen, wer die Gesetze macht…

    Auf diese Punkte bezieht sich auch die Neuinterpretation von Gewaltenteilung und Föderalismus. Die Macht der Ministerpräsidenten beruht nicht auf ihrer Verantwortung in ihren Ländern, sondern darin, dass sie aus Parteisicht erwiesen haben, dass sie Wahlen gewinnen können, dass sie über den Bundesrat Bundespolitik betreiben und dass sie medial präsent sind. Richter werden nach Parteibuch berufen, das Parlament ist voller Beamter. Zusammengehalten wird alles durch die allgegenwärtige Präsenz der politischen Unternehmen, vulgo Parteien, die statt Weltanschauungen zu vertreten ihre Daseinsberechtigung vor allem aus der Fähigkeit beziehen, Mitglieder und Freunde aus kaum mehr nachvollziehbaren (s.o.) Budgets bedienen zu können. Diese Fähigkeit ist nun stark eingeschränkt und beschränkt sich darauf, das Ende der Illusionen für die eigene Klientel möglichst schmerzlos zu gestalten - was wiederum nur zu gegenseitiger Blockade führt.

    Das heißt, die Parteien haben sich eine Kernkompetenz angemaßt, die sie nicht durchhalten konnten, und darüber ihre Glaubwürdigkeit komplett verloren. Das und die Blockade als praktische Folge dieser Existenzkrise droht, die von den Parteien durchdrungenen und zweckentfremdeten demokratischen Institutionen mit in den Abgrund zu reißen.

    Wie erklärst du dir den tendenziellen Fall der Prestigerate der (partei)politischen Klasse? Einfach nur damit, dass Politiker blöder geworden sind als früher?

    Nein, aber ihre Motivlage hat sich gewandelt. Man könnte auch sagen: normalisiert. Wiederum verweise ich auf Downs. Dass Politiker auch nur Nutzenmaximierer sind und Parteien eben politische Unternehmungen, muss nicht das Problem sein. Bei der Gelegenheit möchte ich auch auf einen schönen Beitrag von reformstaub in “La Deutsche Vita” hinweisen. Nicht nur in den traditionellen Medien, auch bei Bloggern wird Politik meist auf Pferderennen reduziert: Wer gewinnt, wer verliert? Auch die Gesundheitsreform an sich ist ja vor dem Hintergrund der soap-tauglichen Intrigen, Hahnenkämpfe und Befindlichkeiten der Beteiligten völlig in den Hintergrund getreten. Die Blogger haben sich ebenfalls nicht mit Ruhm bekleckert. Zufällig sind wir hier ja in der Zeit vor der letzten Bundestagswahl bloggerisch aktiv geworden. Was war da los, was haben die Leute sich da gefetzt - aber bei allzu vielen erschöpfte sich der Ehrgeiz darin, “ihre” Partei gewinnen zu sehen. Folglich sorgte die Große Koalition dafür, dass diese Art von “politischen Bloggern” plötzlich verstummte.

    Aber wie gesagt: Nennen wir es Normalisierung. Das Problem ist aber, dass die politischen Unternehmer jetzt, wo in einer reichlich komplexen und unsicheren Situation (gut, das war sie schon immer, aber jetzt ist sie das auch im öffentlichen Bewusstsein) ein klares, über die nächste Wahlperiode hinausreichendes Konzept und der Mut, es anzugehen, gefragt sind, gerade das nicht mehr in ihrem Angebot haben. Und dass, so sehr es uns (ok, mich nur teilweise) Aufgeklärte auch schmerzt, die Menschen dafür auch Führungspersönlichkeiten brauchen, die diesen Weg verkörpern, also echte Unternehmer, die Parteien aber nur über Politmanager verfügen, weil genau dieser Typ jahrzehntelang gefragt war. Kurz: Schönwetterpolitiker haben keine Kompetenz, Klimawandel zu erklären.

    Welche Partei soll “Ich” wählen?

    Differenzierung ist kein Hindernis für Fokussierung. Sollte ein solches Fabelwesen, wie du es hier skizziert, tatsächlich existieren, wird er sicher eine Rangfolge seiner Präferenzen aufstellen können. Es ist nicht der Punkt, ob eine Partei ihn in seiner Gesamtheit repräsentiert. Aber das, wofür er sie gewählt hat, das sollte sie schon wenigstens erkennbar anstreben.

  13. 9.10.2006 | 10:34

    @reformstaub

    Subsidiarität und EU in einem Atemzug zu nennen, ist ja fast ein Frevel.

    Aber ich sehe diesen Begriff auch weniger als eine Formel für eine politische Optimierung von höherer Warte, sondern eher mehr als Prozess. Es gibt keine denkbare Instanz außer der unteren Ebene, die entscheiden dürfte, was die untere Ebene nicht mehr regeln kann und soll. Die Existenz einer höheren Instanz, die das mitentscheidet, setzte die Lösung des Problems bereits voraus.

    Wieder ein Verweis in die Paralleldiskussion bei MomoRules. Dort sagt Statler etwas aus meiner Sicht sehr Richtiges, indem er vom “Fehler” redet, daß

    … man glaubt und hofft, die Kooperationsformen kleiner Gruppen (Freunde, Familie) auf ganze Gesellschaften übertragen zu können. Was man ganz sicher nicht kann.

    Meine Konsequenz aus dieser Erkenntnis wäre, dann wenigstens den kleinen Gruppen möglichst viele Kompetenzen zu lassen. Staatlich und vor allem auch vor-staatlich.

  14. 9.10.2006 | 11:07

    @Rayson:

    Da sind wir uns sogar mal einig ;-) … also jetzt nicht hinsichtlich des so schon wieder zu pauschalen, aber keineswegs falschen Statler-Statements, aber hinsichtlich Deiner differenzierenden Pointe in der Antwort auf Reformstaub. Und unk Du noch mal über das Rätesystem, genau darum geht’s da - das ist dessen Aufbau-Prinzip. Auch in der Beschreibung der Problematik aktueller Entscheidungsprozesse bis hin zur EU sind wir uns einig (ich jubel Dich jetzt einfach mal nieder ;-)).

    Das mit dem “vor Scham im Boden versinken” ist freilich wieder nur ein Symptom von “eurer” uneingestandenen permanenten ethischen Bewertung von allerlei. Was ja völlig in Ordnung ist, nur nicht, daß es nicht zugegeben wird. Wenn irgendwas in den Bereich moralischer Sprache, dann ja wohl “Scham” …

    Außerdem ist etwas, das auf de facto moralischen Grundlagen beruht, ja gar nicht moralisch “überhöhbar”, es sollte lediglich Moral nicht widersprechen. Rein funktional ist Demokratie unsinnig, siehe Schelsky und all die anderen.

    Kann es sein, daß Du manchmal das Heilige und das Moralische verwechselst?

  15. R.A.
    9.10.2006 | 11:23

    > 1. Bundes- und
    > Länderkompetenzen
    > müssen radikal
    > entflechtet werden.
    Das ist ein Kernpunkt.
    Und dazu kommt: Die Kommunen müssen wieder mehr Eigenständigkeit bekommen. Es kann nicht sein, daß fast alle ihre Aufgaben durch gesetzliche Vorgaben so detailliert geregelt werden, daß fast nichts mehr eigenständig entschieden werden kann.

    > 2. Und/oder: Die
    > Zahl der Länder
    > muss verkleinert
    > werden.
    Das ist ein Stammtisch-Mythos.
    Es gibt keinerlei Beleg, daß größere Länder in irgendeiner Weise leistungsfähiger oder besser bei der Problemlösung wären.
    Es gibt aber viele Belege dafür, daß man durch Fusionen die betreffenden Einheiten für Jahre handlungsunfähig machen kann.

    > 3. Notfalls,
    > wenn 1. und 2.
    > nichts fruchten:
    > Reform des
    > Wahlrechts (z.B.
    > Mehrheitswahl).
    Noch schlimmerer Stammtisch-Mythos.
    Erstens einmal ist nicht das Wahlrecht schuld, wenn die Wähler dumm entscheiden und auf Lügen reinfallen.
    Und zweitens würde es uns bestimmt nicht helfen, wenn per Mehrheitswahlrecht de facto nur noch die fast identisch staatsgläubigen Volksparteien zur Wahl stünden.
    Und drittens befördert ein Mehrheitswahlrecht weder stabile Mehrheiten noch die Entscheidungsfreudigkeit der Regierung.

  16. 9.10.2006 | 11:32

    “Das ist ein Kernpunkt.
    Und dazu kommt: Die Kommunen müssen wieder mehr Eigenständigkeit bekommen. Es kann nicht sein, daß fast alle ihre Aufgaben durch gesetzliche Vorgaben so detailliert geregelt werden, daß fast nichts mehr eigenständig entschieden werden kann.”

    Lustig. Hier, an diesem Punkt, zeichnet sich ein Konsens ab - cool!

  17. 9.10.2006 | 11:44

    @R.A.

    Jetzt werde ich doch mal leicht sauer. Da macht man eine Liste mit klarer Präferenzordnung auf, und so jemand wie du ignoriert die nicht nur, er wird auch noch unhöflich und verwechselt Beschimpfung mit Argumentation.

    So lange die Kompetenzen von Bund und Ländern eben nicht klar nach Subsidiarität geregelt sind und das auch nicht absehbar ist, so lange ist auch die Verringerung der Zahl der Länder (für die es meiner Ansicht nach im jetzigen System sowieso nur eine schwache Begründung gibt) ein wichtiger Reformschritt hin zu mehr Klarheit bei den Entscheidungsprozessen und weg vom die Menschen verarschenden Symbolismus und die Entscheidungsprozesse lahmlegender immer neuer Landtagswahlen.

    Und erst, wenn wir weder das eine noch das andere bekommen, ist mir ein Mehrheitswahlrecht willkommen, und zwar um die von Statler bei MomoRules genannte Kernfunktion der Demokratie zu bewahren: den geordneten Machtwechsel und politischen Wettbewerb.

    Dass ich damit bei FDP-Parteipolitikern nicht auf große Sympathien stoße, war allerdings vorauszusehen (dieses ad hominem gönne ich mir als Retourkutsche für den Stammtisch).

  18. 9.10.2006 | 11:56

    @MR

    Bevor ich endgültig von Jublern erdrückt werde, mal wieder etwas Kontra ;-):

    An ein Rätesystem hatte ich da ganz sicher nicht gedacht: Eher an viel Markt mit wenig Staat, der zudem subsidiär aufgebaut ist.

    Und was das Moralische angeht: Ich bin sehr für Moral. Aber nicht für eine, die man mir aufzwingen will. Deswegen wirst du solche Bewertungen bei mir nur in Bezug auf menschliches Handeln finden, nicht aber als Kriterium politischer Gestaltung.

  19. 9.10.2006 | 12:13

    @Rayson:

    Das ist ja dieser große, historische Irrtum von Nietzsche bis Foucault, daß Moral etwas Aufzuzwingendes sei - zwingen kann nur Recht. Von Moral kann man nur überzeugt werden, und man kann moralisch gehaltvolle Gefühle haben. Religionen verheddern sich hingegen im Heiligen und wollen ggf. konkrete Lebensformen aufzwingen, moderne Moral nicht. Was jetzt nix gegen das Heilige ist, das ist aber was anderes als Moral.

  20. R.A.
    9.10.2006 | 12:58

    @Rayson:
    > Jetzt werde ich doch
    > mal leicht sauer.
    Ups, das wollte ich nicht.
    Bitte um Entschuldigung, das mit dem “Stammtisch” sollte weder persönlich noch gar beleidigend gemeint sein.

    Was ich damit meinte: Diese beiden Thesen werden oft gebracht, fast nie belegt, aber alle nicken mal automatisch.

    Ich sehe überhaupt nicht, daß man mit weniger Ländern schneller oder besser zu Entscheidungen käme: Heute kann man durchaus mal ein Land ignorieren oder durch Bündnisse überstimmen.
    Das wäre fast unmöglich, wenn es nur noch eine Handvoll gäbe, die dann jedes eminent wichtig wären.

    Mal abgesehen davon, daß man eine Länderneugliederung deutlich schwieriger hinbekommen wird als eine Kompetenzverteilung, die Prioritätenliste kann ich daher nicht nachvollziehen.

    Dito beim Mehrheitswahlrecht.
    Mal von meinen persönlichen Wünschen abgesehen: Wieso sollte der politische Wettbewerb besser werden, wenn man ihn auf zwei Parteien beschränkt?
    Und haben wir ein Problem mit dem geordneten Machtwechsel, oder nicht doch eher damit, daß die Machthaber entscheidungsunfähig sind?

    Was konkret sollte denn das Mehrheitswahlrecht bei uns verbessern?

  21. 9.10.2006 | 14:09

    @ rayson

    Die Frage, wer entscheidet, wer entscheiden darf ist natürlich entscheidend. Und Du hast Recht, dass keine der Instanzen, weder oben noch unten, darüber (mit)entscheiden kann, weil dieses Entscheiden eine Beantwortung der Frage, wer denn entscheiden darf, bereits notwendig voraussetzt. Also gibt es zwei Möglichkeiten (wenn man den anarchistischen Entscheidungsverzicht mal außen vor lässt). Entweder die Entscheidung wird außerhalb des Systems getroffen, d.h. weder die unterste noch eine höhere Ebene legt fest, wer welche Aufgaben wahrnehmen darf. Oder irgendjemand beginnt mit einem unbegründbaren Glaubenssatz (so wie Dein “Es gibt keine denkbare Instanz außer der unteren Ebene, die entscheiden dürfte, was die untere Ebene nicht mehr regeln kann und soll”) und baut das System von da an auf.

    Eine Entscheidungshilfe von außen wäre idealerweise eine wissenschaflich-diskursive Analyse einzelner konkreter Staatsaufgaben mit der Frage, ob jede einzelne dieser Aufgaben vom Staat erledigt werden muss und wenn ja, welche Ebene sie am wirksamsten erledigen kann. Pauschale Regeln vom Typ “Immer die unterste” oder “immer die höchste” Ebene helfen da nicht weiter. Allerdings stehen die Chancen für so eine Reform des Föderalismus “von außen” ziemlich schlecht weil die Entscheidungsbefugnisse ja schon verteilt sind und weder Bund noch Länder und Gemeinden bereit sein dürften, auf ihre Entscheidungsrechte zu verzichten. Stattdessen hat in allen bisherigen Föderalismusreformen ein entscheidungsunfähiges System versucht, sich selbst zu reformieren - ein Münchhausen-Akt, der kaum gelingen kann.

    Die zweite Möglichkeit, mit einer pauschalen Regel zu beginnen, haben wir ja gehabt. Interessanterweise führt es zu einem ständigen hin-und-her von Kompetenzen - egal auf welcher Ebene die Entscheidungskompetenz ursprünglich vermutet wurde. Warum? Weil eine Regel wie Dein “Es gibt keine denkbare Instanz außer der unteren Ebene, die entscheiden dürfte…” ja geradezu nach Ausnahmen und Abweichungen schreit. Wenn die untere Ebene z.B. nicht in der Lage ist, effektiven Hochwasserschutz zu garantieren, wird sie die Aufgabe früher oder später weiterreichen. Immer mehr Aufgaben wandern im Mehrebenensystem nach oben (so lief es in der Bundesrepublik mindestens bis Ende der 1970er Jahre). Dann merkt die obere Ebene, dass sie bei einigen Aufgaben überfordert ist. Sie versucht sie abzugeben. Manchmal gelingt es, weil sich die Landkreise und Städte inzwischen professionalisiert haben oder weil sie es einfach nur mal wieder versuchen möchten. Manchmal gelingt es nicht, dann werden vielfältige politische Tauschgeschäfte in Gang gesetzt. Am Ende entsteht dann aus einer ursprünglich eleganten und einfachen Regel eine komplexe, ineffektive, intransparente und ineffiziente Politikverflechtung. Kurz: der föderale Aufbau wie wir ihn heute in Deutschland kennen.

    Natürlich siehst Du dieses Dilemma selbst. Aber Die Lösung, die Du eher beiläufig anbietest, nämlich die Staatsorganisation als nebensächlich und eher störend abzutun und die wirkliche Hoffnung auf private Organisationsformen zu projizieren, ist nicht viel mehr als romantische Realitätsflucht oder Resignation (oder beides). Ohne staatlichen Ordnungsrahmen funktioniert gar nichts, das kann ja kaum jemand bezweifeln. Aber in dem Moment wo es darum geht zu definieren, was zum staatlich garantierten Ordnungsrahmen dazugehört und was nicht, sind wir wieder mitten drin im Dilemma. Münchhausen muss sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Und spätestens dann sollte klar sein, dass ein bisschen wissenschaftlicher Rat dabei bestimmt nicht schaden würde.

  22. Patentizität
    10.10.2006 | 15:52

    Um nur einige wenige Punkte herauszugreifen:

    Wenn du ein Musterbeispiel für die informelle Dimension haben willst, dann schau dir das Entscheidungsverfahren zur Gesundheitsreform an. In Koalitionsrunden, die nach parteipolitischen Machtzentren besetzt sind,

    Wie sollten sie sonst besetzt sein. Durch Hinterbänkler? Durch Kreisdelegierte? Oder durch (wie auch immer) imperativ mandadierte Fachpolitiker?

    werden, gefüttert von einem Ministerium

    Von was sonst. Vom Außenministerium?

    wiederum als parteiorientiertes Instrument

    Die Bundesgesundheitsministerin ist SPD-Politikerin. Die gewählten Regierungsparteien entscheiden über die Aufteilung und Besetzung von Ministerien.

    Beschlüsse gefasst, die man gedenkt von den hehren, aber lästigen demokratischen Zwischenstationen wie Kabinett

    Wieso sollten sich der Bundesminister für Verteidigung oder der Innenminister in die Koalitionsrunden der Fachpolitiker einschalten?

    Bundestag und Bundesrat abnicken zu lassen.

    Es kann als unpraktikabel gelten, beide Regierungsfraktionen in voller Fraktionsstärke in die Koalitionsverhandlungen über die Gesundheitsreform einzubinden.

    Inzwischen machen Ministerpräsidenten, denen langweilig ist, weil das Überreichen von Schecks an Investoren doch nicht den Tag ausfüllt, und die ihr Amt nur als Schaulaufen für den Kanzlerjob betrachten, Bundespolitik.

    Du beschwerst dich einerseits über eine ominöse “informelle Ebene”, die u.a. den Bundesrat nur abnicken lässt, andererseits sind dir jedoch Ministerpräsidenten, die sich (zumindest auch aus Länderinteresse, sowas gibt es durchaus) in die Verhandlungen über die Gesundheitsreform einmischen, ein Dorn im Auge.

  23. 10.10.2006 | 17:04

    @Patentizität

    Ich bewundere dich: Du bist viel hartgesottener als ich. In mir steckt irgendwo noch dieses Ammenmärchen drin, dass die Entwürfe eines Ministeriums erst im Kabinett besprochen werden, das Kabinett dann irgendwann einen Gesetzentwurf einbringt und dieser dann zunächst im Fachausschuss (bei Bedarf mit Expertenanhörung - Übrigens: oh Wunder, es gibt ja einen Weg, den Bundestag zu befassen, auch ohne dass alle Fraktionen vollzählig antretn!), später im Plenum erst beraten und dann verabschiedet wird.

    Dann kommt der Bundesrat ins Spiel und schlägt die Stunde der Ministerpräsidenten. Notfalls im Vermittlungsausschuss.

    Sowas wird kleinen Kindern beigebracht und in offiziellen Broschüren verbreitet. Und irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass es auch mal so gedacht war.

  24. 10.10.2006 | 17:16

    @reformstaub

    Als Teilzeit- und Hobbyökonom ist man eher ziemlich desillusioniert, was die Wirksamkeit wissenschaftlichen Rats angeht. Da können 99% etwas Konkretes feststellen, aber man klammert sich an das restliche Prozentchen, weil einem dessen Ergebnis besser gefällt… Und bist du dir sicher, dass die Leute, wo du gerne den wissenschaftlichen Rat einholen würdest, wenigstens diese 99% schaffen?

    Wenn es denn so wäre, dass die unteren Ebenen Kompetenzen abgegeben haben, weil sie sich überfordert fühlten. Ich sehe das eher als politisches Geschäft: Knete gegen Reinquatschen, also eine Form der Bestechung, eben die berühmte “Anziehungskraft des größeren Haushalts”. Und warum sollte das heute jemand wirklich ändern wollen, schließlich ist der Deal perfekt für Ministerpräsidenten: Sie werden lästige zurechenbare Verantwortung los und können dafür reichlich unzurechenbar (manchmal im doppelten Wortsinn) beim Bund mitmischen, was ihren weiteren Karriereambitionen sehr förderlich ist.

    Ich glaube deswegen auch nicht, dass ein föderaler Aufbau so verworren sein muss. Gut, ein Großteil des Kuddelmuddels ist dem Oxymoron zu verdanken, ein Bundesstaat mit gleichen Lebensverhältnissen für alle sein zu wollen (steht so nicht im GG, wird aber so interpretiert). Klar, dass da Potemkinsche Dörfer übrig bleiben.

  25. 10.10.2006 | 17:28

    @R.A.

    Weniger Länder machen weniger Länderfinanzausgleich erforderlich. Es besteht die Chance, die Verantwortung von Ministerpräsidenten besser zu fassen.

    Heute kann man durchaus mal ein Land ignorieren oder durch Bündnisse überstimmen.

    Faktisch ist dennoch das Gegenteil der Fall. Jedenfalls, wenn mal keine Große Koalition regiert. Ich denke da z.B. an ein gewisses Kasperletheater, das erst einen Bundespräsidenten und zum Schluss auch das Bundesverfassungsgericht beschäftigte…

    Übrigens bestehe ich darauf, dass Priorität etwas mit Wichtig- und nicht mit Umsetzbarkeit zu tun hat…

    Was das Mehrheitswahlrecht angeht:

    Ja, wir haben ein Problem mit dem geordneten Machtwechsel. Faktisch regieren seit 1966 mit kurzen Unterbrechungen Große Koalitionen. Und absolute Mehrheiten wirken sich durchaus auf die Entscheidungsfreude von Regierungen aus, wie man in Deutschland auf Länderebene ab und an mal beobachten kann. Jedenfalls träume ich ab und zu mal von einer Regierung, die sich nicht vier Jahre an jeden Detailmist halten muss, den man damals auf den letzten Drücker in einen Koalitionsvertrag geschrieben hat, weil man erstmal schnell an die Macht wollte…

  26. R.A.
    10.10.2006 | 17:46

    @Rayson:
    > Weniger Länder
    > machen weniger
    > Länderfinanzausgleich
    > erforderlich.
    Den Länderfinanzausgleich sollte man unabhängig von der Zahl der Länder abschaffen.

    Die Kosten für mögliche Länderfusionen wären mit Sicherheit deutlich höher als eine ganze Reihe von Jahren Finanzausgleich.

    > Ich denke da z.B.
    > an ein gewisses
    > Kasperletheater,
    Und das wäre bei weniger Ländern nicht passiert?

    > Faktisch regieren
    > seit 1966 mit
    > kurzen
    > Unterbrechungen
    Das ist aber allein ein Problem der Kompetenzenverflechtung (die wir beide kritisieren), nicht des Bundestagswahlrechts.

    > Und absolute
    > Mehrheiten wirken
    > sich durchaus auf
    > die
    > Entscheidungsfreude
    > von Regierungen
    > aus, …
    Das kann so sein, muß aber nicht.
    Aber wichtiger: Ein Mehrheitswahlrecht ist KEINE Garantie für absolute Mehrheiten.
    Führt aber sehr wohl dazu, daß sehr häufig gegen die deutliche Mehrheit der Bevölkerung regiert wird …

    Beim Thema “Mehrheitswahlrecht” schaut man hierzulande gerne nach GB.
    Und vergißt, daß es dort viel mehr Parteien im Parlament gibt als bei uns, absolute Mehrheiten oft fehlten, eine theoretische Mehrheit in der Praxis oft nicht funktioniert (bestes Beispiel war Major) und das Land viele Jahrzehnte als Musterbeispiel für politische Sklerose galt.

    Richtig ist: Wenn dort eine Regierung durchgreifen will und die Fraktion spurt, dann geht es ungebremst zur Sache. Die Regierung dort ist eine “gewählte Diktatur” fast ohne Checks und Balances, ohne Bundesrat, ohne Verfassungsgericht, fast ohne Oppositionsrechte.

    Ich weiß nicht, ob wir das alles wollen, nur weil es unter Thatcher mal einige Jahre gute Arbeit ermöglicht hat.

    Übrigens hat auch Frankreich ein Mehrheitswahlrecht, das ist vielleicht das einzige Land der Umgebung, was NOCH schlechter regiert wird als Deutschland.

  27. 10.10.2006 | 19:18

    @R.A.

    Den Länderfinanzausgleich sollte man unabhängig von der Zahl der Länder abschaffen.

    Da verweise ich noch einmal auf meine Prioritäten. Die Verringerung wäre eine Ersatzmaßnahme.

    Ich behaupte nicht, dass nicht auch eine durch Mehrheitswahl der Abgeordneten zustande gekommene Regierung schlecht regieren kann. Wenigstens weiß der Wähler dann aber, wo er sich bedanken kann.

    Wenn sich der Trend durchsetzt, dass Fachpolitik außerhalb des Parlaments gestaltet wird, dann kann man übrigens auch auf den “Fachpolitiker” verzichten (der meist eh nur noch eine Art bestallter Lobbyist ist) und braucht solche Menschen nicht mehr auf Listen “abzusichern”. Dann fände ich es besser, den direkt gewählten Abgeordneten zu stärken.

  28. 10.10.2006 | 19:28

    @rayson

    was den wissenschaftlichen Rat angeht hast Du natürlich Recht. Was das Abgeben von Aufgaben angeht nicht ganz. Im Moment gibt der Bund doch massiv Gesetzgebungskompetenzen an die Länder ab. Der Vollzug ist ja sowieso schon immer Ländersache. Und die geben ihn jetzt den Kommunen. Die Kommunen nehmen den Vollzug auf sich, aber vor allem weil sie Geld dafür bekommen, mit dem sie ihre Zahlungsunfähigkeit ein bisschen hinauszögern können. Ob sie aber tatsächlich auch das leisten, wofür sie jetzt Geld bekommen, steht in den Sternen.

  29. 10.10.2006 | 22:48

    @reformstaub

    Sei nicht so bescheiden und verweise ruhig mal auf den lesenswerten Beitrag in deinem Blog.

  30. 12.10.2006 | 10:12

    Danke Rayson, aber welchen Beitrag meinst Du denn? (Jetzt müsste hier so ein freundlicher Smiley stehen, wo hat MR den bloß her?).

  31. 12.10.2006 | 10:45

    @reformstaub

    “lesenswerter Beitrag” ist verlinkt (das sieht man nur nicht so gut). Smilies kommen übrigens eigentlich automatisch, wenn man die üblichen Zeichen eintippt, also z.B. Semikolon oder Doppelpunkt, Minus, Klammer zu. Wie hier ;-)

  32. 12.10.2006 | 13:19

    ;-)

  33. 12.10.2006 | 15:30

    Huch! Wunder der Technik… Hast du vielleicht Javascript ausgeschaltet oder so?

  34. 12.10.2006 | 17:29

    Nee, aber da ist der Strich dazwischen:

    ;-)

    Das macht vermutlich den Unterschied zu den Smileys ohne Strich:

    ;)

  35. 12.10.2006 | 17:30

    Oder auch nicht… :(

  36. 12.10.2006 | 17:41

    Ich probier mal was… ;-) ;-)

  37. 12.10.2006 | 17:42

    Hm… Mit Kubuntu und dem Firefox geht es immer :-)

  38. Libertarian
    12.10.2006 | 22:29

    Demokratie am Ende? Wollmers hoffen!

  39. 13.10.2006 | 2:44

    Ich habe auch Firefox. Trotzdem haben die Smileys was gegen mich ;).

  40. 13.10.2006 | 2:45

    Oh, self-defeating prophecy! :D

  41. 13.10.2006 | 2:51

    OK, jetzt mal wieder was Ernstes. Es ist schon komisch, dass eine Diskussion über die Rettung der Demokratie nahtlos in eine Rettung der Smileys übergeht. Aber wenn die Smileys gerettet werden konnten, dann sollte das auch im Hinblick auf die Demokratie hoffnungsvoll stimmen.

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