HRW: Hisbollah feuerte Streubomben auf Wohngebiet

Der Vollständigkeit halber möchte ich darauf hinweisen, dass Human Rights Watch nach Israel nun auch der Hisbollah vorgeworfen hat, Streubomben in Wohngebieten eingesetzt zu haben:

Lebanon/Israel: Hezbollah Hit Israel with Cluster Munitions During Conflict

First Confirmed Use of Weapon Type

(Jerusalem, October 19, 2006) – Hezbollah fired cluster munitions into civilian areas in northern Israel during the recent conflict, Human Rights Watch reported today. This is the first time that Hezbollah’s use of these controversial weapons has been confirmed.

Hezbollah’s deployment of the Chinese-made Type-81 122mm rocket is also the first confirmed use of this particular model of cluster munition anywhere in the world. Human Rights Watch documented two Type-81 cluster strikes that took place on July 25 in the Galilee village of Mghar. 
 
“We are disturbed to discover that not only Israel but also Hezbollah used cluster munitions in their recent conflict, at a time when many countries are turning away from this kind of weapon precisely because of its impact on civilians,” said Steve Goose, director of Human Rights Watch’s Arms Division. “Use of cluster munitions is never justified in civilian-populated areas because they are inaccurate and unreliable.”

Die einzige deutsche Quelle, die ich bis jetzt gefunden habe, war diese Meldung bei tagesschau.de: Hisbollah feuerte Streubomben auf Wohngebiet.

Ich finde es unglaublich, dass Streubomben völkerrechtlich immer noch nicht geächtet worden sind, dass mit Italien und der Slowakei zwei EU-Mitgliedsstaaten zu den Hauptproduzenten von Streubomben gehören - und dass die Bundeswehr in ihrer jüngsten 8-Punkte-Position zu “Streu-Munition” vom 8. Juni 2006 den Einsatz immer noch rechtfertigt. Interessant ist, dass die Bundeswehr selbst praktisch nur auf die Nachteile von Streumunition eingeht; lediglich die einleitende Definition ist neutral formuliert:

Streumunition ist eine Munition, die Submunition mit Explosivstoff enthält, die mittels eines Trägers verbracht wird und die dazu bestimmt ist, ihre Wirkung in einem zuvor definierten Zielgebiet statistisch verteilt zu entfalten.

Ich kann mir selbstverständlich Fälle denken, in denen der Einsatz von Streubomben militärisch sinnvoll ist - allerdings keinen, in dem er, im Hinblick auf Opfer in der Zivilbevölkerung und im Hinblick auf die Nachhaltigkeit dieser Maßnahme, gerechtfertigt wäre.

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10 Kommentare zu “HRW: Hisbollah feuerte Streubomben auf Wohngebiet”

  1. Llarian
    20.10.2006 | 11:08

    Zum einen sind Bomben im Bereich von Zivilisten ohnehin nicht zu rechtfertigen, da kann ich wenig besonderes an Streubomben erkennen. Zum anderen, was bitte soll “Nachhaltigkeit” in diesem Zusammenhang aussagen ? Das Waffen Soldaten töten und verstümmeln sollen ist eine Ureigenschaft von Waffen.

  2. 20.10.2006 | 11:20

    @Llarian

    Zum einen sind Bomben im Bereich von Zivilisten ohnehin nicht zu rechtfertigen

    Dann ließe sich zukünftig prima Krieg nach Hisbollah-Manier führen - der Verteidiger wird immer der Schuldige sein.

    Mit Nachhaltigkeit mein Marian vermutlich, dass Streubomben noch tödlich wirken, wenn der Krieg längst vorbei ist. Durch nicht-explodierte Bombenteile, die später hochgehen.

  3. 20.10.2006 | 11:35

    Mein RSS-Reader fügt den Titel dieses Beitrags und die Namen der Kommentatoren übrigens auf recht interessante Weise zusammen. Da steht dann z.B.:

    HRW: Hisbollah feuerte Streubomben auf Wohngebiet von Llarian

    Oder eben von Boche, von Rayson… Die Verbrechen der Hisbollah nehmen mit jedem Kommentar zu….

  4. 20.10.2006 | 11:38

    Um vielleicht das eigentliche Einsatzszenario für Streubomben noch einmal in Erinnerung zu rufen:

    Solche Bomben dienen dazu, großflächige Ziele mit militärischer Bedeutung anzugreifen. Das kann z.B. ein feindlicher Flugplatz sein. Eine Streubombe über die Rollbahn, eine andere über die Taxiways und den Verfügungsraum - schon sind ein paar gegnerische Rotten ausgeschaltet.

    Andere Ziele wären z.B. Treibstofflager oder - mit entsprechender Submunition - die luftgestützte Verlegung von Minen (ja, Anti-Personen-Minen sind böse, aber es gibt auch andere).

    Streubomben über Wohngebieten abzuwerfen, ist militärisch eher fragwürdig und moralisch verwerflich. Da stimme ich also Marian zu. Ich denke aber, man darf eine Waffenart nicht danach beurteilen, wie sie sich auswirkt, wenn sie falsch eingesetzt wird - dann dürfte die Bundeswehr noch nicht einmal mit Steinen schmeißen, denn damit kann man ja auch kleinen Kindern die Augen aus dem Schädel werfen.

  5. Llarian
    20.10.2006 | 13:08

    Dann ließe sich zukünftig prima Krieg nach Hisbollah-Manier führen - der Verteidiger wird immer der Schuldige sein.

    Ist nicht so, dass das erst seit der Hisbollah so ist, diese Art von Kriegsführung ist im nahen Osten seit mehr als 30 Jahren Usus. Und es ist genau wie Du sagst, wer sich gegen Agressoren verteidigt, die sich widerum hinter Zivilisten verschanzen, ist immer der Blöde.

    Mit Nachhaltigkeit mein Marian vermutlich, dass Streubomben noch tödlich wirken, wenn der Krieg längst vorbei ist. Durch nicht-explodierte Bombenteile, die später hochgehen.

    Unter der Annahme dürfte man andere Bomben noch viel weniger einsetzen.
    Was ich aber grundsätzlich sagen wollte ist: Waffen sind dafür gebaut Menschen zu töten. Krieg ist grausam. Töten ist grausam. Es gibt keine humane Art der Kriegsführung, kein menschliches Morden und keinen schönen Tod im Krieg. Ob man durch eine Streubombe, eine Tretmine, eine Panzerfaust oder durch ein Bayonett stirbt ist jedesmal grausam, das eine ist nicht besser als das andere. Deshalb finde ich das Echauffieren über eine bestimmte Waffengattung immer etwas ….. schwierig.

  6. 20.10.2006 | 13:18

    @Llarian

    Selbstverständlich sind im Krieg angewandte Waffen immer grausam.
    Trotzdem kann man sich ja fragen, ob sich die langfristigen, über das Kriegsende hinausreichenden Folgen für die Zivilbevölkerung minimieren lassen.

  7. 20.10.2006 | 14:39

    Llarian,

    Boche hat Deine Frage schon beantwortet, und auch nach Deiner Erwiderung bleibt es für mich ein Unterschied, ob ein Gebiet mit Bombenkratern übersäht und die Infrastruktur zerstört ist - oder ob zusätzlich noch eine unbekannte Anzahl von Blindgängern dort herumliegen. Das Bundesverteidigungsministerium nennt als Grenze eine Blindgängerquote von 1%; das hört sich niedrig an, aber da bleiben immer noch genug potentielle Personenschäden übrig.

    Martin Eisenhardt,

    vielen Dank für die Erläuterungen. So ungefähr habe ich mir den Einsatz von Streumunition gedacht. Kannst Du Dir ein Szenario ausdenken, wo es für die Bundeswehr sinnvoll sein könnte, diese Munitionsart noch zu verwenden? Ich tue mich damit ziemlich schwer..

    Ich halte Streumunition nicht aus pazifistischen Gründen für verwerflich, sondern weil ich gerade Einsätze der Bundeswehr halt vor allem unter dem “nation building”-Aspekt sehe. Und “nation building” wird nun mal erschwert, wenn hin und wieder ein Sprengsatz explodiert, den der “nation builder” da vorher selber platziert hat. Und Minenräumung ist sehr zeitaufwändig und teuer und jedes Mal, wenn eine Mine hochgeht, kommen die Erinnerungen der Konfliktparteien an den Krieg wieder hoch.

    Aber vielleicht ist das Zeitalter des (versuchten) “nation building” ja auch schon wieder vorbei, wer weiß.

  8. 20.10.2006 | 15:05

    Hallo Marian,

    ich kann mir durchaus Szenarien vorstellen, in denen die Bundeswehr diese Art von Waffen einsetzen könnte - auch wenn mir diese Szenarien nicht wirklich gefallen. Ich gehe aber davon aus, dass die Bundeswehr in durchaus absehbarer Zeit nicht nur für friedenssichernde Maßnahmen eingesetzt wird, sondern vielleicht auch für friedensschaffende Einsätze. Wie wir momentan der Presse entnehmen können, scheint sich ja auch das KSK recht intensiv bei der Terroristenjagd in Afghanistan beteiligt zu haben; das war vermutlich nur ein erster Anfang.

    Meiner Meinung nach kann nur ein Romantiker davon ausgehen, dass die aktuellen Konflikte in der Welt die letzten ihrer Art sind. Wer kann schon ausschließen, dass es nicht doch zu einem der in Diskussionen zu diesem Thema mega-trendigen Kandidaten für die großen Konflikte der Zukunft kommt: zu einem Kampf Nord-Süd (z.B. um Wasser oder “Lebensraum”) oder zu einem Clash of Cultures, der mit militärischen Mitteln geführt wird?

    Ich will keineswegs pessimistisch erscheinen und mir die Zukunft nur als eine Zeit voller bewaffneter Konflikte vorstellen. Angesichts der doch recht geringen Reizschwelle z.B. in islamistischen Staaten halte ich einen richtigen Konflikt aber zumindest für möglich, wenn nicht sogar für wahrscheinlicher als eine friedliche Lösung.

    Zum Thema “nation building”: Das halte ich für ein ganz dummes (sorry!) und inhaltsleeres Buzzword. Nationen werden nicht von außen errichtet, sondern entstehen durch kulturelle, religiöse, gesellschaftliche und politische Kohärenz der Einwohner. Großbritannien etwa hat in Afrika und im Nahen und Mittleren Osten lange Zeit “nation building” betrieben. Am Beispiel des Iraks kann man zur Zeit sehr schön sehen, was mit solchen Staaten dann passieren kann (nicht muss): Sie brechen auseinander, wenn die vereinigende Klammer (ein Diktator, ein gemeinsamer Feind, …) wegfällt.

    Aus meiner Sicht gehört “nation building” nicht zu den Aufgaben der internationalen Gemeinschaft. Ich persönlich würde es lieber sehen, wenn sich UNO/NATO/EU in manchem Konflikt ein bisschen weniger als zahnlose Tiger zeigen, sondern sich etwas schneller auch zu einer physischen Reaktion durchringen könnten. Was haben etwa die drei Jahre dauernden Gespräche mit Achmachmirdendschihad gebracht? Viel Zeit für das iranische Nuklearprogramm.

    Comments welcome :-D

  9. 20.10.2006 | 15:28

    [...] schrieb Martin Eisenhardt in der Diskussion über Streubomben. [...]

  10. 1.11.2006 | 16:42

    Still Deadly: World War II Bombs, Modern Cluster Bombs, Landmines and Small Arms…

    "More than six decades after the end of World War II, Germans still routinely come across unexploded bombs lurking beneath farmer’s fields or city streets." writes Mark Landler in the International Herald Tribune (Hat Tip: Clarence): Lately,…

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