“nation building” zwischen Anspruch und Wirklichkeit

(…) Zum Thema “nation building”: Das halte ich für ein ganz dummes (sorry!) und inhaltsleeres Buzzword. Nationen werden nicht von außen errichtet, sondern entstehen durch kulturelle, religiöse, gesellschaftliche und politische Kohärenz der Einwohner. Großbritannien etwa hat in Afrika und im Nahen und Mittleren Osten lange Zeit “nation building” betrieben. Am Beispiel des Iraks kann man zur Zeit sehr schön sehen, was mit solchen Staaten dann passieren kann (nicht muss): Sie brechen auseinander, wenn die vereinigende Klammer (ein Diktator, ein gemeinsamer Feind, …) wegfällt.

Aus meiner Sicht gehört “nation building” nicht zu den Aufgaben der internationalen Gemeinschaft. (…)

schrieb Martin Eisenhardt in der Diskussion über Streubomben.

Aus dem Umstand, dass ich Bundeswehr und “nation building” immer zusammendenke, folgt noch nicht, dass ich “nation building” für sinnvoll, erstrebenswert und durchführbar halte. Dass dieser Begriff inhaltsleer ist, bestreite ich allerdings. Dahinter steht tatsächlich ein Konzept. Dieses geht davon aus, dass ein Staat von außen aufgebaut werden kann, um es mal sehr verkürzt zu sagen.

Ich halte es für sehr bezeichnend, dass es zu diesem Begriff Wikipedia-Einträge in genau vier Sprachen gibt: Englisch, Norwegisch, Esperanto und - Deutsch.

Ich habe in den letzten Monaten keine Diskussion erlebt, in der der Begriff nicht fiel und in der das damit verbundene Vorgehen zumindest von einigen nicht vehement verteidigt wurde. Demnach würde ich es nicht als inhaltsleeres Buzzword bezeichnen.

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2 Kommentare zu ““nation building” zwischen Anspruch und Wirklichkeit”

  1. Zodac
    20.10.2006 | 21:01

    Der Versuch des “nation building” ist unter Rücksichtnahme auf realpolitische Gegebenheiten jeder Diktatur vorzuziehen. oder von welchem Despoten kann man behaupten, daß er die kulturelle, religiöse, gesellschaftliche und politische Kohärenz der Einwohner berücksichtigt?

  2. Patentizität
    20.10.2006 | 22:15

    Demnach würde ich es nicht als inhaltsleeres Buzzword bezeichnen.

    Damit hast du vollkommen Recht. Nation building ist insofern ein Buzzword, als es häufig falsch, sprich für state building, verwendet wird. Zumal von eher ahnungslosen Journalisten. In der einschlägigen politikwissenschaftlichen (und auch soziologischen) Literatur unterscheidet man mittlerweile deutlich zwischen state building und nation building.

    Konkret: Das, was die Amerikaner im Nachkriegsdeutschland initiiert und eine Weile begleitet haben, war state building. Anders formuliert: der Aufbau von staatlichen Institutionen und Infrastruktur.

    Kein relevanter politischer Akteur oder kein Berater desselben, geht und ging und geht tatsächlich davon aus, dass etwa die Relevanz der Gegensätze zwischen Hazara und Paschtunen in absehbarer Zeit auf das Niveau der Gegensätze von Badener Protestanten und rheinischen Katholiken zurückgeht, also die gemeinen afghanischen Leut’ oder ihre Vertreter in der Loya Jirga sagen, dass sie von nun an ein einig Volk seien, welches sich nicht entlang ethnischer, sprachlicher oder aber auch konfessioneller Grenzen den Kopf einschlägt.*

    Zunächst: Eine zumindest annähernd moderne Staatlichkeit (Kennzeichen z.B. zentrale Verwaltung, allmähliche Abkehr von Lehens- bzw. Feudalstrukturen, Zurückdrängung des Einflusses der kath. Kirche, Etablierung bürgerlicher Funktionseliten, Schulwesen, stehende Heere) bzw. ein Begriff davon hat sich erst im Europa des 17. Jahrhundert herausgebildet.

    Die Nation, oder anders formuliert: der Beginn eines kollektiven politischen Bewusstseins darüber, trotz aller Unterschiede als Kölner maßgeblich etwas mit einem Bayern gemeinsam zu haben oder als Handwerker mit einem Fabrikbesitzer, ist noch mal gut hundert Jahre jünger. Regionale bzw. lokale, ständische und religiöse Zugehörigkeiten waren (noch) bestimmend, genauer: waren die primären kollektiven Identitätsressourcen.

    (Noch die Grenzziehungen des Wiener Kongresses 1815 richteten sich kaum nach ethnischen bzw. sprachlichen Grenzen innerhalb der Bevölkerungen. Damals ist noch kein politischer Entscheider auf die Idee gekommen, Landmannschaften oder Bauern, die seine Sprache sprechen, heim in sein Reich zu holen.)

    Nationen werden nicht von außen errichtet, sondern entstehen durch kulturelle, religiöse, gesellschaftliche und politische Kohärenz der Einwohner.

    Das ist, grob gesagt, richtig. Allerdings sind Nationen, weder die deutsche im 18. noch die indonesische im 20. Jahrhundert, nicht nur einfach passiv, organisch oder “natürlich” zusammengewachsene Produkte der sozialen Evolution, sondern fast immer auch im hohen Maße “gebuildet” worden.

    Großbritannien etwa hat in Afrika und im Nahen und Mittleren Osten lange Zeit “nation building” betrieben.

    Definitiv nicht. Wenn überhaupt, dann hat Großbritannien, indem es Institutionen oder insitutionelles knowhow hinterlassen hat, ansatzweise state building betrieben. Das Konzept der Nation haben die eingeborenen Ethnien bzw. die einheimischen Eliten von ihren Kolonialherren abgekupfert und mit mehr oder weniger großem Erfolg (und mit mehr oder weniger umfangreicher Gewalt) von der Theorie in die Praxis umgesetzt.

    Falls sich wirklich jemand dafür interessiert, Literaturhinweise für elaborierte Hobbypolitologen, auch gut als Bettlektüre geeignet:

    Ernest Gellner, Nationalismus. (Hier dreht es sich nicht um zeitgenössische Nationalisten, sondern um Nationswerdung in Europa.)

    Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation, engl. Imagined Communities (dito, besonders plastisch das Beispiel des postkolonialen Indonesiens unter Sukarno.)

    *Gut, das klingt etwas zu nüchtern, einige Berufszweckoptimisten in der Regierung Bush haben sehr wahrscheinlich doch geglaubt, die nationale Identität der Post-Saddam-Iraker würde ethnische bzw. religiöse Konflikte im Land nicht im nennenswerten Umfang aufbrechen lassen. (Jedenfalls hat man dergleichen in Afghanistan zumindest deutlicher gesehen, und setzte daher auf den Paschtunen Karzai, was leichter fiel, da die Paschtunen, anders als die irakischen Sunniten, die größte afghanische Volksgruppe ist - oder wenn man so will: Nation.)

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