Deutsch-polnische Irritationen

Ich mag Polen. Und ich mag vor allem die Polen. Das weiß ich, seit ich mal für ein Jahr in diesem Land gearbeitet und gewohnt habe.

Aber deswegen ist noch lange nicht alles richtig, was polnische Politiker so von sich geben. Der Unterschied zwischen sozialistischen und nationalistischen Etatisten besteht ja vor allem darin, dass die einen das Objekt ihrer Begierde vor allem im eigenen Land suchen, während die anderen am liebsten ausländisches Vermögen enteignen wollen. Wenn die Gier allzu groß wird, verwischen die Grenzen auch schon mal.

Der polnische Premierminister Kaczynski schlägt z.B. vor, sich am Geld der deutschen Steuerzahler zu bedienen, um die Vertriebenen abzufinden. Das jedenfalls steckt hinter der nebulösen Forderung nach einem “Abkommen zur Entschädigungsfrage”. Kein Wunder, dass Steinbach sich dafür erwärmen kann (die gute Nachricht: die Vertriebenenverbände wollen keine Revanche, die wollen nur Knete), Merkel aber nicht.

Vielleicht sollte man den beiden Entchen mal erzählen, dass es in Europa überhaupt nicht gut ankommt, wenn sich dort nationalistische Nettozahlungsempfänger auf Kosten ihrer eigenen Minderheiten und der Nettozahler profilieren wollen.

Manche polnische Funktionäre scheinen weiter den dreisten Weg gehen zu wollen. In der F.A.Z. fand sich vorgestern ein neckischer (nicht für alle zugänglicher) Beitrag, den man kurz wie folgt zusammenfassen kann:

Es gibt einige Probleme, die aber leicht zu lösen sind. Die Deutschen müssen eigentlich nur im Streit um Ostsee-Hoheitsgewässer nachgeben, polnische Organisationen in Deutschland finanziell unterstützen, Polnisch als zweite Fremdsprache an deutschen Schulen und das Fach Polonistik an deutschen Hochschulen einführen, und natürlich die Vertriebenen so lange mit Geld zuwerfen, bis sie Ruhe geben. Dann ist alles in Butter.

Probleme, die ignoriert werden, verwandeln sich in Konflikte und die Konflikte in politische Krisen. Leider wenden Polen und Deutsche seit fast einem Jahrzehnt diese Methode beharrlich an. Es ist an der Zeit, damit aufzuhören.

So schrieben ein polnischer Vorstandsvorsitzender der Stiftung für Deutsch-Polnische Aussöhnung und ein polnisches Vorstandsmitglied der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit. Schade, dass ihnen dazu aber konkret nur einfiel, womit man in Deutschland aufzuhören habe. Nett und wirklich im Sinne von Aussöhnung und Zusammenarbeit hätte ich es gefunden, wenn Polen und Deutsche beschreiben würden, womit sie selbst jeweils zur Verbesserung des offiziellen Verhältnisses (das inoffizielle blüht zum Leidwesen aller Scharfmacher) beitragen können.

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3 Kommentare zu “Deutsch-polnische Irritationen”

  1. 30.10.2006 | 23:10

    Die Enten Kaczynski-Zwillinge sind nicht mal das Schlimmste an der derzeitige polnischen Regierung - Bildungskatastropheminister Giertych gäbe eine prima Satire auf bigotte, dumme und rücksichtlose Politiker ab - leider ist es keine Satire: Giertych vs. Darwin

  2. R.A.
    31.10.2006 | 10:37

    Die Vertriebenen-Frage ist eine aufgebauschte Nebensächlichkeit.
    Und die Kaczynskis ein vorübergehendes Problem.

    Was ich dagegen für zentral und langfristig DAS Hauptproblem in den deutsch-polnischen Beziehungen halte, ist die historisch tief verwurzelte Geringschätzung und Abneigung der Deutschen gegenüber ihren polnischen Nachbarn.

    Die Ressentiments sind vielerorts noch ähnlich virulent wie zu Nazi-Zeiten, besonders im linken politischen Spektrum!

    Bezeichnend z. B. die Sache mit Schröders Erdgas-Pipeline.
    Das Argument, daß man damit vitale Interessen der Polen verletze, wurde gerade von Rot/Grünen ins Gegenteil verkehrt: Es wäre doch ein zusätzlicher Pluspunkt, wenn man damit die Polen ärgern könnte.
    Und das habe ich von Leuten gehört, die ansonsten jederzeit behaupten würden, sie wären über altbackenen Chauvinismus erhaben.

    Und diese Haltung ist m. E. bei einer deutlichen Mehrheit in Deutschland verbreitet, auch in den Medien, es fehlt jeder Respekt vor Polen.

  3. 31.10.2006 | 13:56

    Ja, es stimmt, die bösen “Vertriebenen” werden immer dann aus der Mottenkiste geholt, wenn es aus ganz anderen Gründen zwischen Deutschland und Polen krieselt. Auf polnischer Seiten als Schreckgespenst, auf deutscher als Sündenbock. Wobei mir die “Enkel der Vertrieben” (denn von den echten Vertriebenen dürfte schon als Altersgründen kaum noch einer aktiv sein) der “Preussischen Treuhand” und Konsorten kein bißchen leid tun.

    Es stimmt leider auch, dass die deutschen Ressentiments gegen Polen virulent sind - was sich m. E. weniger in dummen Vorurteilen und albernen Witzen äußert, als in protektionistischen politische Forderungen. Auf das politisch linke Spektrum sehe ich das nicht begrenzt, es ist eher blanker Populismus: es ist eben einfach einem Bauarbeiter, der Angst um seinen Job hat und eventuell Lohneinbußen hinnehmen mußte, einzureden, an seiner Misere sei die “unfaire Konkurrenz” durch “billige” polnischen Arbeiter “schuld”. Dass das Problem der “billigen” Arbeitskräfte dank Sozialabkommen und vor allem gestiegenem Lohniveau und Lebensstandard in Polen eigentlich schon ein Problem von gestern ist, und das auch Deutschland von der Freizügigkeit innerhalb der EU profitiert, wird ein wahlkämpfender Linkspopulist schwerlich thematisieren. (Ein wahlkämpfender Rechtspopulist würde zusätzlich an ein paar besonders dumme Pollackenklischees appelieren - deshalb haben es rechte Rattenfänger meistens leichter als Linke, die aus Imagegünden ein bißchen p.c.-Weichspüler hinzugeben. Wohl gemerkt: aus Imagegründen!)

    Am Respekt vor den Polen fehlt es in den deutschen Medien tatsächlich - im direkten Vergleich z. B. zu
    der Berichterstattung über Franzosen oder Italienern. Interessanterweise mit der Ausnahme öffentlich-rechtlicher Fernsehsender wie ARTE oder Produktionen der 3. Programme von NDR, MDR und RBB wie “Beiderseits der Oder”. Aber das ist nun mal “Minderheitenfernsehen”.

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