4. November 2006
Wahlmaschinen mit Macken
Stefanonlix beschrieb in seinem Beitrag: WahlmaschinenComputer den prizipiellen, aber gern verschleierten Unterschied zwischen einer Wahlmaschine - als spezialisiertes, nur für Wahlzwecke konstruierte, daher nur schwer manipulierbares, Gerät - und dem Wahlcomputer - ein universelles Gerät, dass frei programmiert weden kann, sogar aufs Schachspielen, und entsprechend offen für schwer nachweisbare Manipulatione ist.
Praktisch alle modernen “Wahlmaschinen” sind in Wirklichkeit Wahlcomputer. Aber es gibt ja auch Wahlmaschinen, die keine frei programmierbare Computer, sondern echte Einzweckmaschinen sind. Tatsächlich sind solche echten Wahlmaschinen weniger problematisch als Wahlcomputer. Ganz ohne Tücken für die Demokratie sind sie nicht.
Eine Demokratie, die bereits viel Erfahrung mit den unterschiedlichsten Wahlmaschinen hat, sind die USA. Es sind manchmal äußerst ernüchternde Erfahrungen.
Ein in den USA sehr häufig benutzter mechanischer Wahlmaschinentyp arbeitet mit speziellen Lochkarten. 1996 gaben immerhin 37,3 Prozent aller Wähler in den USA an solchen Maschinen ihre Stimmen ab, nach 2000 sank die Beliebtheit aber aus verständliche Gründen stark ab.
Die Wahlkarten sind im Prinzip so aufgebaut wie normale Wahlzettel. Neben den im Klartext ausgedruckten Namen der Kandidaten gibt es ein Feld, in dem der Wähler statt anzukreuzen mittels eines Kartenstanzers Löcher stanzt.
Bei den Präsidentsschaftwahlen 2000 führte dieses Verfahren aber in Florida zu Unstimmigkeiten, da die Namen der Kandidaten auf zwei nebeneinander liegenden Spalten verteilt waren. Gore und Liebermann kamen als zweite nach Bush und Cheney, aber auf dem Mittelstreifen, in den das Loch gestanzt werden musste, kamen sie erst als dritte nach Buchanan, der auf der rechten Spalte war.
Das Problem bei diesen unübersichtlichen Wahlkarten: weil manche Wähler nicht durchblickten, soll Buchanan versehentlich manche Stimmen für Gore/Liebermann erhalten haben. Außerdem bemerkten einige dieser “Falschwähler” ihren Fehler, stanzten noch einmal und produzierten so ungültige Wahlkarten.
Aber das war nicht das einzige Problem. Auch der scheinbar narrensichere und bewußt unkomplizierte Lochmechanismus kann zu Fehlern führen, wenn das Loch nicht sauber durchgestanzt ist und der Papierkreis noch am Blatt hängt. Daher ergibt eine nachträgliche Zählung per Hand oft andere Ergebnisse als die maschinelle Zählung zuvor. Immerhin: nachzählen “von Hand” ist jederzeit möglich!
Normalerweise fallen diese relativ wenigen Stanzfehler nicht sonderlich ins Gewicht. Anders allerdings beim äußerst knappem Ausgang der Wahl in Florida. Die Frage, ob George W. Bush 2000 wirklich durch die Wähler zum Präsidenten gewählt wurde, oder ob sein Wahlsieg nicht das Produkt eines unzulänglichen Wahlverfahrens und eine nicht ganz sauber erscheinende juristischen Nachspiels war, wird nicht nur von Bush-Gegnern gestellt.
Weitaus wenige Probleme gibt es bei den erstmals 1892 in New York eingesetzten mechanischen Hebelmaschinen (Mechanical Lever Machines).
Bei mechanischen Hebelwahlmaschinen ist der Name jedes Kandidaten einem Hebel in einer Reihe von Hebeln vor der Maschine zugeordnet. Der Wähler setzt die Maschine mit einem Hebel, die auch einen Vorhang vor der Wahlkabine schließt, in Betrieb. Der Wähler drückt bestimmte Hebel nieder, um seine Wahl anzugeben. Wenn der Wähler die Kabine verlässt, indem er mit einem Griff den Vorhang öffnet, gehen die niedergedrückten Hebel in der Maschine wieder automatisch Ausgangslage zurück. Beim Zurückkehren in die Ausgangslage verursacht jeder Hebel, dass ein damit verbundenes Rad in der Maschine eine nach dem Prinzip eines mechanischen Kilometerzählers funktionierendes Zählwerk um eine Stelle weiterrückt.
Solche Machinen sind schwer zu manipulieren. Das Problem ist aber, dass sie nicht mehr hergestellt werden. Und bei mechnischen Defekten, die sich bei den mittlerweile uralten Maschinen häufen, ist ein Nachzählen von Hand nicht möglich.
Auch in den USA gibt es einen durchaus sinnvolle Ansatz, wie computerbasierte Systeme der Stimmauszählung mit der Zettelwahl kombiniert werden können. Beim schon seit über 20 Jahren angewendete “Marksense”-System füllen die Wähler neben dem gewählten Kandidaten einen Kreis, ein Viereck oder einen unvollständigen Pfeil aus. Ein optischer Scanner liest die so gekennzeichneten Stimmen automatisch aus. Weiter enwickelte OCR-Verfahren machen es möglich, auch herkömmliche Kreuze auf Wahlzettel auf diese Weise auszuzählen, selbst bei undeutlichen Kreuzen.
Der Vorteil: ein Nachzählen von Hand ist möglich - und Manipulationen und Fehler der Software können durch Stichproben aufgedeckt werden.
Aber auch in den USA geht der Trend eindeutig weg von der Papierwahl und den mechanischen Wahlmaschinen zum Wahlcomputer, obwohl es schon einige schwerwiegende Unstimmigkeiten beim Einsatz solcher Systeme gab.
Hierzu auch ein älterer Artikel auf Heise telepolis: Das Problem mit den elektronischen Wahlsystemen und der amerikanischen Demokratie(2003)
Bisher haben 23 064 Bürger die Petition gegen Wahlcomputer unterschrieben.
Was wir bisher zu diesem Thema geschrieben haben:
MartinM über die Petition gegen Wahlcomputer (am 28. Oktober).
Stefanolix über die Begriffe Wahlcomputer und Wahlmaschine (am 29. Oktober) und das Wahl(computer)geheimnis (am 31. Oktober).
Dirk Meister über Wahlcomputer: Sicherheitsmerkmale und -Lücken (am 1. November).
Verfasst von MartinM um 17:51 Uhr in der Kategorie Gesundheitspolitik, Innenpolitik, Politik (Trackback)