6. November 2006
Der Nutzen von Wahlcomputern
Ich habe mich angesichts unserer Beiträge zum Thema Wahlcomputer lange gefragt, wo denn nun der große Nutzen liegen soll, der immer mehr Wahlausrichter dazu veranlasst, diese einzusetzen.
Schnellere Auswertung - ok, schön und gut, aber erstens steht heutzutage das Ergebnis meistens mit der ersten Prognose von 18 Uhr schon so weit fest, dass das amtliche Ergebnis ruhig auf sich warten lassen kann. Und zweitens ist das kein Wert an sich: Ob das Endergebnis selbst bei knappen Ausgängen ein paar Stunden früher oder später vorliegt, dürfte den meisten Bürgern weitgehend egal sein. Das Interesse der Medien an einer zeitnahen Berichterstattung und das der Politiker an schneller Gewissheit stufe ich mal als nicht relevant genug ein.
Als Ökonom bin ich es gewohnt, zuerst nicht nach der Frau, sondern nach dem finanziellen Interesse zu suchen. Da irritierte mich dann schon der Vorwurf, man werfe den Anbietern von Wahlcomputern viel Geld in den Rachen, nur der etwas schnelleren Ergebnisse wegen. Angesichts knapper öffentlicher Kassen und einem doch noch herrschenden Unwillen, Korruption zu dulden, die allzu offensichtlich daherkommt, konnte das nicht stimmen. Es ist also vielleicht keine schlechte Idee, sich mal auf den Seiten der Anbieter von Wahlcomputern umzuschauen, um dem Prinzip “audiatur et altera pars” gerecht zu werden.
Einschub: Tatsächlich - die reden von Wahlsystemen und Wahlgeräten, aber nicht von Wahlcomputern. Es wird aber schon auf der Startseite deutlich, dass es sich um eine Kombination von Hard- und Software handelt (und natürlich angesichts verschiedener, sich zudem noch hin und wieder ändernder Wahlverfahren auch handeln muss…)
Und siehe da: Das Hauptargument ist ein fiskalisches, am besten zusammengefasst in diesem Interview (PDF) und hier versucht, rechnerisch darzustellen. Wahlen kosten Geld. Stimmzettel müssen gedruckt und transportiert, Räume angemietet und Personal bereitgestellt werden. Zu den rein monetären Kosten kommen noch Opportunitätskosten: Wir können davon ausgehen, dass die Zeit eines Wahlhelfers mehr wert ist als die Aufwandsentschädigung, die er vielleicht bekommt, was sich angeblich auch in zunehmenden Schwierigkeiten zeigt, genügend Helfer zusammenzubekommen.
Es liegt auf der Hand, dass Automatisierung hier zu Einsparungen führt. Nehmen wir einfach mal an, die Zahlen des Vertreibers stimmten und Wahlcomputer führten zu Einsparungen von 60 bis 90 Cent pro Wahlberechtigtem. Und lassen wir ketzerische Bemerkungen wie die, dass in Zeiten sinkender Wahlbeteiligung solche Einsparungen zunehmend irrelevant werden (und dass Personaleinsparungen im Öffentlichen Dienst rechnerisch leicht zu ermitteln, faktisch aber nur mühsam durchzusetzen sind), mal außer acht. Müssten wir dann nicht aus Effizienzgründen für die Einsparung, die laut deutschem Vertreiber zu einer Amortisation in wenigen Jahren führt, votieren?
Das können wir nur, wenn wir sicher sind, auch die gleiche Leistung zu erhalten. Da wir die Grundprinzipien einer Wahl nicht zugunsten günstigerer Wahlvorgänge zur Disposition zu stellen bereit sind, zieht das Kostenargument so lange nicht, wie noch Zweifel daran bestehen, dass Wahlcomputer diese Voraussetzungen erfüllen.
Es hilft also nichts: Wir müssen uns der Problematik, wie verlässlich, wie manipulationssicher Wahlcomputer tatsächlich sind, stellen. Ich jedenfalls wäre nicht bereit, ein gegenüber herkömmlichen Papierwahlen größeres Risiko in Kauf zu nehmen. Schlimm genug, dass wir unseren Politikern die Macht geben, unser Leben in fast allen Aspekten mitzubestimmen. Da will ich diese Typen wenigstens nicht willkürlich ausgesucht sehen.
Was wir bisher zu diesem Thema geschrieben haben:
MartinM über die Petition gegen Wahlcomputer (am 28. Oktober) und Wahlmaschinen mit Macken (am 4. November).
Stefanolix über die Begriffe Wahlcomputer und Wahlmaschine (am 29. Oktober) und das Wahl(computer)geheimnis (am 31. Oktober).
Dirk Meister über Wahlcomputer: Sicherheitsmerkmale und -Lücken (am 1. November).
Verfasst von Rayson um 00:45 Uhr in der Kategorie Innenpolitik, Politik (Trackback)