INSM vergleicht Äpfel mit Birnen

Die “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” stellte kürzlich ihr “erstes wissenschaftliches Regionalranking” vor - INSM Regionalranking. In diesem Werk werden alle Regionen Deutschlands anhand bestimmter Kennzahlen miteinander verglichen.

Allerdings gibt es einige Zweifel an den Maßstäben, die in dieser Studie verwendet wurden: So wurde es für eine Region negativ bewertet, wenn es dort besonders viele im öffentlichen Dienst Beschäftigte gibt. Klar, ein sicherer Indikator für wuchernde Bürokratie, oder?
So sicher nicht, denn anscheinend hat die INSM nicht berücksichtigt, weshalb es in einer Region besonders viele staatlich Bedienstete gibt. Damit hat eine Region, in der z.B. die Hauptstadt eines Regierungsbezirkes liegt, zwangsläufig ein schlechteres Ranking als eine ansonsten gleich strukturierte Region, die dieses “Pech” nicht hat. (Wobei es für eine Stadt aller Erfahrung nach eher wirtschaftlich von Vorteil ist, Sitz einer Bezirksregierung zu sein. Und für Investoren dürfte das fast nie ein Nachteil sein.)

Besonders sauer auf die INSM-Studie ist man in Darmstadt, an sich als wirtschaftlich blühende Region im nicht gerade strukturschwachen Südhessen bekannt. Aber Darmstadt hat sehr viele Beschäftigte im öffentlichen Dienst: auf 100 Einwohner kommen 3,01 “öffentliche Dienstler”. Damit setzt die INSM Darmstadt in Hessen auf den letzten Platz.

Die Zahlen aus dem Jahr 2004 stammen demnach aus der Datenbank des Statistischen Bundesamtes – “und lassen keine näheren Aufschlüsse zu”, räumt Buchweitz ein.

So speise zwar die Stadtverwaltung die Zahl der “öffentlich Beschäftigten”, aber “wohl auch” das Regierungspräsidium, was eben nicht jede Stadt vorzuweisen hat. Doch über dessen Existenz ist man in Köln ohnehin nicht informiert. Unklar bleibt daher auch, ob zum Beispiel das in Darmstadt angesiedelte Landratsamt des Kreises zu dieser Statistik beiträgt.

Mehr in der online-Ausgabe des “Darmstedter Echo”: „Was genau drin ist, wissen wir nicht“. (Via: Eoraptor-Log.)

Interessant auch, das ein gemeinhin eher für eine wirtschaftlich prosperierende Region sprechendes Merkmal, nämlich überdurchschnittlich gute Einkommensverhältnisse (mit 34 054 Euro Bruttolohn pro Kopf und Jahr auf Rang 13 in Deutschland) negativ vermerkt wird. Da Darmstadt als INSM “Pluspunkt” einen besonders hohen Anteil gut qualifizierten Arbeitnehmer hat, ist es an sich kein Wunder, dass dort auch gut verdient wird. Allerdings nennt die INSM das etwas anders:

Deutlich über dem Bundesdurchschnitt lagen in Darmstadt im Jahr 2004 die Arbeitskosten.

Auch aus der Perspektive eines ansiedlungswilligen Unternehmers ist das eine sinnlose Aussage - was nützt ihm ein niedriges Lohnniveau in einer armlichen Gegend, aus der die meisten Hochqualifizierten abgewandert sind? Der Mangel an Fachleuten ist in vielen Branchen längst ein Problem.

Mir drängt sich der Eindruck auf, dass diese Studie weniger ein Instrument für die unternehmerische und kommunale Planung sein soll, als ein Instrument der Stimmungsmache. Zwischen den Zahlen steckt jede Menge Ideologie, die ich nicht “neoliberal” nenne, sondern “altkapitalistisch, nach Schlotbaron-Art”.

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16 Kommentare zu “INSM vergleicht Äpfel mit Birnen”

  1. 17.11.2006 | 18:00

    Und gerade dachte, ich dass ich noch einen Link dazu beitragen könnte. Aber Darmstadt ist ja schon dabei.

    Die INSM (mit ihrer unaussprechbaren Abkürzung) halte ich sowieso nicht für besonders seriös.

  2. Frank
    17.11.2006 | 21:02

    Sehr gut in diesen fragwürdigen Punkten argumentiert, MartinM.

  3. 17.11.2006 | 21:28

    Solche “Rankings” sind für die geschrieben, die keine konkreten Interessen haben. Das hier ist nicht “altkapitalistisch” (ein Begriff, der mir aus gewissen Gründen so unsympathisch gar nicht erscheint…), sondern schlimmer: irrelevant.

    Wer sich als Unternehmer auf solche Zusammenstellungen verlässt, dürfte noch ganz andere Probleme haben. Die Darmstädter ärgern sich jetzt, aber sie können sich damit trösten, dass diese Einstufung keine materiellen Folgen haben wird. Standortentscheidungen werden dann doch nach etwas detaillierteren und interessentenbezogeneren Daten gefällt…

  4. 17.11.2006 | 23:13

    Und, weil es so schön passt, sei hier noch einmal auf ein Zitat verwiesen, dass auch in Dirks Nachruf auf Friedman zu finden ist:

    “Ich bin nicht wirtschaftsfreundlich, ich bin für freie Marktwirtschaft, was etwas ganz anderes ist.”

  5. 17.11.2006 | 23:38

    Leider werden die Methoden und Werbeslogans der INSM dann gern mal allen vorgehalten, die sich Gedanken um eine Weiterentwicklung oder Umgestaltung der Marktwirtschaft in Deutschland machen. Es ist schade, wenn man sieht, wie eine eigentlich gute Idee den Bach runtergeht.

    Dresden ist übrigens Landeshauptstadt, Sitz mehrerer Landesämter und Sitz eines Regierungspräsidiums, also ballen sich natürlich hier besonders viele öffentlich Bedienstete. Die einzig seriöse Berechnungsart müsste doch in diesem Fall lauten: Teile die Bundesbediensteten auf alle Regionen Deutschlands und die Landesbediensteten auf alle Regionen ihres Bundeslandes auf. Nur die Bediensteten, die wirklich in den Kommunen der jeweiligen Region angestellt sind, dürfen beim Ranking eine Rolle spielen.

  6. R. A.
    18.11.2006 | 13:03

    Die ganze Methodenkritik ist völlig berechtigt.
    Aber es ist schon witzig, wie das mit dem “getroffene Hunde bellen” immer wieder funktioniert.

    Eigentlich könnte Darmstadt angesichts so klar falscher Zahlen einfach nur die Schultern zucken.
    Aber wenn da nun zwecks protestierender Nachfrage die Lokalzeitung vorgeschickt wird, um das alles in einem großen Leitartikel zu demontieren, dann hat das natürlich einen anderen Hintergrund: Auch ohne die RP-Beschäftigten hat die Stadt einen ungewöhnlich aufgeblähten Stellenkegel und kommt mit irgendwelchen Sparbemühungen seit Jahren nicht voran.

    Da trifft so eine Studie so richtig aufs Schlimme.
    Und wie nützlich, wenn man dann Fehler in der Studie nachweisen kann …

  7. R. A.
    18.11.2006 | 13:51

    Ach ja, und es geht noch weiter: Die hohe Verschuldung ist natürlich auch ein peinliches Thema für den Magistrat.
    Wie gut, wenn man schon mal einen Sündenbock für alle Zwecke identifiziert hat:


    Zur Verschuldung verteidigt die städtische Pressesprecherin Dreiseitel erneut: „Das hat methodisch den gleichen Ursprung wie bei den Beschäftigtenzahlen.“

    Möchte die Sprecherin hier etwa behaupten, regelmäßig würden die bösen Beamten des RP Schulden ominöser Herkunft bei der Stadt abliefern und damit den Schuldenstand in ansonsten unerklärliche Höhen schrauben?

  8. 19.11.2006 | 18:39

    @R.A.: M.E. kann die Studie grundsätzliche methodologische Fehler und ist daher nicht geeignet, sinnvolle Bewertung einer Stadt/eines Landkreises zu liefern. Inwiefern die Stadt Darmstadt in gewissen Teilbereichen Fehler machte/macht, kann daher aufgrund dieser Studie nicht erkannt werden. Das beweist indirekt deine Äußerung: “.Auch ohne die RP-Beschäftigten hat die Stadt einen ungewöhnlich aufgeblähten Stellenkegel”. Hier verwendest du Informationen, die man der Studie eben nicht entnehmen kann. Nebenbei bemerkt, würde mich die Quelle dieser Information interessieren.

  9. 20.11.2006 | 13:39

    Was die INSM macht kommt mir beliebig vor. Einmal kann man hohe Löhne als positiv bewerteten weil es dann Kaufkraft in der Region gibt. Oder als negativ, weil sie für Arbeitgeber die Kosten hochtreiben.

    Da die INSM von Arbeigeberverband Gesamtmetall finanziert wird sind für mich deren Studien genauso glaubwürdig wie die der Hans-Böckler-Stiftung.

  10. 20.11.2006 | 13:53

    Einmal kann man hohe Löhne als positiv bewerteten weil es dann Kaufkraft in der Region gibt.

    Wenn das Geld für diese hohen Löhne vom Himmel fiele statt von jemandem bezahlt werden zu müssen, würde dieser Gedanke etwas schlüssiger erscheinen.

  11. 20.11.2006 | 20:13

    @Boche: Ein VWLer meinte mal zu mir, dass die Volkswirtschaft wie ein Fass sein. Und wenn eine Daube zu kurz ist, dann bekommt man das Fass halt nicht bis oben hin voll.

    Der aktuelle Aufschwung wird doch durch die gestiegenen Binnennachfrage getragen? Was darauf hinweist, dass diese Daube jahrelang zu kurz war. Erstaunlicherweise ist das etwas was linke Wirtschaftswissenschaftler die ganze Zeit schon sagten.

    Die eigentlich notwendigen Binsen, die das alles sinnvoll relativieren spare ich mir.
    ;-)

  12. 20.11.2006 | 20:32

    @marcc

    Und wenn eine Daube zu kurz ist, dann bekommt man das Fass halt nicht bis oben hin voll.

    Man kann das Problem aber eigentlich logischerweise nicht lösen, indem man die Daube mit einem Stück verlängert, das man von einer anderen Daube des Fasses abgesägt hat. ;-)

    Der aktuelle Aufschwung wird doch durch die gestiegenen Binnennachfrage getragen?

    Und die ist durch welche aktuell zu beobachtenden Lohnerhöhungen entstanden?

  13. 20.11.2006 | 20:53

    Einmal kann man hohe Löhne als positiv bewerteten weil es dann Kaufkraft in der Region gibt. Oder als negativ, weil sie für Arbeitgeber die Kosten hochtreiben.

    Es ist der Denkfehler der Kaufkrafttheoretiker in der Vulgärversion, hohe Löhne mit hoher Kaufkraft gleichzusetzen. Es hängt nämlich schon noch ein wenig davon ab, wieviele Menschen auch von diesen hohen Löhnen profitieren und nicht etwa wegen ihnen arbeitslos wurden…

    Der aktuelle Aufschwung wird doch durch die gestiegenen Binnennachfrage getragen? Was darauf hinweist, dass diese Daube jahrelang zu kurz war. Erstaunlicherweise ist das etwas was linke Wirtschaftswissenschaftler die ganze Zeit schon sagten.

    Zunächst mal ist es kein Privileg “linker Wirtschaftswissenschaftler”, Binnennachfrage vemisst zu haben. Die Frage war immer nur, wie man es hinbekommt, dass diese wächst. Die einen wollten das über üppige Lohnerhöhungen und hohe staatliche Transfers, die anderen setzten auf steigende Investitionsnachfrage (die, btw, Teil der Binnennachfrage ist - das wird gerade von “linken Wirtschaftswissenschaftlern” gerne in einem Aufwasch verschwurbelt) der Unternehmen wegen günstigerer Rahmenbedingungen. Ich überlasse es dem geneigten Leser herauszufinden, was passiert ist…

  14. 20.11.2006 | 20:57

    @Boche

    Da haben wir uns überschnitten ;-)

  15. 20.11.2006 | 21:28

    @Boche: Man kann natürlich was oben absägen. Solange es maximal die Hälfte vom Delta ist, passt mehr rein.
    ;-)

  16. 20.11.2006 | 21:39

    @Rayson: Das Daubenmodell zeigt ja, dass es eben nicht an einer Sache alleine liegt.

    Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass es nicht an unserer Regierung liegt.

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