Projektionsirrtümer

Manche Diskussionen mit Linken leiden darunter, dass diese die Position von Liberalen mit der eigenen Projektion verwechseln. Damit meine ich nicht die quasi-pathologischen Fälle, die ihrem Gegenüber willkürlich Meinungen andichten (das ist auch kein linkes Privileg), sondern (virtuelle) Personen, die so sehr in ihrem eigenen Denkschema gefangen sind, dass sie nicht in der Lage sind, liberale Positionen wirklich zu verstehen.

Ein kleiner “Disclaimer” vorweg, um zu verhindern, dass dieser Beitrag im falschen Licht gesehen wird: Ich denke nicht an konkrete Gegenüber, sondern personalisiere beobachtetes Verhalten. Und da die Linke ähnlich wie der Islam selbst sehr viel Wert darauf legt, wann sie sich als solche konstituiert und wann nicht (was sie selbstverständlich nicht daran hindert, ihren Gegnern dasselbe Recht zuzusprechen, aber das ist eine andere Geschichte), muss noch betont werden, dass diese Typisierung nur auf einen Ausschnitt zutrifft und natürlich keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit hat.

Worum geht es also? Für Linke scheint sich individuelle Motivation und moralische Einstellung in einer Art doppeltem Kant niederzuschlagen, indem aus der Bedingung des kategorischen Imperativs eine Pflicht gemacht wird: Wenn du eine Handlung erkannt hast, die zur allgemeinen Maxime taugt, dann setze sie auch als solche durch, notfalls mit Zwang. Abweichendes, also unmoralisches Verhalten wird als Systemfehler betrachtet, dem durch neue Regelungen abzuhelfen ist. Am Ende steht das Ideal der perfekten Gesellschaft, in der die Menschen gar nicht mehr anders können, als sich moralisch korrekt zu verhalten, weil sie, sofern sie von sich aus lieber anders handeln würden, sofort von einem Regelungssystem auf das richtige Gleis gesetzt werden.

Liberale hingegen sehen selbst dann, wenn sie die moralischen Positionen der Linken teilen, keinen Grund, über ein Zwangssystem auch die Unwilligen dazu zu verpflichten, wenn, und das ist das für Liberale entscheidende Kriterium, die Freiheit des Einzelnen nicht die allgemeine Durchsetzung einer bestimmten Forderung notwendig macht, die sich womöglich auch moralisch begründen lässt. Diese Bedingung wird aber sehr restriktiv angewendet, so dass es sich hier immer nur um eine sehr übersichtliche Teilmenge einer umfassenden Moral handeln kann.

Ich will jetzt ausnahmsweise mal nicht darauf abheben, welche Sichtweise die für mich sympathischere ist (das ist eh klar…) und warum. Sondern mir geht es um die durch diese Differenz erleichterte Fehlwahrnehmung (oder - entsprechende Böswilligkeit vorausgesetzt - auch Denunzierung). Weil der Liberale nämlich davon absieht, seine eigenen moralischen Kriterien über ein staatliches System verpflichtend machen zu wollen, liegt für den Linken die Folgerung nahe, er lege auf diese gar keinen Wert, oder - einen Schritt weiter im Umkehrschluss - der Liberale sympathisiere gar grundsätzlich mit dem unmoralischen Verhalten.

Beispiel Diskriminierung: Sowohl der Linke als auch der Liberale empfinden keine Sympathie zu Menschen, die andere Menschen wegen Hautfarbe, Religion oder Geschlecht diskriminieren. Der Linke wird deswegen fordern, diskriminierendes Verhalten durch Zwang zu sanktionieren. Der Liberale wird dies wegen des damit verbundenen Eingriffs in die Freiheit des Einzelnen ablehnen. Selbst dann, wenn er, sobald er in seinem Umfeld Diskriminierung wahrnimmt, von allgemeinen Bürgerrechten Gebrauch macht, um dem Diskriminierer zu zeigen, dass er sein Verhalten für falsch hält. Man vergleiche hierzu die Diskussion beim A’Team. Noch einen Schritt weiter: Der Liberale wird darauf setzen, dass Diskriminierer im Wettbewerb um knappe Ressourcen benachteiligt sind, weil sie auf Optionen verzichten, die dem vernünftigen Menschen offenstehen. Er vertraut also auch darauf, dass eine freie Gesellschaft die richtigen Anreize setzt.

Ähnliches gilt z.B. für die Arbeitswelt: Linke halten Liberalen gerne vor, rücksichtslose Massenentlassungen folgten einer (neo)liberalen Logik bzw. in ihnen manifestierten sich (neo)liberale Wertvorstellungen, wonach der Einzelne z.B. nur nach seinem materiellen Nutzen beurteilt werde. Wenn wir mal die hier zu Tage tretende Komplexitätsverweigerung im moralischen Urteil außer Acht lassen (”ce qu’on voit”), beruht diese Einschätzung aber eben genau auf dem Projektionsfehler: Es zählen für den Linken nur die Werte, die man auch der Allgemeinheit aufzuzwingen bereit ist. Dass man als Liberaler unmoralisches Handeln individuell verurteilen, aber gleichzeitig dennoch für das Recht darauf eintreten kann, widerspricht linken Vorstellungen so sehr, dass diese Einstellung nur widerwillig bis gar nicht als überhaupt logisch zulässig wahrgenommen wird.

Nochmal, zur Klarstellung: Dieser Konflikt besteht auch dann, wenn die Moralvorstellungen ansonsten völlig deckungsgleich sind. Es geht mir nicht um die Kritik einer “linken” Moral - im Gegenteil, wahrscheinlich würde ich sogar gerne in einer Gesellschaft leben, in der sich alle Menschen freiwillig nach dieser richteten. Eine tolerante, offene, solidarische, warmherzige Gesellschaft ist ein wunderschönes Ziel, das anzustreben sich lohnt. Liberale bezweifeln man aber nicht nur, dass eine solche sich überhaupt von Menschen designen ließe, sie sind sich auch sicher, dass der Versuch, selbst die wunderschönsten Idealvorstellungen mit Zwangsmitteln verwirklichen zu wollen, unweigerlich in etwas endet, dass mit diesen nicht mehr viel zu tun haben kann und stattdessen auf das Gegenteil hinausläuft. Für viele Linke ist das dann gleichbedeutend mit der Ablehnung dieser Ziele.

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43 Kommentare zu “Projektionsirrtümer”

  1. der gute don
    21.11.2006 | 21:17

    sehr treffender Beitrag!

  2. 21.11.2006 | 21:22

    Ja, das trifft es auch aus meiner Sicht sehr gut!

  3. Libero
    21.11.2006 | 21:38

    @Rayson

    Es gibt das lehrreiche Blog “USA erklärt”. Das ist ein sehr guter Beitrag für die Rubrik “Liberal erklärt”.

  4. 21.11.2006 | 21:52

    Das hast Du schön geschrieben, Ray.
    Doch was bedeutet “linke Werte” heutzutage noch?
    Der Cult of the Klimakatastrophe hat ehemals linke Progressivität in einen fundamentalistischen Konservativismus verwandelt.

  5. 21.11.2006 | 21:53

    Sehr treffend.
    Diese Art von Mißverständnis (im Idealfall) und Vorwurf (in den meisten Fällen) erlebt man als Liberaler oft. Die Erklärung warum man ein bestimmtes (unmoralisches) Verhalten ablehnt, es aber trotzdem nicht (staatlich) sanktionieren möchte, übersteigt aber leider oft die Aufmerksamkeitsspanne des Gegenüber.

  6. 21.11.2006 | 23:09

    Es ist die Trennung von Staat und Gesellschaft.

  7. Parker8
    21.11.2006 | 23:11

    Liberale hingegen sehen selbst dann, wenn sie die moralischen Positionen der Linken teilen, keinen Grund, über ein Zwangssystem auch die Unwilligen dazu zu verpflichten, wenn, und das ist das für Liberale entscheidende Kriterium, die Freiheit des Einzelnen nicht die allgemeine Durchsetzung einer bestimmten Forderung notwendig macht, die sich womöglich auch moralisch begründen lässt.

    Diesen Maßstab legen andere politische Richtungen als liberale nicht an, meinen Sie? In dem Fall wäre die Menge der ‘Liberalen’ sehr groß.

    Diese Bedingung wird aber sehr restriktiv angewendet, so dass es sich hier immer nur um eine sehr übersichtliche Teilmenge einer umfassenden Moral handeln kann.

    Aha, es geht also darum, wie ‘restriktiv’ dieses Kriterium gehandhabt wird. Dann haben Sie natürlich keine kategoriale Unterscheidung mehr (zwischen ‘Liberalen’ und ‘Linken’), sondern eine graduelle.

  8. Steve
    21.11.2006 | 23:20

    Hallo zusammen,

    erstmal dankeschön, Rayson, dass du im Gegensatz zu den Kommentatoren nicht die offene Verachtung raushängen lässt.

    Es gibt, wenn ich dich richtig verstehe, einen Unterschied zwischen Handlungen, die nach liberaler Denkart verboten gehören (Mord, Entführung), solchen, die moralisch verwerflich, aber erlaubt sind (rum-Ackermann-en), und solchen, die moralisch neutral bis gut sind (Skilifte bauen). Die erste Kategorie bezeichnest du als sehr übersichtliche Teilmenge der zweiten, was bestimmte Linke nicht einsehen könnten. Die Gegenthese ist: Sie können das einsehen und fassen nur berechtigterweise die erste Menge erheblich größer als du. Die extrem kleine Auswahl an Verbrechen für die erste Kategorie wirkt dann natürlich verwerflich.

    Nehmen wir das Beispiel der Diskriminierung: Der Akt der Diskriminierung selbst ist ein Eingriff in die Freiheit des Einzelnen. Jetzt mal Wetttbewerbsgötzen und löbliche Ermahnungen beiseite und ein Beispiel: Vor sechs Monaten saß ich in London-Stanstedt fest, weil Ryanair mich ziemlich willkürlich über den Tisch ziehen wollte. Der gleiche Verein, der Behinderte massiv diskriminiert. Wenn Otto, der Behinderte, nun aber nicht zufällig Hunderte von Euros über hat, um einen anderen Reiseweg zu wählen: Wie soll er reisen? Überall dort, wo das Krebsgeschwür Ryanair die anderen Anbieter ausgestochen hat, gar nicht. Das halte ich für eine massive Einschränkung der Freiheit, und sortiere es deshalb in die übersichtliche Teilmenge der Moral, die du angesprochen hast.

    Die Freiheit des Einzelnen ist, allgemein gesprochen, sehr leicht verletzt. Insofern möchte ich darauf hinweisen, dass die von dir kritisierten Linken vielleicht nur empfindlicher auf Verletzungen der Freiheit reagieren. Also liberaler sind.

    Schönen Gruß, Steve

  9. 21.11.2006 | 23:21

    @Parker8

    Diesen Maßstab legen andere politische Richtungen als liberale nicht an, meinen Sie?

    Ja, meine ich. Natürlich kann man das Wort Freiheit bis hin zum Neusprech so vergewaltigen, dass jeder staatliche Eingriff zu dessen Verteidigung dient. Deswegen sei hier noch einmal für den (bewusst oder unbewusst) Unkundigen klargestellt, dass es nicht um das geht, was von ihren Verfechtern als “positive Freiheit” verstanden wird.

    Aha, es geht also darum, wie ‘restriktiv’ dieses Kriterium gehandhabt wird.

    Nein. Das wäre wieder ein Einschwenken auf den Fehlschluss. Es geht darum, dass der Liberale im Gegensatz zum Linken bewusst darauf verzichtet, grundsätzlich das zur allgemeinen Regel machen zu wollen, was ihm seine individuellen Moralbegriffe nahelegen (zumindest, soweit sie sich auf soziale und politische Felder erstrecken, aber für Linke fällt darunter ja fast alles).

  10. 21.11.2006 | 23:29

    Rayson,

    ich (als Nichtlinkernichtliberaler) finde, Du idealisierst Linke zu sehr. Und solange ich noch auf der Suche bin nach einem Linken, der zur Abwechslung mal Liberale grundsätzlich positiv zu sehen bereit ist, befindet sich diese Debatte im Ungleichgewicht. Das ist mir besonders deutlich geworden bei den linken Reaktionen auf den Tod von Milton Friedman.

    Aber bitte, ich will Euch nicht unterbrechen. Diskutiert ruhig weiter.

  11. 21.11.2006 | 23:29

    @Steve

    Dass manche Linke einen anderen Freiheitsbegriff haben, ist mir klar. Aber das verlagert den beschriebenen Konflikt nur in diesen Begriff hinein.

    Trennen wir das Ganze zur Vereinfachung eben in “positive” und “negative” Freiheit (so wenig ich mit dem Begriff der “positiven” Freiheit anfangen kann, aber zur Verdeutlichung erlaube ich mir es mal). Für Liberale ist die Verwirklichung der “negativen” Freiheit das entscheidende Kriterium. Das heißt aber wiederum nicht - und jetzt folge ich wieder meiner obigen Argumentation - ,dass sie nicht auch das als wünschenswert empfänden, was Linke zur “positiven” Freiheit zählen.

    P.S.: Ich kann bei den Kommentatoren keine “offene Verachtung” erkennen.

  12. 21.11.2006 | 23:36

    @Marian

    Für meine Argumentation wäre es auch hilfreich, von einer in deinem Sinne idealisierten Linken auszugehen, selbst wenn es (gerade bei Nozick gelesen) eine “tatsachenwidrige potenzielle Erklärung” wäre. Das Gesagte gälte dann um so mehr, je mehr man davon Abstriche machen will.

  13. 22.11.2006 | 0:04

    Sehr schön, Rayson!

    Wie Dirk bin ich der Meinung, dass es dabei um die Trennung von Staat und Gesellschaft geht. Was soll alles der Staat mit seinem Gewaltmonopol durchsetzen und was soll die Gesellschaft selber richten? Gibt es überhaupt eine Trennung? Wieviel Staat ist nötig und wieviel Freiheit möglich?

    Nach Antworten darauf forschen alle im Bundestag vertretenen Parteien, wobei halt die Gewichtung höchst unterschiedlich ausfallen kann.

  14. 22.11.2006 | 0:14

    @Dirk, Julius

    Ich frage mich allerdings, wozu ich für meine Argumentation den Begriff der “Gesellschaft” überhaupt brauche. Um mal ausnahmsweise indirekt Thatcher zu zitieren…

  15. T. Albert
    22.11.2006 | 1:06

    “(….)Wenn wir mal die hier zu Tage tretende Komplexitätsverweigerung im moralischen Urteil außer Acht lassen (”ce qu’on voit”), beruht diese Einschätzung aber eben genau auf dem Projektionsfehler: Es zählen für den Linken nur die Werte, die man auch der Allgemeinheit aufzuzwingen bereit ist. (sic!)
    Dass man als Liberaler unmoralisches Handeln individuell verurteilen, aber gleichzeitig dennoch für das Recht darauf eintreten kann, widerspricht linken Vorstellungen so sehr, dass diese Einstellung nur widerwillig bis gar nicht als überhaupt logisch zulässig wahrgenommen wird.(…)”

    - Das hast im ganzen Artikel am schönsten projiziert. Dein “Disclaimer” über “die Linken wie der Islam” ist aber am besten projiziert. Da Deine “Typisierung nur auf einen Ausschnitt zutrifft und natürlich (sic!) keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit hat”, wie das bei Typisierungen naturgemäss so zu sein scheint, bin ich als Linker natürlich dankbar für die Aufklärung: wer will schon sein, wie die, die Du für “den Linken” hältst, weil für ihn “nur die” Werte zählten, die “man” andern aufzuzwingen bereit sei. - Ich möchte mal was ernstes sagen: Ich kenne in meinem täglichen Leben Liberale. Was wäre daran auch so besonderes? Ich bin mit manchen befreundet. Ich kenne Liberale, die auch Katholiken, Juden, Reformierte, Muslime, Lutheraner sind. Ich kenne deutsche, schweizerische und italienische Liberale, mit denen ich mich hervorragend verstehe. Weil sie, wie ich Linker, Demokraten sind. Wir achten die Institutionen der parlamentarischen Demokratie. Wir halten die für lebensnotwendig in Europa. Das ist, wie ich immer dachte, unsere gemeinsame Grundlage, neben der Verwurzelung in der abendländischen Philosophie; das ist sehr kurz gesagt. Lese ich aber - schon wieder - sowas wie Deines hier, beschleicht m ich das Gefühl eines anderen belehrt werden zu sollen. Das hat mit den Liberalen, die keine sind, die früher dachten, sie seien links, meines täglichen Lebens wenig zu tun, und ich gehe davon aus, dass das mit einem Sprachgebrauch, zumindest dies, zu tun hat, wie ich ihn kannte von Leuten, die sich früher für “den Linken” hielten, und der sich heute genauso arrogant einbildet, seine Sprache, die man auch der Allgemeinheit aufzuzwingen bereit ist, sei eine andere. Mit stalinistischen Ex-K-Grüpplern und staatsdoktrinären früheren Zwangseinheits-Genossen wollten aber weder die Liberalen, noch die demokratischen Linken, die ich kenne, was zu tun haben. Mit Ralf Dahrendorf schon. Mit Marco Pannella schon.

  16. 22.11.2006 | 10:46

    @T. Albert:
    Vielleicht meint Rayson nicht die Linken, von denen Du sprichst. Wenn ich mal auf die Führungsfiguren der heutigen linken Parteien blicke, dann ist da so manch einer zu finden, bei dem sich Ralf Dahrendorf vielleicht sehr unwohl fühlen würde, und Marco Pannella auch.
    Seien es nun Ex-SED-Kader bei der PDS oder Ex-K-Grüppler in der Regierung oder der grünen Opposition.

  17. 22.11.2006 | 12:30

    Lieber Rayson, wenn deine Beschreibung zutrifft bzw. ich alles richtig verstanden habe (wäre auch nicht selbstverständlich), bin ich kein Linker. Mir geht es z.B. weniger um staatliche Reglementierungen als vielmehr um Regeln, die allerdings durchaus auch moralische Dimensionen einschließen. Vielleicht geht beides nicht zusammen. Deshalb schießen dann manche Linke über das Ziel hinaus und versuchen, über ihre Einflussmöglichkeiten Vorschriften oder Gesetze durchzusetzen auf die man besser verzichtet hätte.

  18. Llarian
    22.11.2006 | 14:14

    Ich denke Links ist etwas unglücklich als Gegensatz definiert. Kollektiv träge es eher, denn Rechte unterscheiden sich weniger durch ihre Methoden als rein durch die dahinter stehenden Ziele von Linken (und selbst da nur in Nuancen). Ich sehe den grossen Unterschied zwischen Liberal und Kollektiv (in diesem Fall einschliesslich “Linke”) vor allem darin, dass Liberale durchaus jedem Menschen eine Moral zugestehen (und sicher auch sich selbst), aber nicht den Anspruch erheben ihre Moralvorstellungen auf andere zu übertragen.
    Der Kernpunkt des Unterschiedes scheint mir zu sein, zu ertragen, dass jemand anders ist (und denkt und fühlt) als man selbst und daraus keine Wertigkeit ableiten zu wollen. Ich denke ebenso, man ist auf dem Holzweg, wenn man glaubt durch Anreize einer freien Gesellschaft werde irgendein Ideal, dass man ebenso pflegt, erreicht oder sollte erreicht werden, denn damit setze ich implizit meine Moralvorstellungen über die des anderen. Ob ich jetzt positive oder negative Anreize setze, um dies zu erreichen (als Staat wohlgemerkt) unterscheidet nur die Nuance, nicht das Prinzip. Die harte Forderung müsste aber eher lauten zu ertragen, dass der andere eine andere Moralvorstellung hat und eben auch die Möglichkeit besteht, dass diese Moral für IHN richtig ist. Was im Einzelfall schwer zu ertragen ist.

  19. 22.11.2006 | 14:45

    @apollon

    Was meinst du in diesem Zusammenhang mit “Regeln”?

  20. 22.11.2006 | 15:17

    [...] Hier könnten sich die “Linken” mal mit den “Liberalen” zusammentun und für die Demokratisierung des “Lieblingsfeindes” Europäische Union ein bisschen die Werbetrommel rühren. Mit aufgeklärten, undogmatischen Zeitgenossen - kompatible zivilgesellschaftliche Zielsetzungen vorausgesetzt - sollte dieser Schulterschluss doch gelingen, oder? Leinen, Cohn-Bendit und Koch-Mehrin machen es schließlich vor. [...]

  21. 22.11.2006 | 17:37

    @Rayson

    Du hast recht. Deine Argumentation vermeidet die Einführung eines unklaren Begriffes wie Gesellschaft, das macht die Sache klarer.

    Aber die politische Forderung der Liberalen, die dahinter steht ist die Trennung von Staat und Gesellschaft. (Gesellschaft als zwangloses Zusammensein). Eine sehr wichtige und auch in meinen Augen höchst aktuelle Forderung. Mittlerweile scheint es ja in der Tat so etwas wie Gesellschaft nicht zu geben. Sc haltet man den Fernseher ein oder schlägt die Zeitung auf wird man erschalgen von politischen Vorschlägen. Kaum eine Sache, die die Gesellschaft für sich, die Bürger unter sich, klären dürfen, stets mischt sich die Politik ein. Es scheint vielen Leuten geradezu widersinnig etwa die NPD für etwas schlechtes zu halten, ohne sie verbieten zu wollen.

  22. 22.11.2006 | 18:36

    @apollon, T.Albert

    Als Blogger ist man egozentrisch, deswegen reden wir aneinander vorbei: Mir ging es weniger darum, “den” typischen Linken umfassend zu charakterisieren (und schon gar nicht herabzusetzen), als vielmehr auf ein Missverständnis in der Kommunikation hinzuweisen, dessen Ursache ich in der Art und Weise des Denkens mancher Linker sehe.

    Also z.B. solches Gerede wie jenes, als (Neo)Liberaler halte man Eigennutz, Rücksichtslosigkeit und Geldgier für lobenswerte Dinge, nur weil man diese Einstellungen nicht mittels staatlichen Handelns vermeiden oder mildern will.

  23. 22.11.2006 | 21:54

    @Boche: Ich fürchte, dass du mit dem, was ich unter dem Begriff “Regeln” verstanden haben möchte, nicht viel anfangen kannst. Jedenfalls würde es mir gefallen, wenn ein Sinn für Gerechtigkeit (äh) das (unser) Zusammenleben bestimmen würde. Und dazu braucht es wahrscheinlich gewisse Regeln. Das wäre ein gesellschaftlicher Consensus, der aufgrund der tatsächlichen Entwicklungen aber vermutlich nicht erreichbar ist.

  24. 22.11.2006 | 22:43

    Und du bist dir sicher, apollon, dass der Begriff der “Gerechtigkeit” hinreichend objektivierbar wäre?

  25. 22.11.2006 | 22:47

    @apollon

    Der Knackpunkt ist doch, ob es informelle Regeln sind, die dir vorschweben - also Regeln, die befolgt werden, weil sie für richtig erachtet werden.
    Oder ob es Regeln sein sollen, die per Staatsgewalt durchzusetzen wären.

    Ich hoffe, es ist das Erstgenannte, weil ich den Begriff der “Gerechtigkeit” für so schwammig halte, dass ich ihn ungern durch die Staatsmacht missbraucht sähe. (Auch, wenn dies längst geschieht.)

  26. 22.11.2006 | 22:58

    Rayson, diese elenden Überschneidungen habe ich satt! ;-)

  27. 22.11.2006 | 23:14

    Wir sollten einen Schichtdienst erwägen ;-)

  28. 22.11.2006 | 23:40

    Das klingt unsozial.
    Wenn ich mal Spätschicht machen muss, wird sich apollon um die Erziehung meiner Kinder sorgen. ;-)

  29. 22.11.2006 | 23:45

    Frag ihn mal. Im Moment haben wir beide Spätschicht.

  30. 22.11.2006 | 23:54

    Nun ja, ich bin offenbar auch in der Spätschicht. Das (äh) hatte ich ja nicht ohne Grund angefügt. Ich kenne die “Bedenken” aus anderen Diskussionen. Der Begriff ist nicht hinreichend objektivierbar. Ich würde in diesem Sinne trotzdem auf Gesetze verzichten wollen.

    Aber Boche: Um die Erziehung deiner Kinder mache ich mir (noch) keine Sorgen. Die sind doch noch zu klein.

  31. 22.11.2006 | 23:55

    Geht nicht mehr. Ich habe Schichtschluss und muss dich im liberalen Bergwerk allein lassen. Glück auf!
    ;-)

  32. 22.11.2006 | 23:59

    Ah, wieder eine Überschneidung…
    Nun müssen wir den Schichtplan wohl mit apollon zusammen machen. Mit einem Sozi …! ;-)

    @apollon

    Erziehung fängt doch früh an! Es war ein hartes Stück Arbeit, aber ich habe es inzwischen geschafft, dass Töchterchen lacht, wenn ich von der Arbeit komme.
    Ich hoffe nur, nicht über mich… ;-)

  33. 23.11.2006 | 17:51

    Rayson,
    Kompliment für diesen scharfsinnigen Beitrag. Womit Du sympathisierst, ist “eh klar” ;-)
    Wir (Liberale) können ruhig auf die Linke, aber auch auf die Rechte zielen - denn auf “links” oder “rechts” kommt es nicht einmal an; wer überhaupt meint, seine je eigenen Wertvorstellungen hätten einen wie auch immer begründbaren Anspruch auf universale Durchsetzung, der vereitelt nicht nur seine Wertvorstellungen (allein das nehmen uns Linke schonmal qua Selbsterhaltung niemals ab), der vereitelt auch den Universalismus des einzig begründbaren “Wertes” - nämlich eben den Wert der Freiheit. Aber hier wiederum gelangen wir wieder in die binnenliberale Diskussion, auf die Du ja gar nicht aus warst ….

  34. T. Albert
    24.11.2006 | 0:03

    @Karsten: Ich erlaube mir, bezüglich meines Einwandes etwas richtig zu stellen. Ich habe von Eurer hiesigen Sprache “Liberaler”, z.B. in Bogs, gesprochen. Die hat ihren Grund in den Sprechenden. Wenn ich mal heutige liberale Figuren höre und lese, dann ist da so manch einer zu finden, bei dem sich Ralf Dahrendorf vielleicht sehr unwohl fühlen würde, und Marco Pannella auch.
    Seien es nun stalinistische Ex-K-Grüppler oder frühere staatsdoktrinäre Zwangseinheits-Genossen oder Antideutsche in ihren Zeitungen, Blogs oder der liberalen Opposition.
    Diese Leute haben sich immer für “den Linken” gehalten. Sie halten sich auch heute noch dafür: sie waren “der Linke”. Und um es in dieser Sprache zu sagen: Jetzt halten sie sich für “den Liberalen”. Das habe ich gemeint. Das habe ich auch geschrieben. Ich habe auch geschrieben, dass - offensichtlich im Gegensatz zu heutigen Liberalen - wir demokratischen Linken mit diesen Leuten, die mittlerweile eine sogenannte liberale Sprache prägen, nichts zu tun haben wollten. Diese Art der sich aufs dauernde Kennzeichnen und Denunzieren, auch von Einzelnen, verlegende Sprache kenne ich , mit anderen Substantiven und anderen angenommenen Subjekten und Objekten, schon von früher. Jetzt zieht sie sich durch die Blogs, gnadenlos, und hört sich egozentrisch und autoritär neben der Wirklichkeit selber zu.

    @Rayson:
    Selbstverständlich reden wir aneinander vorbei. Das liegt an Sätzen und Projektionen wie den oben meinerseits kritisch zitierten; Dein Egozentrismus als gewissermassen urwüchsige, natürliche “Diskursbremse” ist eine tolle Sache: wie kommt man aber auf diese Euere Meta-Ebene, auf der Ihr Euch als liberales Kollektiv zu befinden wähnt?

  35. 24.11.2006 | 0:23

    @T.Albert

    Jetzt geht mir dieses linke Selbstmitleid so langsam auf den Keks. Da wagt sich einer, der, weil er auch auf anderen Blogs kommentiert, gewohnt ist, von sich gegenseitig auf die Schulter klopfenden Linken mit Verdächtigungen, Anschuldigungen und Beschimpfungen aller Art konfrontiert zu werden, mal an eine vorsichtige Abgrenzung und Erklärung von Missverständnissen, und schon fühlt sich das linke Sensibelchen unangenehm berührt, wittert “Gnadenlosigkeit” und “Denunziation”.

    Von der üblichen Zwangskollektivierung ganz abgesehen.

    Aber Selbstgerechtigkeit ist ja auch eine sehr menschliche Eigenschaft, die ich niemandem individuell vorwerfen kann und will.

  36. 24.11.2006 | 10:47

    @Rayson:

    Ich habe Deinen Eintrag oben auch als Versuch, Fronten mal sachlich zu klären, gelesen, wenn ich der Problemdefinition so auch nicht zustimme, egal, gehört respektiert und anerkannt.

    Aber nun das Schulterklopfen und die Selbstgerechtigkeit gerade angesichts der Diskussion hier, nicht Deines Eintrages, nun mal wieder exklusiv der anderen Seite rüberzuschieben, ebenso die Verdächtigungen, Anschuldigungen und Beschimpfungen, das ist nun auch nicht zutreffend und genau daran krankt’s doch.

    Ich plädiere mal dafür, daß jede “Seite” einfach mal anfängt, die Kritik am jeweils anderen auf sich selbst anzuwenden, das ist das, was in der Regel fehlt. Als sei nicht eigentlich Reflektion das zwischen liberal und links verbindende Erbe der Aufklärung. Nein, das ist keine Zwangskollektivierung, sondern ein Vorschlag, die Aufklärung mal wieder ernst zu nehmen.

  37. 24.11.2006 | 19:05

    @MR

    Ich kann mich deinem Plädoyer voll und ganz anschließen, obwohl die Wahrnehmung differiert. Bemühen wir uns halt.

  38. T. Albert
    24.11.2006 | 20:57

    @Rayson: Schade. Du hast nicht gelesen, was ich geschrieben habe.

  39. 24.11.2006 | 21:03

    @T.Albert

    Oder du nicht geschrieben, was du gemeint hast.

  40. 25.11.2006 | 2:19

    @Rayson, T. Albert:

    *seufz*

    Ich habe nicht genug Dahrendorf gelesen, um jetzt einen schlauen Kompromiss anzubieten. Was aber Pannella angeht, kann ich euch sagen:

    Einigt euch. “Rayson” will sagen: Lasst euch nicht vom “Staat” und seinen Möglichkeiten begeistern, eure Meinungen durchzusetzen, so klasse sie auch sein mögen. “T. Albert” hingegen sagt: Verbündet euch nicht mit denen, die mit Freiheit nichts am Hut haben, sondern euch vor einen Karren spannen wollen, um jenseits des Staates irgend etwas durchzusetzen.

    Zugegeben, ich bin ja mehr bei Rayson. Aber wenn ich manches von den “Pro-Westlern”, insbesondere bei den WMD lese, dann kommt auch mir das Schaudern. Liberal ist nicht konservativ, Freiheit ist nicht die Freiheit der Eigentümer, Religionsfreiheit ist nicht Freiheit vom Islam.

    ABER: Islam ist nicht Freiheit, Enteignung ist nicht Freiheit, Zerstörung dessen, was war, ist nicht Befreiung.

    Und wenn ihr jetzt nicht übereinander nachdenkt, habe ich versagt… :)

  41. T. Albert
    25.11.2006 | 8:24

    Karsten:

    Nee, hast nicht versagt. So wird ein Schuh draus.

  42. 25.11.2006 | 19:26

    @Karsten

    Danke. Schön gesagt. Ich stimme dir (und auch T.Albert, da du ihn im Gegensatz zu mir offensichtlich richtig verstanden hast) ganz und gar zu.

  43. 26.11.2006 | 11:05

    Wow.

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