Über Steuerschlupflöcher

“Steuerschlupflöcher” sind ein willkommenes Phantom.

Willkommen, weil ihr Streichen als “Gegenfinanzierung” für Senkungen herangezogen werden kann. Ob Kirchhoff mit seiner Flat Tax oder die SPD bei der Unternehmensteuerreform: Alle Welt bedient sich der “Steuerschlupflöcher” als haushaltsschonendes Gegengift. Phantom, weil die “Steuerschlupflöcher” zwar von allen Seiten thematisiert, aber nie konkretisiert werden.

Gut, es gibt Zeitgenossen, die sich mit der herkömmlichen Art der Einkommensermittlung nicht anfreunden können, wonach ein zu versteuerndes Einkommen sich nicht direkt aus den Einnahmen eines Steuerpflichtigen ableitet, sondern erst nach dem Abzug von Betriebsausgaben oder Werbungskosten. Diese Freunde der Konfiskation würde ich dann vielleicht mal ein andermal zu einer grundsätzlichen Debatte einladen, aber ich gehe im Folgenden davon aus, dass die Art und Weise der Einkommensermittlung weitestgehend unstrittig ist.

Was sind also “Steuerschlupflöcher” konkret? Nun, da gibt es zwei sehr verschiedene Definitionen.

Die politische Definition: “Steuerschlupflöcher” sind Handlungen von Steuerpflichtigen, die dazu führen, dass das von der Regierung beabsichtigte Steueraufkommen nicht erreicht wird.

Diese Definition hat einen großen Vorteil und viele Nachteile. Der Vorteil ist, dass sie dem herrschenden Sprachgebrauch am nähesten kommen dürfte. Die Nachteile bestehen in all dem, was nötig wäre, um “Schlupflöcher” gemäß dieser Definition zu verhindern. Ein Honecker täte es da nicht, dazu bräuchte man schon Experten vom Range eines Stalin oder Hitler. Es sei denn natürlich, man rechnete damit, dass irgendwann eine Zielsteuer Programm werden könnte. Aber dazu müssten die Politiker erstmal wissen, was das ist.

Die steuersystematische Definition: “Steuerschlupflöcher” sind Durchbrechungen des geltenden Prinzips zur Einkommensermittlung, die dazu führen, dass ein Steuerpflichtiger seine Steuerschuld zusätzlich mindern kann.

Vorteil: Diese Definition dürfte dem entsprechen, was ein Finanzwissenschaftler darunter versteht. Nachteil: Die Vermeidung von “Schlupflöchern” nach diesem Kriterium nähme der Politik eine Vielzahl von Spielzeugen, auch Subventionen genannt, aus der Hand. Wobei der Subventionsbegriff auch wiederum politisch eine andere Bedeutung hat: Eine Subvention, die sich als Ausfluss der “sozialen Gerechtigkeit” verkaufen lässt, ist keine Subvention, sondern irgendwas Anderes, auf jeden Fall Gutes und Unantastbares. Unternehmenssubventionen sind hingegen per se schlecht und von Übel, was ihr Fortbestehen als ein täglich neu entstehendes Wunder erscheinen lässt.

Man wird mir hoffentlich verzeihen, wenn ich die politische Definition fortan mit Verachtung strafe: Man muss den Kakao, durch den man gezogen wird, wirklich nicht auch noch trinken. Steuersystematische “Schlupflöcher” kennen wir allerdings, handele es sich um Sonderregelungen für Gewinne aus der Beteiligung an Schiffen oder um beschleunigte Abschreibungen für Wohnungsbau in den “neuen Bundesländern”.

Ein kleiner Exkurs; Wer profitiert eigentlich von den “Steuerschlupflöchern”? Die Gutverdiener, die so ihre Steuerschuld mindern? Sekunde - wie war das nochmal mit Preisbildung, Angebot und Nachfrage? Sollte uns nicht das plötzliche, wahrlich an Heuschrecken erinnernde Auftreten von “Beratern” aus allen Richtungen, die alle nur die Verringerung unserer Steuerlast im Sinn haben, misstrauisch stimmen? Natürlich. WIr können davon ausgehen, dass ein Gutteil der Steuerersparnis in die Taschen der Anbieter von Steuersparmodellen wandert. Ich würde gar behaupten: So gut wie alles davon. Der Schrecken, dass steuerliche Verluste ziemlich sicher auch irgendwann zu realen werden, dürfte in vielen Arzt- und Rechtsanwaltsfamilien mindestens schon ein Mal erlebt worden sein.

Aber zurück zum Problem von Vater Staat: Egal, wer davon profitiert, der Fiskus erleidet die Einbußen. Mit der Abschaffung von Subventionen rennt man bei Liberalen also offene Türen ein - die Steuerpflicht sollte so wenig wie möglich von staatlich definierten Sondertatbeständen abhängig sein.

Nur - als neugieriger Mensch, der ich nun einmal bin, interessieren mich die “Steuerschlupflöcher”, die bevorzugt anklagend erwähnt, aber selten konkret behandelt werden, im Detail. Und da ich von Steuern auch etwas Ahnung habe, darf man mir hier gerne auch mit Fachchinesisch kommen. Deswegen eine Bitte an alle mitlesenden Blogger: Wenn ihr von “Steuerschlupflöchern” redet, bitte benennt sie auch. Eine Quantifizierung wäre, wenn ihr das Thema schon erwähnt, auch nicht schlecht. Aber wenigstens die Art und Weise würde ich schon gerne wissen. Damit ich mir erklären kann, warum ich Idiot nicht selbst drauf gekommen bin.

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7 Kommentare zu “Über Steuerschlupflöcher”

  1. R. A.
    29.11.2006 | 10:11

    In der Tat - das mit den “Steuerschlupflöchern” ist ein Phänomen.

    In der Tat bestehen sie in der Regel aus politisch motivierten Sonderabschreibungen für wirtschaftlich unsinnige Projekte. Mit anderen Worten: Man liefert zwar nicht mehr die Hälfte des Einkommens beim Finanzamt ab, verliert aber statt dessen fast die komplette Investitionssumme.

    Als ich vor Jahren meinen Steuerberater nach diesen geheimnisvollen Tricks fragte, riet er mir von allen diesen Sachen ab.
    Ausnahme vielleicht die Abschreibungen auf normale Mietwohnungen, wenn man den dazugehörigen Ärger und das Risiko in Kauf nehmen will.

    Und Ausnahme natürlich Angebote wie die der Berliner Bankgesellschaft (oder der Darmstädter Wohnbaugesellschaft), bei der die wirtschaftlichen Verluste durch merkwürdige Garantien zu Lasten der öffentlichen Hand kompensiert werden …

    Ansonsten meinen viele Leute mit “Steuerschlupflöcher” auch die internen Verrechnungsmöglichkeiten von Unternehmen.
    Durch geschickte Wahl von Verrechnungspreisen, insbesondere mit ausländischen Töchtern, ist da wohl in der Tat etwas Gestaltung möglich. Das wird man aber nur durch konkurrenzfähige Unternehmenssteuern in den Griff kriegen können.

  2. 29.11.2006 | 10:47

    Nach Ausmaß und Art der Steuerschlupflöcher sollte man die Anhänger von Kirchhofs Flat Tax fragen. Schließlich wurde der niedrige Steuersatz damit begründet, dass der heutige effektive Steuersatz ohnehin erheblich unter dem Spitzensteuersatz liege - eben wegen dieser Steuerschlupflöcher.

    Also Kirchhof-Fans: bitte vortreten :-)

  3. 29.11.2006 | 11:19

    @R.A.

    Ich habe mit meinem Grundsatz, nichts zu machen, was sich nur wegen eines Steuervorteils rechnet, schon so manchen “Anlageberater” (=Verkäufer) genervt. Aber so ist mir wenigstens auch die Eigentumswohnung in Leipzig erspart geblieben ;-)

    Verrechnungspreise sind wirklich ein sehr geeignetes Mittel zur Steuergestaltung, aber den “Schlupfloch”-Charakter haben sie ja nicht systematisch, sondern vor allem wegen der Quasi-Unmöglichkeit, sie zu objektivieren.

    @Klaus

    Danke, dass du die eine Alternative im dritten Satz meines Beitrags noch einmal paraphrasiert hast. Aber meine Bitte und Einladung gilt trotzdem für alle, nicht nur für Kirchhof-Fans.

  4. 29.11.2006 | 11:53

    @ Rayson
    Verdammtes Querlesen ;-) Schreib einfach kürzere Artikel.
    Allerdings wüssten wir noch nicht über die konkreten Auswirkungen selbst wenn wir die ominöse Streichliste einsehen könnten. Da müssten schon die Finanzämter die Zahlen rausrücken, aber soo genau will es sicher niemand wissen :-)

  5. Llarian
    29.11.2006 | 14:16

    Das ging früher wohl mal so:
    Der Arbeiter Hans Dampf verdient im Jahr 20.000 Euro, davon bezahlt er 2000 Euro Steuern (ist natürlich Quark, es geht ums Prinzip). Jetzt wird er entlassen und bekommt eine Abfindung von 50.000 Euro. Diese wird nach der sogenannten 1/5 Rege versteuert. 20% des Zusatzgewinns werden auf das Einkommen aufgeschlagen und die Steuerdifferenz verfünffacht. Warum das so ist würde hier zu weit führen. Jedenfalls bedeutet dies: 20.000 Euro (normales Einkommen)+ 10.000 Euro (1/5 von 50.000) sind 30.000 Euro. Darauf würde Hans 6.000 Euro Steuern bezahlen (progressives Steuerrecht). Die Differenz von 4.000 Euro wird jetzt verfünffacht und der ursprünglichen Steuer zugeschlagen, also zahlt er insgesamt: 2.000 Euro (ursp. Steuer) + 20.000 Euro (für die Abfindung), also 22.000.
    Das selbe passiert passiert Lisa Listig. Die kauft aber im selben Jahr Anteile an einem bescheuerten Windpark für 30.000 Euro. Durch das Abschreibungssteuerrecht von 2005 kann sie davon 20.000 als Verlust
    direkt abschreiben (das ist moderat, es gab mal Abschreibungsgeschäfte mit 100% und mehr). Also hat sie ein Einkommen von 0 Euro regulär. Jetzt kommt die Abfindung. 1/5 sind auch hier 10.000 Euro. 10.000 Euro im Jahr sind steuerfrei. 5 mal null bleibt null. Also zahlt sie gar keine Steuer in diesem Jahr. Sie hat für quasi 8000 Euro von ihrem Geld eine Beteiligung im Wert von 30.000 Euro erworben. Es ist eine besch. Investition, aber sie hat nichtmal 1/3 vom Wert gekostet. Gezahlt hats der Fiskus.
    Wer übrigens schon gierig schaut, genau dieses “Loch” ist inzwischen gestopft, das war die erste Amtshandlung der neuen Regierung Ende 2005, noch vor Bildung der offiziellen Regierung.
    Es gibt aber ganz ähnliche Modelle, sie basieren in der Regel auf dem Schieben von Steuern, weniger im Vermeiden. Aber selbst das sind SATTE Gewinne. Für obiges Beispiel gibts übrigens dank der aktuellen
    Mutantentruppe ein viel besseres Loch. Man zahlt keine Abfindung, sondern diskriminiert den zu Entlassendem (in stillem Einverständnis). Dieser “klagt” und man einigt sich auf eine Schmerzensgeld von 50.000 Euro. Für das Unternehmen ist es das selbe, Schmerzensgelder sind steuerfrei. Na hallamarsch, willkommen in der Republik der sozialen Gerechtigkeit !
    Nachsatz: Alles geschrieben ist natürlich rein hypothetisch. Das illegale Vermeiden von Steuern durch fingierte Diskriminierung ist eine schwere Straftat und dazu soll auf keinen Fall aufgefordert werden. Ebenso soll das hier keine Beratung sein, sondern rein das Darstellen hypothetischer Finanzgeschäfte.

  6. Hardy
    29.11.2006 | 17:23

    @Llarian
    “Das illegale Vermeiden von Steuern durch fingierte Diskriminierung ist eine schwere Straftat”
    Dazu fällt mir nur folgender Satz aus alten Zeiten ein: legal, illegal, scheißegal.
    Übrigens können Dir Finanzbeamte, sofern Du dort einige Freunde hast und Selbstständig bist noch bessere Tricks verraten.

  7. der_gute_don
    29.11.2006 | 21:05

    Kirchhoff spricht eigentlich weniger von Steuerschlupflöchern als von Abschaffung der Sonderregelungen. Die hat er in einer Liste klar benannt und spricht sich für deren Abschaffung aus. GLEICHZEITIG wünscht er das Modell der progressiven Besteuerung durch eins mit Grenzsteuersatz zu ersetzen. Wenige überschaubare FReibeträge und Sozialausgleichszahlungen machen das allerdings auch wieder progressiv. Der Charme des Kirchhofschen Steuermodells liegt also in der Einfachheit und einem höheren Maß an Gerechtigkeit als bisher. Die höhere Gerechtigkeit begründet sich in diesem Fall darin, daß Kapitalmangel nicht mehr pönnalisiert wird.

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