Verallgemeinert

Wir motzen hier ja gerne über Politiker. Oft monieren wir deren gekünstelte Sprache, die versucht, soviel Substanz wie nötig hinter sovielen Wortwolken wie möglich zu verbergen. Aber erziehen wir sie nicht auch dazu?

Kurt Beck, als dessen Anhänger mich wohl niemand bezeichnen wird, handelte sich heute diese Schlagzeile ein: » Kurt Becks Ratschlag für Arbeitslose «

Zitat aus der FTD:

Nach einem Bericht des “Wiesbadener Tagblatt” riet er bei einem lokalen Wahlkampftermin am Dienstagabend einem Arbeitslosen: “Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job.” Der Mann hatte zuvor lautstark auf seine Situation aufmerksam gemacht. “S’Lebbe iss doch wie’s iss”, habe der SPD-Vorsitzende den dabei stehenden Genossen seine forsche Reaktion erklärt.

Der 37 Jahre alte Arbeitslose war laut Zeitung keineswegs beleidigt und versprach, sich zu waschen und zu rasieren. Dafür müsse Beck ihm aber einen Termin in der Mainzer Staatskanzlei verschaffen.

Was will uns die FTD mit der Überschrift sagen? Doch wohl, dass Beck das als allgemeinen Ratschlag verstanden haben will. Und zwischen den Zeilen wohl auch, dass er das als hinreichende Bedingung für alle Arbeitslose ansieht. Nun, man muss Beck nicht alles Gute dieser Welt wünschen (was ich allerdings gerne tue), um zu merken, dass hier was falsch läuft. Meine Vermutung ist, dass der Mensch, der den Pfälzer da ansprach, auch so ausgesehen hat, dass Beck zunächst ein aufs Äußerliche gerichteter Ratschlag einfiel. So, wie wir davon ausgehen können, dass der Betreffende nicht repräsentativ für alle Arbeitslosen steht, so können wir das auch mit Becks Bemerkung tun.

Das Private und Heimelnde, das der Szene tatsächlich und hiermit auch Beck treffend charakterisierend inne wohnte, lässt sich übrigens aus der Originalmeldung des Wiesbadener Tagblatts entnehmen. Da steht dann auch, dass Beck den Termin zusagte.

Um es klar zu sagen: Ich halte von diesem Politikstil, den ich an anderer Stelle mal als eines Landrats angemessen genannt habe, überhaupt nichts. Aber ihn für verfälschende plakative Aussagen zu benutzen, das ist unterste Journaille.

Nachtrag:

SPON macht natürlich mit. Verlag und Selbstbild passen. An der Sache ändert sich nicht viel, außer dass ein Foto meine Vermutung bestätigt.

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4 Kommentare zu “Verallgemeinert”

  1. 13.12.2006 | 22:31

    Herr Beck wird mir noch richtig sympathisch (und vielleicht war das ja seine Absicht (-:). Für alle Arbeitslose ist sein Vorschlag sicher nicht das Patentrezept, das Foto des Arbeitslosen auf Spon aber verrät: Einen Versuch wäre es wert.

    Der Ratschlag passt auch gut zum allgemeinen Prinzip “Frage nicht, was der Staat für Dich tun kann, sondern überlege was Du tun kannst”. Derartige Eigeninitiative ist mittlerweile so in Vergessenheit geraten, dass man einen persönlichen Rat eines Politikers sofort zum allgemeinen Gesetz macht. “Himmel was sollen wir tun? Politiker sagt es uns.”

  2. 14.12.2006 | 0:43

    Erstens: Wer weiß schon, wie dieser spezielle Arbeitslose zu Vorstellungsgesprächen erscheint… okay, wenn er jemand ist, der sich auf solche Diskussionen mit Kurt Beck stürzt, dann hat er vermutlich keine, aber aufgrund eines Fotos können wir ja nun trotzdem nicht urteilen.

    Zweitens: Auch wenn Kurt Beck richtig geantwortet hat, sein Problem ist, dass er Sozialdemokrat ist. Und er kennt die Medien. Da macht man solche Sprüche einfach nicht. Wenn man Profi ist.

    Aber Beck ist so ein Profi nicht. Vielleicht ist das auch gut so.

  3. R.A.
    14.12.2006 | 10:41

    Selbst wenn der Betreffende ungewaschen (was Beck auf Distanz wohl kaum beurteilen konnte) und unrasiert (wo Beck ja ein leuchtendes Vorbild ist) gewesen sein sollte: Es ist eben nicht so, daß Waschen und Rasieren alleine reichen, um einen Arbeitsplatz zu finden.

    Selbst wenn Beck ihm jetzt also, um der öffentlichen Kritik zu entgehen, per Genossenfilz oder Umgehung des öffentlichen Dienstrechts einen Job verschaffen sollte: Die Aussage war Stammtisch-Unsinn der untersten Kategorie und eine krasse Beleidigung für alle qualifizierten Arbeitslosen, die verzweifelt einen Job suchen.

    Politiker wie Beck halten an diesen realitätsfremden Vorurteilen fest, weil sie sonst eingestehen müßten, daß die strukturelle Arbeitslosigkeit Folge politischen Versagens ist.

  4. 16.12.2006 | 11:26

    @R.A.: Eben. Wie viele haben rasiert und gewaschen keinen Job gefunden? Wenn der Mann jetzt was findet, besser bekommt, ist das eine feine Sache. Die eigentlich nichts wert ist, weil es diese “Jawohl Majestät”-Nummer ist. Nur dass die monarchische Intervention inzwischen durch Politiker und Presse ersetzt worden ist.

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