23. Dezember 2006
Politische Blogger - ein Haufen Abhängiger?
Womit beschäftigen sich Blogger am liebsten? Mit sich selbst natürlich. Mein Fehler, dass ich das nicht da tue, wo der größere Traffic ruft. Aber da sind manche eiskalte Neoliberale vielleicht sogar idealistischer als ihre Kritiker….
Anlass dieses Beitrags ist ein kleiner Austausch mit dem bei Statler & Waldorf kommentierenden “Buenavista”. Anlässlich eines Themas, das hier sonst nichts zur Sache tut, bemerkte er:
Ohne die “MSM” hätten 99% der politischen Blogger nix zu schreiben.
Und als ich widersprach, gab es diese interessante Antwort:
Es gibt sehr viele Blogs (überwiegend amerikanische), die sich als die bessere Alternative zum Journalismus verstehen, dann aber nichts anderes tun, als Artikel der “Main Stream Media” zu zerreißen. (LGF wäre so ein Fall.) Gelegentlich ist die Kritik dabei durchaus angebracht, weil Journalisten alles andere als perfekt arbeiten. Und insofern ist diese Blogarbeit völlig legitim.
Und ich kann Restaurantkritiker sein, ohne selbst kochen zu können. Die Spitzenköche ersetzen kann ich damit aber nicht.
Ich greife Blogger nicht an, weil sie bloggen. In Blogs kann man sehr viel nützliches erfahren.
Aber Journalismus ist doch eine andere Etage. Blogs können ein nützliches Korrektiv sein, wie auch Blogkommentare wiederum ein Korrektiv für Blogbeiträge sind.
Aber überschätzen sollte man sich auch nicht. Das tue ich mit meinen Kommentaren übrigens auch nicht.
Bei Blogs, die mir zu dämlich sind, würde ich aber gar nicht erst kommentieren.
Dazu wäre zunächst Folgendes zu sagen: Unter den Kritikern bei S&W ist Buenavista (unter welchem Namen er auch immer sonst auftaucht) einer der gehaltvollen. In einigen Fällen stimme ich ihm zu, in anderen nicht, aber seine Position ist es immer wert, bedacht zu werden.
Aber dieser kleine Austausch war dann doch für mich Anlass zu etwas grundsätzlicheren Überlegungen.
Politische Blogger, diesen Anspruch erheben wir auch. Hängen wir deswegen von den “Main Stream Media” (MSM) ab? Gut, ich könnte es mir einfach machen und auf die Vielfalt unserer Autoren verweisen. Boche und ich haben bislang gerne die MSM kritisiert, und das aus Überzeugung. Aber Marian, stefanolix, Dirk, Martin und David haben andere Schwerpunkte, und unter anderem deswegen freuen Boche und ich uns, diesen Bloggern hier ein zusätzliches Forum bieten zu können. Und inzwischen versuche auch ich, z.B. nie wieder SPON zu zitieren - manche Gegner sind zu billig zu haben.
Was ist nun zum Journalismus zu sagen? Zunächst dies: Wir sind keine Journalisten. Wir haben andere Berufe. In dieses Blog finden Beiträge eingang, deren Autoren etwas zu sagen haben, ohne daraus Ansprüche abzuleiten. Wie alle, bloggen wir zunächst für uns. Erst danach freuen wir uns über Leser und Kommentatoren, das aber natürlich um so mehr.
Wenn wir Journalisten, oder besser: deren Ergüsse, kritisieren, dann tun wir das nicht vom Standpunkt eines Besserwissers aus (oder wenigstens nicht nur - come on, we’re human…), sondern von dem eines aufmerksamen Lesers. Wir glauben nicht, dass Bloggen Journalismus ersetzt. Aber wir meinen, dass ein wenig Konkurrenz von außerhalb des etablierten Zirkels jedem Markt, also jedem System, wo Bedürfnisse zu Nachfrage werden. ganz gut tut.
Und natürlich ist es legitim, wenn jemand keinen eigenen Blog hat bzw. auf ihn nicht hinweist. Wenn die Kommentare so interessant sind wie die von Buenavista, um so mehr. Aber spätestens dann, wenn Pauschalurteile über “politische Blogger” gefällt werden, müssen sich solche Kommentatoren die Frage gefallen lassen, ob sie es besser hinbekämen, oder ob sie solchen Anstrengungen prinzipiell keine Zukunft zugestehen.
Richtig: Kein Restaurantkritiker muss selbst kochen können. Kein Literaturkritiker muss selbst schreiben können. Aber ein wenig Demut vor denen, die sich da aus der Deckung wagen, wäre dann auf jeden Fall angebracht. Im Gegensatz zu Köchen braucht es zum Bloggen weder Ausbildung noch formale Qualifikation. Dafür gibt es auch keine geschützten Märkte. Hier kann und muss jeder so springen, wie er es meint, auf Rhodos getan zu haben.
Und dazu brauchen wir keine MSM. Ja, wir spießen gerne deren Fehlleistungen auf. Aber das tun wir insbesondere dann, wenn wir der Meinung sind, dass es niemand sonst tut. Wenn also die Selbstgenügsamkeit und die Krähentheorie ihre Existenzberechtigung unter Beweis gestellt haben. Gäbe es keine MSM, entfiele natürlich auch die Notwendigkeit, sie zu kritisieren. Aber nicht die, Stellung zu beziehen. Deswegen sind und bleiben wir politisch, egal, was die Objekte unserer Kritik sich als Ausweichreaktion noch einfallen lassen mögen.
Verfasst von Rayson um 00:07 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, Politik (Trackback)