Ich bin kein Verbrecher

Die Bundesregierung hat kurz vor Weihnachten beschlossen, dass zukünftig in allen Reisepässen zwei Fingerabdrücke des Inhabers gespeichert werden sollen. Beim Beantragen des Passes wird man künftig seine Finger nicht auf einem Stempelkissen abrollen müssen: die beiden Zeigefinger werden wohl vergleichsweise »sauber« gescannt. Ein schmutziges Gefühl habe ich bei dieser Maßnahme trotzdem.

Ich stand in meinem Leben bisher einmal kurz vor einer erkennungsdienstlichen Behandlung. Das war in den letzten Tagen der DDR: junge Volkspolizisten und Grundwehrdienstleistende hatten unsere friedliche Demonstration schon fast eingekesselt, als von der Einsatzleitung der Befehl zur Deeskalation kam. Zwei Tage vorher wurden Demonstranten noch abtransportiert und wie Verbrecher behandelt: Fingerabdrücke, Fotografien, Geruchsproben …

Wir orientierten uns damals an den Grundrechten des »freien Westens«, wir wollten Demokratie, Meinungsfreiheit und Reisefreiheit. Hätte man uns 1989 vorausgesagt, dass man 18 Jahre später in diesem »freien Westen« seine Fingerabdrücke abgeben muss, um in fremde Länder reisen zu können, dann hätten wir wohl nur ungläubig mit dem Kopf geschüttelt. Nun werde ich also doch bald wie ein Verbrecher behandelt.

Diese Entscheidung des Bundeskabinetts könnte weitreichende Folgen für unsere Demokratie haben. Vielleicht wurde sie gerade deshalb in den Tagen vor Weihnachten verkündet. Man las kurze Meldungen in der Tagespresse und in der ZEIT. Nur in der WELT wurde das Thema kurz kommentiert. Eckhard Fuhr schrieb dort:

Das Bundeskabinett hat beschlossen, dass Reisepässe künftig nicht nur ein Foto, sondern auch zwei Fingerabdrücke des Inhabers enthalten sollen, gespeichert auf einem Chip. Deutschland folgt damit als eines der ersten EU-Länder einer Brüsseler Verordnung. Kein Mensch regt sich darüber auf. Darüber rege ich mich auf. Meine Fingerabdrücke gehen niemanden etwas an.

Der WELT-Kommentar ist auch in voller Länge interessant, er greift aber zu kurz. Denn diese »Brüsseler Verordnung« kam ganz sicher nicht ohne die Beteiligung der rot/grünen Regierung unter dem damaligen Bundeskanzler Schröder und dem damaligen Bundesinnenminister Schily zustande. Otto Schily soll sogar darauf gedrängt haben, dass die EU in dieser Frage einen möglichst weitreichenden Beschluss fasst.

Was erhofft man sich von dieser Maßnahme? Die Kofferbombenattentate vom Sommer 2006 und die Anschläge von New York, Madrid und London wären auf diese Weise ganz gewiss nicht verhindert worden. Ich sehe zwei mögliche Ursachen und mir gefällt keine davon: entweder soll der Bevölkerung eine trügerische Sicherheit vorgegaukelt werden oder es ist ein weiterer Schritt zur biometrischen Zwangserfassung der gesamten Bevölkerung.

Hätte man Erich Mielke Ende der achtziger Jahre vorausgesagt, dass eines Tages die Fingerabdrücke jedes erwachsenen Pass-Inhabers erfasst werden können, dann hätte er sich sicher sehr über diese Möglichkeit gefreut. Und genau in diesem Punkt liegt die Gefahr für unsere Demokratie. Unsere Freiheit ist nicht gottgegeben und sie muss nicht ewig halten. Es könnte eines Tages wieder ein kleiner Diktator an die Macht kommen, für den die biometrischen Daten ein willkommenes Geschenk wären.

Das MfS der DDR hat lange nicht jeden Flugblattautor oder Plakatkleber erwischt und eines Tages wurde die SED-Diktatur vom Volk hinweggefegt. Der Widerstand gegen ein Regime, das über einen lückenlosen Bestand an biometrischen Daten aller Bürger verfügt, wäre nahezu aussichtslos.

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16 Kommentare zu “Ich bin kein Verbrecher”

  1. 28.12.2006 | 14:05

    Auf den ersten Blick habe ich das Problem nicht erkennen können: Ob ich nun ein Foto oder einen Fingerabdruck abgeben muss - das Ergebnis ist doch dasselbe.

    Auf den zweiten Blick ist das Problem aber wohl tatsächlich gravierender.
    Denn ich hinterlasse meine Fingerabdrücke an allem Möglichen (und Unmöglichem; ich will das jetzt nicht genauer ausführen) und lege damit natürlich potentiell eine für die Besitzer der Abdrucksdatenbank nachvollziehbare Spur meiner Bewegungen.

  2. 28.12.2006 | 14:37

    Das Foto könnte man in einer Datenbank speichern, die Daten für den Vergleich mit den Ergebnissen von Überwachungskameras bereitstellt. Aber das wäre ohnehin möglich: man gibt ja beim Beantragen eines Ausweises schon immer ein Passbild ab. Der Fingerabdruck ist sowohl zur Identifizierung bei der Ein- und Ausreise als auch zur Verhinderung von Terroranschlägen schlichtweg überflüssig; der potentielle Schaden ist somit größer als der potentielle Nutzen.

  3. 28.12.2006 | 14:48

    Ist das nicht ein Eingehen auf eine Forderung der USA?

  4. 28.12.2006 | 14:57

    Dass es aber völlig ohne Nutzen eingeführt würde, kann ich mir nicht vorstellen.
    Der außenpolitische Nutzen einer erfüllten US-Forderung wäre vielleicht ein solcher.

  5. Luc
    28.12.2006 | 15:03

    Der Widerstand gegen ein Regime, das über einen lückenlosen Bestand an biometrischen Daten aller Bürger verfügt, wäre nahezu aussichtslos.

    Wieso?

  6. 28.12.2006 | 15:17

    @Boche

    Praktische Wirtschaftspolitik einer Exportnation.

  7. 28.12.2006 | 15:32

    @Rayson

    Drohten denn tatsächlich US-amerikanische Wirtschaftssanktionen?

  8. 28.12.2006 | 16:23

    ich empfehle den kauf von handschuhen. präventiv, bevor diese verboten werden… damit jeder ne fingerabdrucksspur hinterlässt die dann 30 mio beamte überprüfen und nachvollziehen. zumindest solange, bis die einführung der fingerabdrucksspeichernden oberflächen deutschlandweit gelungen ist.

    die entlassung der beamten wird uns dann als schrumpfung des staatsapperats verkauft.

  9. Kalle
    28.12.2006 | 17:48

    Die Fingerabdrücke werden NIRGENDWO gespeichert, außer im Reisepass selbst. Es wird KEINE Biometriedatei angelegt.

    Die Begründung für die Maßnahme ist NICHT, daß man z.B. Atta mit Fingerabdrücken im Pass hätte rechtzeitig stoppen können, sondern daß man so den Missbrauch der Reisepässe besser verhindern kann. In gewissen Kreisen (Schleuser, Extremisten,…) ist es nämlich üblich, daß man seinen Pass an jemanden, der ähnlich aussieht, “ausleiht”.

    Den Unterschied zwischen Photo im Pass und Fingerabdrücken im Pass kann ich nicht verstehen. Beides dient demselben Zweck (Überprüfung, ob der Mensch, der den Pass vorzeigt, auch derselbe ist, auf den er ausgestellt wurde). Sowohl die Aufnahme eines Photo als auch die Abnahme von Fingerabdrücken sind auch Teil einer erkennungsdienstlichen Behandlung (dann natürlich mit Abspeicherung in einer Datei).

    Die Ablehnung speist sich m.E. aus Unwissen und Emotionen, ist aber nicht sachlich zu begründen.

  10. 28.12.2006 | 17:58

    @Kalle
    Es ist grundsätzlich abzulehnen. Die Maßnahme hat keine wirklich triftigen Zweck um die Abnahme der Fingerabdrücke zu rechtfertigen. Und außerdem gilt für mich im Zweifel immer für die Freiheit und gegen die Datenerfassung. Außerdem, nur weil die Daten jetzt nur auf dem Chip bleiben sollen, heißt es nicht, daß nicht irgendwann doch woanders gespeichert werden.

  11. 28.12.2006 | 18:32

    @Boche

    Einreiseverbote sind hinderlich genug.

  12. R. A.
    28.12.2006 | 19:12

    > Die Fingerabdrücke werden NIRGENDWO
    > gespeichert, außer im Reisepass selbst.
    Es fällt schon schwer, daß jetzt zu glauben.

    Ansonsten ist aber ganz sicher damit zu rechnen, daß die Datenbank dann eben im nächsten Schritt eingeführt wird - spätestens, wenn gerade wegen irgendeines spektakulären Falls (Kinderschänder, Nazis, Terroristen …) genug mediale Aufregung da ist und die Politiker irgendeine neue Verschärfung fordern müssen.

  13. 28.12.2006 | 23:15

    Ich habe hier das Unbehagen des WELT-Autors zitiert und seinen Artikel verlinkt. Ich selbst fühle eine andere Art von Unbehagen, einige Kommentatoren finden die Angelegenheit ganz normal. Das lässt sich sicher aus unseren Biographien und aus anderen Einflüssen erklären. Ich möchte das nicht zum Thema eines Streits machen.

    Wer in den letzten Jahren mit offenen Augen durch die Welt gegangen ist, dürfte sich an Maßnahmen erinnern, die zuerst unter dem Vorwand der Terroristenbekämpfung eingeführt und dann drastisch ausgeweitet wurden. Glaubt hier wirklich jemand ernsthaft an die Zweckbindung solcher Daten? Hat der einzelne Bürger nach dem Einscannen seiner Fingerabdrücke noch irgendeine Art von Einfluss darauf, was der Staat mit den Daten tut?

  14. 29.12.2006 | 9:09

    Da möchte ich stefanolix unbedingt Recht geben. Früher hieß es, dass die Möglichkeiten der LKW-Maut-Brücken zur Datensammlung selbstverständlich nicht für andere Zwecke genutzt werden sollen. Heute ist plötzlich von Möglichkeiten der Strafverfolgung mittels dieser Technik die Rede.

    Ein ehemaliger DDR-Bürger hat wohl immer den Spruch “Niemand hat vor, eine Mauer zu bauen.” im Kopf, wenn er Versprechungen von Politikern hört, dass niemand vorhabe, seine Freiheit anzutasten.

  15. Spruance
    29.12.2006 | 18:07

    Ha, Stefanolix, Du weißt es nur noch nicht!

  16. 29.12.2006 | 19:07

    @Spruance: Was weiß ich noch nicht?

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