Böser Onkel bringt Teddybären um

So könnte ungefähr die Zusammenfassung einer Anmoderation lauten, wenn Wolf von Lojewski gestern Abend Kinderfernsehen gemacht hätte.

Hat es jemand gesehen? Das gestrige “heute-journal”? Da tapsten traurig bis verzweifelt dreinschauende, wie immer kuschlig aussehende Eisbären über schmelzende Eisschollen.
Und im Hintergrund wird von der Stimme Lojewskis ein Mann dafür verantwortlich gemacht: Bush.
Weil er den Klimaschutz verhindere.

Etwas gebildetere Zuschauer wissen nun natürlich, was Lojewski meint. Bush hat das Kyoto-Protokoll nicht unterschrieben. (Wie übrigens Clinton auch nicht, aber das wäre zu komplex für das gebührenfinanzierte Qualitätsfernsehen.)

Er, der böse Bube, hat also einen Vertrag nicht unterschrieben, dessen Vereinbarungen die anderen, die ihn unterschrieben haben, nicht einhalten. Er heuchelt also nicht so gut wie wir Öko-Europäer?! Pfui!
Mal abgesehen davon, dass mit den Milliarden, die Kyoto bei zweifelhaftem Nutzen kostet, wahrscheinlich die Arktis künstlich nachgebaut und mit Eisbären-Asylanten bevölkert werden kann.

Im Anschluss wird eine tolle Idee für die Rettung der Eisbären vorgeschlagen: Ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen.
Komisch, und ich dachte, in den USA gäbe es ein solches Limit längst. Sind die doch nicht böse? Sind wir auf der A7 und der A1 vielleicht verantwortlich für die traurig herumschlitternden Eisbären? Fragen über Fragen.

Grundsätzlich hat mir diese gestrige Lojewski-Moderation mal wieder vor Augen geführt, welch dumme, verdummende Wirkung der bildlichen Darstellung eigen ist.

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17 Kommentare zu “Böser Onkel bringt Teddybären um”

  1. 29.12.2006 | 10:49

    Das kannst Du abr jetzt nicht mal eben so auf jegliche Form der bildlichen Darstellung bezogen verallgemeinern. Für “Die Cleveren” (habe ich gestern geguckt) gilt das z.B. nicht. Da wurde fast schon poetisch eine multiple Persönlichkeit in ihrem Wesen verständlich gemacht, na, zumindest wurde das versucht, was angesichts all der Pseudonyme und Avatare im Netz ja kein unwichtiges Thema ist.

    Zudem: Wenn es denn wahr wäre, was auch im Umfeld dieses Blogs gelegentlich verkündet wird, daß nämlich das Wesen des Deutschen der Anitamerikanismus sei, dann wäre doch das einfach guter Dienst am Kunden, wenn man so Nachrichten produziert? Wenn Opel mal wieder Autos baut, die Menschen auch kaufen wollen, hat doch auch kein Schwein was dagegen?

    Oder wäre bei RTL nicht kritiserbar, was man den Zwangsabgaben-Sendern vorwerfen darf? Die gleiche Weise, Nachrichten aufzubereiten, also?

  2. 29.12.2006 | 11:01

    MR,

    vielleicht kann man es tatsächlich nicht verallgemeinern. Ich weiß es nicht. Ich habe aber meine Zweifel. Weil selbst gut gemachte, differenziert wirkende Bilderreigen ja vielleicht auch nur einen klugen Bildmacher verraten, und nicht unbedingt Garant für Realitätsnähe sein müssen. Ich erinnere mich an eine ARD-Sendung über das Altenheim, in dem meine Mutter und auch ich eine Zeit lang gearbeitet haben.
    Die Sendung war gut gemacht, gut anzusehen, aber Meilen entfernt von der Realität, wie sie und ich sie erlebt haben.

    Dass das Verbreiten antiamerikanischer Propaganda oder zumindest von Simplifizierungen wie der hier betrachteten schlicht marktkonformes Verhalten darstellen kann, will ich gar nicht bestreiten.

    Aber wie du richtig vermutest, wächst mir dadurch, dass ich das Produkt zwangsweise kaufen muss, in meinen Augen natürlich das Recht zu, mich dann als Kunde auch kritisch zu verhalten.
    Eine analoge RTL-Sendung würde mich weniger aufregen und höchstens als erwähnenswertes Indiz für die Vorurteile der RTL-Konsumenten dienen.

  3. 29.12.2006 | 11:27

    Mal den ganz großen Bogen beiseite lassend: Das Problem beim Fernsehen ist, daß der Zwang zur Selektion von Informationen noch ungleich größer ist als bei klassischen Tageszeitungen. Diese Info-Kästchen-Berichterstattung im Focus und alle, die dem folgten, haben diese Leicht-Konsumierbarkeit dann adaptiert.

    Irgendjemand hat mal nachgerechnet, daß eine Tageeschau-Sendung ungefähr einer halben Tageszeitungs-Seite entspricht, wenn man das als Text sich vorstellt. Eine 50-minütige Doku hat inklusive O-Ton-Transkriptionen 20-30 Seiten Text, 14 Punkt, 1 1/2-zeilig, mit vielen Absätzen.

    Man selektiert zudem auf mehr Sinn-Ebenen als im Falle anderer Medien: Am wichtigsten ist eigentlich der Sound (keine Musik drunter signalisiert dann “Realität”), dann eben Bild und Sprache.

    Und man bewegt sich auf einer klar umrissenen Zeit-Achse, während beim Lesen der Leser selbst die Geschwindigkeit bestimmt. Natürlich sind sämtliche Ebenen noch auf so etwas wie Realität bezogen, aber hier hat der Konstruktivismus schon recht.

    Und die verlogensten Fernseh-Sendungen sind jene, die “Abbilder” behaupten. Hinzu tritt noch, daß Fernsehen - mal abgesehen allerdings von den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen, aber auch die haben da dem Zeitgeist Tribut zu zollen - eher als Unterhaltungs- denn als Informationsmedium genutzt wird, und Meinung ist schlicht unterhaltsamer als Fakten, ebenso die Emotionalisierung durch empört-entlarvenden Gestus, dieses Spiegel-TV-Boulevard-Prinzip. Die Lojewsky-Lakonie hat manchmal die Tendenz, diesen Unteron mit dem Weltweisen-Gestus im Grunde genommen zu adaptieren.

    Das Ganze dann noch gemixt mit einer Ideologie, die Zuschauer eh für blöd hält und unter Verständlichkeit nicht Rationalität, sondern Simplizität versteht, und man hat den von Dir beschriebenen Salat. Wobei diese Rezepte tatsächlich für Quote sorgen.

    Was man aber einfach nicht erwarten darf von einem Medium,. das auf so vielen Sinn-Ebenen konstruiert, ist ein sozialistischer Realismus, jetzt mal kurz polemisch. Was man erwarten dürfte, wäre mehr Mut hinsichtlich einer zumindest differenzierten Konstruktion und ein Explizit-Machen der eigenen Selektion.

  4. 29.12.2006 | 11:44

    Interessanter kleiner Exkurs in die Medienwelt, danke dafür!
    Ich denke, deine Beschreibung ist wohl größtenteils zutreffend.

    Lediglich bei der Unterscheidung von öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen zu den privaten, habe ich Zweifel.

    Und natürlich würde ich meine Erwartungen an das Medium (die deinen gleichen) gern dadurch beeinflussen können, dass ich statt Zwangsgebühr für (u.a.) Lojewski mir meinen medialen Tageskonsum selbst zusammenstelle. Dann habe ich mit meinem dafür ausgegeben Geld auch endlich mal ein, wenn auch kleines Druckmittel gegenüber den Produzenten in der Hand.

  5. 29.12.2006 | 13:05

    Mittlerweile wäre sogar ich dafür, den Zugang zum öffentlich-rechtlichen an Gebühren zu koppeln, also nur jene, die diese sehen wollen, sollen zahlen, und dann wird halt codiert. Und wer nicht will, kann sich ja dann der ungebrochenen Unterhaltungsschlacht von RTL und deren Seriösitätsdarstellern, wie z.B. Herr Klöppel einer ist, ganz und gar hingeben.

    In der aktuellen Die Zeit ist das ganze Feuilleton auf’s Fernsehen ausgerichtet, und da ist ein ganz spannender Artikel über HBO drin, ein US-Privatsender, der über relativ teure Abonnements empfangbar ist und dafür auf Werbung verzichtet.

    Für den werden diese ganzen High-Quality-Serien wie “Sex in the City” produziert (kann man jetzt drüber streiten, ob nun gerade diese Serie High Quality ist, ich denke schon). Das gibt “euren” Argumenten in mancherlei Hinsicht recht, weil hier durch Privatiserung Erzählformen möglich sind, die nicht nur auf den Durchschnitt zielen - so stellt das zumindest der Artikel dar. ProSieben macht das aus Image-Gründen manchmal auch, weil sie dadurch jene Werbekunden locken, die nicht mit “Unterschichtenfernsehen” identifiziert werden wollen.

    Das hat zwar die üblichen Exklusions-Folgen, weil eben auch nur Leute mit Kohle sich dann Qualität leisten können. Umgekehrt würde die Verschlüsselung des Öffentlich-Rechtlichen mit den üblichen Befreiungen für Hartz IV-Empfänger etc. das u.U. korrigieren, wenn’s denn stimmt, daß das Abonnenten-Prinzip eher Qualität zuläßt als das Quoten-Prinzip? Keine Ahnung, ist jetzt gegen das argumentiert, was ich sonst vertrete, aber ‘ne Überlegung ist das ja wert …

  6. 29.12.2006 | 13:13

    Wenn sich das ÖR aus Abos statt aus Gebühren finanziert - was ist daran noch öffentlich-rechtlich?
    Höchstens ja die kostenlose oder -ermäßigte Bereitstellung für Bedürftige. Und für die würde ich, wenn überhaupt, lieber einen monetären Zuschlag auf die Stütze sehen, damit sie sich das Fernsehen kaufen können, was sie wollen, als die Vorgabe, was man als Bedürftiger gucken darf. Armen-TV könnte sonst, nicht unberechtigter Weise, BILD titeln.

  7. 29.12.2006 | 13:23

    Das nicht-Gewinn-orientierte macht den Unterschied um’s Ganze aus. Aber die Lösung mit den Aufschlägen - von mir aus ;-) ….

  8. 29.12.2006 | 13:27

    Wie hätte denn die Alternative ausgesehen: Glückliche Eisbären, die auf meterdickem Potomac-Eis vor dem Weißen Haus herumtollen und niedliche, stargestripte “Thank you, Mr. Bush!”-Schilder um den Hals tragen?

  9. 29.12.2006 | 13:29

    @Chat Atkins

    Guten Rutsch!

  10. R.A.
    29.12.2006 | 17:10

    Mal abgesehen von den bekannten Schwächen des Staatsfernsehens: Kennt sich jemand mit dieser Eisbären-Frage aus?
    Diese behauptete Art-Gefährdung wg. “Klima” ist eigentlich ziemlich unglaubwürdig - vergangene Warmzeiten haben die Bärchen ja auch gut überstanden.

    Ist also überhaupt etwas dran an diesen Meldungen, oder werden hier völlig andere Gefährdungsursachen dem bösen Klima in die Schuhe geschoben?

  11. Spruance
    29.12.2006 | 18:06

    @R.A.

    Natürlich ist da, wie schon üblich, nix, aber auch garnix dran. Die Populationen scheinen im Moment sogar zuzunehmen, aber niemend lasse die Wahrheit einer prima Sensationsmeldung in die Quere kommen!

  12. mkb
    29.12.2006 | 18:12

    @RA:
    Diese behauptete Art-Gefährdung wg. “Klima” ist eigentlich ziemlich unglaubwürdig - vergangene Warmzeiten haben die Bärchen ja auch gut überstanden.
    Das eigentliche Problem sehe ich eher darin, dass durch eine (etwaige) Erwärmung die Bedrohung des Eisbären durch den Menschen wachsen würde, in Form der Ausdehnung menschlicher Siedlungen nach Norden.

    PS: “Bild” heute mit toller Top”nachricht” (Tenor: die Bären fressen sich selbst, weil sie keine Robben mehr finden). Ich hab mal kurz in die WP geguckt, und siehe da: “Zudem ist Kannibalismus nicht ungewöhnlich. Junge Eisbären laufen immer wieder Gefahr, von einem älteren männlichen Bären gefressen zu werden, …”

  13. 29.12.2006 | 20:08

    Inwieweit Eisbären fürs Ökosystem wichtig sind, ist für mich auch die Frage. Diese Prädatoren stehen an der Spitze der Nahrungspyramide, d.h. wenn die ausfallen, hat das vermutlich wenig Auswirkungen. Wichtiger sind Mikroorganismen und Pflanzen. Ev. vermehrt sich die Eisbäre-Beute, aber bei Überbevölkerung gehen die auch ein.

    Klimawandel findet allerdings schon statt. Nur inwieweit “wir” schuld sind, oder das eine zyklische Schwanung in geologischen Zweiträumen ist, da bin ich unsicher.

  14. 29.12.2006 | 22:39

    “Schwanung in Zweiträumen” - schön, das hier alle so schlau sind und wissen was ich meine…

  15. 30.12.2006 | 6:42

    Die Eisbären sind wahrscheinlich durch die Ausdehnung der menschlichen Aktivitäten nach Norden weitaus stärker gefährdet als durch den Rückgang der Eisbedeckung. Schließlich sind die Eisbären auch nicht in Zeiten ausgestorben, in denen die Temperaturen höher als heute waren. Tatsächlich ist der Eisbär ein an die Jagd von Seetieren und das Überleben tiefer Temparaturen angepaßter Bär. Wobei die größere Gefahr für die Art eher “weniger Beute” als “weniger Eis” wäre.
    (Interessant übrigens, dass das Thema “Überfischung”, trotzt mancher Anlässe und nicht weniger Bemühungen der Umweltschutzorganisationen recht leicht aus dem Fokus der Medien verschwindet. Haie und Thunfische sind wohl nicht niedlich genug.)

  16. 30.12.2006 | 7:22

    Ganz interessant, gefunden bei der “achse des guten”

    http://www.arcticnet-ulaval.ca/index.php?fa=News.showNews&menu=44&home=3&sub=1&id=133

  17. R.A.
    31.12.2006 | 16:25

    Danke für die Infos - damit haben sich meine Vermutungen bestätigt: Wieder einmal eine Propagandalüge.

    Übrigens: Wer einmal gesehen hat, wie fröhlich Eisbären bei deutschen Sommertemperaturen in einem Zoo rumtollen, der wird auch nicht mehr glauben können, daß die wirklich Minusgrade zum Überleben brauchen …

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