Lobpreisung des Wählens

Es ist für Liberale nicht ungewöhnlich, gerne zu wählen. Die Lust an den Alternativen steigert sich noch, wenn der Liberale gleichzeitig Ökonom ist, denn dann tendiert er sogar dazu, alles Sein im Licht der Alternativen zu sehen. Zum Beispiel behauptet er dann, den Wert eines Gutes überhaupt nur deshalb zu kennen, weil es auch andere Güter gibt. Wobei natürlich zu beachten ist, dass “Gut” im Ökonomen-Slang alles Mögliche sein kann, von A wie Apfel bis Z wie Zeit.

Vielleicht ist es deswegen für die Liberalen, die eine Notwendigkeit der Existenz eines Staates bejahen, geradezu selbstverständlich, sich diesen als Demokratie nach westlichem Muster vorzustellen. Wobei wir (ich zähle mich also dazu) nicht nur gerne zwischen Parteien und Personen wählen, sondern auch zwischen Hoheitsgebieten - wenn mir der Staat in seiner Form als Gemeinde X, Bundesland Y oder Nationalstaat Z nicht zusagt, hätte ich gerne eine Alternative nebenan.

Im Grunde würde uns das reichen. Leider ist der Wechsel von Hoheitsgebieten aber spätestens auf der Ebene des Nationalstaats (noch?) mit Konsequenzen und Unannehmlichkeiten verbunden, die von den meisten Menschen nur im Notfall in Kauf genommen werden. Das beeinträchtigt natürlich die Möglichkeiten eines ausreichenden Wettbewerbs.

Deswegen müssen wir noch etwas mehr Anforderungen stellen als die, alle paar Jahre ein Kreuz irgendwo machen zu dürfen. Wir sind nämlich auch Mehrheiten gegenüber sehr skeptisch eingestellt, wenn sie zu Machtansprüchen berechtigen. Also mögen wir Verfassungen mit Individualrechten, rechtsstaatliche Systeme und Gewaltenteilung (wobei letztere in Parteiendemokratien sich natürlich als sehr relativ entpuppt, zumindest was die Grenze zwischen Exekutive und Legislative betrifft). All das trägt dazu bei, dass wir die Last eines Macht ausübenden Staates als nicht so schwer empfinden. Dennoch bleibt die Wahl für alle, die sich nicht signifikant politisch engagieren (also die überwältigende Mehrheit), die wichtigste Möglichkeit, auf den Staat, der sie umgibt, Einfluss zu nehmen. Wie wichtig dieses Instrument ist, zeigt sich, wenn Menschen anderswo bereit sind, ihr Leben zu opfern, um es bei sich einzuführen.

Linke werfen Liberalen gerne vor, “den Markt” zu vergöttlichen. Das ist natürlich Quatsch, denn Religion ist immer eschatologisch, das Bekenntnis zum Markt aber ein Bekenntnis zur Vorläufigkeit, zum “letzten Stand des Irrtums”. Daher fällt es mir auch nicht schwer, stattdessen die Demokratie zu loben und zu preisen bis zum Jüngsten Tag und das Wählen zum sakralen Akt zu erheben. Eine demokratische, geheime Wahl wie wir sie kennen, ähnelt der Heiligen Kommunion - es geht um etwas Wichtiges und Bedeutsames, der prinzipielle Ablauf steht seit Jahrhunderten fest und der Einzelne wird darin zum Teil eines Ganzen. Und ebensowenig wie die verabreichte Hostie als kulinarischer Genuss missverstanden werden darf, ist es relevant, dass die eine, die eigene Stimme keinen Einfluss auf die Ausstattung des Individuums mit öffentlichen Gütern hat.

Damit ist der Akt der geheimen Wahl selbst ein “Gut” im Ökonomenslang, und zwar ein überwiegend immaterielles, dessen Wert nicht nur durch die Möglichkeit bestimmt wird, zwischen Partei A und Partei B zu wählen, sondern durch das System, das es bestätigt - oder besser: durch den Wohlstandsverlust in einemn undemokratischen staatlichen System. Eine Demokratie, die nur 10% der Wahlberechtigten “zu den Urnen treibt”, steht auf höchst wackligen Fundamenten.

Wahlcomputer - und jetzt wird der Rayson nach den vielen weihevollen Worten endlich konkret - zerstören dieses Gut. Sie machen aus einer Wahl eine mechanische Handlung und reduzieren sie tatsächlich darauf, dass mit ihr ein Ergebnis erzielt wird. Konsequent sind die Esten (die finnisch-ugrischen Völkchen sind eine Nummer für sich - ich weiß, wovon ich rede…), bei denen demnächst per Internet gewählt werden kann. Der Weg ist da nicht mehr weit zu einem System, bei dem sich jeder Wähler registrieren und anhand eines Fragebogens seine Präferenzen angeben kann, und das dann automatisch zu Wahltagen die passende Stimme abgibt. Effizienter geht’s nicht. Am besten, man wird nicht mehr daran erinnert. Das freut den überlasteten Wähler genau so wie den belastenden Politiker.

Nachwort: Wer diesen Ausflug ins Feuilletonistische, das erkennbar nicht mein Revier ist, nicht goutiert, wird sich aber vielleicht für die anderen Informationen in diesem interessanten FAZ-Artikel interessieren. Schön hat die Problematik die Petition gegen den Einsatz von Wahlcomputern, für die wir Bissigen uns in einem Anfall von Übereinstimmung stark gemacht haben, auf den Punkt gebracht:

„Werden Wahlcomputer eingesetzt, wird ein einfaches, unzählige Male erprobtes, evaluiertes und bewährtes System durch ein komplexes, von nur wenigen Einzelnen überprüfbares System ersetzt.“

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13 Kommentare zu “Lobpreisung des Wählens”

  1. 4.01.2007 | 22:04

    “das erkennbar nicht mein Revier ist”

    Ich fand’s klasse.

  2. 4.01.2007 | 22:08

    Da stimme ich David zu.

  3. 4.01.2007 | 22:51

    Ich muss gestehen, dass ich, bevor ihr mit diesem Thema angefangen habt, keine Ahnung hatte, dass diese Dinger in Deutschland bereits eingesetzt werden, geschweige denn davon, dass

    in etwa 2000 Wahlbezirken knapp zwei Millionen von insgesamt 62 Millionen Wahlberechtigten in Deutschland mit Hilfe von Wahlcomputern abgestimmt hätten

    Ich finde das völlig verrückt. Dass sich dagegen kein flächendeckender Protest erhebt, zeigt mir, wie egal den Meisten die Demokratie schon ist. Für diese Erkenntnis brauche ich auch keine wie auch immer gearteten Umfragen.

  4. 4.01.2007 | 23:34

    Marian: Das kann viele Gründe haben. Manche Wähler finden es vielleicht sogar »cool«, mit dem Computer zu wählen. Andere Wähler haben ein so großes Grundvertrauen in ihre Kommune und ihr Bundesland, dass ihnen das Verfahren recht ist.

    Aber der Kernpunkt ist: Sicherheit kann man nicht allein auf Vertrauen gründen. Und solange noch Wähler auf die Sicherheit und Nachprüfbarkeit einer Wahl Wert legen, muss man zumindest diese Wahlcomputer kategorisch ablehnen. Ein Wahlcomputer mit Quittungsdrucker (Quittung wird durch den Wähler separat in eine Urne geworfen) wäre aber wahrscheinlich wesentlich teurer als die aktuell verfügbaren Geräte. Wir müssen uns entscheiden, ob es uns das wert ist — oder wir müssen beim alten Verfahren bleiben.

    Von einer Wahl über Internet sind wir in Deutschland übrigens meilenweit entfernt: es fehlt einfach an einer sicheren digitalen Signatur. Landesbehörden in Sachsen akzeptieren z.B. noch nicht mal signierte oder verschlüsselte E-Mails und ohne elektronische Signatur kann man ja wohl kaum per Internet wählen …

  5. 4.01.2007 | 23:58

    @David,Boche

    Danke für Eure ehrliche Unterstützung. Die alten Kontonummern sind noch gültig?

  6. 5.01.2007 | 0:26

    Eine demokratische, geheime Wahl wie wir sie kennen, ähnelt der Heiligen Kommunion - es geht um etwas Wichtiges und Bedeutsames, der prinzipielle Ablauf steht seit Jahrhunderten fest und der Einzelne wird darin zum Teil eines Ganzen.

    Lacht nicht über mich: Genau das Gefühl ist es, das mich beschleicht, wenn ich an die Wahlurne trete. Sonst neige ich dazu, mich recht zynisch über all die Rituale der Politik und der Demokratie lustig zu machen. Aber wenn ich da mein Kreuzchen auf einem komischen Zettel mache, habe ich das Gefühl, dass es wichtig ist. Und wenn ich den Zettel in die Urne fallen lasse, dann empfinde ich das als einen weihevollen Moment. Komisch, oder?

  7. googlehupf
    5.01.2007 | 0:39

    Geht mir aber irgendwie auch so. Den Zynismus fängt man sich eh immer wieder ein.

  8. 5.01.2007 | 9:29

    @Rayson

    Ja. Beachte aber die allgemeinen Preissteigerungen. Danke.

    @Karsten

    Das geht mir auch so. Zumal ich das Wählen auch einmal als Farce erlebt habe, mit Lokalverbot für kontrollwillige Bürger im Wahllokal zum Zeitpunkt der Urnenöffnung. Das erste Mal freie Wahl 1990, da war ich gleich Wahlhelfer, und der Akt des Wählens war tatsächlich etwas Besonderes, weil irgendwie grad selbst Erkämpftes.

    Statt der Wahlcomputer sind sowieso viel intelligentere und transparentere Lösungen denkbar. Es gibt längst Spezialstifte mit eingebautem Scanner, wenn man damit auf einem speziell bedrucktem Papier etwas ankreuzt, wird das per Scanner erkannt, und das Ergebnis kann, per eingebautem Mobilfunksender, sofort an einen Server geschickt werden. Das angekreuzte Papier wirft man dann wie üblich in die Urne - und fertig.
    So hat man nachvollziehbare Papierprozesse und schnelle elektronische Ergebnisse, die im Zweifelsfall gegeneinander abgeglichen werden können. Einen Computer braucht man dann nicht als Eingabegerät.

  9. 5.01.2007 | 9:30

    @rayson:

    Mir ist nicht ganz klar, wo genau das Problem liegt. Sind es die unausgeräumten Sicherheitsprobleme von Wahlcomputern oder die Angst vor dem Verlust einer rituellen Handlung, deren Wert ich so wie du nicht sehen kann. Letzteres erinnert mich daher auch etwas an die frühere Maschinenstürmerei und den modernen Technikskeptizismus. Es soll sogar Menschen gegeben haben, die das Telefon für den Sargnagel der zwischenmenschlichen Kommunikation hielten. Ich persönlich könnte meine Stimme auch mit leuchtenden Augen in einen Computer eintippen, Gesetz dem Fall ich vertraue der Maschine. Was dies betrifft kann ich den Skeptikern bislang nur zustimmen.

    Aber wir haben schon ganz andere Probleme gelöst. Für mich sind Menschen, die stundenlang Wahlzettel zählen und sortieren, obwohl diese Arbeit Computer schneller und billiger machen könnten, eine Ressourcenverschwendung, die obendrein der Steuerzahler bezahlt.

  10. 5.01.2007 | 15:37

    Du willst mehr als nur ein Kreuzchen machen hin und wieder?
    Dann schreibe doch einen Deiner berühmten Offenen Briefe an Peter Gauweiler.

    Er hat dies hier losgelassen:
    “Wir müssen den Amerikanern, oder genauer gesagt der jetzigen amerikanischen Regierung, deutlich machen, dass sie nicht andere kulturelle Bestrebungen auf diesem Erdball, und es ist nicht alles automatisch Terrorismus, so ausrotten können, wie sie es mit den Apachen und den Sioux getan haben.”

    Siehe den neusten Anti-Americanism post in der Atlantic Review

    Da bieten sich doch viele satirische Kommentare ueber Karl May und Winnetou und die “deutsche Seele” an…

  11. 5.01.2007 | 15:50

    @SteffenH

    Ich sehe die Problematik bei beidem. Und ja, es gibt in Beruf und Alltag zig Beispiele von Fällen, in denen man lieber angerufen hätte als eine E-Mail zu schreiben und sich lieber persönlich getroffen hätte statt anzurufen. Das gehört so zu den Dingen, die man lernt in diesem Zoo da draußen.

    Wie die Heilige Kommunion ausgeteilt wird, ist übrigens für manche sicher auch Ressourcenverschwendung.

    @Joerg

    Du verwechselst mich.

  12. 6.01.2007 | 1:14

    Dann hat Boyson, eh, Boche die offenen Briefe geschrieben?

    Das ist das Problem mit Pseudonymen. Kann ick mir alles janicht mehr merken.

    Habe nachgesehen: Der letzte offene Brief liegt schon acht Monate zurück.
    http://www.bissige-liberale.net/category/offene-briefe/

    Mann, wie doch die Zeit verjeht.

  13. 6.01.2007 | 1:23

    Das ist das Problem mit Pseudonymen. Kann ick mir alles janicht mehr merken.

    Dafür habe ich natürlich vollstes Verständnis. Noch verwirrender wäre es, wenn dieselbe Person auch noch ihre Namen zu wechseln pflegte. Das ist aber hier auschließlich Kommentatoren vorbehalten.

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