7. Januar 2007
Freiheit, Verantwortung und anderes altmodisches Zeugs
Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle hat in seiner Rede (Paranoiker, Vorsicht! Die FDP hat noch nicht gelernt, dass man grundsätzlich keine *.doc-Formate zum Download anbietet) zum Dreikönigstreffen nicht nur das Verhalten von Managern kritisiert. Er hat vor allem Grundsätzliches zum Begriff “Freiheit” formuliert, und die Managerkritik war nur eine Konsequenz daraus.
Westerwelle wörtlich, sich auf einen Passus der “Wiesbadener Grundsätze” beziehend:
Wie konnte es eigentlich in Deutschland passieren, dass wenn ein Politiker das Wort „sozial“ ausspricht, die meisten an staatliches Geld-Ausgeben denken? Das Wort „sozial“ hieß einmal im Wortsinne „gesellschaftlich“. Also eben nicht staatlich. Das ist nach unserer liberalen Auffassung die Wurzel allen Übels: Dass Freiheit und Verantwortung getrennt wurden. Möglichst viel Verantwortung beim Staat, möglichst viel Freiheit bei den Einzelnen. So kann ein bürgerliches Gemeinwesen nicht funktionieren. Wir brauchen nicht die Freiheit von etwas, wir brauchen die Freiheit für etwas. Wir brauchen die Freiheit zur Verantwortung.
Man könnte meinen, Westerwelle hätte vorher das Buch von Abtprimas Notker Wolf, “Worauf warten wir?”, gelesen. Und ich finde es witzig, dass ausgerechnet in dem Zeitraum, in dem ich etwas zu diesem Buch schreiben wollte, das Thema so prominent wieder aktuell gemacht wird.
Notker Wolf ist der “oberste Benediktiner” mit Sitz in Rom, hat aber keine dem Papst vergleichbaren Vollmachten: Die benediktinischen Gemeinschaften leben weitgehend autonom. In seinem Buch hält er der deutschen Gegenwart gleich zwei Spiegel vor: Einmal den der asiatischen Aufsteigerländer, namentlich Chinas, zum anderen den der Benediktiner selbst. Daraus ergeben sich manchmal überraschende Einsichten zu Einstellungen und Institutionen. Besonders letztere haben es Wolf angetan, und zwar in ihrer Form als nichtgesetzliche, geschriebene und ungeschriebene Regeln, deren Wirkung er anhand von Beispielen aus der Klosterpraxis und unter Rückgriff auf christliches Denken anschaulich zu beschreiben weiß. Und so ist es vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet diejenigen, die angetreten waren, möglichst viele herkömmliche Institutionen umzustoßen, nämlich die 68er, für ihn auch Ursache vieler der von ihm beobachteten Missstände sind.
In ihrer Folge sei es in Deutschland üblich geworden, möglichst viel Verantwortung an den Staat abzutreten, um sich selbst ungeahnte Freiheiten nehmen zu können. Notker Wolf stellt der individuellen Freiheit die von den 68ern propagierte “Selbstverwirklichung” gegenüber.
Nicht individuelle Freiheit ist das Ziel der Selbstverwirklichung, sondern die Ungebundenheit dessen, der einen Freibrief in der Tasche hat. Einen Freibrief, der ihm Schuldunfähigkeit attestiert.
Ein zutiefst romantischer Ansatz in schöner deutscher Tradition, findet Wolf.
Im Vertrauen darauf, dass der gute, freie Mensch in Erscheinung tritt, wenn ihn keine Zivilisation mehr verformt und keine Autorität mehr verbiegt, glauben die Verfechter der Selbstverwirklichung, auf Moral und Gewissen verzichten zu können.
Gewissen - ok, das mag manchem zu christlich daherkommen. Aber der Mann ist schließlich Mönch.
Der Einzelne braucht nur noch auf sein reines, unverdorbenes Ich zu hören, kann ungehindert seinen Trieben, Wünschen und Träumen folgen und braucht keinen anderen Maßstab mehr gelten zu lassen als den seines eigenen Glücks. Durch keine Rücksicht an einen anderen Menschen, durch keine Verpflichtung an eine Aufgabe, durch keine Überzeugung an eine Idee gebunden zu sein, das ist die neue Freiheit.
Ist das denn nicht liberal? Nein, sagt die FDP in ihren “Wiesbadener Grundsätzen”, und Westerwelle schließt sich an. Liberale schreiben dem Einzelnen nicht vor, wie er seine Verantwortung wahrnimmt, die ihm die Freiheit auferlegt. Aber sie befreien ihn auch nicht von ihr. Wer handelt, soll die Konsequenzen daraus tragen. Das unterscheidet z.B. auch Manager von selbsthaftenden Unternehmern und Freiberuflern (vergessen wir z.B. nicht, dass der Ordoliberale Eucken die persönliche Haftung der Unternehmensleitung immer gefordert hat).
Und das erklärt auch die “plötzliche” Managerschelte Westerwelles, die manche, denen Denken in Zusammenhängen anscheinend völlig abgeht, bereits als eine Art sozial-liberalen Initiationsritus missverstehen. Westerwelle kritisiert nicht die Freiheit, Managergehälter um ein Drittel zu erhöhen. Auch nicht, wenn gleichzeitig Entlassungen verkündet werden. Aber er erkennt darin einen drastischen Mangel an Verantwortungsbewusstsein, mit dem sozusagen auf das Geschenk einer großen Freiheit nachträglich noch mal eben uriniert wird.
Notker Wolf beleuchtet ähnliche Fälle unter einem ganz anderen, aber doch in der Richtung ähnlichen Aspekt. Für ihn offenbart sich im Verhalten mancher Manager vor allem ein Mangel an Selbstachtung und der Verlust von Scham. Mangel an Selbstachtung, weil diese Menschen sich offen dazu bekennen, dass ihnen nichts zu schade ist, sich zu bereichern, dass sie jedes Gefühl für Anstand verloren haben, und dass sie sich unter Glück offensichtlich nur Absahnen und Abkassieren vorstellen können.
Und Verlust von Scham, weil Scham für Wolf eine wichtige institutionelle Funktion erfüllt, nämlich die Bindung des Menschen an Grundnormen.
Anstand, Scham, Grundnormen - sind das liberale Begriffe? Im Grunde wohl nicht, aber was meint Hayek denn, wenn er die Bedeutung evolutorisch gewachsener Regeln betont? Die werden von menschlichem Handeln und Zusammenleben ebenso hervorgebracht wie ein Markt, mehr noch, sie sind sogar die Voraussetzung dafür, dass ein Markt spontan entstehen kann. Liberale lehnen es ab, den Liberalismus mit Vorschriften aufzuladen, wie diese Regeln auszusehen haben - wie üblich kommt es ihnen da mehr auf das Verfahren an, wie sie entstehen. Aber dass es sie geben muss, daran zweifeln wohl nur Hardcore-Randianer.
Und wo führt es nach Wolf hin, wenn diese und ähnliche Institutionen so einfach gestürzt werden. Er zitiert Sloterdijk: “Alle Wege der Achtundsechziger führen in den Supermarkt.” Wenn jede Art von Wunscherfüllung ein Ausdruck individueller Selbstbestimmung ist, dann lässt sich diese nirgendwo schneller und bequemer erlangen als im Akt des Warenerwerbs. Wolf meint, “ausgerechnet der verhasste Kapitalismus hat vom Freiheitsbegriff der Achtundsechziger profitiert”. Da widerspreche ich: Er hat ihn nur konsequent bedient.
Zum Abschluss der Bogen zurück zu Westerwelles These mit einem weiteren Zitat von Wolf, das demnächst auch in unserer Zitatkiste zu finden sein wird:
Kein Staat der Welt kann die Verantwortung für eine Gesellschaft übernehmen, die von Verantwortung selber nichts wissen will.
Link: Zum selben Thema kürzer und knackiger, aber mit vergleichbarem Tenor auch Bloggerkollege Thomas Matterne.
Zwei Ergänzungen:
Eigentlich wollte ich mich ganz auf die Auseinandersetzung Wolfs mit den 68ern konzentrieren, aber da provozierte Westerwelle eben gestern meine Lust an der Herstellung von Querverbindungen. Deswegen gibt es demnächst einen Nachschlag “Notker Wolf vs. 68″ mit einer Querverbindung zu Anti- und Philosemitismus.
Ich empfehle das Buch von Notker Wolf als Anregung. Auch wenn man ihm nicht zustimmt, interessant sind seine Ansichten und Einblicke, die sich nicht auf die hier besprochene Thematik beschränken, sondern auch das Streben nach Gleichheit, Konsumgesellschaft, Suche nach der Identität, Multikultur und Wissenschaftsmoral diskutieren, allemal.
Verfasst von Rayson um 20:09 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik (Trackback)