Freiheit, Verantwortung und anderes altmodisches Zeugs

Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle hat in seiner Rede (Paranoiker, Vorsicht! Die FDP hat noch nicht gelernt, dass man grundsätzlich keine *.doc-Formate zum Download anbietet) zum Dreikönigstreffen nicht nur das Verhalten von Managern kritisiert. Er hat vor allem Grundsätzliches zum Begriff “Freiheit” formuliert, und die Managerkritik war nur eine Konsequenz daraus.

Westerwelle wörtlich, sich auf einen Passus der “Wiesbadener Grundsätze” beziehend:

Wie konnte es eigentlich in Deutschland passieren, dass wenn ein Politiker das Wort „sozial“ ausspricht, die meisten an staatliches Geld-Ausgeben denken? Das Wort „sozial“ hieß einmal im Wortsinne „gesellschaftlich“. Also eben nicht staatlich. Das ist nach unserer liberalen Auffassung die Wurzel allen Übels: Dass Freiheit und Verantwortung getrennt wurden. Möglichst viel Verantwortung beim Staat, möglichst viel Freiheit bei den Einzelnen. So kann ein bürgerliches Gemeinwesen nicht funktionieren. Wir brauchen nicht die Freiheit von etwas, wir brauchen die Freiheit für etwas. Wir brauchen die Freiheit zur Verantwortung.

Man könnte meinen, Westerwelle hätte vorher das Buch von Abtprimas Notker Wolf, “Worauf warten wir?”, gelesen. Und ich finde es witzig, dass ausgerechnet in dem Zeitraum, in dem ich etwas zu diesem Buch schreiben wollte, das Thema so prominent wieder aktuell gemacht wird.

Notker Wolf ist der “oberste Benediktiner” mit Sitz in Rom, hat aber keine dem Papst vergleichbaren Vollmachten: Die benediktinischen Gemeinschaften leben weitgehend autonom. In seinem Buch hält er der deutschen Gegenwart gleich zwei Spiegel vor: Einmal den der asiatischen Aufsteigerländer, namentlich Chinas, zum anderen den der Benediktiner selbst. Daraus ergeben sich manchmal überraschende Einsichten zu Einstellungen und Institutionen. Besonders letztere haben es Wolf angetan, und zwar in ihrer Form als nichtgesetzliche, geschriebene und ungeschriebene Regeln, deren Wirkung er anhand von Beispielen aus der Klosterpraxis und unter Rückgriff auf christliches Denken anschaulich zu beschreiben weiß. Und so ist es vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet diejenigen, die angetreten waren, möglichst viele herkömmliche Institutionen umzustoßen, nämlich die 68er, für ihn auch Ursache vieler der von ihm beobachteten Missstände sind.

In ihrer Folge sei es in Deutschland üblich geworden, möglichst viel Verantwortung an den Staat abzutreten, um sich selbst ungeahnte Freiheiten nehmen zu können. Notker Wolf stellt der individuellen Freiheit die von den 68ern propagierte “Selbstverwirklichung” gegenüber.

Nicht individuelle Freiheit ist das Ziel der Selbstverwirklichung, sondern die Ungebundenheit dessen, der einen Freibrief in der Tasche hat. Einen Freibrief, der ihm Schuldunfähigkeit attestiert.

Ein zutiefst romantischer Ansatz in schöner deutscher Tradition, findet Wolf.

Im Vertrauen darauf, dass der gute, freie Mensch in Erscheinung tritt, wenn ihn keine Zivilisation mehr verformt und keine Autorität mehr verbiegt, glauben die Verfechter der Selbstverwirklichung, auf Moral und Gewissen verzichten zu können.

Gewissen - ok, das mag manchem zu christlich daherkommen. Aber der Mann ist schließlich Mönch.

Der Einzelne braucht nur noch auf sein reines, unverdorbenes Ich zu hören, kann ungehindert seinen Trieben, Wünschen und Träumen folgen und braucht keinen anderen Maßstab mehr gelten zu lassen als den seines eigenen Glücks. Durch keine Rücksicht an einen anderen Menschen, durch keine Verpflichtung an eine Aufgabe, durch keine Überzeugung an eine Idee gebunden zu sein, das ist die neue Freiheit.

Ist das denn nicht liberal? Nein, sagt die FDP in ihren “Wiesbadener Grundsätzen”, und Westerwelle schließt sich an. Liberale schreiben dem Einzelnen nicht vor, wie er seine Verantwortung wahrnimmt, die ihm die Freiheit auferlegt. Aber sie befreien ihn auch nicht von ihr. Wer handelt, soll die Konsequenzen daraus tragen. Das unterscheidet z.B. auch Manager von selbsthaftenden Unternehmern und Freiberuflern (vergessen wir z.B. nicht, dass der Ordoliberale Eucken die persönliche Haftung der Unternehmensleitung immer gefordert hat).

Und das erklärt auch die “plötzliche” Managerschelte Westerwelles, die manche, denen Denken in Zusammenhängen anscheinend völlig abgeht, bereits als eine Art sozial-liberalen Initiationsritus missverstehen. Westerwelle kritisiert nicht die Freiheit, Managergehälter um ein Drittel zu erhöhen. Auch nicht, wenn gleichzeitig Entlassungen verkündet werden. Aber er erkennt darin einen drastischen Mangel an Verantwortungsbewusstsein, mit dem sozusagen auf das Geschenk einer großen Freiheit nachträglich noch mal eben uriniert wird.

Notker Wolf beleuchtet ähnliche Fälle unter einem ganz anderen, aber doch in der Richtung ähnlichen Aspekt. Für ihn offenbart sich im Verhalten mancher Manager vor allem ein Mangel an Selbstachtung und der Verlust von Scham. Mangel an Selbstachtung, weil diese Menschen sich offen dazu bekennen, dass ihnen nichts zu schade ist, sich zu bereichern, dass sie jedes Gefühl für Anstand verloren haben, und dass sie sich unter Glück offensichtlich nur Absahnen und Abkassieren vorstellen können.

Und Verlust von Scham, weil Scham für Wolf eine wichtige institutionelle Funktion erfüllt, nämlich die Bindung des Menschen an Grundnormen.

Anstand, Scham, Grundnormen - sind das liberale Begriffe? Im Grunde wohl nicht, aber was meint Hayek denn, wenn er die Bedeutung evolutorisch gewachsener Regeln betont? Die werden von menschlichem Handeln und Zusammenleben ebenso hervorgebracht wie ein Markt, mehr noch, sie sind sogar die Voraussetzung dafür, dass ein Markt spontan entstehen kann. Liberale lehnen es ab, den Liberalismus mit Vorschriften aufzuladen, wie diese Regeln auszusehen haben - wie üblich kommt es ihnen da mehr auf das Verfahren an, wie sie entstehen. Aber dass es sie geben muss, daran zweifeln wohl nur Hardcore-Randianer.

Und wo führt es nach Wolf hin, wenn diese und ähnliche Institutionen so einfach gestürzt werden. Er zitiert Sloterdijk: “Alle Wege der Achtundsechziger führen in den Supermarkt.” Wenn jede Art von Wunscherfüllung ein Ausdruck individueller Selbstbestimmung ist, dann lässt sich diese nirgendwo schneller und bequemer erlangen als im Akt des Warenerwerbs. Wolf meint, “ausgerechnet der verhasste Kapitalismus hat vom Freiheitsbegriff der Achtundsechziger profitiert”. Da widerspreche ich: Er hat ihn nur konsequent bedient.

Zum Abschluss der Bogen zurück zu Westerwelles These mit einem weiteren Zitat von Wolf, das demnächst auch in unserer Zitatkiste zu finden sein wird:

Kein Staat der Welt kann die Verantwortung für eine Gesellschaft übernehmen, die von Verantwortung selber nichts wissen will.

Link: Zum selben Thema kürzer und knackiger, aber mit vergleichbarem Tenor auch Bloggerkollege Thomas Matterne.

Zwei Ergänzungen:

Eigentlich wollte ich mich ganz auf die Auseinandersetzung Wolfs mit den 68ern konzentrieren, aber da provozierte Westerwelle eben gestern meine Lust an der Herstellung von Querverbindungen. Deswegen gibt es demnächst einen Nachschlag “Notker Wolf vs. 68″ mit einer Querverbindung zu Anti- und Philosemitismus.

Ich empfehle das Buch von Notker Wolf als Anregung. Auch wenn man ihm nicht zustimmt, interessant sind seine Ansichten und Einblicke, die sich nicht auf die hier besprochene Thematik beschränken, sondern auch das Streben nach Gleichheit, Konsumgesellschaft, Suche nach der Identität, Multikultur und Wissenschaftsmoral diskutieren, allemal.

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41 Kommentare zu “Freiheit, Verantwortung und anderes altmodisches Zeugs”

  1. 7.01.2007 | 20:53

    Hallo Rayson,

    es bleibt dann aber doch die Frage, warum Westerwelle dieses Thema gerade auf einem Treffen der Partei anspricht, wo ein neues Programm für die Zukunft der Partei von ihm erwartet wird. Seine Aussage gegen die Manager liest sich daher weniger wie eine Analyse der gesellschaftlichen Zustände, sondern mehr wie eine Formulierung, mit der Politik dagegen vorgehen zu wollen.

    Wie du ja selbst schon schreibst, eignet sich “Verantwortung” nicht dazu, durch Gesetze gewaltsam durchgesetzt zu werden, wenn sie nicht ohnehin schon in den Herzen und Köpfen der Bürger vorhanden ist. Denn in einer liberalen Gesellschaft hätte auch jedermann das Recht, seine Freiheiten ohne Rücksicht voll auszunutzen. Wenn die Freiheit an Bedingungen geknüpft ist, ist sie ja keine mehr.

    Meine persönliche Meinung, die die Diskussion um die Mohammed-Karikaturen bzw. Popetown bestätigt hat, ist die, dass die Diskussion rund um die verantwortungsvolle Freiheit nur dazu dient, die Freiheit weiter einzuschränken. Das diese Entwicklung dann auch vor der FDP nicht halt macht und diese weiter zu den anderen gleichgeschalteten “sozialdemokratischen” Parteien driftet, ist nur logisch.

    Liebe Grüße,
    ChrisM

  2. 7.01.2007 | 21:02

    Chris,

    dass man je nach persönlicher Voreingenommenheit (was ich nicht abwertend meine, sondern für jeden als Fakt voraussetze) hinter Politikeraussagen verschiedene “hidden agendas” vermutet, ist wohl leider auch eine der Erfahrung geschuldete Einstellung.

    Wenn es denn so wäre, wie du vermutest, nämlich dass auch bei Westerwelle der Reflex regiert, jedes Missverhältnis gesetzgeberisch regeln zu wollen, wäre das tatsächlich ein Verrat an dem, worauf er sich beruht. Ich glaube das aber nicht.

  3. 7.01.2007 | 23:16

    Aus dem Nähkästchen: in seiner Bonner Kanzelrede in der evangelischen Kreuzkirche am 22.10.2006 hat Westerwelle das Prinzip von Freiheit und Verantwortung wieder einmal erklärt und explizit auf Notker Wolf verwiesen und diesen auch schon zitiert. Das Thema insgesamt begleitet ihn mindestens seit der Formulierung des Wiesbadener Grundsatzprogrammes.

    Ich kann daher in der ganzen Diskussion und auch der Rede von gestern nicht allzuviel neues entdecken. Es ist die Bestätigung der alten Grundsätze, wenn auch mit neuen Beispielen aus der Praxis.

  4. admin
    7.01.2007 | 23:23

    Danke für den Hinweis, Julius! Die FDP-Gehirnwäsche scheint zu wirken: Ich beginne, wie der Vorsitzende zu denken…

  5. admin
    7.01.2007 | 23:24

    admin = Rayson…

  6. 7.01.2007 | 23:29

    Vielleicht noch zur Erklärung: Ich habe Notker Wolfs Buch erst einen Tag vor Weihnachten gelesen (fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges gekauft, damit die siebenstündige Fahrt nicht zu langweilig werde) und kannte die Kanzelrede, das Parteiausschlussverfahren komme über mich, natürlich nicht…

  7. 7.01.2007 | 23:44

    Für die Paranoiker, die mit Linux arbeiten — quick-and-dirty :-)

    strings -e S Westerwelle_FDKDreikoenig07.DOC | awk ‘/bjbj0/,/PAGE/’ > temp.txt && iconv -f latin1 -t utf8 temp.txt > redetext.txt

  8. 7.01.2007 | 23:49

    Gern geschehen. Und das Parteiausschlußverfahren möge vorher über manch andere niedergehen. Ich hätte da eine sicher unvollständige Liste im Kopf von Parteifreunden, die im Zweifel noch nicht mal einen einzigen Flyer der Partei gelesen haben, geschweige denn eine Rede aufmerksam verfolgt hätten. Und dann kommen halt solche seltsamen Äußerungen einzelner zustande zum Libanon-Einsatz, zum Schornsteinfeger- und Apothekermonopol, zum staatlichen Schutz von Karstadt-Mitarbeitern, etc…

  9. 7.01.2007 | 23:49

    Du Nerd, du… OO tut es eigentlich auch, aber GUIs sind was für Weicheier, nicht wahr? ;-)

  10. 8.01.2007 | 0:02

    Nein, das stimmt so nicht (ich arbeite ja auch mit IDEs und Satzprogrammen).

    Aber es ist doch interessant, in der Word-Datei zu finden, dass Frau Stein das Dokument wohl zuletzt auf einen Lexmark Z65 gedruckt hat ;-)

  11. 8.01.2007 | 0:07

    Bis auf den Lexmark steht das auch so in den Datei-Eigenschaften… Bei mir sieht man das übrigens nur, wenn ich awk weglasse (das übrigens auch das Zeichen “‘” anmeckert und stattdessen “‘” will…) - dafür steht dann da auch anderer Formatierungs-”Müll”.

  12. 8.01.2007 | 0:14

    Das Problem mit dem ‘ liegt vermutlich am ‘copy-and-paste’ aus dem Browserfenster in das Fenster mit der Shell.

    Nein, die FDP sollte sich nur mal ein OpenOffice 2.x zulegen und die Reden dann einfach als PDF exportieren. Es ist schon deshalb riskant, »Word«-Dateien freizugeben, weil sie manchmal frühere Versionen der Rede enthalten können. Und das wäre dann wohl doch nicht gewünscht. OpenOffice exportiert nur das als PDF, was man auch wirklich exportieren will.

  13. 8.01.2007 | 0:32

    Eben, genau das wäre vernünftig. Die meinen vielleicht, es sei besonders nützlich, mehrere Formate anzubieten - siehe Link zu den “Wiesbadener Grundsätzen”, wo neben dem proprietären Word-Format auch RTF und, man lese und staune, AmiPro angeboten werden. Dabei ist PDF mittlerweile Standard und mittels kleinen Helferlein wie FreePDF (wo dann eigentlich Ghostscript dahinter steckt) auch aus altem MS Office problemlos erzeugbar.

  14. 8.01.2007 | 2:03

    Warum wird bei einem so interessanten Beitrag letztlich nur Nerd-Zeugs verhandelt? Und warum ist dvi nicht Standard?

  15. 8.01.2007 | 6:25

    Sorry, David. Nach der Bemerkung mit den DOC-Dateien im Artikel konnte ich nicht widerstehen ;-)

    Mal kein Nerd-Zeugs: Die FDP will es mit diesen Formaten wahrscheinlich ihren lokalen Parteigruppen einfacher machen. Vermutlich hat da mal einer eine Umfrage gemacht und die drei am häufigsten genannten Formate werden nun verteilt.

    Warum ist dvi nicht Standard? Weil es eine LaTeX-Installation voraussetzt, in der alle verwendeteten Fonts (und weitere Informationen) korrekt abgelegt sind. Also ist es auch für LaTeX-Anwender angeraten, PDF als Zielformat zu verwenden. Aber ich wollte ja nicht wieder in Nerd-Zeugs abgleiten ;-)

  16. 8.01.2007 | 10:00

    Wenn sich ein Politiker in Deutschland hinstellt und die Verantwortungslosigkeit von Managern anprangert, dann verstehen das die Leute meiner Ansicht nach so, dass er staatliches Eingreifen gegen dieses Phänomen fordert. Egal, was er eigentlich meinte.
    Oder noch schlimmer: Sie denken, er würde so tun, als ob er staatliches Eingreifen fordern, es aber nicht ernst meinen, weil er Westerwelle heißt und seine Partei für die Interessen “der Wirtschaft” eintritt.

    Ich habe keine Ahnung, ob ein sinnvoller Dialog zwischen Politik und Gesellschaft durch all die Denkschablonen hindurch überhaupt noch möglich ist.

  17. 8.01.2007 | 10:36

    @ stefanolix
    6 Uhr 25? Ok, die Kommandozeile kann ich mir vorstellen:
    at -f posttoblog 6:25

  18. 8.01.2007 | 13:01

    Warum geht denn hier keiner auf das ein, was z.B. über Scham und andere, moralphilosphische Grundbegriffe da oben steht? Das ist ja außerordentlich, was Rayson da schreibt.

    Jetzt mal die Analyse der ‘68er außen vor, das sind ja die alten Hüte von den verlotterten Gammlern und hat mit dem Begriff der “Selbstverwirklichung” auch nicht allzu viel zu tun - das, was der Benediktiner da sagt, muß doch eigentlich Stachel im Fleische jener sein, die Welt als zusammengesetzt aus Individuen, die nur und ausschließlich nach ihrem individuellen Nutzenkalkül agieren und als Freiheit normalerweise bestimmen, daß niemand sie daran hindert?

  19. 8.01.2007 | 13:13

    Muss es meines Erachtens nur dann, wenn man “individuellen Nutzen” so verkürzt wie z.B. die Rand-Jünger. Ansonsten ist dieser Begriff schon sehr breit - ich ziehe z.B. einen großen Nutzen daraus, wenn ich mit einer Spende dazu beitrage, dass irgendwo Umwelt geschützt oder Armut bekämpft wird.

    Und weiterhin könnte man mit Hayek behaupten, dass auch diese, sagen wir individuell selbstbeschränkenden Institutionen durch solche Nutzenkalküle überhaupt erst evolutorisch entstanden sind.

  20. 8.01.2007 | 13:13

    Warum geht denn hier keiner auf das ein, was z.B. über Scham und andere, moralphilosphische Grundbegriffe da oben steht?

    Weil wir auf dich warten wollten.

  21. 8.01.2007 | 13:50

    Vielleicht noch zur Erklärung: Ich habe Notker Wolfs Buch erst einen Tag vor Weihnachten gelesen

    Aha, Du bist mir also 7 Tage voraus.

    Eine Aussage besteht aber aus mehr als der Syntax und der Semantik der einzelnen Worte. Wenn ein Politiker in neiner politischen Rede, in der er unzählige politische Forderungen stellt, etwas sagt, ist das etwas anderes als die Meinung eines einzelnen. Das Problem wird auf einer anderen Ebene diskutiert. Eben nicht auf der gesellschaaftlichen, sondern der politischen. Die Formulierung “nicht hinnehmbar” beinhaltet ja bereits den Wunsch von Zwangsmaßnahmen. Das sind keine “hidden agendas”, es ist schlicht nicht anders zu verstehen.

    Wie Rayson bei der Antwort auf ChrisM schon betont hat, ist dies die Verkehrung von Wolfs Thesen: Der Staat regelt und übernimmt die Verantworrtung. Oder in den Worten von Camus: “Wenn die Zuhälter und Diebe immer und überall verurteilt würden, hielten sich ja alle rechtschaffenen Leute ständig für unschuldig! Und meiner Meinung nach muß gerade das verhindert werden.”

  22. 8.01.2007 | 14:41

    @Rayson:

    Das ist aber kein wirkliches Eingehen auf den Benedektiner … ich vermute, daß es bei dem auch den Anderen gibt, den man nicht nur nützlich findet. Obwohl ich gestern bei diesem Kolumbianer, über den wir bei mir drüben quatschten und dessen Name mir gerade nicht einfällt, gestern gerade gelesen habe, heutzutage sei der Andere einfach an die Stelle Gottes gesetzt worden … Levinas sieht das, glaube ich, auch so, und findet’s gut.

    Auch Glauben aus Nützlichkeitserwägungen - um z.B. das Reich Gottes dann betreten zu dürfen - würde er vermutlich zurückweisen, der Benediktiner. So ähnlich ist das auch in Sachen Moral. Und genau das ist dann auch der Unterschied zwischen Kontraktualismus und Moral.

    @Boche:

    Das ist doch öde - mach doch mal was selbst. Geht doch hier gerade um Eigenverantwortung, und dann doch wieder alles auf die Linken schieben … ;-)

  23. 8.01.2007 | 14:41

    @Dirk

    Ich bin da, was diese Einschätzung betrifft, sehr auf der oben skizzierten Linie Boches.

  24. 8.01.2007 | 14:44

    @MR

    Ich finde, du definierst “Nutzen” immer noch zu eng. Aber wir brauchen das Wort auch nicht - mir ist der “Nutzen” des Einzelnen so egal wie dessen “Nichtnutzen”, Hauptsache, er hat die Freiheit, dementsprechend zu handeln.

    Dann ergeben sich die scheinbar “unnützen” Institutionen wie von selbst.

  25. FG
    8.01.2007 | 14:47

    Ich hab´s schon im Sommer im Biergarten gelesen, ätsch!

    Ein durch und durch bemerkenswertes Buch, wahrscheinlich weil er ohne (partei-)politische Scheuklappen und ideologische Denkverbote vom Kern seiner christlichen Überzeugung heraus schreibt: der Mensch ist gleichermaßen frei in seinem Handeln aber eben auch verantwortlich für sein Handeln.
    Das Buch ist so erfreulich frisch von der Leber weg geschrieben, dass man auch Fehler und Ungenauigkeiten verzeihen kann (so scheinen ihm z.B. in sachen Moscheeneubau Sendling einige Fakten nicht bekannt zu sein und auch bei irgendwelchen Zahlen scheint er nicht die besten Quellen gehabt zu haben - ich glaube es hatte was mit der Staatsquote oder so zu tun, hab das Buch jetzt grade nicht zur Hand).

    @Rayson - genau so hatte ich das mit der Nutzenmaximierung auch von Anfang an verstanden. Leider gibt es zu viele Ökonomen, die das entweder wirklich enger sehen oder die nicht in der Lage sind mit diesem offenen und weit gefaßten Nutzenkonzept positiv Werbung für die Ökonomnie und ökonomisches Denken zu machen.

  26. FG
    8.01.2007 | 14:53

    @MR - Glaube aus Nützlichkeitserwägungen zur Erlangung des Himmelreichs würde Notker Wolf mit Sicherheit zurückweisen, aber wohl eher weil das vom theologischen Standpunkt aus nicht so einfach funktioniert. Aber dass man als Christ “das Himmelreich anstrebt” und sich dabei auch noch gut fühlt, das würde er wohl kaum ablehnen. Und grade so etwas umfasst Raysons Nutzenbegriff eben auch (vermute ich zumindest).

  27. 8.01.2007 | 16:29

    @FG

    Ist nicht “mein” Nutzenbegriff, den du da richtig einordnest, sondern meiner Auffassung nach der normale ökonomische.

  28. 8.01.2007 | 16:47

    @FG:

    “Aber dass man als Christ “das Himmelreich anstrebt” und sich dabei auch noch gut fühlt, das würde er wohl kaum ablehnen.”

    Aber sowas wie “Glauben” tut man doch ganz unabhängig davon, wie man sich dabei fühlt oder was man davon hat …

  29. 8.01.2007 | 16:52

    Das “Glauben” an sich vielleicht, das Handeln danach weniger.

  30. 8.01.2007 | 16:56

    Nö, glaube ich nicht …

  31. 8.01.2007 | 17:04

    Ich schon. Das, was meiner Überzeugung nach eine “Leben in Nachfolge Jesu” verlangt, geschieht z.B. bei mir wirklich nicht automatisch. Ich muss mich dazu aufraffen, “das Kreuz auf mich nehmen”. Sowas tut man nur, wenn man daraus einen Nutzen zieht. Keinen monetären, keinen bilanziellen. Es reicht das Gefühl, das “Richtige” getan zu haben.

  32. FG
    8.01.2007 | 17:07

    Da stellt sich die Frage, was man unter “Glauben” versteht. Mit dem Herunterrasseln des Glaubensbekenntnisses ist es nach meiner Auffassung noch nicht getan. Es ist doch vielmehr eher eine aktive Zuwendung zu einer Weltanschauung. Jeder ist frei, sich der Weltanschauung zuzuwenden, die er für gut, richtig oder glaubwürdig oder was weiss ich hält und nach den Grundsätzen dieser Weltanschauung zu handeln. Und ich glaube, dass sich die meisten Menschen “gut” dabei fühlen, wenn sie sich der weltanschauung zuwenden, die sie als richtigste, beste oder am glaubwürdigsten betrachten. Sonst würden sie es ja nicht tun.

  33. 8.01.2007 | 17:33

    @FG:

    Klar, das ist die richtige Anschlußfrage, aber die falsche Conclusio, glaube ich. Ich habe da ja meinerseits auch eine Variante des Christentums im Kopf (die’s analog dazu auch in anderen Religionen gibt), die wohl am besten als “Mystik” umschrieben werden könnte. Also eher die kontemplative Variante, nicht jene des aktiven Regelbefolgens. Religion ist für mich kein Regelwissen, womit ich mich von allen mir bekannten Orthodoxien wahrscheinlich drastisch unterscheide. Ich habe da schon was von, klar, fühle mich dadurch auch zu Hause in dieser Welt und habe das Grundgefühl, das immer das Richtige zur richtigen Zeit in meinem Leben passiert. Aber das ist nicht der Grund, aus dem ich glaube.

    @Rayson:

    Das habe ich - denke ich - im Bezug auf das Regelwissen beantwortet?

    Um vielleicht noch mal auf die Moral zu kommen, die hat meines Erachtens mehr mit Praxis zu tun: Ich kann mich an einen Vertrag halten, weil ich sonst rechtliche Sanktionen fürchte. Oder weil alle es so machen. Oder weil ich der Überzeugung bin, daß nur so der Kapitalismus funktioniert und ich etwas davon habe, daß er funktioniert. Oder aber, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, daß es aus Respekt einem Anderen gegenüber richtig ist, mich daran zu halten. Nur letzteres ist Moral im engeren Sinne. Dann ist der Andere der Grund und nicht, wie ich mich dabei fühle. Manche vertreten dann, daß es sich bei Scham- und Schuldgefühlen um “innere Sanktionen” handeln würde. Ich glaube, sie sind eher Indikatoren dafür, daß es sich bei den entsprechenden Regeln um moralische handelt.

    Diesen Respekt dann freilich kann man auch religiös herleiten, das geht aber parallel …

  34. 8.01.2007 | 17:54

    @MR

    Und du glaubst, dass diese Moral irgendwie “aus dir selbst heraus” entsteht? Oder ist das nicht vielmehr eine Art ererbtes Wissen?

  35. 8.01.2007 | 18:25

    @Rayson:

    Rein ererbtes Wissen ist konventionelle Moral. Postkonventionelle gewinnt man

    a.) aus dem Umgang mit anderen Menschen, indem man z.B. zur Emphatie befähigt ist, lernt, was einem selbst und anderen weh tut, schadet etc. und

    b.) schon auch aus Nachdenken, Rationalität. Wobei der Weg häufig eher negativ verläuft, indem man z.B. fest stellt, welche Regeln einfach keinen Sinne machen dann, wenn man sich nicht auf “höhere Wahrheiten” beruft. Aber ebenso, indem man gute Gründe für interpersonale Regeln findet, die immer dann moralische sind, wenn’s einem um den Anderen geht. Über einen Kernbestand von Regeln und Prinzipien kommt man da zumeist nicht hinaus.

    Schwierig wird es dann, wenn man anfängt, positive und negative Pflichten und Pflichten gegenüber sich selbst zu diskutieren. Der Appell an Eigenverantwortung z.B. ist ja einer, der als Forderung nach der Pflichterfüllung gegenüber sich selbst formuliert wird. Ich weiß nicht, ob das wirklich im moralischen Sinne begründbar ist, im funktionale Sinne kann man’s probieren.

    Auch positive Pflichten sind schwierig zu begründen - aber sowas wie unterlassene Hilfeleistung leuchtet ja unmittelbar ein als Verstoß gegen eine positive Pflicht.

  36. 8.01.2007 | 18:27

    Dann, MR, muss ich gestehen, dass ich nur zu konventioneller Moral fähig bin. Zumindest krieg ich keine postkonventionelle hin. Da geht’s mir dann wie dem Erfinder bei der Bosch-Waschmaschinenwerbung: Gibt’s schon.

  37. 8.01.2007 | 21:04

    @rayson:

    Quatsch, Dein aktueller Beitrag zu ‘68 oben, den ich ja super finde, wirklich, habe ich mich drüber gefreut, ist der Versuch, eine konventionell gewordene, liberale Binnenmoral aufzusprengen, die irrtümlicherweise glaubt, universell agieren zu dürfen. Indem man ihrer Begründung etwas Anderes entgegenstellt bzw. Begründung mal wieder einfordert. Deine ganze Diskussionen mit Boche über die Palästinenser-Israel-Thematik war angewandte Diskursethik. Und zur Emphatie bist Du auch fähig. Nun mal nicht kokett werden.

  38. 8.01.2007 | 21:21

    @MR

    Ich nehme ja Komplimente gerne entgegen, egal von welcher Seite, und von dir ganz besonders, aber ich bleibe dann doch im Konventionellen, nämlich dem bürgerlich-christlich Überlieferten, das ich als Institution bis in die 60er Jahre verfolgen kann. Das mag für heutige Ohren ungewohnt und neu klingen, aber warum das so sein könnte, dazu wollte ich eben etwas sagen.

    Und auch meine Empathie, so sie spürbar sein sollte, ist einem ganz bestimmten Vorbild geschuldet. Es lebe also die Konvention!

  39. 9.01.2007 | 0:41

    Lieber Rayson,

    was Du da Westerwelle alles unterstellst, wie er angeblich intellektuell seine Rede unterfüttert ist sehr weit hergeholt. Bei der Erklärung seiner Managerschelte liegst Du daneben, da geht es höchstens um billigen Applaus bzw. billige Schlagzeilen. Wenn es um Strategie geht, dann höchstens darum sich bei der SPD koalitionsfähig zu machen. Intellektuelle Herleitungen (Wiesbadener Grundsätze) sind da leider fehl am Platze.

  40. 9.01.2007 | 8:57

    @Rayson:

    Ich vermute mal, daß Deine Variante des Konventionellen eine des Postkonventionellen ist, die darauf reagiert, daß bestimmte Formen des Postkonventionellen selbst konventionell geworden sind ;-) … so kann man den obigen Text tatsächlich lesen.

  41. 9.01.2007 | 11:58

    @Oliver

    So schlimm ist es schon?

    Aber selbst wenn Westerwelle persönlich es gaaaaanz anders gemeint haben sollte (was ich - auch ganz ehrlich gesagt - nicht glaube), es passt. Ich habe in einem anderen Beitrag schon mal mein Unbehagen darüber geschildert, dass zu viele meinen, die bewusste Lücke, die der Liberalismus lässt, dürfe nicht gefüllt werden. Das Gegenteil ist der Fall.

    @MR

    Wenn ich mich von meinem Drehwurm erholt habe, kann ich dir vielleicht zustimmen ;-)

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