Wackere Deutsche 1968 und heute

Was wollten die 68er? Ist es ein Zufall, dass die Autoren von gleich drei Büchern, die ich über den Jahreswechsel gelesen habe, sich diese Frage zumindest indirekt stellten? Bevor ich wie versprochen (oder angedroht) zu Notker Wolf komme, gebe ich die Eindrücke zweier anderer Beobachter wider.

Da wäre zunächst Rolf Dahrendorf, der in “Versuchungen der Unfreiheit” die 68er Bewegung als fatalen Einschnitt im Leben und Denken seiner “Erasmier” (also den “enagierten Beobachtern”, die den Versuchungen Faschismus und Kommunismus nicht nachgaben) wie Raymond Aron, Hannah Arendt, Isaiah Berlin oder Jeanne Hersch beschreibt. Obwohl sie den Protesten anfangs positiv gegenüberstanden, verursachten diese bei ihnen eine Art Schock. Dahrendorf schreibt dazu:

Warum traf [der Schock der Ereignisse] insbesondere bedeutende Hochschullehrer so stark? Die Antwort ist wohl, dass die Demonstrationen und Besetzungen, die Slogans und endlosen Debatten gleich mehrere Werte und Institutionen trafen, die für die grossen(sic!) öffentlichen Intellektuellen der Zeit sakrosankt waren. Revolutionäre waren die Rebellierenden nicht, denn hinter ihnen stand keine nachhaltige Kraft und vor ihnen lag kein Horizont neuer Ideen. Mit Recht nannte Aron sein unmittelbar nach den Ereignissen geschriebenes Buch, La Révolution introuvable, die unauffindbare Revolution. Aber eine Rebellion war es doch, und die Institutionen, an denen die Rebellen mehr oder minder kräftig rüttelten, erwiesen sich als erstaunlich zerbrechlich.

Und später:

Möglicherweise am tiefsten traf die Erasmier unter den Intellektuellen die frontale Attacke auf die Vernunft. … Es war eine ungeheuer geschwätzige Rebellion, in der alle Kritik im klassischen Sinn zugunsten von Formeln suspendiert wurde. Das Ende des Diskurses führte denn auch folgerichtig erst zur “Gewalt gegen Sachen” (die doch immer auch Gewalt gegen Institutionen und damit Menschen ist), dann zu Kaufhausbränden, Politikermorden und der Selbstvernichtung.

Es sei aber nicht verschwiegen, dass Dahrendorf durchaus anerkennt, die Bewegung have für einen “Modernitätsschub” gesorgt, “zu dem Frauenemanzipation und Wissensgesellschaft, Bürgerinitiativen und Umweltbewusstsein, Toleranz gegenüber anderen und Interesse am Entfernten gehören”. Er sieht als Konsequenz aber auch den “Einbruch des Relativismus und des Fundamentalismus in die aufgeklärte Welt der offenen Gesellschaft”. Was die Folgen angeht, sind wir heute wohl alle ein wenig “Kinder der 68er”, auch ihre schärfsten Kritiker.

Den Mangel an einer konkreten Perspektive beklagt auch Joachim Fest im Kapitel der “Begegnungen” über Ulrike Meinhof. Er beschreibt, wie er in den privaten Debatten, die beide immer wieder vor dem Untertauchen Meinhofs führten, stets versuchte, darüber Klarheit zu gewinnen, stattdessen aber nur Kritik am Bestehenden zu hören bekam.

Gewiß konnte sie viele gute Gründe gegen die bestehenden Verhältnisse anführen, doch war, was immer sie dagegen aufbot, seltsam perspektivlos, und ich fühlte mich wieder einmal an die Zerstörungslaune dieser Generation erinnert und ihren gänzlichen Mangel an konstruktiver Phantasie. Sie wußte die Schwächen und inneren Widersprüche der Gesellschaft scharfsinnig zu benennen, doch für das, was an deren Stelle treten sollte, hatte sie lediglich Phrasen bereit.

Fest erwähnt auch ein kurzes, aber um so skurrileres Zusammentreffen mit Rudi Dutschke, von dem er etwas über seine “näheren Etappenziele” erfahren wollte und “wie sich das stückweise Erreichte ins Ganze der neuen Gesellschaft einfügen sollte”. Stattdessen bekam er, so Fest wörtlich, eine “Predigt” zu hören.

Als er sich ein Glas Wasser holte, steckte ich meinen leergebliebenen Notizzettel ein. Bei der Rückkehr zum Tisch blieb Dutschke stehen und redete gleichsam von oben wie aufgedreht auf mich herunter. “Keine Verkündigungen, bitte”, unterbrach ich, “ich hatte schon genug davon!” Dutschke gab sich überrascht: “Dann wollen Sie wohl sagen, wir sollten das Gespräch beenden?”, meinte er. “Wir haben es nicht einmal begonnen”, entgegnete ich und verabschiedete mich. Die Begegnung hatte keine zehn Minuten gedauert.

Interessant aus meiner Sicht, dass auch Notker Wolf der 68er Bewegung zunächst offen entgegentrat. Er sah in ihr den Ausdruck eines Wunsches nach Freiheit in einer sehr autoritären Umgebung mit “anmaßenden Staatsorganen” und “aufgeblasenen Respektspersonen” und weiß das aus seinem Klosterleben auch zu berichten. Ihn befremdete dann jedoch schnell die weitere Entwicklung. Die Demonstrationen waren für ihn “Gesinnungsshows” und “kollektive Einübung in Selbstgerechtigkeit”. Um so mehr, als sie sich mit Verhältnissen befassten, die von Deutschland aus gar nicht zu ändern waren, z.B. dem Vietnamkrieg. Auch die Unterdrückung anderer Meinungen in den “Diskussionen” ließ ihn zu der Überzeugung kommen, dass speziell in Deutschland die 68er Bewegung eine ganz andere Motivation hatte.

In Wirklichkeit sei sie eine Reaktion auf die Gräuel des Nationalsozialismus. Genauer: der Versuch, eine Schuld aus der Welt zu schaffen, die ihr, der 68er Generation, zu schaffen machte. Man wollte den Makel des Nationalsozialismus und von Auschwitz quasi durch Selbsterlösung entfernen.

Indem die 68er sich selbst zu Opfern eines sie umgebenden, allgegenwärtigen Faschismus erklärten, inszenierten sie den Faschismus “virtuell” nach, “um noch einmal zu erleben, was die Väter erlebt hatten, um dann, im Unterschied zu ihnen mit sauberen Händen und weißer Weste daraus hervorgehen zu können.” So blieb die Schuld bei den Vätern, und der Opfernimbus ermöglichte einen Neuanfang unter moralischen Vorzeichen. So Notker Wolf.

So falsch scheint mir diese Sicht nicht zu sein, denn man sieht heute nicht nur die Folgen, sondern denselben Mechanismus auch wieder in Aktion, allerdings an vielleicht überraschender Stelle. Zu den Folgen wäre zu sagen, dass Wolfs These sehr gut geeignet ist zu erklären, warum ausgerechnet die erste deutsche Regierung mit Wurzeln bei den 68ern auch erstmals wieder deutsche Soldaten in den Krieg geschickt hat. Sie meinte es zu dürfen, weil sie durch die oben beschriebene Selbsterlösung generell entschuldigt war. Und sie meinte es zu müssen, weil ihr allein das Recht zustand, faschistische Gefahren zu definieren. Im wahrsten Sinn des Wortes “flugs” lag Auschwitz im Kosovo, und die Kriegsteilnahme war ein weiterer Akt heroischen deutschen Widerstands. Man ist versucht, an einen Aphorismus von Johannes Groß zu denken:

Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus wächst seit 1945 von Tag zu Tag.

Der Mechanismus, der da so nützlich wirkt, ist aber auch woanders am Werk zu sehen, vor allem in der Blogosphäre, auch in deren eng benachbarten Zonen. Es scheint manche für manche Deutsche ein ähnlicher Akt der Reinigung zu sein, wenn sie überall Antisemitismus wittern und sich bedingungslos auf die Seite der Politik israelischer und amerikanischer Hardliner stellen. Auch dieses Verhalten könnte man als Versuch deuten, die Last der deutschen Geschichte auf die Schultern der jeweils “anderen” zu schieben, indem man sich möglichst vernehmbar verbal mit den Opfern historischer deutscher Grausamkeit solidarisiert. Den Konjunktiv verwende ich, weil ich das nicht allen unterstellen will, die sich so positionieren, aber bei einigen ist es eigentlich unüberseh- und hörbar.

Das Spiegelbild dazu besteht dann aus denen, die meinen, ausgerechnet wegen Auschwitz die Israels Existenz bedrohenden Handlungen von Staaten und Terrorgruppen ignorieren zu müssen, aber hinter sämtlichen Taten der israelischen Armee aber einen neuen Faschismus aufscheinen sehen.

Wo so selbstexkulpierend moralistisch geschwafelt wird, ist eine Diskussion nicht mehr möglich. Es gibt wohl Leute, die auch genau das wollen.

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31 Kommentare zu “Wackere Deutsche 1968 und heute”

  1. 8.01.2007 | 14:54

    Es scheint manche für manche Deutsche ein ähnlicher Akt der Reinigung zu sein, wenn sie überall Antisemitismus wittern…

    Sicher hast du nicht Unrecht. Aber ich frage mich gerade, ob das in den zwanziger und dreißiger Jahren* so oder so ähnlich nicht auch so Manchem vorgehalten wurde.
    Will sagen: Die Warnung vor zu schnellem, vermeintlichen Erkennen von Antisemitismus kann auch nach hinten losgehen.

    * Nicht für Rayson aber für die, die in meinen Satz etwas hineinlesen möchten:; Nein, ich will damit nicht behaupten, dass Deutschland die nächste nationalsozialistische Machtübernahme droht oder bevorsteht.

  2. 8.01.2007 | 15:00

    Das Gleiche gilt dann aber auch für jene, die überall “faschistoide” Tendenzen am Werk sehen.

    Wir leben eben, wie du richtig bemerkst, nicht in den Zwanzigern oder Dreißigern.

  3. 8.01.2007 | 15:06

    Selbstverständlich gilt das für alle Seiten.

    Wir leben eben, wie du richtig bemerkst, nicht in den Zwanzigern oder Dreißigern.

    Sicher, sicher. Ich bezweifle aber, dass der Jahrhunderte alte deutsche Antisemitismus mit der Kapitulation der Reichswehr zu Ende gegangen ist.

  4. R.A.
    8.01.2007 | 15:11

    > die Bewegung have
    > für einen
    > “Modernitätsschub”
    > gesorgt, “zu dem
    > Frauenemanzipation
    > und
    > Wissensgesellschaft,
    > Bürgerinitiativen
    > und
    > Umweltbewusstsein,
    > Toleranz gegenüber
    > anderen und
    > Interesse am
    > Entfernten
    > gehören”.
    M. W. ist noch nie ordentlich untersucht worden, ob an diesem Mythos vom “Modernitätsschub” durch die 68er überhaupt irgendetwas dran ist.

    Ich habe da große Zweifel, in vielen Punkten habe ich eher das Gefühl, ohne die krassen Übertreibungen der 68er wäre mancher Fortschritt schon etwas schneller und problemloser zu haben gewesen.

    Um mal die hier genannten Beispiele durchzugehen:

    Frauenemanzipation war ein unabhängiger paralleler Prozess, der lange vorher begann und den 68ern ziemlich deutlich aufgedrückt werden mußte.

    Mit “Wissensgesellschaft” haben die 68er wohl gar nichts am Hut gehabt, da ging es ja eher um Dogma als offene und kritische Wissenschaft.

    Die BIs sind wohl klares 68er-Erbe, aber wohl kein Positives.
    Sie verkörpern meistens nur das Prinzip, Einzelinteresse unter maximaler Heuchelei von “Gemeinwohl” durchzudrücken.

    Der Umweltschutz hat fast nichts mit 68 zu tun und hat ganz andere Wurzeln.
    Erst bei der Gründung der Grünen wurde der Umweltschutz von den 68er-Kadern gekapert, um als wählerwirksame Attrape zu dienen.

    Und Toleranz?
    Liebe Güte - das wohl zuletzt.

  5. 8.01.2007 | 16:16

    Es ist ein nicht unerheblicher Unterschied, ob man den Antisemitismus (der, wenn jahrhundertealt, übrigens kein deutscher, sondern ein europäischer ist) “untergegangen” sieht ([klugscheiß]du meintest sicher, mit der “Wehrmacht” untergegangen[/klugscheiß]), oder ob man ihn omnipräsent wähnt.

  6. 8.01.2007 | 16:20

    Den Antisemitismus habe ich hier auf den deutschen reduziert, weil ich sonst 1945 nicht sinnvoll ins Spiel bringen hätte können, ohne auf andere europäische Nationen einzugehen.
    Natürlich ist der Antisemitismus kein allein deutsches Problem.

    Dass man ihn nicht auf Teufel (bzw. Nazi) komm raus omnipräsent wähnen sollte, hatte ich ja für richtig befunden. Ich wollte nur auf das mögliche Risiko dieser Haltung hinweisen.

  7. 8.01.2007 | 16:21

    “Wehrmacht”, natürlich. Mir kam gleich etwas komisch vor, als ich “Reichswehr” schrieb.

  8. 8.01.2007 | 16:26

    Und eben das, der Hinweis auf ein Risiko, hat mich als Antwort auf ein Plädoyer, die Extreme zu meiden und “die Kirche im Dorf zu lassen”, etwas irritiert.

  9. 8.01.2007 | 16:30

    Ich irritiere gern. ;-)

  10. Patentizität
    8.01.2007 | 17:43

    Rayson: Es scheint manche für manche Deutsche ein ähnlicher Akt der Reinigung zu sein, wenn sie überall Antisemitismus wittern…

    Boche: Sicher hast du nicht Unrecht. Aber ich frage mich gerade, ob das in den zwanziger und dreißiger Jahren so oder so ähnlich nicht auch so Manchem vorgehalten wurde.

    Damals hatten allerdings erheblich weniger Antisemiten ein Problem damit, als solche bezeichnet zu werden. Vor allem gab es, in Deutschland und anderswo, aus naheliegenden Gründen weniger Nicht-Antisemiten - darunter auch Juden und Menschen, welche später mit den Nürnberger Rassegesetzen zu Halbjuden erklärt wurden* -, die Antisemitismus problematisiert haben.

    *Nicht zu vergessen: Ein nicht geringer Teil von jüdischen Deutschen oder Deutschen mit einem jüdischen Elternteil empfand sich trotz Antisemitismus zumal vor der Machtergreifung als ungefähr so jüdisch, wie sich heute nicht-jüdische Deutsche als christlich empfinden, nämlich überhaupt nicht, oder so gut wie.

    Das heißt übrigens auch: Die Ideen Theodor Herzls waren unter säkularisierten europäischen Juden (so würde man sie heute nennen) bei weitem nicht durchgehend populär bzw. wurden teilweise überhaupt nicht beachtet. Herzls These, dass (sinngemäß) Juden noch so unjüdisch, angepasst, modern, deutsch und/oder österreichisch sein könnten, aber dennoch immer weiter negativ als Juden identifiziert werden würden, verifizierte sich für einige “Juden” erst im Zuge des Nationalsozialismus.

    Boche: Will sagen: Die Warnung vor zu schnellem, vermeintlichen Erkennen von Antisemitismus kann auch nach hinten losgehen.

    Zustimmung.

    Wobei, wie gesagt, ein so ähnlich lediglich darin besteht, dass Antisemitismus deutlich weniger ernst genommen wurde, aber eben kaum darin, dass Nicht-Antisemiten vorgehalten wurde, überall Antisemitismus zu wittern.

    Kurz: Der Antisemitismus galt weithin als real, jedoch in einem vergleichsweise geringen Maße als reales Problem.

  11. 8.01.2007 | 22:08

    @RA

    BI=?

    @Rayson

    Boche hat in seinem ersten Kommentar den Gedanken zum Ausdruck gebracht, den auch ich beim Lesen hatte. Der Absatz mit dem übertrienem Antisemitismus, der dazu diene Schuld zu kompensieren, ist scheint mir nur aus beschwichtigenden Gründen angeführt zu sein. Du bietest eine Kuh an und möchtest die andere erwerben.

  12. 8.01.2007 | 22:21

    BI = Bürgerinitiative

  13. 8.01.2007 | 22:36

    Dieser Notker Wolf schießt doch ein klein wenig über das Ziel hinaus (bloß ein paar Lichtjahre), am Ende soll ich glauben, dass der Priester der Kinderpornos runterlädt und kleinen Jungs in die Unterhose fasst ein Opfer der 68er-Mentalität ist. Wolf arbeitet mit den ganz und gar verschwommenen Begriffen Schuld und Scham, ohne näher auf diese Begriffe einzugehen. Ich glaube sonst würde seine Argumentation doch Schaden nehmen. Und von seiner “Lust am Bösen” will ich erst gar nicht reden.

    Natürlich ist Wolf auch wählerisch was die (Wahlkampf)aussagen von SPD-Politikern betrifft. Er zitiert Stiegler (Nazivergleich mit CDU-Slogan “Sozial ist was Arbeit schafft”), aber vergißt zu erwähnen, dass dies z.B. durch Aussagen von Schröder und Müntefering eingerahmt ist (”Kein Recht auf Faulheit”, “Nur wer arbeitet soll auch essen”). Das Bild, dass er dank dieser Auslassung malt, hat überhaupt nichts mit der deutschen Wirklichkeit zu tun.

  14. 8.01.2007 | 23:08

    @Klaus

    schlaf mal ne Nacht drüber oder “Was trifft, das trifft auch zu.”

  15. 9.01.2007 | 6:31

    Zum Antisemitismus: real bei uns ein vergleichweise kleines Problem, jedoch sind antisemitische Einstellungen und deren Duldung ein brauchbarer Indikator für die “Liberalität” bzw. “Offenheit” einer Gesellschaft.
    Bitterer Erfahrungswert: läßt die Toleranz nach, bekommen es die Juden es in der Regel als eine der ersten “Minderheiten” zu spüren.

    Die “68er” sind nur Teil einer “Kulturrevolution”, die in den 1960er Jahren stattgefunden hat. Auch ohne die “rebellierenden” Studenten und linken Intellektuellen wäre wohl die “miefige” Adenauer-Zeit vorbei gewesen, weder die Hippies, noch die Popkultur, noch die Frauenemmanzipation, noch die sich ändernde Sexualmoral usw. waren von APO und Umfeld in irgend einer Weise abhängig. Umgekehrt wäre so etwas wie die APO oder wie die ersten Bürgerinitiaven noch einige Jahre zuvor in der BRD denkbar gewesen.
    Selbst in der DDR hat sich den 60er das Sozialklima erheblich gewandelt.

    Was Notker Wolf angeht, gebe ich Klaus recht.

  16. 9.01.2007 | 12:00

    @Klaus

    Wenn für dich bestimmte Begriffe “schwammig” sind, gibst du Notker Wolf damit schon mal recht.

  17. 9.01.2007 | 12:28

    Das Begriffe wie Scham und Schuld unscharf sind ist nach meiner Meinung nicht zu vermeiden. Was bedeutet Schuld im juristischen Sinne? Was im religiösen Sinne? Wie unterscheidet sich die Schuld, die sich die Deutschen im Nationalsozialismus aufgeladen haben von den vorherigen beiden? Oder wo überschneiden sie sich?

    Die Alternative wäre, dass diese Begriffe glasklar sind, ihre Bedeutung unumstößlich, eine abweichende Interpretation unmöglich. Sehe ich da richtig? Vielleicht nicht, aber dazu müsstest du schon ein bisschen ausholen und mir näher erklären warum ich Wolf Recht gegeben hätte. Aber um wirklich weiter diskutieren zu können müsste ich deine Definition von Schuld und Scham kennen.

  18. 9.01.2007 | 12:45

    Wolf hat Recht, weil du anscheinend nicht mit solchen Begriffen umgehen kannst. Schon allein die Frage nach dem “juristischen Sinn” oder nach einer “glasklaren, unumstößlichen Bedeutung”. Es geht natürlich nicht um allgemeinverbindliche Normen, die dir irgendjemand von außen aufdrückt (das wurde weiter oben diskutiert), sondern um etwas, dass du selbst für dich als gut und richtig erkennst (oder eben nicht), oder wie du dich deiner Überzeugung nach in einer Gemeinschaft verhältst, wenn dein Verhalten als Vorbild taugen sollte.

    Wer keine über einen gesetzlichen Kodex oder andere von außen eingreifende Regelwerke hinausgehende Grundnorm für sich selbst nennen kann, an die er sich bindet, der kann mit Scham noch Schuld natürlich nichts anfangen. Eben das aber ist Wolfs Kritik.

  19. 9.01.2007 | 14:03

    @ Rayson
    “Wolf hat Recht, weil du anscheinend nicht mit solchen Begriffen umgehen kannst.” - aua, das empfand ich als Schlag unter die Gürtellinie. Ich werde mich eventuell dazu später äußern.

  20. 9.01.2007 | 14:19

    @Klaus

    Entschuldigung, ich wusste nicht, dass du es als Vorwurf empfinden könntest, wenn ich deine offenkundige Ablehnung dieser Begriffe so paraphrasiere. Aber wir kräftigen Austeiler sind ja alle Mimosen ersten Ranges.

  21. 9.01.2007 | 14:47

    @ Rayson: Gut, deinen letzten Satz gilt leider auch für mich, deshalb wollte ich im ersten Ärger auch nicht gleich “zurückschlagen”.

    Aber bitte: ich lehne die Begriffe Schuld und Scham nicht ab, sondern gebe zu bedenken, dass was ich als gut und richtig erkenne, wie ich mich verhalte oder ob ich glaube mein Verhalten sei vorbildlich ja rein subjektiv sind. Daher gehe ich nicht davon aus, dass sich meine Vorstellung dieser Begriffe und die eines katholischen Mönchs nicht völlig deckungsgleich sind.

  22. 9.01.2007 | 14:54

    Davon geht der Mönch wahrscheinlich auch nicht unbedingt aus. Muss ja auch nicht sein. Es gibt nur meistens in jeder Gesellschaft diesen Sockel an “konventioneller Moral”, wie MR das genannt hat. Und da stellt Wolf m.E. zu Recht die Frage, ob wir den nur als “überholt” und “freiheitsgefährdend” einstufen, oder ob er nicht auch in einer liberalen Gesellschaft als Institution eine wichtige Rolle zu erfüllen hat.

  23. 9.01.2007 | 22:05

    Das Wort Sockel ist schön gewählt, das hört sich sehr konkret und solide an. Aber ich würde es dann doch eher als Rumpelkammer bezeichnen und Leute die diese Rumpelkammer ausmisten wollen, werfen vielleicht auch mal das eine oder andere Wertvolle auf den Müll. Die Linken gehen vom unbeschriebenen Blatt aus und Herr Wolf hat in dieser Beziehung keine konsistente Meinung, was natürlich an seinen religiösen Vorstellungen liegen kann, die oft durch Widersprüche glänzen.

    In meinen Augen ist dieses Blatt weder unbeschrieben noch hat der Christengott drauf herumgeschrieben und auch nicht irgendwelche Hindugötter oder der Gott der südwestpolynesischen Paduanakultur, sondern die Evolution. Wie ein Mensch sich gibt ist zu einen gewissen Teil in seinen Genen gespeichert. Damit hadern Linke aber auch eben Religiöse, den der Mensch entzieht sich damit dem völligen Zugriff beider. Die Evolution legte den Keim der Freiheit.

    Meiner Meinung, dass die Begriffe Schuld und Scham unscharf sind, hast zu widersprochen ohne echte Argumente dafür zu liefern, du verweist auf etwas Subjektives, aber sprichst mir die Fähigkeit ab mit den Begriffen umgehen zu können. Offensichtlich verfüge ich nicht über das notwendige Herrschaftswissen, ich bin nicht erleuchtet … kein Wunder, ich bin Atheist :-)

  24. 9.01.2007 | 22:46

    Den Vorwurf müsste ich jetzt eigentlich erneuern, denn mit Religion hat das Ganze nur am Rande zu tun.

  25. 10.01.2007 | 4:25

    Lieber Rayson,

    eigentlich hatte ich zu deinem Beitrag einen lütten Kommentar schreiben wollen. Aber wie das so geht - er wurde länger und länger. ;-)

    Also steht er jetzt in Zettels Raum:

    http://zettelsraum.blogspot.com/2007/01/randbemerkung-die-68er.html

    Herzlich, Zettel

  26. 14.01.2007 | 23:01

    [...] Zur Einordnung der 68er siehe auch: Bissige Liberale [...]

  27. Peter
    10.02.2007 | 20:03

    Naja, ich habe das Buch unseres Abtes Notker Wolf auch gelesen, und ich kann die meisten der dargestellten Argumente überhaupt nicht nachvollziehen. Angeblich hat seit der französischen Revolution nur noch Vernunft Europa beherrscht ( wobei sich die Frage stellt, wie es dann zu den Katastrophen der folgenden Jahrhunderte kommen konnte ), und dann sind seiner Meinung nach die bösen 68´er gekommen, haben Trieb und Gefühl anstelle dieser Vernunft gesetzt, und seitdem entwickelt sich nach Ansicht von Herrn Wolf der Deutsche zum Tier zurück. Klang für mich alles ziemlich meschugge. Einmal abgesehen davon, das ich über die neoliberalen und erzkonservativen Ideen, von denen das Buch nur so trifft, und den Lobhuddeleien für den Polizeistaat China ohnehin schon erstaunt war. Andererseits wiederum - man darf in einer Demokratie eben auch Nonsens verbreiten, warum nicht.

    Gruß

    Peter

  28. T. Albert
    11.02.2007 | 13:36

    “(…)
    Zu den Folgen wäre zu sagen, dass Wolfs These sehr gut geeignet ist zu erklären, warum ausgerechnet die erste deutsche Regierung mit Wurzeln bei den 68ern auch erstmals wieder deutsche Soldaten in den Krieg geschickt hat. Sie meinte es zu dürfen, weil sie durch die oben beschriebene Selbsterlösung generell entschuldigt war. Und sie meinte es zu müssen, weil ihr allein das Recht zustand, faschistische Gefahren zu definieren. Im wahrsten Sinn des Wortes “flugs” lag Auschwitz im Kosovo, und die Kriegsteilnahme war ein weiterer Akt heroischen deutschen Widerstands.
    (…)”

    “…warum ausgerechnet die erste deutsche Regierung mit Wurzeln bei den 68ern auch erstmals wieder deutsche Soldaten in den Krieg geschickt hat.”

    - Also jetzt mal halblang, Leute, Rayson und Herr Notker!
    Erstens hat eben dies eine Menge böser Linker ausgesprochen sehr geärgert.
    Und zweitens ärgert es solche Leute jetzt, jetzt gerade sehr, wenn von konservativer Seite eben dies nun denunziert werden zu müssen als nötig erachtet wird. Lügen die sich jetzt eine Pazifistenjacke an, nachdem sie sehr wohl in allen vergangenen und laufenden kriegerischen Vorgängen eine tragende Rolle gespielt haben? Und wenn ich mir all die liberalen Seiten und Blogs, wo beständigst faschistische Gefahren definiert werden, die allerdings geschickterweise “den Linken” ancharakterisiert werden, so ansehe mit der ganzen Kriegsschreierei und Beschimpferei anderer als antisemitische pazifistische linke national-sozialistische religiöse Gutmenschen, dann kann einem vielleicht angesichts solcher Friedensliebe der Kragen platzen. Demnächst wird dann auch der Irak-Krieg (-den ich leider für richtig hielt als dummer Linker-) dann als eigentlicher Krieg der verbrecherischen Linken gelten, weil Wolfowitz angeblich Trotzkist gewesen sei, und Frau Rice eine von Apartheid emanzipierte Schwarze ist (- wirklich kein Verdienst der gesellschftlichen und politischen Gruppe, der Herr Bush angehört-), die ihrerseits, wie ihr Präsident, in ihren Begründungen sämtliche “antifaschistischen” Register der historischen Rechtfertigung auf grund von Vergleichen gezogen haben, um “das alte Europa” in den Irak zu bekommen.
    Die Schlussfolgerung aus den offensichtlichen Verdrehungen kann nur sein, die Sozialdemokraten aufzufordern weniger nationalliberale und liberalkonservative Politik zu betreiben, sondern sich auf ihre Position als demokratische Antikriegspartei zurückzubesinnen und sich gegen jene zu wenden, die Krieg immer zu denken bereit waren, ganz gleich, wie sie ihre Gründe instrumentell benennen mögen.
    Dann läuft man auch nicht dorthin, wohin der Mittäter einen schickt, während er “Haltet den Dieb” ruft, was ja in solcherart Achtundsechziger-Analyse schon geschieht.

  29. 12.02.2007 | 12:38

    @T.Albert

    Da steht nicht “Linke”. Da steht “Regierung mit Wurzeln in der 68er Bewegung”. Muss ich erst erklären, was da alles an Unterscheidungen dahintersteckt?

    Deine nachfolgenden Versuche, Notker oder mich mit Blogs in Verbindung zu bringen, die sich, sagen wir mal freundlich, “dezidiert pro-USA” verstehen, kann ich ja wohl problemlos ignorieren. “Ad hominem” sollte doch auch irgendwie nachvollziehbar bleiben…

  30. T. Albert
    12.02.2007 | 17:04

    Ach was, “ad hominem”. Quae scribis non sunt colorata. Dicam tamen, quid sentiam:

    Ich habe gesagt, dass sich eine Menge Linker über die idiotischen Kriegsbegründungen jener Regierung geärgert haben. Nicht, dass die eine linke Regierung gewesen sei.

    Zweitens: die Kriegsbegründungen lauten weiterhin so, und es hat mich zu meinem kleinen Temperamentsausbruch verleitet, dass Du den Abt Notker referierst, als ob diese Legitimationen nur die Spezialität jener Regierung mit 68-er-Wurzeln gewesen seien und sind. Richtig, ich habe Euch beide in einen Zusammenhang gestellt, aber nicht versucht Euch mit angedeuteten Blogs explizite in Verbindung zu bringen.
    Den Zusammenhang sehe ich, wiewohl irgendwie nicht bleibend nachvollziehbar geäussert, in folgendem Deines Referates über des Abtes Thesen:
    Du, so ich richtig gelesen habe, isolierst die Kriegsbegründungen der 68er-Wurzeln-Regierung als deren ureigene psychisch-ideologische Entschuldungs-Macke, deretwegen die Wurzel68-er “meinten zu dürfen” und “meinten zu müssen”, nämlich Krieg zu führen.
    Sie sollten aber auch! Sie mussten auch sollen und sie sollten auch müssen!
    Ich weise ja nur darauf hin. Dass nämlich der “antifaschistische” Impetus der seit 89 “friedensbesoffenen”(cit. n. Zettels TraumRaum) deutschen 68er-Krieger eine Erfindung von Legitimationsrhetoriken ist, derer sie sich gemeinsam mit NATO, US-Regierungen, Bundesregierungen, britische Regierungen etc. bedienen. Auch mit sich transatlantisch gerierenden Blogs und allen möglichen deutschen linken, liberalen, konservativen Selbstentschuldern, ich schliesse da nur an Deine letzten Absätze an. Die alle haben nie weder zum Krieg noch zu seinen Begründungen”Nein” gesagt, ausser einer verlotterten Friedensbewegung, deren “Nein” der ideologischen Beschaffenheit des “Ja” der erwähnten nationalen und internationalen Institutionen und, auch parteipolitischen, gesellschaftlichen Gruppen geschwisterlich entspricht.
    - Ein gewisser Grundtonus der Aggressivität meinerseits erklärt sich auch persönlich: ich hätte an einige Leute eine Menge hier nicht zu verhandelnder Fragen. Kannst aber natürlich Du nix für.

  31. 12.02.2007 | 17:18

    Es geht ja nicht darum, “Linken” nachzuweisen, dass sie kriegsgeil seien. Da würde ich, der ich in den 70ern und 80ern mich genug mit Linken über Verteidigungspolitik und Rüstung gestritten habe, mal eher das Gegenteil annehmen. Und letztlich auch nicht darum, ob der Kosovo-Krieg berechtigt war oder nicht. Sondern darum, warum ausgerechnet Protagonisten (was da bei Rot-Grün in wichtigen Positionen gelandet ist, ist ja nur ein Teil der 68er, aber immerhin auch ein relevanter) einer Bewegung, die ihren Impetus ja gerade zum großen Teil aus dem Widerstand gegen einen Krieg gewonnen hat, den ersten deutschen Waffengang nach Ende des Zweiten Weltkriegs einleiten.

    Ich halte das nicht für einen Zufall. Und ich glaube, dass, hätte die Kohl-Regierung einen vergleichbaren Einsatz geplant, der Widerstand der Linken weitaus einhelliger ausgefallen wäre. Die “Rechten” durften das nämlich nicht, denn die sind Erben der Täter, im Gegensatz zu den 68ern.

    Deinen Furor kann ich verstehen (wenn auch natürlich nicht unbedingt teilen), aber es würde einer Diskussion natürlich helfen, nicht zuviel miteinander zu verrühren. Wir hier sehen uns ja gerade nicht als Teil einer Bewegung, sondern als Individuen, die mehr oder weniger sinnvolle Gedanken, die uns gerade sympathisch erscheinen, zur Diskussion stellen, um aus deren Verlauf einen Gewinn zu ziehen. Da würde ich dann auch allergisch reagieren, wenn man mich ungefragt verkollektiviert (sei es denunziatorisch, sei es vorgeblich wohlwollend psychologisch als “Symptom”).

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