8. Januar 2007
Wackere Deutsche 1968 und heute
Was wollten die 68er? Ist es ein Zufall, dass die Autoren von gleich drei Büchern, die ich über den Jahreswechsel gelesen habe, sich diese Frage zumindest indirekt stellten? Bevor ich wie versprochen (oder angedroht) zu Notker Wolf komme, gebe ich die Eindrücke zweier anderer Beobachter wider.
Da wäre zunächst Rolf Dahrendorf, der in “Versuchungen der Unfreiheit” die 68er Bewegung als fatalen Einschnitt im Leben und Denken seiner “Erasmier” (also den “enagierten Beobachtern”, die den Versuchungen Faschismus und Kommunismus nicht nachgaben) wie Raymond Aron, Hannah Arendt, Isaiah Berlin oder Jeanne Hersch beschreibt. Obwohl sie den Protesten anfangs positiv gegenüberstanden, verursachten diese bei ihnen eine Art Schock. Dahrendorf schreibt dazu:
Warum traf [der Schock der Ereignisse] insbesondere bedeutende Hochschullehrer so stark? Die Antwort ist wohl, dass die Demonstrationen und Besetzungen, die Slogans und endlosen Debatten gleich mehrere Werte und Institutionen trafen, die für die grossen(sic!) öffentlichen Intellektuellen der Zeit sakrosankt waren. Revolutionäre waren die Rebellierenden nicht, denn hinter ihnen stand keine nachhaltige Kraft und vor ihnen lag kein Horizont neuer Ideen. Mit Recht nannte Aron sein unmittelbar nach den Ereignissen geschriebenes Buch, La Révolution introuvable, die unauffindbare Revolution. Aber eine Rebellion war es doch, und die Institutionen, an denen die Rebellen mehr oder minder kräftig rüttelten, erwiesen sich als erstaunlich zerbrechlich.
Und später:
Möglicherweise am tiefsten traf die Erasmier unter den Intellektuellen die frontale Attacke auf die Vernunft. … Es war eine ungeheuer geschwätzige Rebellion, in der alle Kritik im klassischen Sinn zugunsten von Formeln suspendiert wurde. Das Ende des Diskurses führte denn auch folgerichtig erst zur “Gewalt gegen Sachen” (die doch immer auch Gewalt gegen Institutionen und damit Menschen ist), dann zu Kaufhausbränden, Politikermorden und der Selbstvernichtung.
Es sei aber nicht verschwiegen, dass Dahrendorf durchaus anerkennt, die Bewegung have für einen “Modernitätsschub” gesorgt, “zu dem Frauenemanzipation und Wissensgesellschaft, Bürgerinitiativen und Umweltbewusstsein, Toleranz gegenüber anderen und Interesse am Entfernten gehören”. Er sieht als Konsequenz aber auch den “Einbruch des Relativismus und des Fundamentalismus in die aufgeklärte Welt der offenen Gesellschaft”. Was die Folgen angeht, sind wir heute wohl alle ein wenig “Kinder der 68er”, auch ihre schärfsten Kritiker.
Den Mangel an einer konkreten Perspektive beklagt auch Joachim Fest im Kapitel der “Begegnungen” über Ulrike Meinhof. Er beschreibt, wie er in den privaten Debatten, die beide immer wieder vor dem Untertauchen Meinhofs führten, stets versuchte, darüber Klarheit zu gewinnen, stattdessen aber nur Kritik am Bestehenden zu hören bekam.
Gewiß konnte sie viele gute Gründe gegen die bestehenden Verhältnisse anführen, doch war, was immer sie dagegen aufbot, seltsam perspektivlos, und ich fühlte mich wieder einmal an die Zerstörungslaune dieser Generation erinnert und ihren gänzlichen Mangel an konstruktiver Phantasie. Sie wußte die Schwächen und inneren Widersprüche der Gesellschaft scharfsinnig zu benennen, doch für das, was an deren Stelle treten sollte, hatte sie lediglich Phrasen bereit.
Fest erwähnt auch ein kurzes, aber um so skurrileres Zusammentreffen mit Rudi Dutschke, von dem er etwas über seine “näheren Etappenziele” erfahren wollte und “wie sich das stückweise Erreichte ins Ganze der neuen Gesellschaft einfügen sollte”. Stattdessen bekam er, so Fest wörtlich, eine “Predigt” zu hören.
Als er sich ein Glas Wasser holte, steckte ich meinen leergebliebenen Notizzettel ein. Bei der Rückkehr zum Tisch blieb Dutschke stehen und redete gleichsam von oben wie aufgedreht auf mich herunter. “Keine Verkündigungen, bitte”, unterbrach ich, “ich hatte schon genug davon!” Dutschke gab sich überrascht: “Dann wollen Sie wohl sagen, wir sollten das Gespräch beenden?”, meinte er. “Wir haben es nicht einmal begonnen”, entgegnete ich und verabschiedete mich. Die Begegnung hatte keine zehn Minuten gedauert.
Interessant aus meiner Sicht, dass auch Notker Wolf der 68er Bewegung zunächst offen entgegentrat. Er sah in ihr den Ausdruck eines Wunsches nach Freiheit in einer sehr autoritären Umgebung mit “anmaßenden Staatsorganen” und “aufgeblasenen Respektspersonen” und weiß das aus seinem Klosterleben auch zu berichten. Ihn befremdete dann jedoch schnell die weitere Entwicklung. Die Demonstrationen waren für ihn “Gesinnungsshows” und “kollektive Einübung in Selbstgerechtigkeit”. Um so mehr, als sie sich mit Verhältnissen befassten, die von Deutschland aus gar nicht zu ändern waren, z.B. dem Vietnamkrieg. Auch die Unterdrückung anderer Meinungen in den “Diskussionen” ließ ihn zu der Überzeugung kommen, dass speziell in Deutschland die 68er Bewegung eine ganz andere Motivation hatte.
In Wirklichkeit sei sie eine Reaktion auf die Gräuel des Nationalsozialismus. Genauer: der Versuch, eine Schuld aus der Welt zu schaffen, die ihr, der 68er Generation, zu schaffen machte. Man wollte den Makel des Nationalsozialismus und von Auschwitz quasi durch Selbsterlösung entfernen.
Indem die 68er sich selbst zu Opfern eines sie umgebenden, allgegenwärtigen Faschismus erklärten, inszenierten sie den Faschismus “virtuell” nach, “um noch einmal zu erleben, was die Väter erlebt hatten, um dann, im Unterschied zu ihnen mit sauberen Händen und weißer Weste daraus hervorgehen zu können.” So blieb die Schuld bei den Vätern, und der Opfernimbus ermöglichte einen Neuanfang unter moralischen Vorzeichen. So Notker Wolf.
So falsch scheint mir diese Sicht nicht zu sein, denn man sieht heute nicht nur die Folgen, sondern denselben Mechanismus auch wieder in Aktion, allerdings an vielleicht überraschender Stelle. Zu den Folgen wäre zu sagen, dass Wolfs These sehr gut geeignet ist zu erklären, warum ausgerechnet die erste deutsche Regierung mit Wurzeln bei den 68ern auch erstmals wieder deutsche Soldaten in den Krieg geschickt hat. Sie meinte es zu dürfen, weil sie durch die oben beschriebene Selbsterlösung generell entschuldigt war. Und sie meinte es zu müssen, weil ihr allein das Recht zustand, faschistische Gefahren zu definieren. Im wahrsten Sinn des Wortes “flugs” lag Auschwitz im Kosovo, und die Kriegsteilnahme war ein weiterer Akt heroischen deutschen Widerstands. Man ist versucht, an einen Aphorismus von Johannes Groß zu denken:
Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus wächst seit 1945 von Tag zu Tag.
Der Mechanismus, der da so nützlich wirkt, ist aber auch woanders am Werk zu sehen, vor allem in der Blogosphäre, auch in deren eng benachbarten Zonen. Es scheint manche für manche Deutsche ein ähnlicher Akt der Reinigung zu sein, wenn sie überall Antisemitismus wittern und sich bedingungslos auf die Seite der Politik israelischer und amerikanischer Hardliner stellen. Auch dieses Verhalten könnte man als Versuch deuten, die Last der deutschen Geschichte auf die Schultern der jeweils “anderen” zu schieben, indem man sich möglichst vernehmbar verbal mit den Opfern historischer deutscher Grausamkeit solidarisiert. Den Konjunktiv verwende ich, weil ich das nicht allen unterstellen will, die sich so positionieren, aber bei einigen ist es eigentlich unüberseh- und hörbar.
Das Spiegelbild dazu besteht dann aus denen, die meinen, ausgerechnet wegen Auschwitz die Israels Existenz bedrohenden Handlungen von Staaten und Terrorgruppen ignorieren zu müssen, aber hinter sämtlichen Taten der israelischen Armee aber einen neuen Faschismus aufscheinen sehen.
Wo so selbstexkulpierend moralistisch geschwafelt wird, ist eine Diskussion nicht mehr möglich. Es gibt wohl Leute, die auch genau das wollen.
Verfasst von Rayson um 14:35 Uhr in der Kategorie Geschichte, Grundsatzfragen, Politik (Trackback)