24. Januar 2007
Rayson an Teambank
Sehr geehrte Teambanker,
wenn ihre Marketing-Strategie darauf abzielen sollte, diejenigen als Kunden zu gewinnen, die man neuerdings als “Prekariat” bezeichnet, dann könnte ich Ihnen nur mit ethischen Argumenten kommen. Notlagen Schwacher auszunutzen ist nichts, dessen man sich in restchristlichen Gesellschaften rühmen könnte.
Aber ich vermute etwas anderes. Nämlich, dass irgendetwas Sie auf die Idee gebracht hat, dass alles Anglophone immer gut, chic, neu und natürlich (hoffe ich wenigstens für Ihre Aktionäre) rentabel sei, während alles Deutsche nur als schlecht, überholt, veraltet und ineffizient zu beurteilen wäre.
Wollen wir bei “easycredit” anfangen? Bei allem Respekt vor Lionel Richie: Was “easy” ist, kann Ihnen kein Deutscher sagen. Wissen Sie es? Ok, dass “credit” was mit “Kredit” zu tun haben soll, begreifen wir schon - aber warum müssen Sie uns das unnötig kompliziert machen?
Vielleicht liegt des Rätsels Lösung ja in Ihrem Internet-Auftritt. “Simply one step ahead” - so schön, so gut, aber der Sinn dieses Spruchs erschließt sich mir nicht so recht. Wollen Sie vielleicht für ein internationales Publikum attraktiv werden? Damit ließe sich aber der Rest des Internet-Auftritts nicht vereinbaren, auf der wir den fraglichen Satz fanden: Da steht sonst fast alles in Deutsch. Ich muss zugeben: Ich bin verwirrt. Meinen Sie etwa, ein deutsches Publikum mit englischen Sätzen für sich einnehmen zu können? Wirklich?
Am Geisteszustand Ihres Vorstands zweifeln - jetzt ganz ernsthaft! - ließ mich die Mitteilung dieser Woche, wonach das “Duzen” bei Ihnen langfristig zur Pflicht werden solle. Dazu passt wunderschön dieser Herrn Graband zugeschriebene Satz (ein Zitat von SPIEGEL ONLINE):
“Es handelt sich nicht um ein Sympathie-Du, sondern um einen Ausdruck von Professionalität im Sinne des englischen You.”
Das ist wirklich großes Kino. Statt weiterer Kommentare verweise ich auf meinen Blogeintrag bei den “Bissigen Liberalen”:
http://www.bissige-liberale.com/2007/01/23/oh-yeah/
Und wenn Sie weiter daran interessiert sein sollten, mit echten Kunden zu tun zu haben, wäre auch die Lektüre der Kommentare vielleicht keine allzu schlechte Idee.
Falls Sie einen Bedarf an wirklicher Professionalität verspüren sollten, gebe ich Ihnen folgenden dezenten Tip: Der “Jürgen” im “Meeting” kann problemlos zum “Dr. Weißwas” in einer “Besprechung” werden, ohne dass irgendeiner irgendeinen Gedanken daran verschwendet. DAS wäre echtes interkulturelles Wissen.
Versuchen Sie es einfach.
Grüße
Rayson
Verfasst von Rayson um 00:30 Uhr in der Kategorie Wirtschaft (Trackback)