25. Januar 2007
Wozu eigentlich “Anti-Amerikanismus”?
Da sausten kürzlich ein paar Beiträge dazu durch benachbarte und gegenüberliegende Blogs, und ausgerechnet den Nachbarn muss ich widersprechen. Grundsätzlich lässt sich schon einmal feststellen: Anti-Amerikanismus ist ein Begriff, mit dem eine bestimmte Meinung oder Einstellung diskreditiert werden soll. Keiner sagt von sich, er wäre Anti-Amerikaner. Man bekommt das immer nur von Gegnern vorgehalten, also so ähnlich wie bei den Begriffen “Anti-Semitismus” und “Neoliberalismus”.
Auch das Muster, mit dem die Anschuldigungen vorgebracht werden, ähnelt sich. Man lässt die andere Meinung nicht als solche gelten, sondern nimmt ihre Äußerung als Beleg für eine angeblich dahintersteckende ideologisch-verbohrte Haltung. Für Zwecke der Diskussions-Ökonomie wird das gerne genommen: Man erspart sich das Eingehen auf die Argumentation des Anderen, indem man seine Meinung (und am besten ihn gleich mit) als verwerflich “entlarvt”.
Meist wird diese Einordnung auch mit einer Beweislastumkehr verbunden. Es ist jetzt am Anderen, mühsam die Behauptung zu widerlegen, womit er sich dann praktischerweise, wenn sein Gegner das konsequent durchzieht, immer weiter “reinreitet”. Beteuerungen, man habe viele Freunde in den USA und sei auch gerne dort, können dann locker-lässig mit einem “Das sagen alle Anti-Amerikaner” gekontert werden. Alte und bewährte Inquisitionspraxis eben.
Auffällig ist auch, wie häufig die Vorwürfe Anti-Amerikanismus und Anti-Semitismus gemeinsam anzutreffen sind. Ist es nur ein Zufall, dass beide genau die Zielrichtung der Antideutschen treffen?
Die intellektuell entsprechende Erwiderung auf diese Vorwürfe wäre ein Bestreiten des Phänomens. Das zieht einen eigenen Schützengraben, ist aber für alle diejenigen unbefriedigend, die von Diskussionen auch etwas anderes erwarten, als sie zu “gewinnen” (was sowieso eine absurde Einstellung ist, weil dann im Grunde der Versuch einer Diskussion selbst schon irrational war).
Wie ideologisch aufgeladen dieser Begriff ist, wird vielleicht auch darin deutlich, dass es dazu keinen Wikipedia-Eintrag mehr gibt. Ein ältere Version davon kann hier noch nachgelesen werden. Demnach wäre Anti-Amerikanismus
… eine ressentimentgeladene und ideologisch begründete Ablehnung der Vereinigten Staaten von Amerika und dessen, was für US-amerikanisch gehalten wird.
Was uns einerseits nicht viel weiterhilft, denn da ist eine Menge Erklärungsbedarf auf die Begriffe “ressentimentgeladen” und “ideologisch begründet” verschoben. Andererseits aber enthält diese Definition auch einen entscheidenden Hinweis: “Ablehnung der Vereinigten Staaten von Amerika”. Das Kriterium wäre also dann nicht erfüllt, wenn nur die Politik einer bestimmten US-Regierung kritisiert oder abgelehnt würde. Vielmehr müsste die Kritik oder Ablehnung ins Grundsätzliche gehen.
Für eine solche Kritik bieten sich zum einen politische Motive an: Einige Linke sehen in der USA die Verkörperung von Kapitalismus und Imperialismus, manchmal und neuerdings auch christlichem Fundamentalismus, einige Rechte die von Streben nach jüdischer Weltherrschaft (”Ostküste”), Materialismus, Liberalismus und nationaler Fremdbestimmung. Hier übernehmen die USA die Funktion des Leibhaftigen - da geht es weniger um den Staat selbst, als um das, wofür er in den Augen seiner Gegner als Kontrapunkt symbolisch steht. In solchen Fällen mit dem “Anti-Amerikanismus”-Vorwurf zu antworten, hielte ich für nicht besonders hilfreich, obwohl eine gewisse Berechtigung schon gegeben wäre. Es wäre aber sinnvoller, die eigentlichen Ziele der Ablehnung in der Diskussion herauszuarbeiten, das Symbol also aufzulösen.
Die USA ziehen als dominierende Weltmacht natürlich auch die verallgemeinernde Ablehnung auf sich, mit der gerne Minderwertigkeitsgefühle kompensiert werden: Mögen sie äußerlich erfolgreicher sein, so sind sie doch irgendwie schlechter als wir. Unmoralischer, unsozialer, ungebildeter, kriegerischer, umweltzerstörerischer… Das beruhigt.
Allen diesen Haltungen gemein ist die Fiktion “der USA” als monolithischer Block. Da es sich bei diesem Land unglücklicherweise um eine Demokratie handelt, erstreckt sich die massive Ablehnung nicht selten auch auf die Bewohner selbst, denen man die Politik ihres Staates (oder meinetwegen Staatenbundes) persönlich übelnimmt. Für Deutsche, die sich manchmal persönlich für die Verbrechen des Dritten Reichs verantwortlich gemacht sehen, übt diese Möglichkeit natürlich einen besonderen Reiz aus: Angriff ist die beste Verteidigung.
Vergleichbare Vorurteile gegenüber Bewohnern und Pauschalierungen gibt es aber auch gegenüber anderen Ländern: Franzosen sind arrogant, aufsässig, stur und etatistisch, Italiener faul, emotional und feige, Engländer chauvinistisch, angeberisch, schwul und bizarr, Polen faul, hinterlistig und diebisch etc. etc. Was der Stammtisch eben so hergibt. Aber gibt es Anti-Frankoismus, Anti-Italienismus, Anti-Anglismus, Anti-Polonismus als Begriffe? Mir scheint, der Unterschied liegt eben genau im Motiv: Den einen fühlt man sich in Wirklichkeit unterlegen, den anderen überlegen. Vor Ressentiments scheint beides nicht zu schützen…
Interessant aber auch diese Definition hier:
Was ist überhaupt Anti-Amerikanismus?
Für mich jene Geisteshaltung, die Amerika für alles Böse in der Welt verantwortlich macht, die nur dann gegen Krieg ist, wenn die Amerikaner dabei sind, die George W. Bush einen Kriegstreiber nennt und im gleichen Atemzug Putin einen “Friedensfürsten”, die behauptet, die Amerikaner seien selbst schuld am 11. September, die zum Boykott amerikanischer Waren aufruft und die amerikanische Flagge bei sogenannten Friedensdemonstrationen verbrennt, um nur einige Beispiele zu nennen.
Vor allem die Mentalität, die das Versprechen, das George W. Bush am 6. Juni 2004 anlässlich des 60. Jahrestages der Landung der Alliierten in der Normandie, gegeben hat, nicht zu würdigen weiß. Für mich war es der bewegendste Satz des Jahres: “And we would do it again for our friends.” Und wir würden es wieder tun für unsere Freunde.
Der erste Absatz macht es mit seinen Beispielen m.E. recht gut deutlich: Demnach wäre Anti-Amerikanismus die Verbindung von politischer Symbolik mit intuitiver, eher psychologisch erklärbarer reflexhafter Ablehnung. Das macht ihn zum perfekten Kampfbegriff für alle, die aus welchen Gründen auch immer meinen, sich auf die Seite der Politik einer bestimmten US-Regierung stellen zu müssen. Denn die zweite Komponente kann man immer unterstellen, weil sie individuell weder zu be- noch zu widerlegen ist, während die erstere gut zur Stigmatisierung zu verwenden ist.
Der zweite Absatz aber ist vor allem deswegen interessant, weil er bei den “Anti-Amerikanern” nicht eine bestimmte Haltung, sondern deren Abwesenheit bemängelt. Das Motiv klang auch schon bei Statler an. Man vermisst einfach die gebührende Dankbarkeit. Dieses Kriterium ist für mich schwer zu fassen. Zum einen, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass die meisten Dinge, für die eine solche Dankbarkeit eingefordert werden soll, aus purem Eigeninteresse der USA heraus erfolgt sind (was ich eher positiv sehen würde - wenn das Eigeninteresse des Anderen für mich Vorteile hat, wächst mehr Vertrauen, als wenn der sich seine Wohltaten immer wieder mühsam abringen müsste). Zum anderen, weil ich eine emotionale Bewertung der Geschehnisse vor 60 Jahren nur schwer zur Beurteilung heutiger Politik heranziehen kann.
Insgesamt erscheint mir der Begriff daher wenig greif- und sehr leicht missbräuchlich verwendbar. Da ich ihn außerdem wie erwähnt insgesamt selbst da nicht für hilfreich halte, wo er u.U. trifft, ziehe ich es lieber vor, ihn in der Diskussion grundsätzlich zu vermeiden.
Verfasst von Rayson um 16:41 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, International, Politik, Sprache (Trackback)