2. Februar 2007
Liberal, libertär, anarchistisch, agoristisch?
Oder auch: Supercalifragilisticexpialidocious?
Gerade kürzlich verlinkte ich zwei Blogs, die eher einem Spektrum zuzurechnen sind, dass ich als “libertär” bezeichnen würde. Über eins dieser beiden Blogs stieß ich dann auf weitere Bezeichnungen (und die Kommentare zu meinem Beitrag brachten noch mehr zusammen!) für das, was im Grunde dasselbe meint:
Ein Leben ohne Staat mit Recht auf Privateigentum.
Oder? Korrigiert mich, Jungs, wenn das falsch sein sollte. Das, was ich mal als “libertärer Widerspruch” bezeichnen würde, scheint mir inhärent: Das eine, nämlich das Recht auf irgendwas, ist nicht ohne das andere, nämlich den Staat, durchsetzbar. Ich weiß, wie Libertäre auf sowas reagieren. Überzeugt hat es mich bislang nicht.
Nun wissen viele Leser aus eigener Erfahrung oder spätestens seit “Das Leben des Brian”: Sekten erkennt man daran, dass sie sich, sobald sie die Zahl von drei Sympathisanten signifikant überschreiten, sofort aufzuspalten beginnen. Libertäre Positionen sind in Deutschland im Grunde nicht existent. Gut, es gibt eine “Libertäre Plattform” in der FDP, aber dieser irgendeinen Einfluss auf die real existierende Partei zuzuschreiben, würde wohl niemandem im Traum einfallen. Es funktioniert auch nicht: Eine Partei in diesem System muss den Gesetzen des Systems gehorchen, wenn sie mehr sein will als ein Verein von Wahlkampfkostenabgreifern. Ein demokratisches System bringt notwendigerweise das hervor, was Libertäre und Liberale verabscheuen: Systematisierte Enteignung. Das wissen wir spätestens seit Hayek, Downs, Olson oder Buchanan.
Für Libertäre mag da die Antwort klar sein: Politik ist verwerflich. Allein schon, sie zu betreiben, heißt, sich am Verabscheuten mitschuldig zu machen. Wie konsequent. Wie dumm. Denn, Jungs: Für das, was ihr individuell tun könnt, bräuchtet ihr auch keine Websites. Handelt einfach so, wie ihr meint, handeln zu müssen. Beschwert euch aber nicht, wenn der Staat euch in die Parade fährt: Was erwartet ihr von Feinden? Klinkt euch also gerne aus - meine Sympathie habt ihr. Aber bitte dann auch wirklich konsequent: Haltet die Klappe. Aussteigen und mitmischen, das läuft nicht.
Liberale hingegen sehen Notwendigkeiten für einen Staat, würden ihn aber gerne begrenzen. Für Liberale ist es daher sinnvoll, sich an der demokratischen Debatte zu beteiligen. Und sogar, sich in Parteien zu organisieren. In einer Welt, in der die Herrschenden auf die Ausweitung des Staatsanteils setzen, wäre eine Reduzierung schon etwas, das die Freiheit von Millionen wiederherstellen würde. Das nenne ich ein echtes, konkretes und lohnenswertes Ziel.
Mehr müsst ihr Libertäre euch schon individuell holen - durch Auswanderung oder geeignete Drogen. Oder aber, ihr schafft das, was den Christen auch gelungen ist: Die Naherwartung durch den langen, aber aktiv teilnehmenden Atem zu ersetzen. Freuen würde es mich.
Verfasst von Rayson um 23:45 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik (Trackback)