Freiheit als Flop

Die F.A.Z. zieht wieder mal ein Fazit, diesmal zum Thema “Öffnungszeiten im Einzelhandel“.

Auch die quasi rückwirkende Diskussion offenbart noch einmal das zwiespältige Verhältnis der Deutschen zur Freiheit. Wir hätten es eben gerne vorgeschrieben. Wenn in einem Gesetz steht, wann die Geschäfte frühestens öffnen dürfen und spätestens schließen müssen, dann sind wir glücklich: Keiner tanzt aus der Reihe, klare Verhältnisse. Antreten zum Warenempfang samstags zwischen neun und zwölf Uhr - iiiiiim Gleiiiichschritt - marsch!

Vielleicht lassen wir für teures Geld noch ein paar Studien erstellen, die uns sozusagen amtlich ein Öffnungs-Optimum ermitteln, so dass uns die Wächter des Gleichschritts fundiert darüber informieren können, welche Öffnungszeiten wir “brauchen” und welche nicht. Dann wird gejammert, längere Öffnungszeiten rechneten sich nicht, würden nicht angenommen, brächten nicht mehr Umsatz - kurz: seien überflüssig.

Jetzt stellt sich wohl für alle Lieferanten von Prokrustes-Betten überraschend heraus, dass sich die Ladenschlusszeiten nach Freigabe im Allgemeinen gar nicht groß von denen davor unterscheiden und dass größere Abweichungen meist befristete Ausnahmen sind. Und schon entblödet sich der Präsident des Hessischen Einzelhandelsverbands, Frank Albrecht, nicht, “für die Entwicklung klare Worte zu finden”:

„Die Freigabe ist im Prinzip ein Flop“, sagte er.

Nein, Herr Zunftvorsteher, genau andersherum wird ein Schuh draus: Das Gesetz war offensichtlich eins.

In die Birnen hackenzusammenschlagender Deutscher muss vielleicht erst noch hinein, dass Freiheit nicht Untertanen vorsichtig auf Bewährung übertragen wird, sondern das wichtigste aller Grundrechte ist. Wir brauchen weder Könige, Kaiser noch Einzelhandelsverbandsfunktionäre, die Freiheit davon abhängig machen wollen, dass ihnen die Ergebnisse genehm sind. Nicht die Abschaffung, sondern die Aufrechterhaltung von Gesetzen ist zu begründen.

Ähnliche Beiträge


20 Kommentare zu “Freiheit als Flop”

  1. 3.02.2007 | 13:48

    Ja, da ist schon was dran. Und so manche Gegner der neuen Regelung reiben sich ja die “ich hatte Recht”-Hände, weil der Einzelhändler um die Ecke immer noch Punkt 20:00 Uhr den Laden schließt. Wenn man sich ihre Reden vorher nochmal so anhört, könnte man ja fast glauben sie hätten befürchtet per Gesetz jetzt rund um die Uhr geöffnet haben zu müssen. Oder vielleicht haben sie es sich auch nur an die Wand malen müssen, weil aus ihren Horrorszenarien sonst nichts geworden wäre. Schon merkwürdig, das deutsche Verhältnis zu neuen Freiheiten generell.

  2. 3.02.2007 | 14:25

    Freiheit, die nur gewährt wird, wenn im voraus bekannt ist, daß ihre Folgen günstig sein werden, ist nicht Freiheit. Wenn wir wüßten, wie Freiheit gebraucht werden wird, würde sie in weitem Maße ihre Rechtfertigung verlieren. Wir werden die Vorteile der Freiheit nie genießen, nie jene unvorhersehbaren Entwicklungen erreichten, für die sie die Gelegenheit bietet, wenn sie nicht auch dort gewährt ist, wo der Gebrauch, den manche von ihr machen, nicht wünschenswert erscheint. Es ist daher kein Argument gegen individuelle Freiheit, daß sie oft mißbraucht wird … Unser Vertrauen auf Freiheit beruht nicht auf den vorhersehbaren Ergebnissen in bestimmten Umständen, sondern auf dem Glauben, daß sie im Ganzen mehr Kräfte zum Guten als zum Schlechten auslösen wird.

    (Friedrich August von Hayek)

  3. FAB.
    3.02.2007 | 14:32

    Wieso übrigens Flop? Seit neuestem kann ich vom Büro zum Sport und hinterher noch einkaufen. Ganz hervorragende Sache; bisher ging das zeitlich ganz einfach nicht. Und ich stehe um viertel vor zehn auch nicht etwa allein an der Kasse. Wenn bei Herrn Albrecht auf dem Dorf niemand nach acht einkaufen will, weil da keiner selbst bis acht arbeitet, dann ist das ja schön für die Leute da. Aber es ist nun wirklich nicht überall so.

  4. 3.02.2007 | 15:00

    Ich sehe das genauso: Das Gesetz war offensichtlich vollkommen überflüssig, wenn die meisten Läden ohnehin ähnliche Öffnungszeiten aus eigener Erwägung angestrebt hätten. Es versaute nur denen das Geschäft, bei denen abweichende Zeiten sinnvoll sind - und die können nun öffnen, wann sie wollen. Aber die prophezeihte soziale Katastrophe und völlige Zerstörung von Familien- und Gesellschaftsleben, die kommt offenbar nicht.

  5. 3.02.2007 | 19:14

    Ich habe bei Diskussionen über den Ladenschluss in diversen Onlineforen die Erfahrung gemacht, dass mir die Leute einfach nicht glauben wollten, dass die Geschäfte nicht länger öffnen werden, sollte es sich nicht mit höherem Umsatz auszahlen, vielleicht glauben sie mir ja, wenn ich den FAZ-Artikel poste.
    Die oft gelesene und gegen jegliche Logik verstoßende Argumentation geht: Die Freigabe der Ladenschlusszeiten wird nichts bringen, da die Kunden deshalb nicht mehr Geld ausgeben werden, daher werden wieder die armen Angestellten leiden und weniger bezahlt bekommen, nur damit die Ladenbesitzer länger öffnen können.

    Warum irgendein Ladenbesitzer darauf erpicht sein sollte, sein Geschäft auf Teufel komm’ raus länger zu öffnen, obwohl er damit Verluste macht, nur um die Angestellten zu knechten, konnte mir niemand schlüssig erklären, schön zu sehen dass der Denkfehler offenbar nicht bei mir lag.

    Zum Ladenschluss selber: Ich begrüße jede Lockerung derartiger staatlicher Restriktionen, es ist Sache der Händler und Konsumenten zu entscheiden, wann sie sinnvollerweise Geschäfte machen sollten und nicht die der Obrigkeit, das gilt auch für den leider grundgesetzlich “geschützten” Sonntag.

  6. Llarian
    3.02.2007 | 21:00

    Mal langsam. Man kann das ganze schlecht beurteilen, wenn es gerade mal ein paar Monate gelaufen ist. Aldi hat bei der 20:00 Freigabe auch erst einmal ein paar Monate abgewartet und sich schliesslich der Konkurrenz angeschlossen. Um die Ecke hat der Kaufhof und Karstadt bereits bis 21:00 geöffnet, der Kiosk eine Straße weiter öffnet gar erst um 20:00. Und hat bis 3:00 offen. Der Markt allokiert zwar sehr gut, aber niemand sagt, dass er das sofort tut, es wird ein bissel dauern.
    Übrigens hab ich bisher nicht davon gehört, dass irgendein Mädel bei Aldi auch nur einen Euro weniger bekommen hat, als Aldi anfing bis 20:00 zu öffnen. Tatsächlich musste der Einzelhandel ordentlich einstellen. Das ist natürlich etwas, dass vermutlich im gewerkschaftlichen Denken ganz, ganz schlecht ist.

  7. 4.02.2007 | 14:42

    Folgt man dieser Flop-Logik, dann ist auch die Eigentumsgarantie im Grundgesetz ein Flop. Weia.

  8. 4.02.2007 | 14:48

    Warum?

  9. 4.02.2007 | 15:44

    Z.B., weil es Leute gibt, die ihr Eigentum verschenken und auch solche, die keine Steuern hinterziehen. Offenbar wird Eigentum also überschätzt.
    Das war doch ungefähr die Logik, oder?

  10. 4.02.2007 | 17:26

    Trotz Eigentumsgarantie im Grundgesetz gibt es ja Menschen, die trotzdem so gut wie nichts haben. Also versagt nach der Flog-Argumentation das GG und man kann sich das Grundrecht schenken.

  11. 4.02.2007 | 17:37

    @Marc:
    Kapier’ ich immer noch nicht so ganz. Meinst Du jetzt Raysons Flop-Argumentation oder die von Herrn Albrecht? Wenn ich das sicher weiß, hilft mir das vielleicht dabei, Deinen Kommentar zu verstehen.

  12. 4.02.2007 | 18:03

    Ich verstehe das so:

    - Liberalisierte Ladenschlußzeiten werden von vielen mangels Profitabilität nicht genutzt. Ergo: Liberalisierte Ladenschlußzeiten sind Blödsinn.

    Etwa analog:

    - Der Schutz des Eigentums wird von manchen mangels Eigentum nicht in Anspruch genommen. Ergo: Schutz des Eigentums ist Unsinn.

  13. 4.02.2007 | 18:13

    @David:
    Ja, so verstehe ich das schon. Bei Marc hatte ich aber die Erwartung, dass er eher Raysons “Gegenflop” aufs Korn nehmen würde. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir zwei nämlich irgendwo schon mal saftig über den Ladenschluss debattiert…

  14. AM
    4.02.2007 | 18:48

    Ein paar Nachteile hat es auch für den Kunden gebracht, dass der Ladenschluss frei ist. Ich finde es zum Beispiel äußerst lästig, dass ich jetzt von jedem Laden einzeln wissen muss, wann er geöffnet ist. Manche öffnen um 9, andere erst um 10. Größere Einkaufszentren haben das Problem erkannt und geben allen Einzelhändlern des Komplexes ihre Öffnungszeiten wieder vor. So schön kann Freiheit sein.

  15. 4.02.2007 | 18:58

    @Karsten: Ich meine, die von Herrn Albrecht. Als ich das im Radio hörte, schüttelte ich nur den Kopf. Denn es muss ja keiner aufmachen.

    Und er vergisst einen anderen Vorteil: Jetzt kann man auch nach 20 Uhr noch schnell einen Kunden in den Laden lassen, ohne dass man vom Ordnungsamt oder einem Wettbewerber belangt wird.

    Nachteil: Die Geschäfte müssen jetzt halt mal zu ihren Öffnungszeiten stehen. Und sich gut überlegen, ob man den Kunden, der um 20.01 Uhr an die Scheibe klopft nicht lieber doch etwas verkauft, anstelle auf die Uhr zu zeigen und blöd zu grinsen.

  16. 4.02.2007 | 19:05

    @AM

    Ja, Freiheit ist unbequem. Außerordentlich sogar.

  17. 4.02.2007 | 19:09

    @AM:

    Ich finde es zum Beispiel äußerst lästig, dass ich jetzt von jedem Laden einzeln wissen muss, wann er geöffnet ist. Manche öffnen um 9, andere erst um 10.

    Damit unterscheidet sich die Situation aber überhaupt nicht von der, die vorher bestand. Denn auch da öffneten manche Läden schon um 6 Uhr (Bäckereien), andere erst um 8 Uhr (Supermärkte) oder gar erst um 10 Uhr (Kaufhäuser)….

    @Marc:
    Oh, dann warst Du es wohl nicht, der mir so verbissenen und gelungenen Widerstand in der Diskussion um die Öffnungszeiten lieferte?

  18. 5.02.2007 | 6:55

    @Karsten: Ich? Gegen Freigabe der Öfnungszeiten habe ich seit 1995 nichts mehr. Oder gibt es da eine reflexhafte Widerspruchspassage in einem Kommentar?

  19. 5.02.2007 | 11:36

    @Marc:
    “seit 1995″?

    Und nee, ich kann mich aber auch nur noch düster an die angesprochene Diskussion erinnern.

  20. R.A.
    5.02.2007 | 12:05

    Was in der Diskussion sowieso immer übersehen wird, das ist die Branchendifferenzierung.
    Es ist eben nicht so, daß überall die gleichen Öffnungszeiten sinnvoll sind.

    Ein Fachgeschäft für Orthopädiebedarf kann getrost um 18.00 schließen - da gibt es keine Spontankäufe spät abends.

    Während ein CD- oder Mode-Laden für junges Publikum vormittags getrost zumachen kann - aber spät abends nach dem Kino sind da noch gute Umsätze drin.

Bad Behavior has blocked 1597 access attempts in the last 7 days.