5. Februar 2007
Warum eigentlich nicht?
Ich habe - nach langer Zeit - mal wieder die “Freunde der offenen Gesellschaft” besucht. Auch, wenn diese sich nach einem Buchtitel meines politischen Lieblingsautors benannt haben, bin ich nicht unbedingt ein großer Fan dieser Site - viel Polemik, viel immergleiches, viel Bellizismus, viel Verachtung für Andersdenkende. Und was bei den “Freunden” an wirklich diskutablen Beiträgen kommt, das finde ich meist als Zitat dort, wo ich mich lieber aufhalte. Aber sei’s drum, es geht mir jetzt nicht um meine persönliche Meinung über die FdoG.
Vielmehr möchte ich über die einleitenden Worte dieses Beitrages sprechen. Wohlgemerkt, nicht über den ganzen Beitrag, auch, wenn die Frage, ob nun eher die Generalstreiks der Kommunisten oder die Lethargie des bürgerlichen Beamtentums den Untergang der Weimarer Republik ausgelöst haben, schon eine interessante ist. Nein, es geht mir um diese beiden Absätze:
Die IG-Metall protestiert gegen die “Rente mit 67″. Das ist ihr gutes Recht. Ihr Argument, dass etwa das Renteneintrittsalter an die Zahl der Beitragsjahre gekoppelt sein sollte und nicht an ein biographisches Alter ist nachvollziehbar. 40 Jahre harte körperliche Arbeit sind tatsächlich in der Regel genug.
Akademiker, die die Segnungen des Studentenlebens genossen haben und deren härteste körperliche Beansprachung heute im klassischen “Maus-Arm” durch Überbeanspruchung bei der Benutzung des optischen Bediengerätes stehen, sollten dagegen gerne auch mit 70 noch eine ruhige Kugel schieben müssen. wenn sie etwa nach 28 Semestern “vergleichende Religionswissenschaften” endlich ins Berufsleben eintreten.
Abgesehen von der Polemik (siehe oben), die hier vergleichenden Religionswissenschaftlern und Studenten im allgemeinen angediehen wird, ist es doch wirklich eine interessante Frage, warum die Sache mit den Beitragsjahren kaum Aufmerksamkeit in der allgemeinen politischen Diskussion findet. In den Medien werden für gewöhnlich nur zwei Standpunkte aufeinander gehetzt: Der realistische, der sieht, dass es zu einer Erhöhung des durchschnittlichen Rentenalters aufgrund der Demographie keine Alternative gibt - und der sozialromantische, der eine Beibehaltung des Rentenalters fordert, weil man so lange schließlich nicht arbeiten könne.
Da sind ja sogar die Stammtische noch vernünftiger, denn dort geht es (genau wie bei der IG Metall) vor allem um den Unterschied zwischen verschiedenen Berufsgruppen. Dass ein Bürojob eben auch mit 70 noch zu machen ist, während ein Stahlkocher oder Dachdecker bereits mit 55 schon größte Schwierigkeiten hat, seine Arbeit noch zu erledigen. Von den Kumpels unter Tage mal ganz zu schweigen.
Also, warum ist nicht die scheinbare Traumlösung der Kopplung an die Beitragsjahre die Sache, über die wir (und die Medien sowie die Politik) diskutieren?
Verfasst von Karsten um 00:47 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, Sozialpolitik (Trackback)