Verfassungsfeinde im Elfenbeinturm?

Das Problem kann man sehen: Wenn in einer Demokratie als Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit Ausgabenentscheidungen getroffen werden, besteht die Gefahr, dass die Mehrheit sich mit Staatsausgaben beschenkt, die dann von der Minderheit zu finanzieren wären. Auch deswegen ist unsereins ein Freund der Beschränkung staatlicher Aktivität.

Am grünen Tisch machen sich Ökonomen über dieses Problem unter dem Leitbild der “fiskalischen Äquivalenz” gerne Gedanken. So weit. so nett.

Die von Linken und vor allem sich links Fühlenden gern frequentierten und zitierten “Nachdenkseiten“, die jeden Tag aufs Neue die heutige Volkswirtschaftslehre als Verschwörung neoliberaler Finsterlinge entlarven, haben wegen dieses Blogeintrags jetzt Professor Roland Vaubel aufs Korn genommen als denjenigen, der endlich die Maske fallen lässt und sich als Verfassungsfeind im Dienste des Kapitals outet. Passt also.

Sich mit solchen allzu vorhersehbaren Reaktionen im Stile eines Sudel-Ede zu befassen, wäre mir jede Zeit zu schade. Die Polemik von gegenüber zielt für mich auch meterweit am eigentlichen Text vorbei (siehe auch die Diskussion bei Che). Andererseits: Die Vorschläge des Professor Vaubel sind mit dem Grundgesetz wohl nicht zu vereinbaren. Statler findet das normal - gut, er hat die akademische Erfahrung, die mir fehlt, aber wenn das so ist, dann beruhigt mich das nicht gerade. Ich finde es nämlich, wenn wir schon mal über Staatsausgaben reden, nicht so prickelnd, mit meinen Steuergeldern Leute zu bezahlen, damit die sich dann öffentlich Gedanken darüber machen, wie man sich am besten vom Grundgesetz löst, und das noch in einem Ausmaß, das m.E. von der Wesengehaltsgarantie des Artikel 19 Absatz 2 berührt wird. Diese Bedenken als Forderung nach einem “Berufsverbot für neo-liberale Ökonomen” polemisch abzutun und gar noch am Horizont Einreise- und Publikationsverbote auftauchen zu sehen, wie Statler das versucht, erhöht mein Vertrauen in die Demokratietauglichkeit solcher Ansätze auch nicht gerade.

Das Problem scheint mir, nach einer Nacht drüber schlafen, im Kern aber tatsächlich woanders zu liegen. Vaubel legt dar, wie großartig ein Hammer geeignet ist, Nägel in die Wand zu schlagen, und empfiehlt ihn deswegen als Schuhanzieher. Wenn man genau hinliest, erkannt man, dass er seine Kritik an fiktiven direktdemokratischen Entscheidungen und an föderativen Systemen mit zentralistischer Instanz festmacht, um dann für meine Begriffe unmotiviert und fälschlich daraus Schlüsse für die Ausgestaltung einer parlamentarischen Demokratie zu ziehen. Er schafft das nur halbwegs dadurch, dass er aus der Zusammensetzung der Parlamente aus meiner Sicht in wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügender Form eine extrem eindimensionale Interessenlage der Parlamentarier ableitet. Weitreichende Vorschläge auf so schwacher Fundierung aufzusetzen, weckt bei mir immer den Verdacht, dass die Lösung schon vor der Analyse feststand.

Darüber hinaus hat der Beitrag allerdings ein paar G’schmäckle, die für die instinktiv ablehnenden Reaktionen sicher ebenfalls verantwortlich sind. So werden nur wenige Menschen, wenn ihnen schutzbedürftige Gruppen einfallen, zuerst an diejenigen denken, die hohe Steuern zu zahlen haben. Es soll ja tatsächlich noch genug Leute geben, die lieber viel verdienen (und dann auch hoch besteuert werden), als ein Einkommen im Hartz-IV-Bereich zu beziehen. Das Mitleid hält sich da - auch jenseits des Neids - durchaus in Grenzen. Es dürfte auch ein Zeichen akademischer (hoffentlich nicht selbstgewählter) Blindheit sein, den Einfluss der Bezieher hoch besteuerter Einkommen auf die Institutionen dieses Staates auf die Stimmabgabe bei Wahlen zu reduzieren. Und nicht zuletzt suggeriert der Begriff “Leistungselite” ein Urteil, das sich mit den moralischen Vorstellungen der Mehrheit der Menschen wahrscheinlich nicht decken wird.

Ein wenig gilt da schon der alte Satz mit dem Hineinrufen in Wälder. Aber zum Schluss vielleicht doch noch ein Leckerli für meine Freunde auf der extremen Linken (sorry, ich kann nicht aus meiner Haut): Wer diesen Staat und seine Verfassung eh nur als Instrument der herrschenden Klasse ansieht, das schnellstmöglich abzuschaffen sei, sollte sich vielleicht nicht allzu sehr als Hüter des Grundgesetzes aufspielen…

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12 Kommentare zu “Verfassungsfeinde im Elfenbeinturm?”

  1. 7.02.2007 | 15:24

    Warum kompliziert, wenns auch einfach geht.
    Die unwidersprochene Kernkritik ist doch, dass im Bundestag die Berufe und Gruppen der deutschen Zivilgesellschaft ungleich vertreten sind. Die meisten Bundestagsabgeordneten sind Angestellte des Oeff. Dienstes, Beamten oder Juristen.

    Diese Verteilung an die Realität anzupassen ist der Kern des Pudels.
    Habe ich mal Zirkeldemokratie genannt, was man in deutschen Parlamenten beobachten kann.

  2. 7.02.2007 | 15:30

    Die Kritik ist berechtigt, nur die Schlussfolgerungen bei Vaubel sind mir zu primitiv (und sind als Kernkritik mit zwei Sätzen in einem langen Blogbeitrag auch ein wenig unterrepräsentiert)…

  3. Libertarian
    7.02.2007 | 15:30

    Tatsache ist doch, daß das Grundgesetz nicht liberal ist - und diese Feststellung bezieht sich nicht nur auf die dem Belieben politischer Willkür überantwortete Eigentumsfrage und die Einschränkung wirtschaftlicher Handlungsfreiheit.

    Wer liberal sein will, muß den Rahmen des GG denknotwendig verlassen. Das Testat “verfassungskonform” kommt, nach unzähligen GG-Änderungen seit 1949 zumal, bloß noch orthodoxen Sozialisten zu, ist ergo kein Prädikat, auf das man stolz sein sollte!

    http://www.staatsbriefe.de/1994/2006/freie_verfassung.pdf

  4. 7.02.2007 | 15:33

    Ich bin ein Freund von Ehrlichkeit. Was aber “Stolz” hier zu suchen hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

  5. gis
    7.02.2007 | 15:42

    Wenn in einer Demokratie als Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit Ausgabenentscheidungen getroffen werden, besteht die Gefahr, dass die Mehrheit sich mit Staatsausgaben beschenkt, die dann von der Minderheit zu finanzieren wären.

    Hm, in vielen Fällen verhält es sich auch umgekehrt. Die Mehrheit finanziert den Kulturbetrieb, der nur von einer Minderheit frequentiert wird. Das staatliche Bildungswesen wird durch die Mehrheit bezahlt, während nur eine Minderheit überhaupt (noch) Kinder hat. Etc. pp.

  6. 7.02.2007 | 15:50

    Was ja darauf hindeuten würde, dass manche Minderheit proportional mehr Einfluss hat als Köpfe…

  7. Chinaski
    7.02.2007 | 16:38

    @Rayson
    Nicht unbedingt, siehe oben genanntes Beispiel Kultursubventionen.

    leicht-off-topic-tag-start

    Wenn Wohltaten zwar auf die Gesamtheit abzielen, aber nur von einer privilegierten Minderheit abgerufen werden, dann ist dies nicht zwangsläufig einem überproportionalem Einfluß der theaterphilen Oberschicht geschuldet.

    Viel eher scheint es mir so zu sein, dass zum einen keine Reflektion über die Effiktivität der Volksbeglückung stattfindet (von Effizienz will ich hier gar nicht erst anfangen). Zum andern sonnen sich Politiker IMHO gern im Glanz eines steuerfinanzierten Mäzenatentums.

    Wenn man den vielzitierten Bürger auf der Straße befragt, dann wird dieser sicher Kultur, Museen, etc ganz arg toll finden. Aber wenn man ihm klip und klar sagen würde, was ihn das kostet, dann wäre er vermutlich nicht mehr ganz so begeistert und würde vielleicht sein Wahlverhalten dementsprechend abändern.

    Das Hauptproblem scheint mir also eher ungenügende Information zu sein, verquickt mit einer romantisierten Vorstellung, dass Bildung für alle prinzipell gut sein muss, auch wenn sie nur einen Bruchteil erreicht.

    leicht-off-topic-tag-ende

    über einen Kommentar zu dem eigentlichen Thema grübel ich noch ein bisschen ;-)

  8. 7.02.2007 | 17:48

    @ Rayson:

    “Ich finde es nämlich, wenn wir schon mal über Staatsausgaben reden, nicht so prickelnd, mit meinen Steuergeldern Leute zu bezahlen, damit die sich dann öffentlich Gedanken darüber machen, wie man sich am besten vom Grundgesetz löst, und das noch in einem Ausmaß, das m.E. von der Wesengehaltsgarantie des Artikel 19 Absatz 2 berührt wird.”

    Also, ich denke nicht, daß es die Aufgabe von Wirtschaftstheorie im allgemeinen oder speziell der Politischen Ökonomie sein kann, Wissenschaft zu betreiben, die ausschließlich Resultate hervorbringt, die den Freunden des deutschen Verfassungs-Status-Quo genehm sind. Das wäre eine seltsame Art von Selbstzensur. Wenn nun aber ein robustes theoretisches und empirisches Resultat der Politischen Ökonomie darin besteht, ein Common-Pool-Problem in einer an der einfachen Mehrheitsregel orientierten Finanzpolitik zu diagnostizieren — was soll sie dann machen? Dieses Resultat ignorieren und verschweigen, weil es von den Betreibern der Nachdenkseiten als Kritik am Grundgesetz verstanden werden kann? Oder vielleicht doch eher Reformvorschläge erarbeiten, die das Problem lösen könnten, selbst wenn diese Vorschläge sich vom konstitutionellen Status quo unterscheiden?

    Und wo ziehen wir denn die Grenze? Ich habe gerade Diamond/Mirrlees unterrichtet, optimale nicht-lineare Einkommensteuer, mit dem Resultat, daß das höchste Einkommen mit einem Grenzsteuersatz von Null zu belegen ist. Könnte man verfassungsrechtlich als Verstoß gegen das Leistungsfähigkeitsprinzp interpretieren (obwohl man es nicht muß, da der Durchschnittssteuersatz auch am oberen Rand der Einkommensverteilung noch ansteigt). Also, darf ich Mirrlees dann auch nicht mehr lehren, weil es potentiell verfassungswidrig ist? Allgemeine Gleichgewichtstheorie streichen wir auch vom Lehrplan, weil der erste Hauptsatz der Wohlfahrtstheorie klare staatsfeindlich-anarchistische Untertöne hat?

    Also bitte, diese Verfassungsfeindschafts-Vorwürfe sind doch bestenfalls billige Polemik, schlimmstenfalls das Ergebnis einer ungeheuren Ignoranz der Nachdenkseitler, die sich offenbar nicht vorstellen können, daß Gesellschaftswissenschaften der Erklärung der Realität verpflichtet sind, und nicht der Produktion von Resultaten, die das deutsche Grundgesetz als beste aller denkbaren Verfassungen preisen.

  9. 7.02.2007 | 18:08

    Es ist ja auch nicht real so, dass eine Minderheit (”Kapitalisten”), die Mehrheit (Arbeiter- oder was-weiss-ich-für Klasse) finanzieren würde, zumindest nicht per Saldo. Man betrachte nur die Milliarden an Unternehmenssubventionen, die verteilt werden. Und ein tatsächlich “Besserverdienender” hat allemal bessere Möglichkeiten, dem Zugriff der Enteigner zu entgehen, als unsereins Mittelschichtshanseln. Von daher ist die Argumentation mancher Libertärer in Richtung Zensuswahlrecht auch in der Tat nicht schlüssig, imho: nicht ein “demokratischer Mob” stützt das System - vielmehr wird durch die Umverteilung “lediglich” (es sind wohl schon >40%) die Umverteilungs- und Sozialbürokratie legitimiert und finanziert.
    Es gilt also die Mehrheit zu überzeugen, dass keiner ausser der Bürokratie langfristigen Nutzen aus diesem System zieht.

  10. der gute don
    7.02.2007 | 18:34

    GmbHs könnten auch schon bald verfassungswidrig sein, denn dort bemisst sich der Einfluß auf die Geschicke der Gesellschaft am eingezahlten Anteil des Gesellschafters und nicht am relativen Anteil der Köpfe. Wir brauchen lediglich das Bekenntnis zur demokratischen Grundordnung in allen GmbH Verträgen!

  11. Parker8
    7.02.2007 | 18:41

    Wenn die Public Finance-Meditationen mehr Öffentlichkeit erhielten, hätte das multiple Lerneffekte. Insofern ist dieses kleine Staubaufwirbeln gar nicht so schlecht.

  12. 7.02.2007 | 22:04

    @statler: “Also, ich denke nicht, daß es die Aufgabe von Wirtschaftstheorie im allgemeinen oder speziell der Politischen Ökonomie sein kann, Wissenschaft zu betreiben, die ausschließlich Resultate hervorbringt, die den Freunden des deutschen Verfassungs-Status-Quo genehm sind. Das wäre eine seltsame Art von Selbstzensur. ……daß Gesellschaftswissenschaften der Erklärung der Realität verpflichtet sind, und nicht der Produktion von Resultaten, die das deutsche Grundgesetz als beste aller denkbaren Verfassungen preisen.” - Da stimme ich mit Dir völlig überein. Und bin dennoch nach wie vor der Auffassung, dass der behandelte Beitrag in der Grundtendenz schon auf eine Art Zensuswahlrecht, zumindest aber institutionalisierte Elitenförderung hinausläuft. Ich kritisiere also nicht die theoretischen Voraussetzungen des Beitrags, auch nicht die Methodik und Arbeitswise des referenten (dessen Vergleich unterschiedlicher politischer Systeme aus verschiedenen Epochen ich im Übrigen sehr gelungen finde, stimme Dir hinsichtlich der Freiheit und notwendigen poliischen Unvoreingenommenheit der Gesellschaftswissenschaften zu, und halte die Aussagen Vaubels doch für falsch bis gefährlich.

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