Sozialdarwinisten und Sozialkreationisten

“Sozialdarwinismus” - in Diskussionen wird Liberalen dieser Begriff von Linken gerne irgendwann aufs Butterbrot geschmiert, gedacht als endgültige moralische Disqualifikation. Und obwohl noch nicht einmal die Erfüllung von Godwins Gesetz erforderlich ist, wird die Nazi-Assoziation gratis mitgeliefert: Der Liberale hält die wirtschaftlich Schwächeren für unwertes Leben, das vom Markt zu selektieren sei. Soll es doch verhungern, das Pack - statt “survival of the fittest” eben “survival of the most productive”, und um den Rest ist es nicht schade. Endlich hat der diesen Begriff verwendende (fiktive) Linke so wieder die Gelegenheit, sich selbst dafür zu danken, dass er nicht ist wie “die da” (Lk 18,10).

Vorab vielleicht eine kleine Anmerkung für die notorisch geschichtlich Unbewussten: Wenn da einer vom anderen abgeschrieben hat, dann höchstens Charles Darwin von Adam Smith, denn bei aller Wertschätzung des schottischen Philosophen - hellsehen konnte der auch nicht…

Aber zurück zum Darwinismus. Viele Liberale bekennen sich tatsächlich implizit dazu. Die Parallelen sind auch nicht etwa bemüht oder gesucht, sondern ergeben sich logisch fast zwangsläufig. In einem vernetzten und dynamischen System werden wir auf lange Sicht vorwiegend Elemente antreffen, die sich an ihre Umwelt besonders gut angepasst haben. Das gilt z.B. nach Hayeks Auffassung nicht nur im engeren Sinn und in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum für das Wirtschaftssystem, sondern über Generationen hinweg durch kulturelle Evolution (die dann sozusagen das Element der “Vererbung” repräsentiert) auch für die Gesellschaft insgesamt. Unser fiktiver Linker von vorhin hat also Recht: Der Begriff passt.

Allerdings gibt es da ein kleines Problem, denn um ihn als Vorwurf verwenden zu können, ist es zwingend erforderlich, den Darwinismus an sich entweder nicht verstanden zu haben oder sein Gegner zu sein. Es gibt da eine unheilvolle Tradition des Unverständnisses, die von einem Herrn Lamarck über fatale Metaphern bis dann im Extrem tatsächlich zu den Nazis führt. Im Kern steckt dahinter anscheinend das menschliche Grundbedürfnis von Zielgerichtetheit und zeitlicher Überschaubarkeit. Wie es Sozialdarwinisten gibt, gibt es auch Sozialkreationisten.

Wenn immer wieder beschrieben wird, “die Evolution” habe dieses oder jenes Merkmal “selektiert”, dann darf man sich dahinter trotz der durch die Sprache naheliegenden Versuchung keine sichtbare Handlung vorstellen, sondern damit wird letztlich nur ein Ergebnis einer sehr langen Entwicklung festgestellt, die für jeden einzelnen Träger einer Entwicklungsstufe dieses Merkmals gar nicht spürbar gewesen sein dürfte. Erst die Zusammenfassung von Millionen Jahren zu einem der menschlichen Intuition wohl nicht zugänglichen Ablauf erlaubt überhaupt erst eine solche Formulierung.

Der Kreationist hingegen kann sich auf diese Denke nicht einlassen und wird zum Gefangenen der Metapher. Jede Wirkung muss doch eine Ursache haben und jedes Ergebnis einen, der es anstrebt. Irgendjemand muss am Hals der Giraffe gezogen haben, und wenn eine Art (oder im Nazi-Jargon eine “Rasse”) aussterben soll, dann muss es da jemanden geben, der tatsächlich auch deren Exemplare um die Ecke bringt. Oder umgekehrt, ins Positive gewendet: Es gibt ein übergeordnetes Ziel, an dem sich das Handeln ausrichtet.

Aber auch, wenn man dem kreationistischen Irrtum nicht unterliegt, dann verlangt unser “gesunder Menschenverstand” einen sicht- und zeitlich überschaubaren Vorgang. Wenn also z.B. der Homo sapiens den Neandertaler “verdrängt” hat, dann tauchen vor unserem geistigen Auge unweigerlich Bilder von Scharmützeln oder hungernden und in immer unwirtlichere Gebiete fliehenden Neandertalern auf, obwohl sich viel prosaischer und wahrscheinlicher über Zehntausende von Jahren hier lediglich ein Vorteil von Lebenserwartung und Fertilität durchgesetzt hat.

Da sich der Sozialkreationist den Sozialdarwinismus also nur mit den Folgen von Elend und Leid für die Schwächeren vorstellen kann, bevorzugt er Ideen eines “Großen Designers”, der wohlüberlegt, geplant und quasi unfehlbar mit steuernden Eingriffen die Entwicklung zu immer höheren Stufen ermöglicht. Und weil auch er es gerne überschaubar hat, sollte das möglichst auch schnell und direkt laufen - Komplexität und Zeit sind da oft hinderlich. Leider, aber nicht zufällig, endeten alle uns in der Geschichte bekannten konsequent sozialkreationistischen Experimente, von Lenin über Hitler, Stalin und Mao bis zu Pol Pot, genau mit dem, was sie angeblich verhindern wollten: Elend und Leid.

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21 Kommentare zu “Sozialdarwinisten und Sozialkreationisten”

  1. 26.02.2007 | 14:16

    Ich vermute, dass zudem in Deutschland “survival of the fittest” falsch übersetzt wird. Wie Du oben schreibst, geht es bei “Fitness” um “Anpassung” und nicht um “Stärke”. Weswegen ja auch damals nicht das bessere Videosystem durchsetzte, sondern das was den Kunden - warum auch immer - am besten in den Kram passte.

    Was natürlich eine gewisse Ungerechtigkeit darstellt, denn aus diesem Grund verkauft sich auch objetiv unnützes oder auch schlechtes Zeugs.

    Allerdings, und das ist für mich der Haken an Deinem letzten Absatz, führt die Variante ohne “weisen lenkenden Diktator” ebenso zu Elend und Leid. Ich denke da an England im 19. Jahrhundert oder an Favaelas in Brasilien oder Slums in den USA.

  2. 26.02.2007 | 14:18

    Ich meinte: Die Variante ohne jeglichen Eingriff.

  3. R.A.
    26.02.2007 | 14:51

    @Marc:
    > führt die Variante
    > ohne “weisen
    > lenkenden Diktator”
    > ebenso zu Elend und
    > Leid. Ich denke da
    > an England im 19.
    > Jahrhundert …
    Welche Variante des Sozialkreationismus sollte das jetzt sein?
    Und wieso soll gerade das England des 19. Jhdts. als Beispiel für “Elend und Leid” stehen?

  4. 26.02.2007 | 15:43

    Ich dachte an die Geschichten von Charles Dickens. Aber geschenkt. Denn ich vermute mal, dass bei Dir jeder noch so kleine Eingriff schon Sozailkreationiscmus ist. Und damit Schuld an Not und Elend ist.

    Ab wann beginnen denn Eingriffe schädlich zu werden?

  5. 26.02.2007 | 15:51

    Das Problem ist, daß Du “Evolution” natur-analog als historische Eigendynamik unabhängig von Akteuren und deren Überzeugungen, Intentionen, deren Glauben etc. beschreibst - so wie einen Baum, der am Abhang steht und schief wird, weil der Wind so weht, und irgendwann entstehen dann biegsamere Baumstämme (so funktioniert ja, in Grundgedanken, meines Wissens die Evolutionstheorie - Anpassung an Umweltbedingungen).

    Damit tilgst Du das spezifisch menschliche. Das macht Luhman zwar auch so, aber man kommt durch einen solchen Ansatz um die eigentlich erklärungsbdürftigen Phänomene ja nun gerade nicht herum - wie geschieht es, daß aus den Handlungen einzelner Personen ein koordiniertes Handlungefüge entsteht (oder umgekehrt), wieso hat sich in westlichen Gesellschaften Demokratie entwickelt, in anderen nicht usw.

    Mit anderen Worten: Evolutionskonzepte gibt es ja diverse in den Sozialwissenschaften, einige setzen funktionalistisch an (es setzt sich durch, was funktioniert, zweckmäßig ist), andere eher rationalistisch (es setzt sich durch, was die besten Gründe auf seiner Seite hat, und das müssen nicht nur funktionalistische sein, so konnte die Berufung auf die Bibel als bestem Grund bestimmte Verläufe auch lange unterbinden) usw., die alle im Gegenzug zur hegelmarxistischen Geschichts-Teleologie Entwicklungsverläufe rekonstruieren und - im Gegensatz z.B. zu Foucault, Lyotard, Nietzsche, Schopenhauer - auf den Gedanken des Fortschritts trotzdem nicht verzichten wollen (bei Luhmann gibt’s den auch nicht, den Fortschritt, allenfalls Fortschreiten).

    Die sind aber a.) allesamt nicht “darwinistisch” im Sinne der Selektion von Personen, formulieren auch kein Anpassungsprogramm, sondern sind zu verstehen im Sinne des Sich-Durchsetzens von Handlungsgründen und b.) in einer Opposition “Darwinismus” versus “Kreationismus” schon gar nicht faßbar.

    Jetzt diese greulichen Versuche, neue Menschen durch zwangsweise Durchsetzung am Reißbrett entwickelter Gesellschaften hervorzubringen, als totalitären Gegenpol zu “naturwüchsigen” Entwicklungen in Stellung zu bringen, und das dann selbst in totalisierenden Großtheorie-Entwürfen - das wirkt ein wenig so, als wolle man, um jegliche politische Vision unter “Kreationismus”-Verdacht stellen zu können, dann auch gleich die Logik menschlischen Handelns durch in großen Zeiträumen sich vollziehende, übergreifend sinnvolle Entwicklungen ersetzen zu wollen. Das ebnet dann aber nicht nur die Differenz zwischen praktischer und theoretischer Vernunft ein, bei wirtschaftswissenschaftlich orientierten Personen ja durchaus üblich, , dieses Einebnen, sondern reproduziert auch noch jenes Schema, gegen das Evolutionsbegriffe in den Sozialwissenschaften ursprünglich mal in Stellung gebracht würde: Eine Geschichtsphilosophie analog zu jener Marx’, allerdings ohne Teleologie und Dialektik, aber dafür eben doch ein Wirken eines materialistisch gewendeten “objektiven” Geistes, der ganz unabhängig vom Menschen waltet.

    Gut daran ist, daß dieses Modell - mehr kann’s ja gar nicht sein als ein solches - ja auch gar nicht vorgibt, jetzt selbst praktisch werden zu wollen - nö, man lehnt sich zurück und rekonstruiert Verläufe.

    Damit ist dann allerdings kein einziges, konkretes politisches Problem tangiert.

    Oder, schlimmere Variante, man zieht diese Rekonstruktionen heran zur Legitimation konkreter politischer Fragen (”in freier Wildbahn würden Behinderte doch auch nicht überleben” usw.), und da kommen dann im besten Fall Stilblüten, im schlimmsten Fall Lamarcksche Visionen bei raus, und da isses dann schnurz, ob man sich auf Schöpfergötter oder “die Evolution” bezieht, ‘ne metaphysische Legimationserzählung ist’s dann trotzdem.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Worin besteht jetzt die praktische Relevanz und der Bezug zur Freiheit?

  6. R.A.
    26.02.2007 | 15:59

    @Marc:
    > Denn ich vermute mal,
    > dass bei Dir jeder
    > noch so kleine
    > Eingriff schon
    > Sozailkreationiscmus
    > ist.
    Nein.
    Ich habe nur überhaupt nicht begriffen, welche Eingriffe Du in diesem Beispiel überhaupt meinen könntest.
    Mir ist einfach unklar, was Du mit Deinem Beitrag in Bezug auf Raysons These sagen willst (abgesehen vom korrekten Verweis wg. Übersetzung)-

  7. 26.02.2007 | 16:12

    @MR

    Es geht mir grundsätzlich nicht darum, die Welt als Ganzes zu erklären. Und was speziell diesen Beitrag betrifft, so dürfte seine praktische Relevanz auf der Hand liegen: Wer den Begriff “Sozialdarwinismus” wie beschriebenen in diffamierender Absicht verwendet, sollte sich bewusst sein, wie sehr er damit im Grunde eigene Defizite offenbart. Und dass die beliebten Beispiele dafür eher alles andere als “darwinistisch” sind, sondern, wenn man denn diese Parallelen überhaupt bemühen will, eher “kreationistisch”.

    Ein richtig verstandener Evolutionsbegriff hingegen ist durchaus geeignet, auch kulturelle Entwicklungen zu erklären - wenn auch wohl nicht exklusiv.

  8. 26.02.2007 | 16:53

    Na ja, das “wie” dieses Begriffes/Konzeptes ist aber ja gerade das Problem, nicht, daß man ihn verwendet …

    Wenn er quasi-naturalisierend verwendet wird, natur-analog, dann sind die diskreditierenden Konter zumindest nicht nur aus der Luft gegriffen (wenn man nicht eh Natur als prinzipiell kulturell vermittelt begreift, insofern selbst als an kulturelle oder gesellschaftliche Perspektiven immer schon gekoppelt) …

    Ansonsten verwendet einen Begriff gesellschaftlicher Evolution sogar Habermas, das ist sozusagen dessen Rest-Hegelianismus, aber auf “Soziobilogie” käme der mit guten Gründen trotzdem nicht …

  9. 26.02.2007 | 17:46

    Auch die Implikationen der Soziobiologie (dieses Fass wollte ich hier gar nicht erst aufmachen) werden gerne falsch verstanden.

  10. 26.02.2007 | 17:51

    Na, aber dann gut, daß Du darauf hinweist, daß sie falsch verstanden werden, wenn Du das Faß nicht aufmachen willst ;-) … es muß schrecklich sein, in einer Welt zu leben, in der immer alle alles falsch verstehen!

  11. 26.02.2007 | 18:00

    Nö, das ist schließlich die einzige Welt, die wir haben, und in der überwiegen die Meinungen das Wissen nun einmal ganz eindeutig… Ganze Branchen leben davon.

  12. 26.02.2007 | 18:05

    Meinungsbranchen? Wo gibt’s denn sowas?

    Das ist immer nur der Eindruck von Liberalen, die vor der ernsthaften Fragestellung zurückschrecken, woran es liegt, daß die ihre nicht flächendeckend geteilt wird und dann ihrerseits auf der Ebene der Meinung kontern ;-) … Anwesende natürlich ausgeschlossen.

  13. 26.02.2007 | 18:18

    Siehst du, wie leicht sich etwas falsch verstehen lässt, wenn man es denn vor dem passenden Vorurteil begreifen möchte? Wenn ich meine, dass ganze Branchen vom Überschuss der Meinung über das Wissen leben, dann heißt das weder logisch noch so gemeint, dass diese Branchen daran Schuld seien. Sie nutzen das nur aus. Denken wir dabei z.B. an Marketing/Werbung oder an politische Parteien.

    Ich jedenfalls mache mir keine Illusionen über das Bildungsniveau der Mehrheit. Eine liberale Gesellschaft wäre aber auch die einzige, in der an die Stelle der Illusionen nicht die Sorgen treten müssen.

  14. 26.02.2007 | 20:22

    @R.A.:
    Ich meinte, dass es für Not und Elend nicht unbedingt sozialkreationistische Experimentatoren braucht. Ich denke, dass wird auch ohne erreicht.

  15. 26.02.2007 | 20:29

    @Rayson:

    Ich hatte vorher Boche’ Kommentar bei Zettel gelesen … vielleicht reicht das als Entschuldigung?

    Freunde von mir machen sich übrigens immer einen Scherz draus, daß sie Sätze mir gegenüber mit “Siehste!!” beginnen, das ist die Garantie dafür, daß ich zum HB-Männchen werde - welche evolutionären Sinn das wohl haben mag?

    @R.A.:

    Genau! Das besorgt der Kapitalismus schon ganz von alleine!

  16. 26.02.2007 | 20:29

    Sorry! Ich meinte Marc und nicht R.A.!

  17. 26.02.2007 | 20:53

    “Anwesende ausgeschlossen” war also eine dreiste Lüge! ;-)

    Wobei ich jetzt grad nicht weiß, worum es im Zusammenhang geht…

  18. 26.02.2007 | 21:00

    Ach, der linke Mainstream…?
    Den gibt es natürlich in Wirklichkeit gar nicht, weil die Deutschen in der Mehrheit liberal denken.

  19. 26.02.2007 | 21:03

    @Boche:

    Den meinte ich!

  20. 26.02.2007 | 21:08

    Ach, apropos: Linke sind doch immer dreiste Lügner, sonst ließe sich diese Position gar nicht durchhalten, dazu mußte doch nur dieses Blog hier lesen ;-) ….

    ( …bestimmt zitiert meine dummen Witze irgendjemand demnächst an einer Stelle, wo’s mir gar nicht in den Kram paßt … außerdem habe ich heute noch nirgends die RAF und deren Morde gefeiert … Scheißtag … auch nur ‘n Reiseführer gelesen und sonst immer noch keinen gefunden … wem folge ich bloß?????? :-( )

  21. 26.02.2007 | 21:15

    Wenn du sagst, dass Linke immer dreiste Lügner sind, geraten wir aber in ein logisches Dilemma, das meine abendlichen Denkfähigkeiten übersteigt.

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