26. Februar 2007
Sozialdarwinisten und Sozialkreationisten
“Sozialdarwinismus” - in Diskussionen wird Liberalen dieser Begriff von Linken gerne irgendwann aufs Butterbrot geschmiert, gedacht als endgültige moralische Disqualifikation. Und obwohl noch nicht einmal die Erfüllung von Godwins Gesetz erforderlich ist, wird die Nazi-Assoziation gratis mitgeliefert: Der Liberale hält die wirtschaftlich Schwächeren für unwertes Leben, das vom Markt zu selektieren sei. Soll es doch verhungern, das Pack - statt “survival of the fittest” eben “survival of the most productive”, und um den Rest ist es nicht schade. Endlich hat der diesen Begriff verwendende (fiktive) Linke so wieder die Gelegenheit, sich selbst dafür zu danken, dass er nicht ist wie “die da” (Lk 18,10).
Vorab vielleicht eine kleine Anmerkung für die notorisch geschichtlich Unbewussten: Wenn da einer vom anderen abgeschrieben hat, dann höchstens Charles Darwin von Adam Smith, denn bei aller Wertschätzung des schottischen Philosophen - hellsehen konnte der auch nicht…
Aber zurück zum Darwinismus. Viele Liberale bekennen sich tatsächlich implizit dazu. Die Parallelen sind auch nicht etwa bemüht oder gesucht, sondern ergeben sich logisch fast zwangsläufig. In einem vernetzten und dynamischen System werden wir auf lange Sicht vorwiegend Elemente antreffen, die sich an ihre Umwelt besonders gut angepasst haben. Das gilt z.B. nach Hayeks Auffassung nicht nur im engeren Sinn und in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum für das Wirtschaftssystem, sondern über Generationen hinweg durch kulturelle Evolution (die dann sozusagen das Element der “Vererbung” repräsentiert) auch für die Gesellschaft insgesamt. Unser fiktiver Linker von vorhin hat also Recht: Der Begriff passt.
Allerdings gibt es da ein kleines Problem, denn um ihn als Vorwurf verwenden zu können, ist es zwingend erforderlich, den Darwinismus an sich entweder nicht verstanden zu haben oder sein Gegner zu sein. Es gibt da eine unheilvolle Tradition des Unverständnisses, die von einem Herrn Lamarck über fatale Metaphern bis dann im Extrem tatsächlich zu den Nazis führt. Im Kern steckt dahinter anscheinend das menschliche Grundbedürfnis von Zielgerichtetheit und zeitlicher Überschaubarkeit. Wie es Sozialdarwinisten gibt, gibt es auch Sozialkreationisten.
Wenn immer wieder beschrieben wird, “die Evolution” habe dieses oder jenes Merkmal “selektiert”, dann darf man sich dahinter trotz der durch die Sprache naheliegenden Versuchung keine sichtbare Handlung vorstellen, sondern damit wird letztlich nur ein Ergebnis einer sehr langen Entwicklung festgestellt, die für jeden einzelnen Träger einer Entwicklungsstufe dieses Merkmals gar nicht spürbar gewesen sein dürfte. Erst die Zusammenfassung von Millionen Jahren zu einem der menschlichen Intuition wohl nicht zugänglichen Ablauf erlaubt überhaupt erst eine solche Formulierung.
Der Kreationist hingegen kann sich auf diese Denke nicht einlassen und wird zum Gefangenen der Metapher. Jede Wirkung muss doch eine Ursache haben und jedes Ergebnis einen, der es anstrebt. Irgendjemand muss am Hals der Giraffe gezogen haben, und wenn eine Art (oder im Nazi-Jargon eine “Rasse”) aussterben soll, dann muss es da jemanden geben, der tatsächlich auch deren Exemplare um die Ecke bringt. Oder umgekehrt, ins Positive gewendet: Es gibt ein übergeordnetes Ziel, an dem sich das Handeln ausrichtet.
Aber auch, wenn man dem kreationistischen Irrtum nicht unterliegt, dann verlangt unser “gesunder Menschenverstand” einen sicht- und zeitlich überschaubaren Vorgang. Wenn also z.B. der Homo sapiens den Neandertaler “verdrängt” hat, dann tauchen vor unserem geistigen Auge unweigerlich Bilder von Scharmützeln oder hungernden und in immer unwirtlichere Gebiete fliehenden Neandertalern auf, obwohl sich viel prosaischer und wahrscheinlicher über Zehntausende von Jahren hier lediglich ein Vorteil von Lebenserwartung und Fertilität durchgesetzt hat.
Da sich der Sozialkreationist den Sozialdarwinismus also nur mit den Folgen von Elend und Leid für die Schwächeren vorstellen kann, bevorzugt er Ideen eines “Großen Designers”, der wohlüberlegt, geplant und quasi unfehlbar mit steuernden Eingriffen die Entwicklung zu immer höheren Stufen ermöglicht. Und weil auch er es gerne überschaubar hat, sollte das möglichst auch schnell und direkt laufen - Komplexität und Zeit sind da oft hinderlich. Leider, aber nicht zufällig, endeten alle uns in der Geschichte bekannten konsequent sozialkreationistischen Experimente, von Lenin über Hitler, Stalin und Mao bis zu Pol Pot, genau mit dem, was sie angeblich verhindern wollten: Elend und Leid.
Verfasst von Rayson um 09:22 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Sprache (Trackback)